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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

207-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Simmel, Georg

Titel/Untertitel:

Der Konflikt der modernen Kultur 1919

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Seite 1

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207 Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 17/18. 208

neuen Mitteilungen über Cornelius Hoen und Hinne Rode, j immer auftauchende Moment der Selbftfixierung in gil-
daß Z.s Gedanken und Werke in Holland nicht unbekannt | tigen und darum den ganzen Lebensftil formenden und
waren. Gauß behandelt Z.s Beziehungen zu Pfarrern des ! fyftematifierenden Kulturwerten, alfo gerade das Moment,
Bafelgebiets. M. v. K. befpricht im Anfchluß an die j das Hegel als die in der Bewegung fich äußernde und
erfte Lief, der Aktenfammlung zur Gefchichte der Berner j felbft erfaffende Vernunft und Idee bezeichnet. In fofern
Reformation 1521 —1532 die Vorgefchichte derfelben. j wäre damit die moderne irrationaliftifche Lebens- und
Dazu kommt der Schluß von Köhlers ,Martin Seger von
Maienfeld' und Lehmanns ,Bildniffe auf Glasgemälden'
mit Anregung für die Gegenwart S. 428. Die Berichte
über die Zwinglifeier 1819 geben ein gutes Bild des
Zeitgeiftes, die in Straßburg fchildert Anrieh, die im

Bewegungslehre ohne Formen, Notwendigkeiten und Ziele
dem Gedanken der Selbftentfaltung der Vernunft in der
Hiftorie wieder angenähert. Allein gerade im Moment
der Annäherung kehrt S. wieder um und fieht nur die
Bewegung, die das erreichte Form- und Wertprinzip

Tübinger Predigerinftitut Th. Häring, die in Zürich Helen. J wieder auflöft und zwar fo oft und fo gründlich, daß das
Wild eingehend und lebhaft. Sie zeigt, wie die eindrucks- Lebensgefühl des heutigen Menfchen nur mehr die formvolle
, nachhaltige und manigfaltige Feier Sache des lofe Unmittelbarkeit der Bewegung felbft empfindet und
Staats war, aber eine heftige Polemik der Katholiken fieht und damit von allen Bindungen und Fertigkeiten
hervorrief. traditioneller Kultur fich zum grundfätzlich und abfolut

Stuttgart. G. Boffert. Formlofen erlöft. Von hier aus werden Expreffionismus,

Simmel, Georg: Grundfragen der Soziologie (Individuum
u. Gefellfchaft). (Sammlung Göfchen 101.) (103 S.)
kl. 8«. Berlin, G. J. Göfchen 1917. Geb. M. 1.25

— Der Konflikt der modernen Kultur. Ein Vortrag. (48 S.)
8U. München, Duncker & Humblot 1918. M. 1 —
Wieder, wie nach dem Tode Windelbands, bringe
ich mit tiefftem Schmerz kleine Schriften eines unferer
bedeutendften Denker zur Anzeige, dem ich zugleich
perfönlich und in vieler Hinficht fachlich nahe ftand.
Seine .Grundfragen der Soziologie' wollte er ,um der
Symbolik willen' mir widmen, was an äußeren Verhält-
niffen fcheiterte. Das deutet auf eine gewiffe Verwandt-
fchaft des Denkens hin, bei der freilich der Unterfchied
fo wichtig war wie die Zufammenftimmung. Von den
beiden vorliegenden Schriftchen ifl das erfte, der Grundriß
der Soziologie, vor allem unter dem Gefichtspunkte
der Zufammenftimmung anzufehen. S. bedeutet nach
Comte und nach Spencer die dritte große Phafe der
Soziologie und hat ihr einen exakt wiffenfehaftlichen Sinn
als fozialpfychologifche Wiffenfchaft von den Formen und
Gefetzen des zwifchen Individuum und Gefellfchaft hin-
und hergehenden Verhältniffes erobert. Seine große
Soziologie hat das ohne Syftematik an einigen Haupt-
beifpielen erläutert; die .Grundfragen' bringen einen fyfte-
matifchen Entwurf der Difziplin, der fie in drei Hauptaufgaben
gliedert: I. Allgemeine Theorie des Verhältniffes
von Individuum und Gruppe. 2. Natürliche Formengefetze
und Bedingtheiten der Gruppenbildung. 3. Idee- und
wertgemäße Tendenzen zur Geftaltung der Gefellfchaft.
Ich vermiffe dabei nur die Spezifikation der foziologifchen
Gefetze auf den befonderen Kulturgebieten, alfo Soziologie
der Wirtfchaft, der Kunft, der Religion, des Staates, wo-

Pragmatismus und Myftik gedeutet und als Charakteri-
ftika der modernften Geifteswelt geprägt. Ich glaube
allerdings, daß das mehr für eine beftimmte Literaten«
und Kunftlerfchicht gilt als für den heutigen Menfchen
überhaupt. Jedenfalls fühlte ich mich in diefem Punkte
trotz vielfachster Zuftimmung zu S.s Theorie der Hiftorie
von ihm gefchieden. Derjenige, für den die Religion
einen fubftantiellen Sinn der Ergriffenheit durch das göttliche
Leben mit inftinktiver Selbftverftändlichkeit behauptet
, behält damit auch jenes Prinzip der Idee und
des formenden Wertes, das alle Bewegung des Lebens
in Gott begründet weiß und darum auch überall von
da entfließende Formprinzipien ahnt. Wer im Zentrum
der Bewegung fitzt, den erfchüttert der Wechfel nicht,
auch wenn er ihn noch fo deutlich fieht. Er verbindet
das Wechfelnde immer neu mit dem Zentrum. S.s Reli-
giofität umgekehrt will auch in der Religion nur die endlos
wechfelnde Zuftändlichkeit innerfeelilcher funktioneller
Verhältniffe fehen, alfo eine Religion ohne Gott, bloße
Religiofität als qualitativer Zuftand. An diefem Punkte
liegen unfere wefentlichften Unterfchiede. Sein heroifcher
Tod zeigt, daß auch in folcher Denkweife eine erhabene
Kraft liegen kann, und fein Gedächtnis als eines der geift-
vollften Denker der Zeit mit der größten, faft wund' rbaren
Spannweite der Erfahrung bleibt. Aber er war ein
Deuter und kein Geftalter und glaubte gerade im Verzicht
auf das letztere Weisheit und Schickfal der Gegenwart
auszufprechen, ein ahasverifcher Zug in feinem Wefen.
Berlin. Troeltfch.

Feine, Geh. Konf.-Rat Prof. D. Dr. Paul: Das Leben nach
dem Tode. (68 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert 1918.

M. 2—; kart. M. 2.80

für Schleiermacher gute Andeutungen gegeben hat. Auf Nach feinem eigenen Vorwort gibt Feine in diefem

der Idee befonderer foziologifcher Gefetze des religiöfen Schriftchen .anfpruchslofe Zufammenftellungen des bib-
Lebens beruhen meine .Soziallehren', die im übrigen S. lifchen Stoffes zu geordneten Bildern, wie fie fich dem
vielfach verpflichtet find. Wichtig ift übrigens auch das berufsmäßigen Ausleger des Neuen Testamentes darbieten'.
Verhältnis diefer Soziologie zur Gefchichte: fie ift nach ; Dabei ftellt er fich, mit Ablehnung der Schleiermacherfchen
S. eine pfychologilch-gefetzliche Hilfswifienfchaft für die j Auffaffung vom eschatologifchen Lehrstück, auf den Boden
Gefchichte, die ihrerfeits in Gefetzen fich nicht darftellen 1 eines Schriftglaubens, dem ,was wir von Gottes Zielen,
läßt, fondern deren innere Dynamik nur einer von aller denen er die Welt und den einzelnen Menfchen zuführt,
Analogie mit den Gefetzeswiffenfchaften gelöften Intuition | wiffen können', ,in unferer Bibel offenbart ift' d. h. lehrzugänglich
ift.

Das zweite Schriftchen befchäftigt fich gerade mit
diefem Problem der Hiftorie, und zwar in ihrem höchften
Sinne, wo fie die Erkenntnis des Wandels der Kulturformen
ift. S. dringt auf den eigentlichen Kern der Ge-
fchichtserkenntnis.eben jene nur intuitiv erfaßbare Dynamik

offenbart, nämlich in den Schriftausfagen unmittelbar mitgeteilt
. Wenn z. B. Jefus bei feinem letzten Mahl von
jenem Tage redet, cla er das Gewächs des Wtinftocks
mit feinen Jüngern neu trinken werde in dem Reiche
feines Vaters, fo liegt ihm in diefem Jefuswort ein uns
von Jefus felbft zuteil gewordener .Auffchluß' über den

der Bewegung, die Hegel seinerzeit als Dialektik zu ! Zuftand der Vollendung, dahin gehend, daß es ,im künf-

1 tigen Leben eine Nahrungsaufnahme geben wird', wegen
des ,neu' im Jefuswort aber ,ein andersartiges Effen und
Trinken, als dasjenige diefer Welt' (S. 64). An andern

rationalisieren unternahm, die aber S. mit Bergfons Prag
matismus lieber rein als „Leben" d. h. als immer neu produktive
und fich beftändig aus fich felber neu erzeugende

Bewegung verfteht. Was bei Bergfon fehlt, betont er: j Stellen wird allerdings auf die bloße Bildlichkeit neu
die Tendenz diefes Lebens, fich zu Formen auszukriftal- teftamentlicher Ausfagen hingewiefen (z. B. S. 26, 68)

lifieren, die bleibenden und inneren Notwendigkeitsgehalt
beanfpruchen für ihre Inhalte und dadurch zu herrfchenden
Formprinzipien werden. Es ift das aus der Bewegung

Jedenfalls ift die Stellung zu den neuteftamentlichen Ausfagen
diefelbe soz. naive einer Auffaffung derfelben als
unmittelbarer lehrhafter Offenbarungen wie in dem gleich-