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Ausgabe:

1919

Spalte:

201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vischer, Eberhard (Übers.)

Titel/Untertitel:

Thomas de Celano: Das Leben des heiligen Franziskus von Assisi 1919

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Seite 1

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202

Folgerung aus dem Ergebnis abzulehnen, daß die Bildung
des morgenländifchen Klerus nicht für feine Zeit genügt
hätte.

Hannover. Ph. Meyer.

Thomas de Celano: Das Leben des heiligen Franziskus
von Affiii, befchrieben du>ch den Bruder Th. de C.
Aus dem latein. Grundtext überf. u. tri. Anmerkgn.
verfehen v. Ph. Schmidt u. e. Einfuhrg. v. Prof. D. Eberhard
Vifcher. (XV, 272 S. m. Abb.) 8". Bafel, F. Reinhardt
1919. fr. 6.50; geb. fr 8.50
Es ift ein entfchiedenes Verdiente, das Sch. fich erworben
hat durch die Überfetzung der beiden Lebens-
befchreibun et en von T homas de C„ denn diefe Viten gehen en
ja zu den wichtigften Quellen des vielgeiühmten Heiligen
von Alfifi. Eine deutfthe Überfetzung, die bisher fehlte,
ift aber nicht nur deshalb von Wert, weil fie auch weiteren
Kreifen eine n Einblick in die Quelltn dieles Lebens
und einen lebendigen Begriff von der Art mittelalterlicher
Ltgenden überhaupt gibt, fondern auch deshalb,
weil wenigftens nach meinem Eindruck namentlich die
eifte Vita keineswegs durch befondere Schlichtheit fich j
auszeicht et, wie Eb. Vifcher in der Einführung meint,
fondern durch ihre Rhetoiik vielfach dem Verftändnis
Schwierigkeiten bereitet. Möglich geworden ift diefe
Überfetzung durch die 1906 erlchienene neue Textausgabe
von Eduard d'Alengm, der S. offenbar ganz gefolgt
ift bis auf einen kurzen Abschnitt, deffen Weglaffung in
der Arm. 73 begründet wird, der tractatus miraculorum
aber ift nicht aufgenommen. Die Überfetzung ift fehr
gut und leicht lesbar, die wertvollen Anmerkungen zeigen,
daß der erfaffer mit der Franziskusliteratur und ihren
Fragen wohl vertraut ift. Die Einfuhrung von Eb. Vifcher
ift kurz und gut, nach meiner Überzeugung wird allerdings
der gefchichtliche Wert der beiden Legenden darin
überfchatzt.

Stuttgart. E. Lempp.

Reformationsliteratur.

iVgl. Nr. u/12.)

Die Schrift des Holländers van der Mafü, ,für
unfer Volk' laut Vorwort beftirnmt, ift gut gemeint, aber
fachlich leider gänzlich wertlos, weil ohne jede Kritik und
Kenntnis der neuen Literatur gefchrieben. Das Minderte
was von einem 1917 fchreibenden Autor zu verlangen
war, ift die Kenntnis der Köftlin-Kaweraufchen Lutherbiographie
; ftatt deffen ift für den Verfaffer Gewährsmann
Lublink Weddik: Leven en bedrijf van Luther (wann er-
fchienen?) und er bietet nur Romanfchilderungen nach
Art von Dorneths. Nur ein Beifpiel: Luther wohnte als
Gymnafiaft in Magdeburg in einem armfeligen Dach-
kämmerchen, mehr als einmal empfing er beim Betteln
kein 1 fennigftücklein und mußte kalt und hungrig nach
feiner einfamen Dachkammer zurückkehren (S. 19). Auf
diefem Wem; dienen wir der Volksbildung nicht.

Fünf Redner haben fich zu den Vorträgen (wo gehalten
?) ,Luther und wir Deutfche'"2 zufammengefchloffen
Benrath fprach über die Urfachen der Reformation: nicht
Mönchsgezänke, nicht der Neid der We tlichen auf die
überreichen Befitztumer der Kirche, nicht Humanismus,
fondern die Sorge um das Seelenheil feitens des Magifters
Martin Luther; jene anderen Momente kommen nur als
Fördcrungsmittel in betracht. Senior Fifcher's Vortrag
über ,Luther der Einiger Deutfehrands' kann man heute
nur mit Wehmut lefen. Luthers Erklärung in Worms
und die Kaiferkrönung in Verfailles — nicht nur zufällig

I) Malt, H. A. van der: Luther. Herinneringen bij het Vierde
eeuwfeeft der kerkhervorming. (125 S. m. I Bildnis.) 8°. Kampen,
J. H. Kok 1017. fl. 1.70

21 Luther und wir Deutfche. Fünf Vorträge zum Gedächtnis
der Reformation v. Geh Konf.-Rat Prof. D. Benrath Sen. u. Superint.
Dr. Richer, Konf-Rat Richter, Geh. Reg.-R Prot. Dr Haendcke, Prot.
D. Martin Schulze. (78 S.) gr. 8". Potsdam, Stiftungsverlag 1917-
M. 2 —

, find fie hier zufammen genannt'. Wieviel Konftruktion
I an diefen doch nur z. T. richtigen Zufammenhängen ift
| zeigt die Gegenwart. Hinter den Satz: ,fo empfingen
j wir mit einem Schlage unfere Schriftfprache durch Luther*
werden die Germaniften, und hinter den andern: ,der
weltliche humane Idealismus unferer klaffifchen Literatur
hat feine tieffte Wurzel nicht in der Renaiffance, fondern
im Luthertum' die Hiftoriker ein Fr, gezeichen fetzen.
Der Schlußfatz hingegen: .Soll unfere Kraft nicht erlahmen
im entfeheidenden Kampfe um Sein und Nichtfein, dann
muß Luthers Gcift unfere Kraftquelle bleiben', gilt' heute
erft recht! Und wenn W. Richter, der Redner über
.proteftantifches Volkstum' das Wort als ,Gott fei Dank
für immer uberholt' bezeichnet: „Deutfchland ift wie ein
fchöner weidlicher Hengft, der Futter und alles genug
hat, was er bedarf, es fehlt ihm aber der Reiter', fo fteht
es leider ganz anders. Im Übrigen ift der weit ausholende
Vortrag zu fchnell bei der Hand mit dem Urteil
, das Chriflentum habe ,erft auf geimanifchem Boden
die Vorbedingungen zu einem neuen Volkstum befunden'
Die Dinge liegen viel verwickelter. Haendckes Vortrag
über .Martin Luthers Reformation und die Kunft' weift
als Hauptmoment für den unbeftreitbaren Rückgang der
Hiftorienmalerei nach der Durchführung der Reformation
die Erfchöpfung der mittelalterlichen Malerei in den
Werken der Großmeifter Dürer, Holbein, Grünewald u. a.
fowie die in den Bistumern gepflegte italienil'che Kunft
nach, um dann in einem lehrreichen Überblick die Wirkung
der Reformation auf Kirchenbau, Landfchaftsmalerei,
Mufik zu beleuchten. M. Schulze fuchte in feinem Thema
,die Reformation und die evangelifche Kirche der Gegenwart
' den .neuzeitlichen Charakter der Reformation' in
der Verlegung der Religion in die Gefinnung der Ver-
felbftändigung des Individuums und der Hmeinftellung
des Menfchen in die irdifchen Verhältniffe, die rückftan-
digen Elemente im Bekenntnisglauben, der katholifn renden
.Sakramentslehre, der ungenügenden Inanfpruchnahme des
religiöfen Subjektes zu beftimmen. Der erfte Teil fetzt
fich, ohne ihn zu nennen, mit Troeltfch auseinander, der
zu vif lern ohne Weiteres zuftimmen würde, nur die Lage
komplizierter faßt und wertet als Sch.

Höhere Anforderungen an ihr Publikum Hellten die
frankfurter Vorträge'3. Erich Foerfter behandelt in
ausgezeichnet klarer Weife unter dem Titel ,die bürgerliche
Freiheit' das Problem: die Bedeutung des Proteftan-
tismus für die Entftehung der modernen Welt. Anknüpfend
an Hegels Eeftrede von 1830, deren Grundgedanke
von dem Wurzeln der Freiheit des bürgerlichen
politifchen, wirtfehaftlichen, wiffenfehaftlichen Lebens im
Proteftantismus Luthers bis auf Treitfchke, Sohm u. a.
fortwirkte, wird ihr Irrtum im Sinne von Troeltfch, der
hier endlich einmal (ohne genannt zu fein) eine verftänd-
nisvol'e, felbftändige Würdigung findet, aufgezeigt, dann
aber fehr fein gezeigt, daß diefe angebliche Ruckftändig-
keit der Reformation tatfächlich ein großer Vorteil ift,
da fie die Chriftlichkeit vom politifchen, wirtfehaftlichen
Programm ufw. unabhängig machte, hingegen die Perlön-
lichkeit mit leiftungsfähigem Ethos aus dem Kraftquell
der Reformation fattigte. W. Lueken fprach von der
neuen Auffaffung des Gottesdienftes, die die Reformation
uns als Vermächtnis hinterlaffen hat, nach dem Schema:
! wie Gott zu den Menfchen kommt (Antwort: durch fein
: Wort, das einzige .Sakrament'), und wie der Menfch zu
j Gott kommt (Antwort: durch den Glauben). Vortreff ich
find die Worte über Politik und Ethos S. 3g f.l Auch
der Vortrag von W. Bornemann über ,Reformation und
Majeftät des Gewiffens' erhebt einen kraftvollen ethilchen
Appell: die Gewiffensfreiheit nicht als Freiheit vom Ge-
wiffen, fondern als Freiheit für das Gewiffen. Nicht ein-

31 Frankfurter Vorträge, 10. Reihe. Das Vermächtnis der
Reformation. fl. Erich Foerfter: Die bürgert. Freiheit. — 2. Wilh.
Lueken: Der Gottesdienft im Geifl. •— 3 Wilh. Bornemann: Die Majeftät
des GewilTens. - 4. Willy Veit: Die Religion als Encbnis. 1 (78 S.)
gr. 8°. Frankfurt a. M , Reitz & Koehler 1917. M. 1.60

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