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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

173-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Martin

Titel/Untertitel:

Die Formgeschichte des Evangeliums 1919

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Seite 1

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i/3

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 15/16.

174

Di bei ins, Martin: Die Formgeichichte des Evangeliums.

(IV, 108 S.) gr. 8°. Tübingen, J.C.B.Mohr 1919. M.4 —
Diefe ausgezeichnete, methodifch fichere und in der
Darfteilung klare und abgerundete Unterfuchung bringt
die Erforfchung der evangelifchen Tradition um ein gutes
Stück weiter; fie faßt die vielfachen und taftenden Ver-
fuche, über die Literarkritik hinauszukommen, in ener-
gifcher Frageftellung zufammen und weiß die formge-
fchichtliche Betrachtungsweife für die Erzielung weittragender
Ergebniffe fruchtbar zu machen. Hat die
Literarkritik der Synoptiker mehr und mehr zu anerkannten
Refultaten geführt und ift mehr und mehr deutlich
geworden, daß unfere Synoptiker Sammelwerke find, in
denen der Zufammenhang das Sekundäre, die Einzel-
ftücke das Primäre find, fo ergibt fich die Aufgabe, diefe
Einzelftücke auf ihren Charakter hin zu unterfuchen, und
m. E. ift der Verf. im Recht, wenn er diefe Unterfuchung
zunächft als eine Unterfuchung ihrer Form führt. Er
geht dabei zuerft nicht analytifch, fondern konftruktiv
vor. Von der Erkenntnis aus, daß jede literarifche Form
ihrem ,Sitz im Leben', z. B. ihrem Zufammenhang mit den
kultifchen Bedürfniffen der Gemeinde, entfpricht, fragt er,
wo im Urchriftentum die Motive für Verbreitung und
Fixierung der Tradition vom Leben Jefu vorlagen. Er
findet fie zunächft in der Predigt; aus ihr ergibt fich, daß
in gefchloffenem Zufammenhang zuerft nur die Paffion
erzählt wurde, daß vom übrigen Leben Jefu nur die
Stücke brauchbar waren, die als Illuftration der Predigt
eingeflochten wurden und, in einem Jefuwort gipfelnd, als
Beifpiel, Paradigma, dienten. Die analytifche Behandlung
erweift dann eine Reihe von evg. Gefchichten, be-
fonders des Mk., als folche Paradigmen, deren Stil nun
im einzelnen gelchildert und in Zufammenhang mit dem
Predigtcharakter gebracht wird. Weiter wird gezeigt, wie
folche Paradigmen fchon von Mk. oft erweitert find (be-
fonders durch Anfügung von ,Predigtfprüchen', die ihre
praktifche Verwendbarkeit erhöhen, vgl. Mk. 2, 28), wie
aber ihr Grundbeftand ein ftarkes Maß hiftorifcher Treue
aufweift.

Neben dem Paradigma fteht die Novelle, breit und
fabulierend, nicht im Predigtftil erzählend, und alfo nicht
dem Kultus, londern frommer Wißbegier entfprungen, von
Lehrern und Erzählern tradiert. Entstanden find die Novellen
z. T. aus Paradigmen durch deren Erweiterung und
Umbildung, z. T. durch Entlehnung (in verfchiedenem
Maß) aus außerchrifllichem Gut. Ihr hiftorifcher Wert
(es find übrigens Wundergefchichten) ift gering.

Die Unterfcheidung diefer beiden Gattungen fcheint
mir richtig und wertvoll, aber gegen ihre Erklärung und
nähere Charakterifierung habe ich fchwere Bedenken. Bedenklich
ift fchon, daß die,Paradigmen' in fpäteren Quellen
nicht in folchen Zufammenhängen auftreten, aus denen
fich auf ihre homiletifche Bedeutung fchließen ließe. Und
in welchen Predigten follten die Paradigmen verwandt worden
fein? Das Schema des chriftlichen Kerygma, das der
Verf. aus Paulus und act. konftruiert, gilt doch wohl nur
für das helleniftifche Chriftentum; haben in diefem Kerygma
die Paradigmen eine Stelle gehabt, fo müffen fie doch
wohl aus der paläftinenfifchen Tradition übernommen fein,
alfo fchon in diefer ihre Fixierung erhalten haben, und
welches waren hier die formgebenden Motive? Aber
weiter: find nicht die ,Novellen' ebenfogut als Predigt-
beifpiele zu verftehen? ihr novelliftifcher Charakter fpricht
nicht dagegen, denn viele novelliftifch erzählten Gleich-
niffe find es doch auch! Vor allem: tatfächlich enthalten
die fog. Paradigmen gar keine dem Predigtftil ent-
fprechenden und aus ihm ableitbaren Eigentümlichkeiten;
was der Verf. merkwürdigerweife als .erbauliche Stilifie-
rung' bezeichnet, ift in Wahrheit nur volkstümliche Erzählungsweife
. Mir fcheint: der konftruktive Ausgangspunkt
führt den Verf. irre. Es wäre zunächft analytifch
zu verfahren, und da würde fich zeigen, daß die .Paradigmen
' wefentlich Schul- und Streitgefpräche enthalten
und alfo wohl nicht der Predigt, fondern der Apologetik

und Polemik ihren Urfprung verdanken. Von hier aus
wäre ihre Form zu verftehen, und Rabbinen-Gefchichten
dürften dann als Analogie höher gewertet werden, als es
der Verf. tut, wie er auch die Gefetze volkstümlicher Er-
zählungsweife nicht hoch genug in Anfchlag bringt. Deshalb
geht auch die Analyfe im einzelnen manchmal irre,
und vor allem geraten nun durch falfche Gegenüberstellung
auch die /Novellen' in ein verkehrtes Licht. Ihre
Breite ift nicht .Weltlichkeit', fondern entfpricht dem
volkstümlichen Stil der Wundergefchichten; fie treten
neben die Paradigmen nicht als .weltlich', fondern als
mehr volkstümlich und — mehr hellenifch im Unterfchied
von dem Itark jüdifch beftimmten Stil der Schul- und
Streitgefpräche.

Volle Zuftimmung dagegen verdient, was der Verf.
dann über die Verarbeitung der Einzelgefchichten zu
einem Zufammenhang durch Mk ausführt, wie er den
Pragmatismus des Mk nachweift und Mk als das Buch
der geheimen Epiphanien charakterifiert; wie er weiter
das Verhalten des Mk gegenüber den Worten Jefu erklärt
und die verfchiedene Methode des Mt und Lk in
der Zufammenarbeitung der Logien mit Mk befchreibt.
(Während Lk die erzählende Methode des Mk fortfetzt,
befchränkt Mt das erzählende Element und fchafft den
Typus des fchriftlichen .Evangeliums', das an Stelle des
mündlichen tritt.) Das Problem der zunächft getrennten
Überlieferung von Gefchichten und Worten erhält durch
die Erkenntnis Licht, daß die Überlieferung der Worte
nicht in der Predigt, fondern in der Paränefe ihren Sitz
hat und alfo anderen Bedingungen unterliegt.

Die Unterfuchung der paränetifchen Tradition der
Worte Jefu und ihrer Gefchichte in der fixierten Überlieferung
ift freilich reichlich kurz ausgefallen. Hier —
wie übrigens auch bei den Gefchichten — wäre m. E.
von dem metitodifchen Grundfatz Gebrauch zu machen,
daß aus dem Vergleich der Überlieferungs-Schichten Mk
und Q einerfeits, Mt und Lk andrerfeits auf gewiffe Gefetze
des Tradierens gefchloffen werden könnte, mittels
derer man dann auch auf eine noch frühere, vor Mk und
Q liegende Stufe der Überlieferung zurückfchließen
könnte. Ich hoffe, das demnächft ausführlicher zeigen
zu können.

Vortrefflich handelt der Verf. dann über das Verhältnis
der evangelifchen Tradition zum Mythos: daß fie
fich nicht auf ihn zurückführen läßt, wird gerade durch
den Nachweis der befchriebenen Formen, die fich vom
Mythos charakteriftifch unterfcheiden, ganz deutlich. Dagegen
ift wohl Mythifches in die Tradition eingedrungen,
entfprechend der Tatfache, daß es im Urchriftentum
allerdings einen Chriftus-Mythos gab, wie er bei Paulus
noch unverbunden mit dem Leben Jefu vorliegt. Eine
Verbindung vollzieht fich, indem die Rahmung und Aus-
geftaltung des Lebens Jefu bei den Evgüften mythifche
Motive erhält und das Leben Jefu immer mehr als Epi-
phanie des Gottesfohnes erfcheint. Aber auch in Einzelftücke
, in Novellen und Jefusworte, dringen mythifche
Motive, und endlich ift bei Joh. die ganze Tradition ins
Mythifche transponiert.

Der Verf. fchließt mit einem Ausblick auf die Konfe-
quenzen, d. h. wefentlich auf Aufgaben, die der Lölüng
noch harren. Ihrer find in der Tat viele, und fo erweift
der Schluß die Fruchtbarkeit der Betrachtungsweile des
Verf. noch einmal aufs deutlichfte, und mit Dank und
Anerkennung fcheidet man von diefem Buche.

Breslau. Bult mann.

Mader, Dr. Andreas Evariftus, S. D. S.: Altchriftliche Ba-
liliken und Lokaltradition in Südjudäa. Archäologifche
u. topograph. Unterfuchgn. (Studien zur Gefch. u.
Kultur des Altertums. VIII. Bd., 5. u. 6. Heft.) (XI,
244 S. m. 12 Abbildgn., 7 Tafeln u. 1 Kartenfkizze.)
gr. 8°. Paderborn, F. Schöningh 1918. M. 14 —
Mader hat in den Jahren 1911—14 als Mitglied der
wiffenfehaftlichen Station der Görres-Gefellfchaftinjerufalem

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