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Ausgabe:

1917

Spalte:

165-168

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. Nr. 49 - 52, 13. Jahrg 1917

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 8/9.

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des heutigen Deutfchen Reiches befch'.oflen, fondern greift
z. B. bei dem Bistum Bafel, bei Aquileja, bei Öfterreich
darüber hinaus, worüber man den 4. Abfchnitt der Einleitung
, der fich über die Methode der Quellenbearbeitung
ausfpricht, nachlefen möge.

An den Verzeichniffen irgend welche Kritik zu üben,
würde wohl nur dem möglich fein, der die verarbeiteten
Aktenbände zur Hand hätte. Es ift anerkannt, daß das
Preußifche Hiftorifche Inftitut forgfältig, gründlich und
vollftändig arbeitet. Und fo werden wir von vornherein
überzeugt fein dürfen, daß die Regifter vollkommen find
und dem Hiftoriker, der die Gefchichte Clemens' VII. oder
die Lokalgefchichte der betroffenen Teile Deutfchlands
in feiner Zeit kennen lernen will, ein zuverläffiges Hilfsmittel
bieten, die im Vatikanifchen Archiv erhaltenen
Urkunden aufzufinden und zu verwerten. Um die Regifter
möglichft wenig umfangreich und fehr inhaltreich zu ge-
ftalten, find viele Abkürzungen nötig geworden; es fcheint,
als ob Korrektor und Setzer außerordentlichen Fleiß
aufgewandt haben. Daß eine deutfche Druckerei in der
Kriegszeit ein folches Werk bewältigen kann, wird mir
immer ftaunenswert erfcheinen.

Außer diefen Regiftern enthält der Band die Vorrede
des Leiters des Preuß, Hift. Inftituts Kehr und die
Vorbemerkungen des Bearbeiters E. Göller (179 S.). Es
werden zuerft die Quellen befchrieben: die Suppliken-
und Bullenregifter, die Regifter der Camera apostolica.
Für die Kenntnis des vatikanifchen Archivs ift diefe Be-
fchreibung natürlich fehr wichtig. Auf Grund diefer
Quellen werden im 2. Abfchnitt die Grundlagen des päpft-
lichen Benefizialwefens und die Praxis der Stellenbefet-
zung zur Zeit des großen Schismas dargelegt, wobei auf
die frühere Zeit zurückgegriffen und die Eigentümlichkeit
des Pontifikats Clemens' VII. hervorgehoben wird. Diefer
Abfchnitt bietet wegen der vollftändigen Verwertung der
einfchlägigen Literatur über das päpftliche Benefizial-
wefen fehr viel brauchbare Kenntniffe. Der dritte Abfchnitt
ift überfchrieben: Clemens VII. und das große
Schisma in Deutfchland. Er bietet leider nicht fo viel,
wie der Titel erwarten läßt, nämlich eine Darfteilung des
Verhaltens des Papftes gegen Deutfchland. Der Grund
dafür ift, daß die wichtigften politifchen Quellen, das Se-
kretregifter, verloren gegangen find. Er befchränkt fich
darauf den Inhalt der Urkunden in Beziehung auf die
führenden Perfönlichkeiten und die Bistümer und Kirchen
zufammenzufte'len. Es wird alfo auch hier Stoff zur
hiftorifchen Verarbeitung vorgelegt. Die Lokalgefchichte
wird hiervon Nutzen haben. Ich will nicht leugnen, daß
diefer Abfchnitt mir Veranlaffung gegeben hat, von dem
vorliegenden Bande nicht ganz befriedigt zu fein; nicht
etwa, weil ich meinte, der Bearbeiter hätte nicht eifrig
und forgfam gearbeitet; fondern weil er zeigt, daß lein
gefchichtliches Ergebnis im Grunde mager ift. Es fchiene
mir richtiger, die Vorbemerkungen auf das Notwendigfte
zu befchränken und in größere Perioden zufammen-
faffenden Darftellungen die hiftorifche Verarbeitung vorzulegen
. An dem Plane des Repertorium Germanicum
Kritik zu üben, halte ich mich nicht für befugt

Kiel. G. Ficker.

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte u. Unterfuchungen.
In Verbindg. m. dem Verein f. Reformationsgefchichte
hrsg. v. D. Walter Friedensburg. Nr. 49—52. XIII.
Jahrg. 4 Hefte. (III, 320 S.) gr. 8°. Leipzig, M. Hein-
fius Nachf. 1916. M. 14—;

Subfkr.-Pr. M. 10.75

Für das Reformationsjubiläum 1917 empfiehlt fich
das genaue Studium des neuen Jahrgangs des ARG.
durch wichtige Beiträge. Die Notwendigkeit der Reformation
wird ftark beleuchtet durch die Epistola de miseria
curatorum scu plebanorum, welche G. Braun in BB KG

XXII 27 ff. 66ff. nach einem Augsburger Druck mit
einer öfters verbefferungsbedürftigen Überfetzung herausgegeben
hat, und wozu Werminghoff ebd. S. 145 bib-
liographifche Nachweifungen gegeben hat. Die fatirifche
Schilderung von den neun Plagegeiftern des Landpfarrers,
die zuerft 1489 in Leipzig und Augsburg, dann wieder
1521, in Wittenberg 1540 und 1701 gedruckt wurde, verdient
alle Beachtung. Denn fie zeigt die ganze Un-
haltbarkeit der mittelalterlichen Zuftände. Werminghoff
gibt den Wortlaut nach dem Leipziger Druck v. 1489
ur.d einem Augsburger Druck von Antonius Sorg 'und
dem Wittenberger von 1540 tarnt Luthers Vorrede, aber
auch eine zweite Form der Epiftola, die fich in einer
jetzt verfchollenen Handfchrift des Koblenzer Staatsarchivs
fand, von der allein noch eine Überfetzung im
Auszug, kaum eine Überarbeitung, erhalten ift in der Z.
D. Kulturgefchichte N. F. 3.Jahrgang (1874) S. 545fr.
Das Verhältnis beider Formen, von denen die letztgenannte
das Datum trägt: Gegeben zu Meißen 1475, am Tag Petri
Kettenteier, ift fraglich.

M. E. ift dii-fe ältere Form der erftc Entwurf aus einer Zeit, da der
Verfafler dem Bifchoffitz näher ftand und daher die leicht zugreifenden
consistoriales als Plagegeifter aufführt, wofür in dem Druck von 1489
der Offizial genannt ift. Faft unmöglich fcheint in der älteren Form die
Köchin vom Stamm Levis, alfo eine Jüdin, während die jüngere Form
fie vom Slaveuftamm fein läßt. Hier liegt es nahe, einen Schreib- oder
I.efefehler (Levitica ftatt Slavica) anzunehmen. 1489 befand fich der
Verfaffer wohl im füdöftlichen Teil der Diözefe Meißen, der an Böhmen
grenzte. Er kennt ja auch den in Böhmen gebräuchlichen Münzbegriff
sexagenae. Beachtenswert ift die Verachtung der rechtmäßigen Frau
(vix fidelis viro legitima S. 204 und 225); die eheliche Untreue des Mannes
gilt als eine häufige Erfcheinung S. 205.

Höhepunkte der Reformationsgefchichte find die
Reichstage von Worms 1521 und Augsburg 1530. Kalkoff
bietet Ergänzungen zu feiner Schrift ,Die Entftehung
des Wormfer Edikts' (1913), die fchon nachgewiefen hatte,
daß alle Entwürfe der Religionsgefetze vom erften Plakat
Karls V. vom 28. Sept. und dem Lütticher Edikt vom
15 Okt. 1520 von Aleander ,dem gelehrten Libertin aus
der Schule der Borgia und Medici' herrühren. Jetzt zeigt
er, daß die von Kühn nachgewiefene Lex impressoria
DRA 4, Nr. 108, ZKG XXXV, 372, 529 und der von
Brieger in Zürich gefundene Aachener Entwurf auch von
Aleander herrühren. Kalkoff überfetzt beide ins Latei-
nifche zurück, wobei die wörtliche Abhängigkeit von der
Bulle Exsurge und dem Lütticher Edikt überfichtlich hervortritt
. Mit dem feinen Spürfinn und der Gründlichkeit,
die man bei Kalkoffs Arbeiten gewohnt ift, verfolgt er
die genaue Entftehungszeit des Aachener, des Dezemberentwurfs
und der Lex impressoria und die Stellung des
jungen Kaifers zur Religionsfrage, wie die durch den Hof"
rat veranlaßten Änderungen, welche des Kaifers Selb
ftändigkeit gegenüber der Kurie betonen. Man fieht aber
auch, daß es dem Kaifer und feinen Räten nicht um ein
Taufchobjekt für feine italienifche Politik zu tun war. Stark
tritt der Einfluß Friedrichs des Weifen und die Rückficht
auf die Reichsftände hervor. Überall werden die
Lefer auf eigenartige Wendungen in den Entwürfen, z. B.
auf die gefteigerte Bosheit und Leidenfchaftlichkeit des
weifchen Diplomaten bei der Kennzeichnung Luthers und
feiner Beftrebungen im Dezemberentwurf aufmerkfam gemacht
, wobei mit Recht der Einfluß der Kölner Dominikaner
und Karmeliter auf Aleander angenommen wird.
Das angebliche Bibelwort S. 267 wäre erft noch nachzu-
weifen. Überall begegnen wir kurzen Charakterifierungen
von einflußreichen Männern, z. B. Rieh. v. Greiffenklau,
dem .hinterhältigen und felbftfüchtigen' Trierer Erzbifchof,
dem Reichsvizekanzler Nik. Ziegler, Ulr. Varnbüler, dem
Dominikaner Joh. Faber und den bisherigen Anfchauungen
vom Wormfer Edikt, z. B. bei Egelhaaf S. 242.

In die brennenden Verhandlungen in Augsburg führt
Ed.Wilh. Mayer mit den gehaltreichen Forfchungen zur
Folitik Karls V. während des Reichstags von 1530, wobei
er wertvolle Akten aus Simancas verwertet und mitteilt,
die Dr. Jofef Schweizer (für das Preußifche Hift. Inftitut