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Ausgabe:

1917

Spalte:

159-160

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vollmer, Hans

Titel/Untertitel:

Materialien zur Bibelgeschichte und religiösen Volkskunde des Mittelalters. Bd. I, 2. Hälfte 1917

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Seite 1

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159 Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 8/9. 160

miffe überhaupt eine gründlichere Exegefe der in Betracht
kommenden neuteft. Zeugniffe; der Verfaffer ift zu fehr
darauf eingeftellt, die neueren Forfcher abzuhören und
gegeneinander auszufpielen. Die Kritik, die er an F. Ch.
Baur, auch an Weizfäcker übt, ift gleichwol gut.

Sehr zweifelhaft ift mir Schumachers Auslegung der Stelle iniozäfxt-
roq /tdvov xii ßtt7ixiO(ia 'Iuitivov Act. 18 25. Trotz Preufchen, auf den
er fich beruft, dürfte damit nur auf die chriftliche Taufe angefpielt fein,
die Apollos noch nicht kannte; und vermutlich meint der Verfaffer der
Act, daß Apollos auch nach dem Erfcheinen des Meffias Jefus, deffen
Kenntnis er nach Ephefus brachte, diefe Johannestaufe geübt habe. So
felbftverftändlich, wie Schumacher meint, ift dann aber nicht, daß Apollos
noch einmal, und zwar wahrfcheinlich durch Aquila und Priszilla, getauft
wurde. Davon ift nichts bekannt. Wie hier das Ehepaar zu Unrecht
mehr erhält, als ihm gebührt, wird es vielleicht an andrer Stelle
zu Unrecht ausgefchloffen: die äite).<pol, die Apollos zureden, nach Ko-
rinth zu gehen, um ihm Briefe mitzugeben, können fehr gut Aquila und
Priszilla gewefen fein, vgl. Rendel Harris, Expofitor VIII. März 1916, der
u. a. auf das bekannte S-eol AieXipol, Epitheton des Ptolemäifchen Köuigs-
paares, verweift.

Eine der wenigen eigenen Vermutungen des fonft
meift an katholifche und proteftantifche Autoritäten fich
anfchließenden Verfaffers ift die gute Bemerkung, daß
für Lukas Apollos ein noch erfolgreicherer Judenbekehrer
war als felbft Paulus. Für die von andren Katholiken
begünftigte Vermutung Luthers, A. habe Hebr. gefchrie-
ben, hat Schumacher wenig Sympathie. Schärfer kriti-
fiert erDechent'sHypothefe (Stud. und Krit. 1911, 446fr.),
Apollos fei Verfaffer der Johannesbriefe und des Evangeliums
. (Vgl. im übrigen noch W.Bauer in der Deutfch.
Lit-Zeit. 1916, Nr. 51.)

Leiden. Hans Windifch.

Vollmer, Prof. Lic. Hans: Materialien zur Bibelgefchichte
und religiöfen Volkskunde des Mittelalters. I. Bd., 2. Hälfte:
Niederdeutfche Hiftorienbibeln u. andere Bibelbear-
beitgn. Mit 10 Lichtdr.-Tafeln u. ausführl. Regiftern.
(XII, 181 S. m. 1 Tabelle.) gr. 8°. Berlin, Weidmann
1916. M. 10 —

H. Vollmer hat trotz der Kriegszeit Zeit und Kraft
gefunden, den I9I2 erfchienenen 1. Halbband feiner Materialien
zur Bibelgefchichte (vgl. Jahrg. 1913 Sp. 462)
durch einen 2. Halbband abzuschließen. Zu den ober- und
mitteldeutfchen treten hier die niederdeutfchen Hiftorienbibeln
nach denfelben Grundfatzen bearbeitet: ein Abhandelnder
Teil untersucht Gruppen und Zufammenhänge,
ein Befchreibender Teil führt die Einzelhandfchriften mit
größter bibliographifcher Sorgfalt auf. Zu den 7 Hauptgruppen
(+6 Nebengruppen) des 1. Halbbandes mit
ihren 88 Handfchriften treten hier 2 Gruppen, vertreten
in 4+1 Handfchriften; dazu 7 Einzelhandfchriften. So
(teilt (ich die Gefamtüberlieferung der deutfchen Hiftorien-
bibel auf loo Handfchriften, wozu eine ganze Zahl von
Drucken, mit Augsburg 1476 und Lübeck 1478 anhebend,
kommt. Daß Vollmer nebenher auch die ihm auf feinem
Forfchungszug begegnenden niederländifchen und gelegentlich
auch franzöfifche Hiftorienbibeln kurz berück-
lichtigt, wird man ihm nur Dank wiffen; erft recht die

vants ä l'academie des inscriptions et belles-
lettres I ser. tom XI. 2 (1902). Höchft verdienftlich ift
die am Ende beigegebene große tabellarifche Überficht
über den Bibelinhalt fämtlicher 100 Handfchriften. Auch
diefer Halbband ift mit 10 Tafeln und zahlreichen Initialnachbildungen
gefchmückt.

Das für die Kultur- und Religionsgefchichte Deutfch-
lands gleich bedeutfame Gefamtergebnis ift, daß Deutfch -
land am Ausgang des Mittelalters faft in allen feinen Gauen
freie Bearbeitungen der biblifchen Gefchichte befaß, die er-
klärtermaßen für den Gebrauch von Laien beftimmt waren.
Untereinander felbltändig, verbanden fie des Pariser Ma-
gifter Petrus Comestor lateinifches Schulhandbuch, die
ihnen in verfchiedener teilweife fchon deutfcher Bearbeitung
vorliegende Hiftoria scholastica mit allerlei Reimchroniken
und erbaulichen Traktaten. Die Mannigfaltigkeit
der Textbehandlung im einzelnen ift ebenfo groß wie
die Einheitlichkeit des Gefamtbildes. Im Unterfchied von
den franzöiifchen Hiftorienbibeln eines Guyart Desmoulins
und Roger d'Argenteuil find die deutfchen anonym; wir
kennen nur Schreibernamen. Die Handfchriften gehören
alle dem 15. Jahrhundert an; in deffen 2. Viertel fchafft
allein Diebolt Laubers Werkftatt zu Hagenau faft ein
Dutzend der ehäffifchen Gruppe (II a) meift für vornehme
Laien; die große Maffe fällt in das 3, Viertel. Gegen Ende
des Jahrhunderts fcheint das Intereffe abzuflauen, oder genügen
die Drucker der Nachfrage. Bei faft allen Gruppen
überwiegt die Anordnung in 2 Spalten (außer bei der
volkstümlichiten, in 24 Handfchriften vertretenenIa), d. h.
die Hiftorienbibel tritt weniger als Volksbuch wie als Re-
fpektsbuch auf. Zeichner und Maler wetteifern, den Inhalt
dem Auge auch des Leseungewandten anfchaulich zu
machen, in teilweife künftlerifch glänzenden, teilweife
volkstümlich naiven Bildern. Man verlieht von hier aus,
daß dem ausgehenden Mittelalter der Unterfchied zwi-
fchen Bibel und Legende faft abhanden gekommen war;
mit gleicher Andacht wurden da neben der eigentlichen
biblifchen Gefchichte die fabelhaften Erzählungen über
Jofephs und Moses Treiben am ägyptifchen Hofe, auch die
Alexandersage u. ä. entgegengenommen. So erfcheinen
oft reine Bibelteile und Hiftorienbibel in den Handfchriften
untermifcht.

Hoffen wir, daß der unermüdliche Verf. bald Zeit
findet, uns die verfprochenen weiteren Materialien zu
bringen. *

Halle. von Dobfchütz.

Bibliothek der Kirchenväter. Eine Auswahl patrift. Werke
in deutfcher Überfetzg. Hrsg. v. Proff. Drs. Geh.-R.
O. Bardenhewer, Th. Schermann, K. Weyman.
14.—28. Bd. 8°. Kempten, J. Köfel.

Subfkr.-Pr. je M. 2.70; geb. je M. 3.50;

in Halbperg. je M. 4 —

Im Jahrgang 1914 diefer Zeitfchrift habe ich Sp. 488 ff.
(vgl. Preufchen ebd. Sp. 392h) die erften 13 Nummern
wertvollen Ergänzungen zu W. Walthers großem Bibelwerk. 1 diefer Sammlung angezeigt und den vortrefflichen Ein-
26 Seiten Textproben aus 10 Handfchriften geben einen druck hervorgehoben, den diefe Neubearbeitung innerlich
guten Eindruck von dem Charakter der Hiftorienbibel und äußerlich macht. Herausgeber und Verlag dürfen
und ermöglichen, im Verein mit den vielen Textmitteil- ftolz darauf fein, daß es ihnen gelungen ift, in diefen

ungen in der Handfchriftenbefchreibung dem Benutzer,
fich felbft ein Urteil über die Eigenart und die Verwandt-
(chaft der Texte zu bilden. Vortrefflich find dieVerzeich-
niffe, welche einen Einblick in die bunte Zufammenfetzung
der Handfchriften, einen Überblick über die fchwanken-

fchweren Zeiten das Werk ohne Stockung zu fördern
und die Bände in planmäßiger Pünktlichkeit auf einander
zu laffen: das fetzt nicht nur ungewöhnlich zuverläffige
Mitarbeiter, fondern auch erftaunliche Anpaffungs- und
Leiftungsfähigkeit derDruckerei und des buchhändlerifchen

den Titel für Hiftorienbibel, über Schreiberverfe, Randnoten, Betriebes voraus.
Wappen, Wafferzeichen, Lederpreffungen u. ä. ermög- Die Auguftinüberfetzung1 ift um vier Bände ge

liehen. Neben Briquet hätte für die Wafferzeichen wohl
Keinz, Abhandlungen der Münchener Akademie, philof.-
philol. Klaffe XX, 1897, mit Erfolg herangezogen werden
können; für die Vorreden Sam. Bergers Zufammen

') Auguftinus, Des hl. Kirchenvaters Aurelius, ausgewählte
Schriften. Aus dem Lat. überf. 2. Bd. 22 Bücher üb. den Gottesftaat.
Aus dem Lat. überf. v. Lyz.-Prof. Dr. Alfr. Schröder. 2. Bd. (Buch
9—16.) (V, 512 S.) 1914. (16. Bd.) M. 5—; geb. M. 5.80; in Halb-
ltellung in den Memoires presentes par divers sa- l perg. M. 6.30 — 3. Bd. 22 Bücher üb. den Gottesftaat. Aus dem Lat.