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Ausgabe:

1917

Spalte:

141-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Daxer, Georg

Titel/Untertitel:

Das Kreuz Christi 1917

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 6,7.

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kleine Verbefferungen auf — zu meiner Freude find auch
die Wiedergebornen in Zweimalgeborne umgefetzt —
bringt aber übrigens den gleichen Text wie früher. Änderungen
find, foweit ich verglichen habe, auch nicht in den
Auslafiungen einzelner Sätze, Zitate und Anmerkungen
des Originals vorgenommen worden. Zuweilen bedauert
man das, z. B. bei dem Wegfall der prägnanten Worte
des Scotus Erigena auf S. 334 (== 3891) oder des Kardinal
Newman auf S. 347 (=405'). Neu hinzugekommen ift ein
zweites Vorwort (S. XIII-XXXI). Wobbermin fetzt fich
in ihm abwehrend mit Gegnern der Religionspfychologie,
Wilhelm Wundt, Probleme der Völkerpfychologie 1911,
und E. Pfennigsdorf, Religionspfychologie und Apologetik
1912, und verftändigend mit Hugo Greßmann, Albert
Fhchorn und die religionsgefchichtliche Schule 1914,
auseinander. Daß fich Wobbermin nicht mit James identifiziert
, hätte Wundt fich wohl felbft fagen können. Ich
hätte nur gewünfcht, daß Wobb. das nicht nur in Bezug
auf James' Pragmatismus betonte, der doch fehr ftark
auch in diefem Buche zum Ausdruck kommt, wie er denn
nichts anderes als eine Neuprägung englifchen Empirismus
und Utilitarismus ift. Eben darum aber ift auch der Stoff,
den James bearbeitet, von englifch-amerikanifchem Standpunkt
aus beobachtet und zugleich befchränkt. Gerade
bei der Ausbreitung des intereffanten Buches muß es
betont werden, daß Alles, was — feiten genug — über
Luther und deutfche Frömmigkeit gefagt wird, beinahe
oberflächlich und verftändnislos erfcheint. Das gilt auch
von Bemerkungen über Kant und Hegel. Ich meine aber
auch, daß das nicht nur ,das Gebiet der Hiftorie' angeht.
Sondern die entfcheidende Gefamtwertung der Gefchichte
fehlt. Das wird am deutlichften, wenn man verfolgt, wie
in diefem Buche englifch-amerikanifcher Methodismus
mit modern - pantheiftifcher Myftik zufammenfließt. Dagegen
habe ich ja nichts einzuwenden. Aber wenn Hegel
ohne Einfchränkung (S. 356fr.) diefem Zufammenhang bei-
gefellt wird, fo ift doch die religionsgefchichtliche und
gefchichtsphilofophifche Herkunft feiner Gedankenbildung
verkannt. Das geht eben über Hiftorie weit hinaus und
läßt fich bloß pfychologifch nicht faffen. Es gibt dem
Geift in der Gefchichte eine Stellung für fich, die von
keiner Naturmyftik aus erreicht wird. Die religiöfe Erfahrung
ift darum hier nur in der Mannigfaltigkeit gezeichnet
, die englifch-amerikanifchen Augen erreichbar fcheint.
Aber in diefer Befchränkung •— vgl. auch Euckens Kritik
im Anhang zu .Hauptprobleme der Religionsphilofophie
der Gegenwart' 1912 — freut man fich dankbar der reichen
Gabe, die uns Wobbermin wiederholt zugänglich gemacht
hat

Gießen. S. Eck.

Fi Fe her, Paul: Das Kreuz Chrifti und die Fülle des Heils.

(174 S.) 8°. Stuttgart, J. F. Steinkopf 1916.

M. 2.40; geb. M. 3 —
Daxer, Prof. D. Dr. Georg: Das Kreuz Chrirti. (Biblifche
Zeit- u. Streitfragen, X. Serie, 8. Heft.) (42 S.) 8°.
Berlin-Lichterfelde, E. Runge 1916. M. —60

Fifcher's Schrift wendet fich an denkende Gemeindeglieder
, welchen er einen Eindruck von der reichen Fülle
und der großen Mannigfaltigkeit von Auffaffungen des
Kreuzes Chrifti und des Heils, das durch fein Kreuz den
Menfchen erfchloffen ift, vermitteln möchte. Es handelt
fich nicht um ein erbauliches Buch im engeren Sinn des
Wortes, auch nicht um eine von einem einheitlichen Grundgedanken
aus entworfene dogmatifche Darftellung, fondern
um einen auf breiter und fefter wiffenfehaftlicher Grundlage
erbauten, dem lebendigen Zeugnis des chriftlichen
Bewußtfeins entnommenen, den Intereffen der evangeli-
fchen Gemeinde dienenden Verfuch, die wefentlichen
Gefichtspunkte, von denen aus Leiden und Sterben Chrifti
betrachtet werden kann, zu tieferem Verftändnis zu bringen.

Nach einem vorbereitenden Teil (14—46), in welchem
die weltgefchichtliche Bedeutung des Todes Jefu, die Bedeutung
desfelben für feine eigene Perfon, und verwandte
Fragen erörtert werden, folgt der das Hauptthema der
Schrift bildende Aufbau (47—117). Der Vf. unterfucht
die im Neuen Teftamente und in der kirchlichen Tradition
enthaltenen Begriffe und Ausdrücke: Opfer, Stellvertretung,
Genugtuung, Sühne, Verhöhnung, Erlöfung; er weift die
Fruchtbarkeit und Verwendbarkeit aller diefer Vor-
ftellungen nach, welchen er, unter Ausfcheidung alles
Mechanifch-Magifchen und Irdifch-Gefetzlichen, bleibende
und auch heute noch geltende Bedeutung abzugewinnen
weiß. Der letzte Abfchnitt bringt unter der etwas allgemeinen
Überfchrift .Prüfender Rückblick' (118 —155) einzelne
in der Gegenwart befonders auf der Tagesordnung
flehende Probleme zur Sprache: Jefus und Paulus, Sündenvergebung
ohne Jefus, Möglichkeit, Gott zu finden ohne
Jefus, muß der Weg zu Gott immer bewußt über Chriftus
genommen werden? In der Beantwortung diefer und
andrer Fragen bekundet der Vf. ein feines Verftändnis
des modernen Geiftes und der durch ihn geftellten Forderungen
, eine anerkennenswerte Vertrautheit mit den
Frageftellungen und Löfungsverfuchen der Gegenwart,
ein tiefes Eindringen in das Wefen und die Eigenart der
evangelifchen Frömmigkeit. Es ift nicht zu verwundern,
daß in dem Beftreben, dem Gegner gerecht zu werden
und von ihm zu lernen, bei dem Bedürfnis, auch unter
den mannigfaltigen theologifchen Formulierungen den
religiöfen Konfenfus feilzuhalten und zum Ausdruck zu
bringen, dem Vf. die Schärfe des kritifchen Blicks zuweilen
durch feine edle Irenik etwas abgeftumpft oder
getrübt wird; doch liegt ihm jede diplomatifche Harmo-
niftik fern, und kaum wird ein Gedanke häufiger ausge-
fprochen, als der, daß die im Neuen Teftamente vorliegenden
Beziehungen des hier behandelten Themas unmöglich
auf einen einheitlichen Ausdruck gebracht werden
können. — Auch fonft ift Fifcher's Schrift reich
an wertvollen Anregungen, treffenden Bemerkungen, glücklichen
Formulierungen. Man vergleiche z. B. die Äußerungen
über den fymbolifchen Charakter unferer Aus-
fagen über das Göttliche (137), über die Gefahren der
Jefusfrömmigkeit, welcher der Vf. trotzdem ein tiefes
Verftändnis entgegenbringt und deren Berechtigung er
nicht in Abrede Hellen will (150 f.). Zum früher nicht
feiten verhandelten Problem von dem Segen der Sünde
bemerkt Fifcher (146): .Eben doch nicht für die Sünde
kann der Menfch danken, fondern allein für die ewige
Macht, Weisheit und Güte des göttlichen Tuns, die alles
fo verkettet, daß aus der menfehlichen Verirrung Segen
entfpringt'. — Die Beziehungen auf die unmittelbare Gegenwart
, die Verbindungslinien, die der Vf. zwifchen
feinem Gegenftand und den Erfahrungen des Weltkriegs
herzuftellen fich bemüht, die aus diefer Zufammenftellung
fich ergebenden Lehren find meiftens einleuchtend, zuweilen
überrafchend, niemals aufdringlich. — Ein, wichtige
Anmerkungen und wertvolle Verzeichniffe, Bibelftellen,
Sach- und Namenregifter enthaltender Anhang erhöht
die Brauchbarkeit des Buchs, das geeignet ift, nicht nur
den .denkenden Gemeindegliedern', fondern auch den
Geiftlichen und Lehrern im Amte dankenswerte Dienfte
zu leiden.

Daxer's Schriftchen gibt zunächft in einem einleitenden
Abfchnitt hiftorifch-archäologifche Notizen über
das Kreuz (Kriminalprozeß, Kreuzigung als Todesftrafe,
Form des Kreuzes, Art und Weife der Kreuzigung, Verlauf
des Martyriums) [3—9]. — Hierauf fragt er nach den
Gedanken und Gefühlen, die in den unter dem Kreuze
flehenden Menfchen erwachen. Bei den Einen inniges
rein menfehliches Mitgefühl, das aber mit religiöfer Entfremdung
verbunden fein kann; dies war der Fall bei
den Rationaliften des 18. Jahrhunderts; dies trifft heute
bei den Vertretern der fogenannten religionsgefchichtlichen
Schule in ihren verfchiedenen Schattierungen zu: Chriftus