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Ausgabe:

1917

Spalte:

139

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Roose, Jan Cornelis

Titel/Untertitel:

De Theologie van W. Herrmann 1917

Rezensent:

Mulert, Hermann

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139

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 6/7.

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Roole, Jan Cornelis: De Theologie van W. Herrmann. Proef-
fchrift (Leiden). (V, 153, VII u. Stellingen 6 S.) gr. 8°.
Leiden 1914.

R. befchreibtineinem einleitenden Abfchnitt diegeiftige
Welt, in der H.'s theologifche Arbeit erwuchs. Die Macht
der naturwifTenfchaftlich-realiftifchen Denkweife wird hier
anfchaulich gefchildert. Von Intereffe war mir, wie für
R. hier PI. neben F. A. Lange, wiederum auch neben
den Erlanger Hofmann zu flehen kommt. Dann ftellt er
H.'s Auffaffung von Glaube und Wiffenfchaft, Glaube und
Sittlichkeit dar, wie H. in feinem erften größeren Werk
,Die Religion im Verhältnis zum Welterkennen und zur
Sittlichkeit' Religion und Wiffenfchaft fcharf fchied, Religion
und Sittlichkeit eng verband, fpäter aber Religion
upd Sittlichkeit mehr und mehr verfelbftändigte; die
Änderungen in den verlchiedenen Auflagen der .Ethik'
find hier forgfältig beachtet. Endlich wird H.'s Lehre
vom Glauben wiedergegeben, von Grund und Gedanken
des Glaubens, Offenbarung und Wunder, der Autorität
der Bibel und der Gottheit Chrifti. H. habe freilich, ab-
gefehen von der fpätern Schrift: ,Die mit der Theologie
verknüpfte Not der evang. Kirche' die Kritik am Neuen
Teftament nicht in ihrer ganzen Schärfe in Rechnung
geftellt; vor allem aber beftehe ein Widerfpruch zwifchen
der vorhin gefchilderten Scheidung von Religiöfem und
Sittlichem, und der Art, wie H. dort, wo er aus dem Erleben
des Glaubens heraus fchreibt, Religiöfes und Sittliches
in engftem Zufammenhang zeige, z. B. die Buße
als etwas nicht dem Glauben Vorausgehendes, fondern
mit und aus ihm Erwachsendes. Der Einfluß Luthers
und der Kants Bünden bei H. in Widerftreit; die Gedankenwelt
des ,Verkehrs' fei anders als die der meiften
anderen Schriften H.'s.

Es ifl immer mißlich, eine Rezenfion einer Rezenfion
zu fchreiben. Nun ift aber R.'s Buch eine Gefamtrezen-
fion der Werke H.'s. Ich konnte leicht die Anlage von
R.'s Buche und feine Haupteinwendungen gegen H. kurz
kennzeichnen. Das Recht diefer Einwendung zu würdigen,
wäre nur möglich bei Heranziehung von weitfchichtigem
Einzelmaterial. Darum fei nur foviel angedeutet, daß
H. vermutlich gewiffe Spannungen felbft zugeben, fie aber
z. T. herleiten würde aus den Antinomien, die, wie gerade
er betont, im religiöfen Denken und Erleben immer liegen.
Auch darf gewiß ausgefprochen werden, daß in der
kräftigen Art und oft draftifchen Redeweife, mit der H.
fich gegen abweichende Meinungen nach rechts und
links hin wendet, ein fteter Anreiz liegt, fein eigenes
Syftem auf Widerfpruchslofigkeit zu prüfen. Das Bedenken
, ob man die Erzeugniffe einer vierzigjährigen fchrift-
ltellerifchen Wirkfamkeit einfach als Einheit faffen und
kritifieren dürfe, ifl von R. felbft beachtet worden, foweit
es fich um H.'s Buch ,Die Religion' handelt; ich würde
es mehrfach auch bei Benutzung des Auffatzes von 1892
empfinden: ,Der gefchichtliche Chriftus der Grund unferes
Glaubens'. S. 75 Mitte ftatt ,den Schleiermacher der
Reden' 1. ,den Schi, der Glaubenslehre*, S. 29, 128 ff". L
Luthardt; in dem Verzeichnis von H.'s Schriften, das am
Schluffe beigegeben ift, fehlt die 3. Aufl. der Ethik. Aufs
Ganze gefehen, ift R.'s Buch die wertvollfte Darfteilung,
die ich von H.'s Theologie kenne, umfichtig, fcharffinnig
in immanenter Kritik, wobei die eigene Auffaffung vornehm
zurückgehalten wird, und von aufrichtiger Hochfehätzung
für H.'s religiöfe Kraft erfüllt. Schön und befcheiden
fpricht R. es am Schluffe aus, die kritifche Analyfe werde
nicht auf die Dauer die Freude an der religiöfen Anregung
verderben, die folcher Mann Gottes gibt.

Kiel. H. Mulert.

Thormeyer, Oberlehr. Dr. Paul: Philolophifches Wörterbuch.

(Aus Natur u. Geifteswelt, 520. Bdchn.) (V, 96 S.) kl. 8°.
Leipzig, B. G. Teubner 1916. M. 1.20; geb. M. 1.50

Es ift bezeichnend, daß neben den großen bekannten
Wörterbüchern der philofophifcben Begriffe von Eisler,
Baldwin, der societe francaise de philosophie, auch von
Kirchner-Michaelis u. a. noch Raum zu bleiben fcheint für
kurze katechismusartige Auszüge, wie fie gleichfalls faft
jedes Land hervorgebracht hat. So verfchiedenartig
diefe kleinen Wörterbücher von Eisler felber, von Reiner,
Willmann, Odebrecht, Butler, Matteucci u. a. und fo
entgegengefetzt in ihrem Wert fie auch find, das Ziel ift
überall dasfelbe, fie wollen die philofophifche Terminologie
weiteren Kreifen erläutern und verdeutlichen. Auch das
vorliegende Wörterbuch, wohl in erfter Linie für unfere
Schüler beftimmt, will derfelben Aufgabe dienen. Da es
auf den größeren Wörterbüchern und auf den Werken
der Philofophen, auf Gefchichtsbüchern und Lehrbüchern
der Philofophie, außerdem auf eigenen Aufzeichnungen
beruht und forgfältig angelegt erfcheint, ift die wiffen-
fchaftliche Begründung für den vorliegenden Zweck im
allgemeinen wohl ausreichend. Ein anderes aber ift die
pädagogifche Zweckmäßigkeit. Hier aber habe ich manche
Bedenken. Die Auswahl ift nicht überall glücklich: es
finden fich Wörter, die durchaus überflüflig find, wie z. B.
Poffibilität, Aktivität, Paffivität, Magie, Automat u. a.,
Ausdrücke, die weder rein philofophifch noch überhaupt
unverftändlich find, andere find mangelhaft erklärt, z. B.
Eros nennt Plato den Erkenntnistrieb, Korrolar: Zufatz,
Phylogenie: Stammesgefchichte, Kontingenz: Zufälligkeit,
Negation: Verneinung u. a. Tberhaupt fchwankt das
Verzeichnis hin und her zwifchen bloßer Worterklärung,
die nur Fremdwörter erläutern will, und ftreng akademi-
fcher Sacherklärung, die aber oft infolge ihres ftreng
fachlichen Ausdrucks die Lektüre für Laien recht fchwierig
erfcheinen läßt. Der Verfaffer hätte beffer getan, unter
Verzicht auf Gelehrfamkeit von rein praktifchen Gefichts-
punkten aus die wichtigften philofophifchen Ausdrücke
zu erklären. Was follen z. B. dem Laien die trockenen
Überfichten über die ethifchen, erkenntnistheoretifchen,
metaphyfifchen Syfteme zum Verftändnis helfen, wozu
dienen die Jahreszahlen, die bei jedem Denker jedesmal,
wenn er genannt wird, in Klammern erfcheinen. So
dankenswert die wiffenfchaftliche Fundierung an fich ift,
fie darf nicht zur Pedanterie führen. Immerhin ift die
Anlage als eine brauchbare Grundlage für eine Neubearbeitung
zu bezeichnen unter der Vorausfetzung, daß
ftreng gelichtet und alles Überflüffige ausgemerzt wird,
daß die einzelnen Artikel anfehaulicher und klarer abgefaßt
werden und daß das Gefchichtliche unter Befchrän-
kung auf das Terminologifche und Tatfächliche dargeftellt
erfcheint.

Zu erwägen wäre, ob das Büchlein nicht nach einer
befonderen Richtung hin erweitert werden könnte. Zu
einzelnen Termini wie z. B. Maxime, Begriff-Anfchauung,
Ideen u. a. erfcheint mir die Angabe des locus classicus
fehr erwünfeht zur Belebung und zur Veranfchaulichung,
ebenfo könnte fehr wohl bei den wichtigften Termini ihre
klaffifche Definition im Wortlaut angeführt werden. Unter
den mir bekannten kleineren Wörterbüchern kommt diefes
Büchlein dem Ideal immerhin am nächften.

Bremen. B.Jordan.

James, weil. Prof. William: Die religiöfe Erfahrung in ihrer
Mannigfaltigkeit. Materialien u. Studien zu e. Pfycho-
logie u. Pathologie des religiöfen Lebens. Deutfche
Bearbeitg. von Prof. D. Georg Wobbermin. 2. verb.
Aufl. (XXXIV, 404 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Plinrichs
1914. M. 6 —; geb. M. 7.20

Der amerikanifche Pfychologe William James ift 1910
geftorben. Wobbermins deutfche Übertragung feines vielverbreiteten
religions-pfychologifchen Werkes ift während
des Krieges in zweiter Auflage erfchienen. Sie weicht in
etwas engerem Druck von der erften ab, weift zahlreiche

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