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Ausgabe:

1917

Spalte:

132-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Störmann, Anton

Titel/Untertitel:

Die städtischen Gravamina gegen den Klerus am Ausgange des Mittelalters und in der Reformationszeit 1917

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 6/7.

132

fchlagenheit kaum etwas nach' in den Urkunden einen
Beleg fand. Nach dem Beifpiele Dr. Brückners hebt der
Verfaffer allzu fehr das Griechentum Methods hervor, ja
er führt ihn S. 31 fogar als einen griechifchen Sendling
eines falfch beratenen Papftes an, aber er fpricht S. 31
dennoch von den römifchen Neigungen des Brüderpaares
und gibt S. 30 die Überfetzung der römifchen
Liturgie nach römifchem Ritus zu.

Die Bewertung der flavifchen Legenden feitens Dr.
Brückners ift nicht von der Art, um jemand für feine
Anflehten und Einfalle zu gewinnen. Deshalb finden wir
diefelben in dem Vortrag zu wenig herangezogen. Nicht
einmal das von den Legenden aufs genauefte angegebene
Todesdatum der Brüder wird hier benützt.

Wenn der Verfaffer ein grundlegendes Kapitel zur
Gefchichte der Slavenapoftel liefern wollte, ift der von
ihm eingenommene Standpunkt nach der Ansicht des
Referenten weniger angemeffen. Die Darftellung befriedigt
mich nicht. —
Kremfier. F. Snopek.

Lern mens, Dr. P. Leonhard, O. F. M.: Die Franziskaner im
Heiligen Lande. 1. Teil: Die Franziskaner auf dem
Sion (1336—1551). (Franziskanifche Studien. Beiheit 4.)
(XVI, 224 S.) gr. 8°. Münfter i. W., Afchendorff 1916.

M. 5.40; geb. M. 6 —

Wenn man Reifende, die im Heiligen Lande waren,
erzählen hört, fo begegnet man faft immer der Klage,
was für einen üblen Eindruck man an den heiligen Orten
in Jerufalem bekomme durch die fortwährenden Reibereien
zwifchen den verfchiedenen chriftlichen Kirchen,
die foweit gehen, daß fogar muhamedanifches Militär auf-
geftellt werde, um Blutvergießen zu verhindern, und die
tapferen Franziskaner fpielen dabei eine hervorragende
Rolle. Die vorliegende durchaus wiffenfehaftliche Arbeit
des gelehrten Minoriten macht uns wenigftens einigermaßen
begreiflich, welche Intereffen die Franziskaner
mit fo viel Hartnäckigkeit verteidigen zu müffen glauben,
wenn auch die Arbeit fich zunächft nur bis zur Vertreibung
der Franziskaner durch die Türken im 16. Jahrhundert
erftreckt. Es ift, wie das Vorwort S. IX mit
Recht fagt, im ganzen ein einförmiges Bild: ,im großen
und ganzen kehren ftets die gleichen Ereigniffe, diefelben
Arbeiten und Prüfungen wieder; die eigentliche Miffions-
tätigkeit fehlt ganz; eins glänzt aber auf allen Blättern
durch: die heroifche Treue der Brüder, ihre durch nichts
zu befiegende Liebe und Sorgfalt für die heiligen
Stätten'.

Zunächft wird mit überzeugender Klarheit nachge-
wiefen, wie die Franziskaner in den Jahren 1335/37 in den
Befitz der heiligen Stätten auf dem Zion gekommen find.
Bis dahin waren nur orientalifche Geiftliche an diefen
Stätten gewefen, ,die aber den lateinifchen Pilgern, ihrem
Gottesdienfte und ihren Andachtsübungen keinerlei Hin-
derniffe in den Weg legten' (S. 33). Nun wurde durch
den König Robert von Sizilien und feine Gemahlin den
Minoriten ein Klofter auf dem Zion erbaut, das Zöne-
kulum und die Pfingftkapelle gefchenkt und das Recht
erwirkt, ftets in der Grabeskirche verweilen und dafelbft
Gottesdienft halten zu dürfen. Und von nun an fairen
es die Brüder als ihre Aufgabe an, die anvertrauten heiligen
Stätten zu hüten, den Gottesdienft darin zu feiern
und den katholifchen Pilgern Führer und Berater zu fein
(S. 165).

Sie richteten den Gottesdienft ein in Prozeffionen,
Gebeten und Hymnen, die durch Jahrhunderte hindurch
Tag für Tag in ganz gleicher Weife gehalten wurden
und heute noch faft ebenfo gehalten werden. Lemmens
fieht in diefer eifernen Beftändigkeit, mit der fie allen
Schwierigkeiten und Opfern trotzten und die feft um-

fchriebene Aufgabe verfolgten, eine wohltuende Liebe
zum Hergebrachten, wenn er auch felbft die Schattenfeiten
diefer konfervativen Richtung nicht ganz überfehen
kann (S. 168). Aber es konnte nicht anders fein, als daß
fie diefe ihre Rechte und Aufgabe durch all die lange
Zeit nur durch große Opfer und Martyrien unter end-
lofen Plackereien und Leiden, und befonders auch unter
immer erneuten Streitereien, Prozeffen und Beftechungen
feft halten konnten; und zwar waren alle diefe Leiden
und Streitereien mindeftens ebenfo durch die orientalifchen
wie auch abendländifchen Chriften, wie durch die Muha-
medaner verurfacht.

Es will uns Rheinen, als ob all diefe Leiden und
Opfer einer belferen Sache wert gewefen, als ob die Jünger
des heiligen Franz mehr im Sinn ihres Meifters gehandelt
hätten, wenn fie nicht Jahrhunderte lang um ein wenn
auch wohlerworbenes Recht mit Chriften und Heiden
geftritten hätten. Lemmens hofft (S. 217), daß die Türken
vielleicht von ihrem Widerftand gegen die Anfprüche der
Franziskaner ablaffen, da der fogenannte Turm Davids
jetzt nicht mehr als Begräbnisftätte des Königs Davids
und damit als muhamedanifches Heiligtum gelten könne.
Wenn man aber dem entfprechend alle die ftrittigen
,Heiligtümer' auf die fachliche Begründung ihrer Benennungen
prüfen würde, fo könnten wohl die Minderbrüder
ebenfo ruhig auf alle ihre Anfprüche verzichten,
wie es von den Muhamedanern erwartet wird. Die Hoffnung
, daß die Franziskaner im Friedensfchluß nach dem
Weltkrieg ihre früheren Rechte im heiligen Land wieder
bekommen, wird zum Schluß (S. 218) auch damit begründet
, daß kein Orden in diefem Krieg fo viele Söhne
für das Vaterland in den Tod gegeben habe, wie die
Franziskaner. Ich bedaure diefe Wendung, weil fie dem
Verdacht Raum gibt, als ob die Jünger des heiligen Franz
Opfer fürs Vaterland nicht ohne befonderen Lohn bringen
wollen, was hoffentlich ein unberechtigter Verdacht ift.

Stuttgart. Lempp.

Störmann, Reh- u. Oberlehr. Dr. Anton: Die Itädtifchen
Gravamina gegen den Klerus am Ausgange des Mittelalters
und in der Reformationszeit. (Reformations-
gefchichtliche Studien u. Texte, 24—26. Heft.) (XXIII,
324 S.) gr. 8". Münfter, Afchendorff 1916. M. 8.80
Die kirchengefchichtliche Forfchung des Mittelalters
hat fich in letzter Zeit mehrfach mit den Beziehungen
zwifchen Bürgerfchaft und Geiftlichkeit befchäftigt. Wir
haben in diefer Zeitfchrift verfchiedene Monographien angezeigt
, die das Verhältnis einer Stadt zu ihrer Geiftlichkeit
— Stifts- oder Pfarrgeiftlichkeit zum Gegenftand haben.
Es ift in allen diefen Schriften teils mehr, teils weniger
deutlich darauf hingewiefen, daß die mannigfachen Schwierigkeiten
, die fich zwifchen Rat und Geiftlichkeit in ihren
gegenfeitigen Kompetenzen ftets ergeben haben, von
befonderer. Bedeutung in der Reformationszeit werden
mußten. Die Händigen Reibereien zwifchen Stadtregierung
und Klerus haben fich fchließlich zu beftimmten Pormen
kriftallifieren müffen. Man macht der Geiftlichkeit religiöfe
und rechtliche Vorwürfe. Die religiöfen, bzw. rein kirchlichen
Vorwürfe betreffen das Ablaßwefen, die Oblationen,
die Kumulation von Pfründen, die nachläffige Verfehung
der Seelforgspflichten und das fittliche Verhalten des
Klerus. Die rechtlichen, oder vielmehr die fozialen Vorwürfe
, die fich gegen den exemten Stand des Klerus
erhoben haben, find noch viel zahlreicher gewefen. Man
hat das kirchliche Abgaben-und Steuerwefen, den Pfründenkauf
, die geiftliche Gerichtsbarkeit und die unzweckmäßigen
Einrichtungen der geiftlichen Landesherrfchaft
lebhaft und auf alle mögliche Weife bekämpft.

Störmann gibt in diefer außerordentlich anregenden
Zufammenftellung eine Überficht über die verfchiedenen
Gravamina, die von Seiten der Städte gegen den Klerus