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Ausgabe:

1917 Nr. 5

Spalte:

107-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hunzinger, August Wilhelm

Titel/Untertitel:

Hauptfragen der Lebensgestaltung 1917

Rezensent:

Haering, Theodor

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Seite 1

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107 Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 5. 108

lismus meint, fondern ,in der Herrfchaft einer fremden
Seele in der eignen Seele des Schwachen, gleichfam in
einer Fremdgeftaltung der Perfönlichkeit unter dem Druck
der Autorität' beruht die Macht, genauer gefagt das Übermachtverhältnis
(im Unterfchied vom Kampfverhältnis).
Die Machtmoral dient wie die Volksmoral überhaupt der
Erhaltung des kollektiven Dafeins, aber nicht der Entfaltung
des Lebens, zumal der fchwachen Gruppe; ftets
wird mit zweierlei Maß gemeffen. Soll dagegen das
Machtverhältnis der Moral der hochentwickelten Perfönlichkeit
eingegliedert werden, fo darf die Macht nur für
allgemein wertvolle Zwecke eingefetzt, muß aber für diefe
wirklich aufgeboten werden. Auch dem Staate gegenüber
, in dem noch immer etwas von Hobbes' Leviathan
fteckt, muß der fittliche Gefichtspunkt energifch geltend
gemacht werden. Achtung vor der Perfönlichkeit, gerechte
Verteilung der Macht, Befeitigung der Machtver-
hältniffe mit egoiftifchem Charakter find anzuftreben.
Gegenüber dem imperialiftifchen Inftinkt des blinden
Machtverlangens erhofft Vierkandt einen Fortfehritt der
Menfchheit zu neuen Geftaltungen vom föderaliftifchen
Prinzip. Die Ausfuhrung ift zu kurz gehalten, als daß
fie überall durchfchlagend wirken könnte, aber die natura-
liftifche Machtvergötterung ift mit guten Gründen bekämpft
, der Unterfchied von Macht und Gewalt erkannt
und insbefondre das ethifche Problem richtig geftellt:

frage; die zweitaufendjährige Völkerwanderung des Chri-
ftentums und vieles andere.

Dem Wunfche weiter Verbreitung des Buchs ent-
fpringen einige Fragezeichen als Zeichen des Dankes.
S. 87 Z. 3 v. o. ift wohl ,nicht' zu ftreichen. Auf S. 11,
23> 33, (in einzelnem) 39 (Erkenntnistheoretifcb.es), 58 f.
(Pfychologifches über den Willen) könnten kleine Änderungen
naheliegende Einwände befeitigen. Die häufige
Entgegenfetzung des ,moralifchen Charakters' (Kant) und
des ,Perfönlichkeitsideals' (Schleiermacher), in den Ausführungen
oft von großer Schönheit, ift im Grundgedanken
wohl nicht unanfechtbar. Der Gegenfatz der formal
allgemeinen Forderung und des Individualitätsgedankens
geht in den des einzelnen und der Gemeinfchaft über.
In dem auch wieder befonders wertvollen Abfchnitt über
das Reich Gottes wird Liebe und Pflicht in einen Gegenfatz
geftellt, der, konfequent verfolgt, zu einer Naturali-
fierung des Ethos führen würde, die doch dem Verf. fern
liegt. Das ,du follft lieben' ift nicht ein Paradox, wie er
fagt, das von einem Sollen redet, wo das Sollen aufgehoben
ift, fondern die von ihm fo nachdrücklich betonte Erfahrung
der Liebe Gottes ift Antrieb und Kraft zur Erfüllung
eines wirklichen Sollens, während er das unbewußte
Liebeshandeln rein aus der fchönen Seele heraus verherrlicht
. Das Ergebnis feiner fo anziehenden Umfrage,
welche Art von Liebe die höhere fei, die pflichtmäßige

es liegt in der Aufgabe, das Machtverhältnis unter Feft- 1 oder die unbewußte, fpricht keineswegs unbedingt für ihn.
haltung feiner Eigenart der Perfönlichkeitsmoral einzu- i Aber Anfang und Schluß fei der Dank für die lebens-
ordnen. volle Gabe. Die Worte vom ,feligen Opfergeift' Jefu als

T'*4 '• ^er unüberbietbaren Lebensgeftaltung werden in untrer

Gottingen. | zdt tjefen Widerhall erwecken. Man denkt fich das

Buch gerne auch draußen bei unteren Tapferen, die über

Hunzinger, Prof. D. Dr. A. W.: Hauptfragen der Lebensge- !,hre .Lebensgeftaltung' jetzt fich klar werden wollen wie
Haltung. (Wiffenfchaft u. Bildung. 136.) (160 S.) gr. 8*. lhre .Lebensgeftaltung' mi Frieden vorbereiten.
Leipzig, Quelle & Meyer 1916. Geb. M. 1.25 Tubingen. Th. Haering.

Die Eigenart feiner Darfteilung bezeichnet der Verf.
mit den Worten, daß er diefe Fragen in der dramatifchen j Knegspredigten.
Form des Auftürmens von übereinandergelagerten Pro- | (vgl. 10,16 Nr. 13)

blemen behandeln wolle; und daß die ununterbrochene
Steigerung, die durch folche ftufenmäßige Behandlung
entftehen foll, einer Lebensbewegung vergleichbar, ja
felbft Lebensbewegung fein folle, nicht bloß Gedankenarbeit
. In dem Gelingen diefer Abficht liegt der befondere
Reiz des Buchs. Es macht überall den Eindruck des
Erlebten und zieht in das Nacherleben hinein. Schrittweife
wird man aus der Tiefe zu immer lichterer Höhe der
Betrachtung, nein eben des Erlebens geführt. Schlicht und
klar wird gefagt, was Lebensgeftaltung ift, werden die
vielen Lebensziele auf den großen Gegenfatz des natu-
raliftifchen und idealiftifchen hinausgeführt. Das letztere
kann intellektualiftifch und äfthetifch-ethifch gelöft werden.
Durch immanente Kritik wird die Unvollkommenheit jedes
einzelnen Lebensziels, fein Vorwärtsdrängen zum nächft
höheren erwiefen. Dem auf der Höhe des Perfönlichkeits-

1. Sammlungen von Predigten verfchiedener
Verfaffer. Eine Reihe von Sammlungen geht weiter.
So W. Meyer's ,Gottes Wort in eiferner Zeit' (vgl. 1915
Sp. 146. 551 f.). Weil das Werk Ereigniffe und Stimmungen
des ganzen Krieges veranfehaulichen will, foll es
bis zum Ende durchgeführt werden. Die ,Neue (2.) Folge'
ift nunmehr abgefchloffen l; eine (Dritte Folge' begann2.
Die Mitarbeiter bleiben in der Hauptfache die gleichen;
zuweilen tritt ein neuer hinzu (Div.-Pfr. Schütz; Pfr. Wintermann
in Metz); von den früheren haben namentlich
Horn, Heffelbacher, Mahr, Aßmann, Bode und Meyer
felbft fleißig beigefteuert. Meyer bietet mehrfach Entwürfe
ganzer Kriegsbetftunden (nicht bloß die Anfprachen).
Eine nähere Beurteilung behalte ich mir für den Zeitpunkt
des Abfchluffes vor. —
ideals Angelangten droht der Abfturz in den Peffimismus. , Ju .einenu Kriegspredigten für die feftliche Hälfte
DieWendung zur Religion ift die Rettung. Der rein ethifche yes Kirchenjahres gibt Rum p nun auch folche für die
CharakterderchriftlichenErlöfungsreligionwirdinfeffelnder I £ftlofe Zeit heraus2. Es gelingt ihm auch hier, neben
Auseinanderfetzung mit Buddhismus, Piatonismus, Myftik Beitragen Unbekannter folche von weithin bekannten und

aufgezeigt. Das Reich Gottes, die Chriftusfrage, die
Vollendung machen den Schluß. Ungemein gefchickt
find die Übergänge vom einem Abfchnitt zum andern,
z. B. vom intellektualiftifchen zum äfthetifchen Idealismus
durch Verwertung der Fauftworte. Die Wiederholungen
am Beginn jedes neuen Abfchnitts dienen der Deutlichkeit
des Zufammenhangs. Treffficher find viele der
wiederkehrenden Leitgedanken ausgedrückt: der Menfch
als Natur, der Menfch als Freiheit in Anlehnung an Kant,
aber in eigenartiger Anfchaulichkeit; die Bedeutung der
Kunft für den Lebensftil und den charaktervollen Befitz
des geiftigen Eigentums (Luther's Siegeslieder wie das
Goethefche Abendlied); die weitherzige und doch charak-
teriftifche Verwertung des Begriffs Mittler in der Chriftus-

anerkannten Predigern zu gewinnen, fo von Grünberg,
Dunkmann, Vits, Cordes, Kaiweit u. a. So fehlt es denn
nicht an trefflichen Stücken; erwähnt feien z. B. des
Stettiner Konfiftorialrats Würkert Predigt für den Jugend-
fonntag: ,Kinder in Not' und des Loburger Oberpfarrers
Steinwender knappe, fein durchgearbeitete Predigt über

1) Gottes Wort in eiferner Zeit. Ein Gedenkbuch in Predigten und
Kriegsbetftunden. In Verbindg. m. Pfarrern Aßmann, Bode, Conrad u. a.
hrsg. von Pfr. Wilh. Meyer. Neue Folge. (VII, 492 S.) 8«. Marburg,
N. G. Elwert 1916. M. 6 —

2) — Dasfelbe. 3. Folge. Ebd. Jede Lfg. M. 1 —

3) Der EJienft am Wort. Eine Stimmig, evai gel. Predigten u.
Reden der Gegenwart. Hrsg. v. Pfr. Lic. Dr. Johann Kump. Ilde XV.
XVI. Kriegspredigten f. die feftlofe Hälfte des Kirchenjahres. (VIII,
326 S.) 8°. Leipzig, Krüger & Co. 1916. Geb. M. 5 —