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Ausgabe:

1917 Nr. 5

Spalte:

104-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vierkandt, Alfred

Titel/Untertitel:

Machtverhältnis und Machtmoral 1917

Rezensent:

Titius, Arthur

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103 Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 5. 104

bekannt, wie diefe wirklich naiven Urteile zeigen. Und
damit bricht nun freilich fchon fein ganzer Beweis zu-
fammen: denn hier fehlt eine feelifche Vorausfetzung.
Aber es fleht nun, über alle diefe kritifchen Mängel der
Beweisführung hinaus, auch einwandfrei Tatfächliches im
Wege. Nicht die fubjektive Ausdeutung der Gedichte
Michelangelos ift entfcheidend, fondern der fchlichte und
unanfechtbare Wortlaut der Äußerungen Vittorias felber
müffen der Ausgangspunkt aller Deutungen fein. Und
da muß man doch wirklich ftaunen über das, was Wyß
aus den Briefen Vittorias herausgelefen hat. Es ergibt
fich fofort als ein Irrtum, daß Vittoria an Michelangelo
nur ein religiöfes Intereffe genommen und daß fie fich,
hierin enttäufcht, von ihm abgewendet habe. Es ift der
Künftler Michelangelo, der fie aufs tieffte gefeffelt und
dem fie überfchwenglich gefchrieben hat, wie zwei uns
erhaltene Briefe bezeugen. Das Schreiben aus Viterbo
vom 20. Juli 1543 (oder 1542?) als einen Abfagebrief
auszulegen, erfordert das völlige Überfehen derjenigen
Stellen, die für Vittorias Empfindungen fprechen. Sie
entfchuldigt fich, daß fie nicht gleich auf" einen Brief
Michelangelos geantwortet habe; ,mir kam fo vor, wenn
wir beide, ihr und ich, fortführen in diefer Weife zu
fchreiben (wie es meine Verpflichtung und Eure Liebenswürdigkeit
erfordert), fo würde ich den Stundendienft in
der Kapelle der h. Katherina und Ihr die Arbeit in der

Kapelle des h. Paulus verfäumen.....Da ich nun unfre

ftandhafte Freundfchaft und die durch chriftliches Band
befeftigle Zuneigung kenne, fo dünkt mich, ich brauche
nicht durch meine Briefe das Zeugnis der Eurigen hervorzurufen
, fondern ich erwarte ftets bereit eine wirkliche
Gelegenheit Euch zu dienen, indem ich den Herren bitte
.... daß ich Euch bei meiner Rückkehr wiederfinde mit
feinem durch wahren lebendigen Glauben erneuerten
Bild im Herzen, wie Ihr es in meinem Bilde von der
Samariterin fo fchön gemalt habt. Und immer empfehle
ich mich Euch und ebenfo Eurem Urbino'. Es ift zuzugeben
, daß diefer Brief fehr häufig irrig und übertreibend
überfetzt worden ift, aber die feelifchen Momente eines
Abfagebriefes trägt er doch gewiß nicht in fich — um
fo weniger, wenn man den damaligen erregten und gebrochenen
Seelenzuftand Vittorias erwägt. Dafür, daß
Michelangelo nicht nur unter Vittorias Einfluß fich einer
beftimmten religiöfen Richtung hingab und daß feine
Kunft fich geändert habe, fondern daß in feiner Natur
von Haus aus Ähnlichkeit lag, feien folgende Beweife
genannt: die Pietä von 1500, der auferftandene Chriftus
von 1518—1521, das Gedicht an Vafari von 1554 —nur
daß fein ruhelofes Sehnen nicht allein im Religiöfen
aufging, wohl aber in fpäteren Jahren mit dem ganzen
Geift der Zeit ftärker auf das religiöfe Gebiet hingelenkt
wurde. Wer Michelangelo fo völlig mißverfteht, wird
auch einer Vittoria Colonna fchwerlich gerecht zu werden
vermögen. Selbft Dante gründlich mißzuverftehen ift
dem Verfaffer gelungen, indem er den Vers Parad. XXIX,
91 — einen Tadel der irrenden Philofophie und Theologie
— als einen ,Ausfall gegen Rom' deutet! Das ift ein
Stück Antikatholizismus, wie er auch fonft aus dem
Buche hervorfieht und doch nur Irrtümer des Verfaflers
anzeigt. Das Buch ift nicht ohne Wert, aber über
Einzelnes hinaus läßt fich diefes Lob nicht ausdehnen.

Leipzig. W. Goetz.

Mandel, Prof. D.: Das Gotteserlebnis der Reformation. Eine
apologet. Rede in erweiterter Form. (Beiträge zur Förderg
, chriftl. Theol. 20. Jahrg. 1916. 3. Heft.) (55 S.)
8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1916. M. 1.20

,Die Reformation bedeutet geradezu eine beftimrnte
Grundanfchauung von Gott und Religion, eine neue Gotteserkenntnis
, ein neues Gotteserlebnis' (7). Diefen zweifellos
richtigen Satz fucht M. auf Grund der eingehend dar-
geftellten und mit Luthers Zeugniffen illuftrierten Buß-

und Heilserfahrung Luthers deutlich zu machen (8—20).
Das Gotteserlebnis der Reformation faßt er in das eine zu-
fammen: fchlechthinnige Hingabe, wie fie von Chriftus,
grundlegend verwirklicht worden ift und wie fie von uns
die wir von Natur uns felbft leben, in der Verurteilung
unferes felbftifchen Wefens als Sünde, d. h. in dem Zu-
fammenbruch unfres eignen Ich vor Gott, und das bedeutet
zugleich in der vollkommenen Abhängigkeit von der vergebenden
Gnade Gottes, erlebt werden kann (34). Zur
Vergewifferung der Wahrheit und des Inhalts dieses Gottes-
erlebniffes will M. einen doppelten Beweis feftftellen; den
Offenbarungsbeweis: an der gefchichtlichen Wirklichkeit
des Gottesreiches in der natürlichen Menfchheit erleben
wir die Wirklichkeit des lebendigen Gottes, — und den
Erfahrungsbeweis: der Geift der Gottesherrfchaft wird
hier zum perfönlichen Erlebnis in uns, Joh. 7, 17. Die
folgenden Seiten (43 ff.) fetzen, zur weiteren Erläuterung
des Inhaltes des Gotteserlebniffes, ein fehr umfaffendes
Material in Bewegung, ,eine gedrängte, vielfach nur andeutende
fyftematifche Darfteilung der Gotteslehre'. Seine
Ausführungen nennt der Vf. ,eine apologetifche Rede'.
Sie gilt ,der Moderne', die die Bedeutung der Reformation
,nicht in ihrem pofitiven religiöfen Inhalt, fondern in ihrer
allgemeineren kulturgefchichtlichen Wirkung, in ihrem
negativen Verhältnis zum Mittelalter, in der Befreiung
von den Autoritäten des Katholizismus, in der Verfelb-
ftändigung des Individuums und der Vorbereitung der
Aufklärung' erblickt.

Daß M.'s Hauptthefe zu Recht befteht, bedarf keines
näheren Beweife.s; vielleicht hat indeffen der fchwerfällige
Apparat feiner apologetifchen Argumentation die Klarheit
und Feftigkeit feiner Pofition eher gefchädigt als
gefördert. Im Einzelnen ließen fich mancherlei Ausheilungen
machen. So ift z. B. Luthers Stellung zur
deutfchen Myftik fchwerlich zu einem der Gefamtheit
der beiderfeits behandelten Probleme entfprechenden
Ausdruck gebracht worden; auch die Andeutungen über
den mittelalterlich-katholifchen Gottesbegriff, den der Vf.
als eine einheitliche Größe zu betrachten fcheint, lafien
an Schärfe und Beftimmtheit zu wünfchen übrig. Die
Lutherzitate find meiftens treffend gewählt und befchränken
fich nicht auf die längft bekannten und in allen Handbüchern
immer wiederkehrenden; M. zitiert bald nach der
Weimarer, bald nach der Erlanger Ausgabe.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Maurenbrecher, Max: Neue Staatsgelinnung. (Tat-Flug-
fchriften 17.) (38 S.) 8°. Jena, E. Diederichs 1916 M.—80

Scholz, Priv.-Doz. Dr. Heinr.: Politik und Moral. Eine
Unterfuchg. über den fittl. Charakter der modernen
Realpolitik. (Perthes' Schriften zum Weltkrieg, 6.
Heft.)

(VI, 42 S.) 8°. Gotha, F. A. Perthes 1915. M. —60
Baumgarten, Otto. Politik und Moral. (V, 179 S.) 8°.

Tübingen, J. C. B. Mohr 1916. M. 3 —

Vierkandt, Prof. Dr. Alfred: Machtverhältnisu.Machtmoral.

(Philofophifche Vorträge Nr. 13.) (64 S.) gr. 8°. Berlin
, Reuther & Reichard 1916. M. 1.60

Maurenbrecher fchildert das Erlebnis des deutfchen
Volkes bei Kriegsausbruch als eine neue Offenbarung
über den Staat, eine Rückkehr zur ftrengen alt-
preußifchen Staatsgefinnung im Gegenfatz zur perfönlichen
Lebensgier. Der Staatswille ift als Fähigkeit per-
fönlicher Aufopferung für die Zukunft des Volkstums
erlebt worden, der Staat als fittliche, ja als religiöfe Größe
im Sinne Fichtes und Hegels, während die marxiftifche
Formel, daß er Unterdrückung einer Klaffe durch die
andre fei, fich als verfehlt herausgeftellt hat. Auch nach
fiegreich beendetem Kampfe werden wir allein ftehn, und