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Ausgabe:

1917 Nr. 4

Spalte:

88-90

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wychgram, Jakob (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die deutsche Schule und die deutsche Zukunft. Beiträge zur Entwicklung des Unterrichtswesens 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 4

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Jefus, dem Urchriftentum, der Kirche usw. drinnen flecken
läßt, ift für meinen hiftorifchen Realismus eine einfache
Ungeheuerlichkeit.

2. Für den Theologen mag ein folches Eingeftänd-
nis fchwierig fein.fürden lediglich religiöfen Menfchen iftdas
nicht der Fall. Für ihn fragt es fich nur, ob die fo umgeformte
Chriftlichkeit feinem religiöfen Gefühl und In-
ftinkt entfpricht. Da fleht denn Bekenntnis gegen Bekenntnis
, da die angeblichen Vernunftnotwendigkeiten
Dorners bei ihren verbleibenden kraffen Widerfprüchen
nichts entfcheiden können. Da ift nur zu fagen: Dorners
Lehre ift eben das Chriftentum des Neuhumanismus,
darin dem Schleiermacherfchen fehr ähnlich. Ich kann
meinerfeits in Religion, Leben und Ethik fo viel Harmonie
und göttliche Immanenz, fo glückliche Auflöfung aller
Widerfprüche nicht entdecken und empfinden. Mir verbleiben
tiefe Spannungen, Gegenfätze und Rätfei, aus denen
nur der Sprung ins Unbegreifliche und dennoch Er-
löfende befreit. Das wird Dorner für unvernünftig halten,
wie er denn ja auch meine Lehre—vielleicht aus Schonung
— völlig ignoriert, und wir könnten uns nun über das
Wefen der Vernunft ftreiten, wozu hier kein Raum ift.
Im übrigen will ich nicht unterlaffen, Dorner in dem einen
Punkte völlig zuzuftimmen, daß nämlich alles Hiftorifche
in der Religion von dem Moment ab, wo eine ernfthafte
hiftorifche Kritik und Wiffenfchaft befteht, nur als Anregung
und Vehikel eigener Religiofität in Betracht
kommen kann. Immerhin bedeutet dann aber doch diefes
Bedürfnis des Erregt- und Getragenwerdens gewiffe
Schranken der religiöfen Autonomie, wie denn der moderne
Autonomie-Gedanke m. E. nicht ganz fo durchfichtig
und radikal ift, wie er fehr vielen Leuten erfcheint.
Es handelt fich doch immer, fogar in der Wiffenfchaft,
in erfter Linie um Rezeption und erft in zweiter um
möglichfte Verinnerlichung, Aneignung, Rekonftruktion
und perfönliche Bejahung. Dies ,möglichft' aber ift
fehr vielfagend.

Berlin. E. Troeltfch.

Pfordten, ProfDr. Ottov.der: Ethik. (Sammlung Göfchen
Nr. 90) (147 S.)kl. 8». Berlin, G. J. Göfchen. Geb. M. 1 —

Die .Einleitung' erörtert die Begriffe Wert, Norm, Ideal, und
zeigt, daß .Ethik nie durch Tatfachenwiffenfchaften zu finden', ,das ethi-
fche Ideal zu formulieren eine unabhängige Leiftung der Vernunft ift',
und daß die .grundlegenden Wertungen nicht logifch begründet werden
können'. Ein erfter (.empirifcher') Teil behandelt ,die Vorftufen der
ethifcheu Wertung' (.Konflikte mit Sitte und Recht geben erft Ethik',
,wenn der Nutzen aufhört, fängt die Ethik an'); dann .die Normquellen'
(fchematifch wird der Ertrag der Kulturgefchichte und Völkerpfychologie
werwertet, die Bedeuturg der führenden Einzelnen, ihres ethifchen
Erlebens und ihrer Wirkung auf andere durch Lehre und Vorbild,
Tradition, Heroenkult ausgeführt), endlich .die Erfaffung der Normen'
(ihre Aufnahme in den Willen, Willensfreiheit, Bedeutung von Gefühl
und Phantafie). Der zweite (.theoretifche1) Teil befpricht die .philofo-
phifchen Richtungen', auch dies uicht in gefchichtlichem Überblick, fondern
fo, daß die Hauptrichtungen und ihre Grundbegriffe der fyftemati-
fchen Klärung dienen (z. B. Autonomie, emotionale Ethik, gut und Gut,
Ipfismus und Altruismus) und den Gedanken des .Ideals', wie ihn der
Verfaffer verlieht, näher beftimmen; darauf die .Geltung der ethifchen
Forderung' (durch keine, übrigens meift übertriebene Differenz der fitt-
lichen Ideale ift ihr Recht zu erfchüttern, das Gute die Beftimmung des
Menfchen, .der Menfch das ethifche Tier'); endlich ,Ideale und Aufgaben
' (ihr Inhalt, vgl. oben, von den .Normenkündern' gefchaffen, ihre
.Entwicklung' durch .Opfer' hindurch). Zum Schluß verbreitet fich ein
.angewandter Teil' über die wichtigften .objektiven Gebilde' (Kultur und
Ethik, Ethik und MammoD, Beruf, Freundfchaft, Sexualität, Gefellfchaft,
Staat, Kunft, Kirchen) und über ihr fubjektives Koirelat, .die Tugenden'.

Die gedrängte Überlicht gibt kein zureichendes Bild
von dem Reichtum des Buchs. Sie kann feine Eigenart
vollends nur andeuten. Diefe ift vor allem bezeichnet
durch Befchränkung auf die Hauptfachen, wodurch an
den wichtigften Punkten Raum für anfehauliche Beifpiele
gewonnen wird. Ferner durch den erfrifchenden Mut
der eigenen Überzeugung, manchmal gegenüber weitverbreiteten
Lieblingsmeinungen. So hat fchon die von Anfang
an durchgeführte bewußte Unterfcheidung der ge-
netifchen und kritifchen Betrachtung etwas Befreiendes;

ebenfo die durchgehende Betonung des intuitiven Charakters
der grundlegenden Wertungen, damit der Verzicht
auf alle Überfchätzung der philofophifchen Betrachtung
gegenüber den .Normenkündern' und .Völkerpädagogen
'. Widerfpruch, m. E. unbegründeten, werden
ohne Zweifel die tapferen und lichtvollen Bemerkungen
über die Willensfreiheit hervorrufen. .Die Verdrehungen
und Unklarheiten, die dazu erforderlich find, eine Ethik
zu begründen und mit dem Determinismus des mecha-
nifchen Materialismus in Einklang zu bringen, übertreffen
die kühnften Sophismen aller Zeiten', dies Wort werden
viele billigen, die dann doch nicht mit dem Verf. zu
fagen wagen: ,wir können die Norm mit freiem Entfchlul.i
auf den Thron erheben oder fie ablehnen'; denn dies
.bejahen' oder .ablehnen' ift für ihn in feinem fchlichten
Wortfinn völlig ernft gemeint und wird nicht zuletzt in
den beliebten Worten von .pfychologifcher Freiheit und
metaphyfifcher Notwendigkeit' begraben. Befonders beachtenswert
erfcheinen mir die Ausführungen über ethifche
.Evolution', namentlich der Satz, daß das ,Ideal' (in feinem
innerften Gehalt) nicht erft fehr fpät und nicht nur
allmählich auftauchen müffe. Der Raum verbietet eine
Aufzählung der vielen feinen Sätze in der Darfteilung
der .objektiven Gebilde', z. B. daß der Gefühls- und
Willenscharakter der chriftlichen Ethik nicht wieder zu-
gunften des Intellektualismus der griechifchen verkürzt
werden dürfe, oder die forgfame Erwägung des Sexualproblems
oder die Worte über den .Freimaurerbund'
der .guten Gefellfchaft' oder über das Chamäleon .Naturrecht
', über Völkerrecht, Staatsverfaffung, moderne
Kunft u. a.

Der Wunfeh weiter Verbreitung des Buchs mag die
Ausfprache einiger Wünfche rechtfertigen. Die .Einleitung
' ift wohl in ihrer Kürze für die .Gebildeten' ohne
Fachkenntniffe fehr fchwer verftändlich, während ihr
Sinn fpäter von felbft deutlich wird. Umgekehrt bringt
der letzte Abfchnitt über die .Tugenden' kaum etwas
Neues. Durch folche Verkürzungen dürfte Platz gewonnen
werden, am entfeheidenden Ort den Begriff des
.Ideals' noch deutlicher zu beftimmen und feine Geltung
noch überzeugender zu begründen.

Auch könnte das Verhältnis der vorgetragenen Ethik zur chriftlichen
ausdrücklich bezeichnet fein, und wenn wir theologifcheu Ethiker
die philofophifche Literatur überall eingehend verwerten und nennen, fo
wird der Wunfch nicht kleinlich erfcheinen, daß z. B. eiue Ethik wie
die W. Herrmanns im Literaturverzeichnis erwähnt werde. Es befteht
hierin noch immer weithin ein ähnliches Verhältnis wie zwifchen Philologen
und Theologen in der Religionsgefchichte.

Tübingen. Th. Haering.

Die deutfehe Schule und die deutlche Zukunft. Beiträge zur
Entwickig. des Unterrichtswefens. Gebammelt u. hrsg.
v. Jakob Wychgram. (XVIII, 467 S.) gr. 8°. Leipzig,
O. Nemnich 1916. Geb. M. 7—

In Nr. 23 des Jahrganges 1916 habe ich Norren-
bergs Sammelwerk ,Die deutfehe höhere Schule nach dem
Weltkriege' allen denen empfohlen, die den Zuftand und
die Zukunftswünfche unferer höheren Schulen aus dem
Munde erfahrener Fachleute kennen lernen wollen. Heute
habe ich ein ähnliches Sammelwerk anzuzeigen und darf
ihm wohl noch mehr Aufmerkfamkeit erbitten, da es
feinen Rahmen viel weiter fpannt.

Familienerziehung, Kinderpflege, Jugendpflege und
Jugendfürforge, militärifche Übungen und weibliches
Dienftjahr, dazu alle Arten von Unterrichtsanftalten von
der Kleinkinderfchule über Volks- und Mittelfchulen bis
zu den verfchiedenen Formen der höheren Schulen für
beide Gefchlechter, bis zu Fach- und Fortbildungsfchulen
und den verfchiedenen Frauenfchulen werden uns von
fachkundigen Vertretern, z. T. doppelt oder mehrfach nach
ihren Bedürfniffen und Wünfchen, Ausfichten und Zielen
gefchildert, dazu auch die Probleme der Lehrerbildung.
Abgefehen von den Hochfchulen und auch den höchftens