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Ausgabe:

1917 Nr. 4

Spalte:

82-83

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dunkmann, Karl

Titel/Untertitel:

Die theologische Prinzipienlehre Schleiermachers nach der Kurzen Darstellung und ihre Begründung durch die Ethik 1917

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 4.

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fprechung Theol. Literaturzeitung 37. Jahrg. 1912 Nr. 9) I Vaihinger zu der Brofchüre: ,Der Atheismusftreit gegen
angefchloffen hat, läßt immer deutlicher hinter der hifto- j die Philofophie des Als Ob'. Vaihinger weift darin die
rifchen Frage, ob Vaihinger Kant richtig ausgelegt hat, ; lächerliche Behauptung ab, Kant fei ein unlauterer Cha-

die letzte Weltanfchauungsfrage hervortreten, nämlich die
Frage, ob es überhaupt Wahrheit im bisherigen Sinne
des Wortes gibt, oder ob alles, was wir fo nennen, nur
der Ausdruck für eine biologifche Funktion des«Men-
fchen ift. Anton Weffelsky ift einer der intereffanteften
Schüler Vaihingens, der in feiner Schrift .Philofophie der
Tat, Entwurf einer Weltanfchauung und Ethik' die biologifche
Auffaffung der Wahrheit zu einer fyftematifch
durchgeführten Lebensanfchauung ausgeftaltet hat. Die
vorliegende Studie .Forberg und Kant' ift die hiftorifch-
kritifche Grundlegung zur .Philofophie der Tat'. Diefe
Studie gibt zunächft einige Beiträge zur Gefchichte der
Als-Ob-Philofophie, die Vaihingers eigene Darftellung in
mehreren Punkten korrigieren und ergänzen. Vaihingers
Annahme ift unrichtig, daß außer Forberg höchftens
Fichte in feinem Briefe ,Kants Theorie des Als ob' beachtet
habe. Schulze-Änefidem geht in feiner Kritik der
theoretifchen Philofophie ausdrücklich auf die Als-Ob-

rakter. ,ein Vertreter des Jefuitismus in feiner fchlech-
teften Form' gewefen, nimmt D. Steinmann gegen Bunds
fanatifche Angriffe in Schutz und verteidigt fich felbft
gegen den fittlichen Vorwurf, er habe aus Opportunitäts-
rückfichten der Welt den .wahren Kant' ein Menfchen-
alter lang vorenthalten. Wertvoller als diefe Abwehr
perfönlicher Verunglimpfungen, die ohne jedes allgemeine
wiffenfehaftliche Intereffe ift, wäre eine fachliche Ausein-
anderfetzung mit dem ernfthaften religiöfen Einwand
gewefen, der hinter dem Vorwurf des Jefuitismus fteckt,
und den fchon Reinhold in feiner Kritik der Philofophie
des Als ob dahin zufammengefaßt hat: ,Ihr müßt diefes
euer Wiffen in dem praktifchen Flandeln im wirklichen
Leben vergeffen, wenn ihr an Gott glauben follt. Könnt
ihr es aber dabei nicht zu diefem Vergeffen bringen,
dann ift auch euer Glaube beim Handeln keine Überzeugung
, fondern nur ein bloßes Flandeln, als ob Gott
wäre — ein Tun, als ob ihr nicht wüßtet, daß kein

Theorie ein, lehnt fie aber ab, weil die Ideen nach Kants ; Gott ift'.
Prolegomena die Bedeutung haben, die menfehliche Ver- Münfter i W K Heim

nunft über eine Beziehung der Erfahrung auf einen ober-

ften überfinnlichen Grund zu belehren. Ebenfo fetzt I _ . T. . _ . . n* *■

fich Reinhold, befonders in einer Abhandlung ,über die Dunkmann, Karl, Prof. Dr.: Die theologifche Pnnzip.enlehre

Automomie als Prinzip der praktifchen Philofophie', Schleiermachers nach der Kurzen Darfteilung u. ihre
kritifch mit dem Als-Ob-Gedanken auseinander. Begründg. durch die Ethik. (Beiträge zur Förderg.

Noch wertvoller ift das, was Weffelsky zur gefchicht- chriftl. Theol. 20. Jahrg. 1916, 2. Heft.) (154 S.) 8".
liehen Würdigung Forbergs beiträgt Vaihinger hatte nur Gütersioh> Q Bertelsmann 1916. M. 3.60

Forbergs Auflatz über die Entwicklung des Begriffs der

Religion und dann deffen Apologie feines angeblichen Dunkmann fetzt feine in der Schrift ,Die NachAtheismus
gekannt, bzw. berück fichtigt. Er glaubte Wirkungen der theologifchen Prinzipienlehre Schleierdarum
, Forberg habe die Als-Ob-Lehre nur auf die Re- machers' (Beitr. zur Förderung chriftl. Theol. 1915) be-
ligion angewandt. Weffelsky macht auf mehrere zum < gonnenen Schleiermacher-Studien (vgl. meine Befprechung
Teil anonym erfchienene Abhandlungen Forbergs auf- i Theol. Rundfchau 1916, S. I30f.) fort, ohne fie zu Ende
merkfam, aus denen hervorgeht, daß Forberg den Stand- ; zu führen. Er befchränkt fich darauf, die in der .Kurzen
punkt des Als ob nicht bloß als religionsphilofophifche , Darfteilung des theol. Studiums' gegebenen Ausführungen
Theorie, fondern als transzendentalphilofophifche Gefamt- j Schleiermachers über Begriff und Methode der Theologie
anfehauung vertrat. Iiierwirkt nun aber auf Weffelskys zu erörtern und an Schleiermachers philofophifcher Ethik
hiftorifche Darfteilung die fyftematifche Tendenz ein, der l zu meffen. Auf eine eingehende Prüfung, wie Schi, diefe
er im letzten Abfchnitt .Philofophie der Tat' Ausdruck '. Sätze in feiner Glaubenslehre felbft, zumal der Einleitung
gibt. Forberg führt in feiner im Pfychologifchen Ma- ' in diefelbe bewährt hat, weift D. S. 37 hin, bietet aber

diefen Abfchluß feiner Studien in der vorliegenden
Schrift noch nicht. — D.s Schrift gehört zu den Schleiermacher
-Arbeiten, die Schi, in den Dienft der Gegenwart

gazin veröffentlichten Abhandlung .Über die Perfek-
tibilität der Menfchengattung' den praktifchen Vernunft
glauben auf die mit dem allgemeinen Zweck der menfeh

liehen Natur gegebene Maxime zurück, feine Anlagen zu ; ftellen und direkt an ihn anknüpfen wollen, indem fie ihi

entwickeln, niemals in der Kultur ftillzuftehen, insünend- j fort- bzw. umbilden. Machen wir uns daher die Tendenz
liehe fortzufchreiten. Weffelsky trägt hier den darwi- des D.fchen Umbildungsverfuches klar. Nach D. hat die
niftifchen Entwicklungsgedanken der neueren Natur- : fyftematifche Theologie eine doppelte Aufgabe: fie foll
wiffenfehaft ein und findet fchon bei Forberg, ebenfo wie i I. efoterifch das Chriftentum als pofitive hiftorifche Größe
in dem nachgelaffenen Werk von Kant, die biologifche | nach feinem Zufammenhang mit der Glaubenserfahrung
Erklärung der Fiktionen, den biologifchen Standpunkt in darfteilen. Auf jeden rationalen Beweis fei zu verzichten,
der Auffaffung der Kategorien, alfo den modernen Ge- j Die Darftellung fei felbft der Beweis. .Begriffsbeftimmung
danken, in dem er die letzte Löfung aller Lebensfragen ■ nämlich eines Individuellen, Gegebenen ift der einzig

fiehl: die Metaphyfik wird durch die Ethik überwunden,
die dogmatifierende Selbftbetörung hat auch in ihrer
letzten abftrakteften Form aufgehört; die lebendige Tat
des wirklichen Menfchen, der aufrecht ins Ungewiße, Unbekannte
geht, ift die letzte Wirklichkeit, die wir haben.

Der Einwand, den jeder religiös intereffierte Menfeh
diefer biologifchen Auffaffung der Wahrheit gegenüber
hat, fand in zwei Schriften von Hugo Bund (,Kant als
Philofoph des Katholizismus' 1913, ,Die Naturwiffenfchaft
als Stützpunkt des religiöfen Glaubens. Mit einem Wort
zur Kant-Frage' 1915) einen etwas gefchmacklofen Ausdruck
. Hugo Bund findet die .Religion als ob' jefuitifch.
Sie erfcheint ihm als ein Doppelfpiel, eine Anerkennung
der fittlich-religiöfen Überzeugungen mit der reservatio
mentalis, daß fie doch im letzten Grunde Illufionen feien.
Diefer Angriff, der mit Denunziationen gegen die Kan-

mögliche wiffenfehaftliche Beweis eines folchen' (S. 146).
2. habe die Theologie exoterifch das Chriftentum nach
feinem Zufammenhange nach außen darzuftellen; dies
fei Aufgabe der Religionsphilofophie. Die Religions-
philofophie D.s will nicht wie die Schleiermachers die
relativen Wahrheitsmomente der andern Religionen her-
ausftellen, fondern glaubt beweifen zu können, ,daß tat-
fächlich das Chriftentum die einzige Religion ift, die dem
Begriff der Religion entfpricht' (S. 151). Es liegt auf der
Hand, daß damit aus Sehls Prinzipien etwas ganz anderes
gemacht ift. Zumal die Begriffe exoterifch und efoterifch
für die philofophifche Theologie und für die Glaubenslehre
finden fich bei Schi, nicht. D. behauptet nur, ,daß
Schi, diefer Formulierung der Aufgabebeftimmung klar (?)
zuftrebt' (S. 40). Inwiefern die Darfteilung einer individuellen
Größe (alfo z. B. des Islam) zugleich ihr Beweis

tifche Philofophie, gegen Vertreter verwandter Richtungen fein foll, ift mir nicht verftändlich, da wir alle darge-
und gegen Vaihinger felbft verbunden ift, veranlaßte i Hellten Größen an Normen meffen muffen.

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