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Ausgabe:

1917 Nr. 3

Spalte:

58-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Melanchthon, Philipp

Titel/Untertitel:

Schriften zur praktischen Theologie. Teil 1: Katechetische Schriften. Hrsg. v. Ferdinand Cohrs 1917

Rezensent:

Knoke, Karl

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57 Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 3. 58

verfolgen können. Das Domkapitel ift in Eichftätt ganz i der vermittels des Marken Hebels der neuen religiöfen
allein wahlberechtigt, es hat feine Forderungen welent- I Wahrheitsftellung, die er fich erobert hatte, auch die
lieh im 15 Jahrhundert feftgelegt. Doch fehen wir mehr- | große Umwälzung auf dem gefamten Gebiete der gei-
fache Gecr'envorftöße der Bifchöfe gegen die überhand j ftigen Entwicklung herbeigeführt hat, ift dem Redner

nehmende Macht des Kapitels. So hat der einfichtige
Johann III. v. Eich (f 1464J verfucht, die Anfprüche feiner
Wähler herabzufchrauben und Kafpar von Seckendorf
(t 1595, ref. 1593) hat in einem fchließlich doch vergeblichen
Kampfe gegen die Übergriffe der Domherren die
Hilfe Roms in Anfpruch genommen. Es zeigt fich, daß
die Bifchöfe ftets gut daran getan haben, im Einvernehmen
mit ihren Wählern zu handeln, ihre Wünfche zu

nicht zweifelhaft. Wenn er am Schluß meint, vielleicht
trete aus feinen Ausführungen die Auffaffung als die feine
hervor, ,daß die Reformation in erfter Linie religiöfe Ur-
fachen habe' — fo ift damit allerdings fchlagend und richtig
bezeichnet, was die große Bewegung hervorgerufen hat.
Sehr beachtenswert ift dabei, was in dem nachträglich
erfolgten etwas erweiterten Abdruck der Rede in der
.Hiftorifchen Zeitfchrift' (Bd. 116, S. 377—45») als Anm.

erfüllen und nicht auf die Hilfe des Kaifers oder des 2 auf S. 457 beigefügt wird — namheh ein Wort des
Papftes zur Erzwingung kanonifcher oder reichsfürftlicher ; Redemptonftenpaters Clemens Hoffbauer, ,daß der Ab-
Rechte zu pochen. Perher zeigt Br. in einem zweiten, j fall von der Kirche eingetreten fei, weil die Deutfchen
fyftematifchen Teile die einzelnen kirchlichen und weit- j das Bedürfnis hatten und haben, fromm zu fein. Nicht
liehen Forderungen des Kapitels. Es ift felbftverftänd- I durch Ketzer und Philofophen, fondern durch Menfchen,
lieh, daß das Kapitel feine Anfprüche bei der Verwaltung i die wirklich nach einer Religion für das Herz verlangten,
des Kirchenguts geltend gemacht hat: es hat fich im ! ift die Reformation verbreitet und erhalten'. Möchten
Laufe der Zeit mit Erfolg der Vergebung von Kirchen- j unfere katholifchen Volksgenoffen gerade jetzt, wo wir
gut an Laien widerfetzt und auch fpäterhin die Nieder- j in das Jubiläumsjahr der Reformation eintreten, diefe
laffung neuer Orden und geiftlicher Inftitute zu verhin- ! Linie der Beurteilung einhalten!

dem verfucht Es hat ferner die kirchliche Gerichtsbarkeit Was die Gliederung der Rede betrifft, fo ift es er

dem Kapitel, befonders dem Domdekan vorbehalten
wollen und auch in der Diözefanverwaltung durch Hintertreibung
der Synoden feinen Einfluß zum Ausdruck ge

klärlich, daß zunächft ein Blick auf die vor der Reformation
liegende Zeit erfolgt, auf den Niedergang des
Kirchenwelens im Mittelalter und die vergeblichen Beffe-

bracht. Befonders intereffant ift der Umftand, daß das ! rungsverfuche. Wie diefe Verfuche auf mehreren Gebie-
Kapitel auch der Begründung des berühmten Eichftätter j ten einfetzten, fo hat man auch eine Reihe von Erkla-
Seminars, des erften tridentinifchen in Deutfchland, rungen für die Reformationsbewegung zu geben verfucht.
Schwierigkeiten gemacht und feine Entwickelung ge- I Der Redner weift es zurück, wenn verlucht wird, fie
hemmt hat. Das Domkapitel hat fomit indirekt die Be- j als eine wiffenfchaftlich-foziale (S. 31) oder als eine poli-
rufung der Jefuiten veranlaßt. Nach Aufhebung des j tifche (S. 33), im Inteieffe der Staatsgewalt, oder als eine
Ordens freilich ift das Seminar und das mit ihm ver- | auf die Säkularifation des Kirchengutes (S. 47) gerichtete
einigte Kollegium vom Domkapitel freudm und reichlich zu erklären. Aber auch die Kritik des Humanismus
gefördert. Sonderbar find auch die Schwierigkeiten, die (S. 54ff.) würde eine Reformation nicht zuftande gebracht
die Kathedralgeiftlichkeit dem Bifchof bei einer Ein- j haben. Das Ziel ift ein anderes: fchon in und mit der
führung notwendiger liturgifcher Neuerungen macht. Alle j Kritik ift es Luthers Beftreben, den Seelenfrieden zu er-
diefe Momente finden ihren Niederfchlag in den Wahl- langen (S. 62). So bleibt der Schluß: die Reformation
kapitulationen; fie geben gelegentlich Zeugnis von weifer 1 hat religiöfe Wurzel — da liegt ihre Urfache und darin
Vorficht, kluger Kirchenpolitik und ftaatsförderndem In- ! auch ihre Bedeutung.

tereffe. Oft find diefe Beftimmungen allerdings auch ! Auf eine Auseinanderfetzung mit Troeltfch hat der
kleinlich, zuweilen fallen fie gar auch unter den Begriff j Verf. es nicht abgefehen, wie das fchon die Überfchrift
der Simonie. Das gilt häufig für die Angelegenheiten ' der Rede dartut. Gewiß würden weitere Kreife gern
weltlichen Rechts, die in den Kapitulationen Erörterung i eine folche von Seiten desjenigen Hiftorikers entgegenfinden
. Da gehen die Forderungen foweit, daß das Ka- i nehmen, der in jener Stuttgarter Verfammlung vom Jahre
pitel für fich in jeder Weife eine Art Mitregierung ver- | 19°6 den Vorfitz geführt hat. Sie müßte dann an dem
langt hat, während ihm eine folche nur in Zeiten der j Punkte einfetzen, bis zu welchem die vorliegende Rede
Sedisvakanz zuzufprechen ift. Br. verfäumt es nicht, ; geführt hat.

diefe fimoniftifchen Anwandlungen der Domgeiftlichkeit Königsberg. Benrath,
ftark zu geißeln. Doch fie gehören in das Bild. Die

Kapitelsherren haben doch bei Befferung ihrer Lage ins- „ ... ... „ , ...

fondere die Lage ihrer Kirche im Auge gehabt. — Die j Melanchthons, Philipp, Schriften zur praktifchen Theologie.

Eichftätter Gefchichtsforfchung hat ebenfo wie die kirch- ] Tl. I. Katechetifche Schriften. Hrsg. v. Konf.-Rat u.

hche Rechtsgefchichte dem Verfaffer für diefe gediegene I Superint. D. Ferdinand Cohrs. Mit e. Nachbildg.

Arbeit zu danken. des Kleinen Katechismus v. 1549. (Supplementa

Leipzig. Otto Lerche. Melanchthoniana. 5. Abtig., TL I.) (CLVI, 485 S.

~Z~t I ~ ~ ~-T— gr.8°- Leipzig, R. Haupt 1915. M. 30 —; geb. M. 33 —

Below, Prof. Dr. G. v.: Die Urfachen der Reformation. Rede ! ö.. FB F y 3 0 ö

bei Übernahme des Prorektorats. (91 S.) 4°. Freiburg j . TYbrer den Ante'1> welcl'en Melanchthon als Humanift
t, f- und Reformator an der katechetifchen Jugenderziehung in

den höheren und niederen Schulen gehabt hat, waren
wir bisher nicht genau genug unterrichtet. Die Veröffentlichung
feiner einfehläglichen Schriften im Corpus
Reformatoren! erweift fich bei näherem Studium als

Ein ganzes reiches Kompendium der neueren Beurteilung
der Reformation in einer Rede, der .einige
Sätze' (S. 72) und eine Fülle von orientierenden literari-

fchen Noten für den Druck beigefügt worden find. Seit j lückenhaft und nicht immer als zuverläffig. Da ift es
Troeltfch's bekanntem Stuttgarter Vortlage von 1906, j als ein verdienftliches Unternehmen zu bezeichnen, daß
denwuerft Loofs 1907 antwortete, ift die Frage, ob in j die Melanchthon-Kommiffion des Vereins für Reforma-

tionsgefchichte es unternommen hat, Supplementa Melanchthoniana
herauszugeben und die Zulämmenftellung
der katechetifchen Schriften Melanchthons D. Ferd. Cohrs
zu übertragen, der fich durch feine ,Ev. Katechismusver-
fuche vor Luthers Enchiridion' bleibende Verdienfte um
die praktifch-theologifche Wiffenfchaft erworben und fich

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der Tat Luther und fein Werk als der Wendepunkt vom
Alten zum Neuen, vom Mittelalter zur modernen Entwicklung
zu betrachten fei, immer wieder verhandelt
worden. Auch für die Prorektoratsrede von Below's bildet
fie den allgemeinen Hintergrund, von dem die fpe-
zielle Unterfuchung fich abhebt. Daß Luther es war,