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Ausgabe:

1917

Spalte:

25-27

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gomperz, H.

Titel/Untertitel:

Philosophie des Krieges in Umrissen 1917

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Fortgeführt von Professor D. Arthur Titius und Professor Lic. Hermann Schuster

lährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich IO Mark

. Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find ausfehl ic ßl i c h an rr r KTlIT

42. Jahrg. Nr. 2. Profeffor D. Titius in Göttingen, Nikolausberger Weg 66, rufenden. £[J. JaiTUcir LxJL/

Kczenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Kriegsliteratur (Titius).

Landcrsdorfer, Sumerifches .Sprachgut im
Alten Teftament (Ungnad).

Denk, Die altlateinifche Bibel in ihrem Ge-
i'amtbeftande vom i—9. Jahrh. (Jülieher).

Denk, Der neue Sabatier u. fein wiffenfehaft-
liches Programm (Derf.).

Schermann, Die allgemeine Kirchenordnung.
2. Teil. Friihchriftliche Liturgien (von Harnack
).

Süß mann, Das Erfurter Judenbuch (Strack).

Theologifche Arbeiten aus dem Rheinifchen wif-
fenfchaftlichen Prediger-Verein,N. F. 16. Heft.
(Zilleffen).

Kriele, Das Evangelium bei den Dajak auf

Borneo (Mirbt).
Beut er, Zu Schleiermachers Idee des ,Ge-

Hans, Die Unfterblichkeitsfrage (Steinmann).

Wibbelt, Ein Heimatbuch (Thimme).

Referate: Sickenberger, Kurzgefaßte Einleitung
in das Neue Teftament. — Gros,
Charakter- und Zeitbilder aus dem religiöfen

iamtlebens' (Mulert). Leben von Vergangenheit und Gegenwart.

Zahn, Das Jenfeits (Steinmann). _ .... .

Blau, Und dann? (Derf.) Entgegnung von Ed. Konig.

Hei big, Gibt es ein Fortleben nach dem Erwiderung von W. Nowack.

Tode? (Derf.) | Wichtige Kezenfionen. — Neuefte Literatur.

Kriegsliteratur.

(vgl. 1915, Nr. 14).

Ich beginne die Überficht mit Betrachtungen über
das Wefen ""des Krieges. Dankenswert ift die Neuausgabe
von Fichtes .Begriff des wahrhaften Krieges",
denn neben feinen /Reden' verdienen auch diefe Vor-
lefungen, wiewohl fie z. T. nur fkizziert find, allgemeiner
bekannt zu werden. Wahr ift der Krieg, in dem die
Freiheit eines Volkes, aus fich felber fich fortzuentwickeln,
bedroht ift; folcher Krieg ift von allen mit unbedingter
Aufopferung des Lebens zu führen, und es kann in ihm
keinen Frieden geben ohne vollftändigen Sieg, d. i. vollkommene
Sicherung gegen alle Störung der Freiheit.
Gut bemerkt ift der Unterfchied in der Auffaffung der
Freiheit bei Franzofen und Deutfchen (64) und bemerkenswert
die Würdigung Napoleons. — Eine feinfinnige
Analyfe der Beziehungen von Nietzfches Willenslehre
zum Kriege, die allerdings mehr Einheitlichkeit der Auffaffung
in N.s Aphorismen fucht, als darin fteckt, bietet
Brahn2. Richtig ift gewiß, daß nicht brutale Gewalt,
fondern Vornehmheit, Difziplinierung zur Selbftorganifa-
tion das letzte Ziel von Ns. Willenslehre ift. Neben den
einzelnen Kraftmenfchen tritt gelegentlich auch der Staat
als Lebens- und Machtwille der Gemeinfchaft hervor. Genie
und Staat treffen fich im Feldherrn und Staatsmann.
Kampf und Krieg find nicht nur Not, fondern Notwendigkeit
. Nur fo werden Stärke, Kraft, Hingebung an
eine große Sache der Menfchheit angezüchtet Das Ziel
aber kann nur eine neue höhere und ftärkere Kultur lein.
— Erwähnt fei noch Schufters2 forgfältiger Auffatz über
die Kriegsgedanken Luthers, der auch dem Kenner der
bekannten Schriften Luthers noch manches Neue zu
bieten vermag und an die objektive Darftellung eine
hiftorifch-kritifche Würdigung anfehheßt.

Zu den beften Würdigungen, die mir aus der phüo-
fophifchen Literatur über den Krieg bekannt geworden
find, rechne ich, fo wenig ich vorbehaltlos zuzuftimmen
vermag, die Schrift von Gomperz,4 m der, wenn auch

1) Füchte, Johann Göttlich: Über den Begriff des wahrhaften
Krieges in Bezug auf den Krieg im Jahre 181;;. Ein Entwurf f. den
Vortrag, m. e. Bede verwandten Inhalts hrsg. Tübingen 181$. (Hauptwerke
der Philofophie in originalgetreuem Neudruck, lid. VI.) (VI, »7 b.J
kl. 8°. Leipzig, F. Meiner 1914. M. I —

2) Brahn, l'riv.-Doz. Dr. Max: Friedrich Nietzfches Meinungen
über Staaten und Kriege. 2. Aufl. (30 S.) 8». Leipzig, A. Kröner 1015.

3) Schufter, Prof. Lic. Herrn.: Die Kriegsgedankeu Luthers.
(Zeitfchrift f. d. ev. Religionsunterr. 1916, Heft 6—8.)

4) Gomperz, H.S Philofophie des Krieges in UmriffeD. Acht

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nicht ohne Lücken, die wichtigfte ältere Literatur verarbeitet
ift. Heraklits und Hegels, durch Darwins bio-
logifche Anfchauung verftärkte Gedanken bilden die
Grundanfchauung, von der das Buch getragen ift. Der
Grundplan der Welt ift, mehr Leben auszuftreuen als zu
voller Entfaltung gelangen kann; an diefe Notwendigkeiten
findet fich auch der Menfch gebunden. Auch im ,ewigen
Frieden' bliebe das Leben der Menfchheit ein ernftes,
hartes, fchonungslpfes (vgl. 224 f 243 ff). Die Gefchichte
zeigt daher als Äußerung menfehlichen Lebens einen
beftändigen Wandel, der dauerndes Gleichgewicht und
abfoluten Stillftand ausfchließt (43). Aus ,anfcheinend
planlofem Aneinander- und Gegeneinanderfluten' fetzt fich
der einheitliche Strom der Menfchheitsgefchtchte zttfam-
men (246). Es findet fo eine Scheidung zwifchen lebensfähigen
und lebensunfähigen Völkern ftatt. Die Lebenskraft
eines Volkes aber als einer felbftändigen Lebenseinheit
befteht in dem Ernfte und der Unbeugfamkeit
des Willens, als felbftändiges Volk zu exiftieren, und der
Leiftungsfähigkeit feiner durch die Vergangenheit bedingten
Organifation (48 ff). Der Krieg gehört zu den
unvermeidlichen Erfcheinungen des Lebens der Volks-
gefamtheiten (28 f.); auf induftrieller Entwicklungsftufe
hört er nicht, wie Spencer meint, auf, nimmt vielmehr
nur eine neue Form an (70 f.) Krieg und Frieden find
zwei notwendige, in gewiffer Weife vielleicht fogar gleichberechtigte
Lebensformen der Menfchheit. Eine plötzlich
anwachsende Friedensfehnfucht, wie zu Beginn der chrift-
lichen Ära, läßt fich wohl nur als Alterserfcheinung erklären
(77 ff) 1 Die Friedensbewegung verfucht fich, wie
die Projekte des Abbe v. St. Pierre aufs deutlichfte
zeigen, an einer unmöglichen Aufgabe, der Feffelung der
Weltgefchichte. Die Idee des Weltbürgertums, als
Gegenfatz des Staatsbürgertums verftanden, ift falfch da
fie die organifche Auffaffung der Volkseinheiten verneint
(200). — Die übliche ethifche Begründung des Krieges
findet eine fehr bemerkenswerte Kritik: Ein Krieg ift
damit, daß er für eine gerechte Sache' geführt wird,
noch nicht ausreichend gerechtfertigt. Denn ein Krieg
ift nicht ausfichtsreicher für einen gerechten als für einen
ungerechten Anfpruch. Elfterer kann daher nur die Anwendung
friedlicher Mittel rechtfertigen. Die Anrufung
des Krieges wird daher gerechtfertigt nur fein, wenn er
für ein wirkliches Lebensintereffe des Staates und unter

volkstüml. UniveifnStsvortriige, geh. zu Wien im Januar n, Februar 1913.
(Perthes, Schriften zum Weltkrieg 9.) (XVI, 252 S) 8". Gotha, F. Ä.
Perthes 1915. M. 2.50.

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