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Ausgabe:

1917 Nr. 26

Spalte:

459-461

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Fritz

Titel/Untertitel:

Aus tiefer Not. Hessische Briefe und Berichte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. 1. Hälfte 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 26.

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des Textes. Auch die in den verfchiedenften Einzelunter-
fuchungen vorgetragenen Textverbefferungen werden
mitgeteilt, tiberall ift vermerkt, was jedem einzelnen For-
fcher an Beiträgen für die Textesgeftalt zu danken. Immer
wieder fleht man mit Staunen und dankbarer Freude,
wie dem Herausgeber die ganze Literatur gegenwärtig
ift, und doch erhält man nirgends den Eindruck eines
überlafteten Apparates. Wohl aber den eines überaus
reichhaltigen. Zwar nur Eine Handfchrift bietet den Text
der Bücher IV bis X; aber es kommen für feine Rezen-
fion alle Angaben in anderweitigen Berichten in Betracht,
vor allem foweit fich daraus etwas über die Quellen erkennen
läßt, denen Hippolyt folgt. Befondere Beachtung
und entfprechende Verwertung hat erfahren, was aus der
wechfelfeitigen Beleuchtung der Rekapitulation in Buch
X und der Mitteilungen der früheren Bücher fich ergibt.
Mit der forgfaltigen Verzeichnung deffen, was Frühere für
den Text geleiftet, verbinden fich zahlreiche eigene Ver-
befferungen Wendlands. Große Zurückhaltung hat er aber
bei ihrer Aufnahme in den Text felbft gezeigt. Auch
dort, wo kaum ein Zweifel über die Richtigkeit feiner
Korrekturbeftehen kann (vgl. z. B. die Tilgung von 6 oder
daß 0 jzaxijn zu lefen S. 244,22), hat er fie meift in die
Anmerkungen vervviefen. Eine Vereinigung von maßhaltender
Befonnenheit in der Geftaltung des Textes mit einem
Reichtum an feinfinnigen Verbefierungen zeichnet daher
diefe Ausgabe aus. Durch die letzteren erfährt das Ver-
ftändnis des Textes auch dort eine Förderung, wo man
fich ihnen anzufchließen nicht geneigt ift; fie zeigen immer,
wie fehr der Herausgeber in den Text geiftig eingedrungen
ift und ihn durchdacht hat, und helfen daher dem Lefer
zu einem Einblick in das Gefagte. S. 244, 9 möchte ich
lieber mit Filaftr. 53 xovz avorjrov Norjzov öiaöbyovq
ftatt mit Bernays und den Späteren x. uronzovq (vovzovq
d. HS) N. diaöbyovq lefen, 292, 5 das zzuQtoyzq beibehalten
und ob avxbv (vgl. S. 247, 22 ob avzw; die HS
Osavxbv, Wendland avxbv) lefen.— Daß die Schriftftellen,
die Hippolyt verwertet hat oder mit denen Berührungen
vorliegen, forgfaltige Aufzeichnung gefunden haben,
ift felbftverftändlich; zu S. 245,7 'ft wom abfichtlich
Lc. 23, 46 nicht angemerkt worden. Auch auf die Parallelen
in der altchriftlichen Literatur ift überall hingewiefen.
Zu S. 291,13 01! ßia dvdyxrjq wäre jedoch Iren. V, 1,1 non
cum vi. . sed secundum suadelam anzuführen gevvefen, zu
S. 291,20 xbv otaXatbv dvi)Qmjtov öia jzXdotcoq xeg>0QTj-
xbxa C. Noet. 17 S. 55,28 ff. Lag. xatvbq . . ix jtaXuiob
Aöd(i. — Sehr dankenswert wird die Einteilung der Kapitel
in Paragraphen von allen empfunden werden, die den
Elenchos zu zitieren haben. Diefer Edition gebührt in
der Tat das Zeugnis einer Mufterausgabe, durch die fich
Wendland ein bleibendes Gedächtnis geftiftet hat.

Göttingen. N. Bonwetfch.

Gultav Krüger zur Feier leiner 25jährigen Wirkfamkeit

als ord. Profi der Theologie in Gießen gewidmet v.
Schülern u. Freunden. (132 S.) 8°. Darmftadt, Hiftor.
Verein f. d. Großh. Heffen 1916. M. 3 —

Herrmann, Fritz: Aus tiefer Not. Heffifche Briefe u Berichte
aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Ge-
fammelt u. erläutert v. H. I. Hälfte. (Heffifche Volksbücher
26 u. 27.) (176 S.) 8°. Friedberg 1916. Darmftadt
, H. L. Schlapp. M. 1.20; geb. M. 1.50

Mitten im Kriege haben fechs heffifche Theologen dem
immer noch jugendfrifchen Senior der Gießener theologi-
fchen Fakultät, Guftav Krüger, zur Feier feiner 25jähri-
gen Wirkfamkeit als Profeffor der Theologie in Gießen
eine fchöne Gabe dargebracht, Beiträge aus der heffifchen
Kirchengefchichte, die auch außerhalb Heffens auf lebhafte
Teilnahme rechnen dürfen.

Fritz Herrmann behandelt ,Die Statuten der Pfarrkirche
zu PViedberg aus dem Jahre 1517' und gibt damit
einen lehrreichen .Beitrag zur Gefchichte des Inltituts der
Altariften'. Diefe waren in Fr. mit dem Pfarrer über ge-
wiffe Einkünfte, nämlich die öffertoria und den Anteil an den
Präfenzgeldern, in Streit geraten. Wenn Mainz diefen Streit
zugunften der Altariften entfcheidet, fo gefchieht es wohl deshalb
, weil über diefe Altariften Klage geführt war und man
diefe aus ihrer unzureichenden wirtfchaftlichen Verforgung
erklärte: es war in Friedberg wohl fo wieanderorts, daß Altareinkommen
und Nebeneinkünfte, urfprünglich ein erträgliches
Einkommen, infolge der Entwertung des Geldes nicht
mehr zureichten. Aber wenn den Altariften inderneuenOrd-
nung fo felbftverftändliche Dinge wie die Reverenz vor
dem Sanctissimum eingefchärft, das Herumfpazieren und
Schwatzen beim Chordienft verboten werden müffen, fo
wundert man fich nicht, daß auch jene wirtfchaftliche Auf-
befferung nicht half: 1519 hören wir, daß viele Altariften
ihre Kelche und anderen Altarfchmuck fowie ihre
Kapitalbriefe den Juden verpfändet oder gar verkauft
und das Geld im eignen Nutzen verwandt haben. Sie
waren eben nicht nur ungenügend bezahlt, fondern auch
ungenügend befchäftigt, daher gerieten fie auf Abwege.
Als .geiftliches Proletariat' haben fie das Anfehen der
alten Kirche untergraben helfen.

Erwin Preufchen unterrichtet uns über ,Die Erbacher
Kirchenordnung von 1560 und Philipp Melanch-
thon'. Es handelt fich bei diefer Kirchenordnung nur um
ein kleines Bändchen, und doch ift der Vorgang reizvoll
und lehrreich. Die 1560 gedruckte Kirchenordnung der
Graf chaft Erbach im Odenwald ift wahrfcheinlich 1549
verfaßt, vielleicht nach den Gedanken des Grafen Georg,
eines durch Univerfitätsftudien und weite Reifen ungewöhnlich
gebildeten, verftändigen Herrn. Er hat im Jahre
1557, als Melanchthon und Brenz wegen des Wormfer
Religionsgefprächs in der Gegend weilten, diefe um eine
Begutachtung des Entwurfs gebeten. Melanchthons erhaltene
Randbemerkungen find überall von dem Beftreben
geleitet, an die Stelle fchlicht menfchlicher erbaulicher
Redeweife mehr theologifch-dogmatifche Ausdrücke zu
fetzen. Nur ein Beifpiel. Im Gebet heißt es: ,So laßt
uns erftlich bedenken die Nott der gantzen Chriftenheit
unnd bietten das Gott uns fein Wort Rhain und lauter erhalten
wolle // und feine Arme Chriftenheit genediglich be-
hutten wider alles fürnehmen des Teuffels'. M. wünfcht
bei // den Zufatz: ,und unfere hertzen durch feinen son
Jhefum Chriftum mit feinem heiligen Geift regieren'; er
will alfo die vermißte trinitarifche Formel hier hereinbringen
. Mit Recht find beim Druck feine meiften ,Ver-
befferungen' unberückfichtigt geblieben.

Wilhelm Diehl gibt einen Beitrag,Zur Gefchichte der
Reformation und Gegenreformation in den Patronatspfarren
des Klofters Ilbenftadt'. Die Reformation der hier behandelten
Orte derWetterau fällt in die Mitte des 16. Jahrhunderts;
ihre Gegenreformation in die Jahre 1628—1631, ihr wurde
durch das fiegreiche Erfcheinen der Schweden ein Ende gefetzt
. — Heinrich Linck befchreibt die,Amtsfchwierigkei-
ten eines pietiftifchen Pfarrers in Partenheim' in Rheinheffen.
Bereitet hat Magifter Kausler (aus Eberdingen in Württ.)
fie teils fich felber, indem er durch feine fonntäglichen
,Hausübungen' und durch feinen Kampf gegen den fonntäglichen
Äbendfchoppen leine Pfarrkinder ärgerte; teils
find fie ihm durch hartnäckige Separatiften bereitet. —
Willy Gaul gibt .Beiträge zur Gefchichte des ev. Katechismus
im Großherzogtum Heffen während des 19. Jahrhunderts
'. Beachtenswert ift befonders, was G. über den
,roten' (republikanifchen) K. Rheinheffens während der
Franzofenzeit berichtet.

Emil Fuchs gibt über ,Die Zukunftskraft der Wormfer
Lutherworte' eine .religionspfychologifche Einzel-
ftudie'. Die berühmten Lutherworte ,Hier ftehe ich, ich
kann nicht anders', fo gewiß ihr Wortlaut hiftorifch anfechtbar
ift, find ein wahres Symbol für Luthers Tat und.
Art: feine durch die Rechtfertigung gefchaffene freudige