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Ausgabe:

1917

Spalte:

436-438

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rademacher, Arnold

Titel/Untertitel:

Das Seelenleben der Heiligen. Katholische Lebenswerte 1917

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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und es liegt nicht der geringfte Grund zu der Behauptung
vor, ,derLefer muß hier jedenfalls der Vater, die Rolle aber
die troftreiche (?!) »Lehre des heiligen Hirten« fein, nicht ein
philofophifches oder poetifches Buch, aus dem auf heidni-
ichen Sarkophagen der Tote oder der Überlebende zu lefen
pflegt'. Der Bildhauer hat fich fchwerlich über den fpezi-
ellen Inhalt des Buches Gedanken gemacht. ,Durch Um-
deutung diefer Geftalt aber ift in die chriftlichen Sarko-
phagreliefs augenfcheinlich der Typus des göttlichen Pädagogen
eingeführt worden . ., die Clemens von Alexan-
drinus (sie!) mit Bezugnahme auf das geiftige Hirtenamt
zum Grundgedanken und Titel feiner fchon erwähnten
Lehrfchrift gemacht hat. Dafür fpricht z. B. ein Kinder-
farkophag in Ravenna, bei dem nicht nur die Deutung
des Lefenden auf den Verftorbenen, fondern auch auf
einen Überleb enden ausgefchloffen ift'. Die nun folgende
Interpretation ift rein willkürlich. Die lefende Figur, vor
der, wie oft, eine finnend laufchende Mufe fleht, hat einen j
noch unbearbeiteten Kopf, follte alfo dem Befteller,
alfo etwa dem Vater (wenn nicht dem toten Kinde)
porträtähnlich gemacht werden. Damit ift die Deutung auf
Chriftus ausgefchloffen. Daß links davon ein Elternpaar
und ein Kind fleht, hat gar nichts damit zu tun: gewiß,
das Kind wird das tote fein follen. Und ohne inneren
Zufammenhang damit fehen wir rechts den Guten Hirten,
auf der Schmalfeite den Fifcher: alte chriftüche Symbole
, die jedes für fich zu interpretieren find, fo gut wie
auf der linken Schmalfeite der heidnifche Eros, der das
Schiff ins Jenfeits fteuert; hier hat fich doch auch W.
gefcheut, etwa auf des Clemens Alex, vavg ovQtodyo-
fiovaa (Paed. III u, 59, 2) zu verweifen. Ich kann nicht anerkennen
, daß dieler — etwa dem 5./6. Jh. angehörige —
Sarkophag uns .einen tiefen Einblick in die antik gefärbte
Gedankenwelt des älteften alexandrinifchen Chriftentums'
gewährt. Er ift ein vervväfferter Nachklang des in den
genannten drei Sarkophagen beffer vorliegenden Typs,
der ficher alt, alfo dem 2-/3. Jahrh. entflammend, vielleicht
— aber einftweilen nur vielleicht — ma^Biländi-
fchen Urfprungs ift. Daß der Lefer auf dem I^Bophag
von S. Maria Antiqua nicht der .Pädagogos ChnWs' fein
kann, fchließtW. felbft mit Recht daraus, daß der Kopf
unbearbeitet ift — warum nicht ebenfo beim ravennati-
fchen Kinderfarg? —: dann ift aber auch beim Sarkophag
von La Gayolle jene Deutung ausgefchloffen, denn der
Typ ift der gleiche und die .heidnifche' Bedeutung ift
doch die ältere, alfo dem Urbild der Kompofition angehörige
. Trotzdem- lefen wir S. 103, daß wir hier .Chriftus
als Pädagogen erkennen müffen'. Und die rechts
fitzende, dem Helios der linken Ecke entfprechende, Götterfigur
vom Zeustypus mit Szepter und heiligem Vogel
(Rabe oder Specht) foll gar ,als der erfte Inhaber des
Sarkophags gekennzeichnet' fein! Ich muß bekennen, daß
eine folche Interpretation mir als Rückfall in die Zeiten
einer willkürlich theologifterenden Symbolik ericheint,
die wir für überwunden gehalten hatten. So erheben fich
ftändig kribfehe Zweifel, fobald W. von feinen theologi-
fchen Vorausfetzungen aus die Denkmäler interpretiert,
und namentlich für die ältere Zeit müffen feine Ausfüh-
rungeil als reichlich unficher bezeichnet werden. Je mehr
wir in die Jahrhunderte kommen, die uns Material in größerer
Fülle und von feftftehender Herkunft darbieten,
um fo zuverläffiger wird W.s Buch, und z. B. bei der
Behandlung der Elfenbeinplaftik, Miniaturmalerei, Baukunft
vermag ich auf weite Strecken ihm beizuftimmen. Sehr
dankenswert ift die reichliche Literaturangabe hinter
jedem Abfchnitt: nur die genaue Zitierung der literarifchen
Originalquellen vermißt man in einem Handbuch, das
doch Studenten benutzen follen, ungern: mit .pfeudocle-
mentinifche Rekognitionen'(S. 203), .Pilger von Bordeaux',
.Zeugnis des Eufebius' (S. 202) ift dem ernfthaften Benutzer
nicht gedient. Wunderlich ift auch, daß z. B. die Originalpublikationen
der wichtigften Miniaturhandfchriften
nicht suis locis genannt werden; der Lefer erfährt von ei- !

nigen die Titel gelegentlich unter den Abbildungen verkürzt
, wird aber im übrigen auf Ch. Diehls Manuel d'art
byzant. 229ff. verwiefen: warum? So ift das ganze Werk
im Kleinen wie im Großen durch eine Ungleichmäßigkeit
charakterifiert, die keine volle Freude aufkommen läßt.
Die Dankbarkeit für reiche Materialmitteilung auch in
bezug auf Illuftration, für vortreffliche Belehrung, feine
Beobachtungen, denen der Forfcher mit Nutzen nachgehen
wird, und eine glänzende Darftellungsform — Vorzüge,
die ich ausdrücklich und nachdrücklich hervorheben will
— wäre reftlos, wenn auch die Behutfamkeit und Methoderichtigkeit
des kritifchen Urteils und die hiftorifch-theo-
logifche Durchbildung des Verfaffers zu loben wären.

Jena. Hans Lietzmann.

Rademacher, Prof. Dr. Arnold: Das Seelenleben der Heiligen
. Katholifche Lebenswerte. (XIV, 239 S.) 8°.
Paderborn, Bonifacius-Druckerei 1916. M. 3.20;

geb. M. 4.20

Das Sammelwerk .Katholifche Lebenswerte, Monographien
über die Bedeutung des Katholizismus für Welt
und Leben' ift auf weitere Kreife berechnet. In erfter
Linie gewiß für katholifche Lefer beftimmt, fcheint es
doch auch propagandiftifche Zwecke zu verfolgen, nicht in
aufdringlifcher Weife, fondern indem es die Schönheit,
den inneren Reichtum, die gefchichtliche Größe, zumal die
Kulturbedeutung des katholifchen Chriftentums vor Augen
rücken will. Es ift kein Zweifel, daß die katholifche Wiffen-
fchaft zur Zeit in einer Blüte fleht, die lie lange nicht hatte.
Sie fucht durchaus Fühlung mit der allgemeinen Wiffen-
fchaft, allen Zweigen der Natur- und Gefchichtsforfchung,
auch der Philofophie. Dies natürlich immer in unverhohlener
Betonung des Aufbruchs der Kirche, im .alleinigen Befitz'
der .vollen Wahrheit' zu fein. Man muß auf beides achten:
das Hochgefühl, das in der Kennzeichung des vermeinten
Befttzesals.alleinigen'fich ausdrückt.und den Willen zur Anerkennung
auch anderer Denkweifen, auch anderer Geftal-
tungen des Chriftentums, der der Kirche nur die.volle'Wahrheit
,allein'zufchreibt. Bis zu irgendwelchem Grade gibt es
auch außerhalb der Kirche .Wabrheitsbefitz'. Das ift eine
Anwendung des feit Alters der katholifchen Kirche eigenen
Glaubens an eine religio naturalis, revelatio naturalis, lex und
lux naturalis, die nicht immer geübt worden. Die Polemik
ift daraufhin zur Zeit eine maßvolle. Wenigftens
in beftimmten Kreifen des Katholizismus, nennen wir fie
die akademifchen. Statt der alten Polemik blüht in
Formen, die zuweilen allzu .modern' anmuten, eine Apologetik
, mit der Verftändnis und womöglich Zuftimmung
zu feiner Sache zu werben dem Katholizismus durchaus
wohl anfleht. Ich lefe folche Werke gern in der Zuverficht
, die mich feiten getäufcht hat, daraus Licht zu gewinnen
für den innern, bellen Gehalt des Katholizismus,
auf den man unbedingt mit achten muß, wenn man im
übrigen weiß, daß diefer .akademifche'Katholizismus nicht
gerade die maßgebende Geftalt in der empirifchen katholifchen
Kirche ift.

Rademachers Buch ift eine gute, gefchickte, mannigfach
lehrreiche, mögliche oder tatfächliche Mißverftänd-
niffe fachte und doch überzeugend bei Seite fchiebende
Darftellung des Gedankens von den Heiligen. Die hagio-
logilche Forfchung übt zur Zeit — unter Führung be-
fonders von Delehaye — eine ernftliche Kritik an vielen
überlieferten Heiligengefchichten. Sie unterfcheidet, was
fie fich früher kaum geftattete, deutlich und nachdrücklich
zwifchen Legende und Hiftorie. Die großen bezw.
auch viele kleine Heilige haben katholifche Biographen
gefunden, die es verftanden haben, das kirchliche Empfinden
zu fchonen und doch den Gefichtspunkten unbefangener
Forfchung auch zu entfprechen. Evangelifche
Theologen, »neutrale' Gefchichtsforlcher haben umgekehrt
I nicht minder, ja zum Teil vorab gelernt, katholifche Hei-