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Ausgabe:

1917

Spalte:

432-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wulff, Oskar

Titel/Untertitel:

Die altchristliche Kunst von ihren Anfängen bis zur Mitte des ersten Jahrtausends. 1. - 8. Lfg 1917

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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Eine praktifche Bibelauslegung für die Bedürfniffe !
des Religionsunterrichts wird vorausfichtlich durch I
die .Schritten des Neuen Teftaments' in ihrer neuen Auflage
noch mehr als bisher geboten. Doch wollen wir
mit unferm Urteil bis zur nahe bevorftehenden Vollendung
des Ganzen warten. Heute noch einige Worte
über die von Aner herausgegebene ,praktifche Bibeler-
klärung'.3 Man kann auch hier zweifeln, ob der Titel genau
ift. Traktifch in Niebergalls Sinn will diefe Bibelerklärung
nicht fein (auch nicht in dem Sinn, wie der
Referent es in (einer Auslegung des l. Kor.-Briefes,
Hilfsmittel zum evangelifchen Rel.-Unterricht, Reuther
und Reichard, Berlin 1907, verfucht hat), d. h. auf den
Unterricht nehmen fie nirgend, auf unfere chriftliche
Gegenwart feiten Bezug. Und doch find fie nach dem
Programm Schiele's, des erften Anregers, und dem Geleitwort
Aners, des jetzigen Herausgebers, wefentlich für
den Volksfchullehrer beftimmt, allerdings auch für das
Volk überhaupt. Ihm foll die Bibel in einer zeitgemäßen
Textform, in einer das Wertvolle und Wichtige hervorhebenden
Auswahl und in einer knappen gemeinver-
ftändlichen Auslegung dargeboten werden. Vielleicht
würde man danach lieber von einer populären oder
volkstümlichen Bibelauslegung reden. Als folche ift
das Werk freudig zu begrüßen und verdient im Ganzen
dankbare Anerkennung; denn die Hefte find mit großem,
z. T. mit hervorragendem Gefchick bearbeitet (befonders
gelingt es Köhler ausgezeichnet, den Stoff der Paftoral-
briefe überfichtlich und eindrucksvoll zu gruppieren).

Einzelheiten darf ich nur in knappfter Auswahl vorbringen. Fiß-
feldt bringt feinen Abriß der Gefchichte Ifraels mit unter .Bibelerklärung
' indem er ausgedruckte Bibeltexte den erzählenden Abfchnitten
voranftellt. Bei dem befchränkten Raum reichen diefe Texte aber nicht
entfernt zu, find auch nicht immer die betten und markanteften. Da
eine Gefchichte Ifiaels als Bibelauslegung unmöglich ift, füllte er lieber
auf Ausdrucken der Texte verzichten, aber alle benutzten Stellen angeben
, unter Veiweis auf Kautzfeh oder ein gutes biblifches Lefebuch.
Wenn E. dann feine Darfteilung fo ausführlich beendigt, wie er fie anfängt
, wird er einen vorzüglichen, klaren und wirkfamen AOTB geben.
— Torge war gewiß in einer qualvollen Lage, als er aus dJB Reichtum
der Propheten auswählen follte; aber Micha 6 hätte er 4Hnt übergehen
follen. — Ebenfo entbehrt man bei Kautzfeh Hiob 39 Ind Koh.
12. Warum ift Sirach nicht mit berückfichtigt? Sollte das Heft nicht
lieber die ,Weisheit' ftatt ,Philofophie' des A. T.s heißen? — Fleifch-
mann hätte wohl aufGunkel, den er anfeheinend in feiner Pfalmenüber-
fetzung und Auslegung öfier benutzt hat, verweilen follen. Wären nicht
überhaupt ausgewählte Literaturangaben in allen Heften erwünfeht? —
Gegen Aner's Apoftelgefchichte habe ich die größten Bedenken,
fowohl gegen feine wiffenfchaftliche Auffaffung: durch Lukas Anfang
der 50 er Jahre verfaßt (das ift noch mehr als Harnack), 15, 7 ff. 23, 1
—11 echt, dazu allerlei phantafievolle Vermutungen, die nur geift-
reiche Eintälle find; als auch gegen leine methodifche Behandlung: ein
gelchichtlichcs Buch foll man in der gelchichtlichen Reihenfolge behandeln
und nicht den Inhalc fyftematifieren (es fei denn in einer rekapitulierenden
Zufammenfaftüng). — Die verlockende Teilungsbypoihefe
in 2 Kor. (10—13) Icheint mir durch Bouffet in den .Schriften des N.
T.s' zwingend widerlegt; fonft haben mir Aners Kor.-Briefe febr
wohl gefallen.—Mehr Bedenken im Einzelnen hätte ich gegen Böhli gs
Römerbrief; z. B. überfieht er beim Vergleich von Rom. 14 mit 1 Kor.
8, daß hier nicht von Fleifch fchlechthin, fondern von Opferfleifch die
Rede ift.

3) Praktifche Bibelerklärung. VI. Reihe der .Religionsgefchicht-
lichen Volksbücher'. 8". Tübingen, J. C. B. Mohr. I.—8. Heft, je
M. — 50; geb. M. — 80.

1. Aner, Pfr. Dr. Karl: Aus den Briefen des Paulus nach
Korinth. Verdeutfcht u. ausgelegt. (56 S.) 1913.

2. Böhlig, Pfr. Lic. Hans: Aus dem Briefe des Paulus nach
Rom. Verdeutfcht u. ausgelegt. (56 S.) 1914.

3. Koehler, Pfr. Frz.: Die Paftoralbriefe. Verdeutfcht u. ausgelegt
. (48 S.J 1914.

4. Eißfeldt, Paft. Priv.-Doz. Lic. Otto: Ifraels Gefchichte.
(5z S.) 1914.

5. Torge, Pfr. Lic. Dr. Paul; Aus Israels Propheten. Arnos,
Hofea, Jefaja, Jeremia, Deuterojeraja. (52 S.) 1914.

6. Kautzfeh, Paft. Dr. Karl: Die Philofophie des Alten Teftaments
. (56 S.) 1914.

7. Aner, Pfr. Dr. Karl; Die Apoftelgefchichte (in Auswahl).
(56 S.) 1915.

8. Fleifch mann, Pfr. Paul: Altteftamentliche Lyrik. (60 S.)

1916.

Die Sammlung im Ganzen hat mir fo wohl gefallen,
daß ich ihr von Herzen einen glücklichen Fortgang wünfehe.

Hannover-Kleefeld. Schufter.

Wulff, Muf.-Kuft. Priv.-Doz. Prof. Dr. Oskar: Die altchritt-
liche Kunft von ihren Anfängen bis zur Mitte des erften
Jahrtaufends. (In 14 Lfgn.) 1.—SVLfg. (VI u. S. l—
360 m. Abbildgn. u. z. Tl. färb. Tafeln.) gr, 4°.
Berlin-Neubabelsberg, Akadem. Verlagsgefellfchaft
Athenaion 1914. 15. Je M. 2—

Wulffs Darftellung der altchriftlichen Kunft in F. Burgers
Handbuch hat gewaltigen Erfolg gehabt1: fchon
das fechfte Taufend ift erfchienen. Und diefer Erfolg ift
nicht unerklärlich, denn in dem Werke wird zum erftenmal
eine großzügige Entwickelungsgefchichte geboten, welche
die reiche Summe von Arbeit auf allen Einzelgebieten zu
einem imponierenden Gefamtbilde vereinigt. Durch feine
Berichte in Dobberts Repertorium hatte W. bereits eine
vortreftliche Vorarbeit geliefert, und als ein Gelehrter, der
das Gebiet der Monumente wirklich mit der Sachkenntnis
des Kunfthiftorikers beherrlcht, baut er vor uns ein ftolzes,
kühn getürmtes Gebäude auf. Aber eben darin liegt auch die
Gefahr des Buches. Der engere Fachgenoffe, dem die behandelten
Dinge geläufig find, und dem Nachprüfung des Vorgetragenen
jederzeit möglich ift, wird aus dem Werk eine
Fülle von Anregungen fchöpfen und dem Verf. für feinen
kühnen Verfuch dankbar (ein: eben weil er ihn als Vernich
zu würdigen und kritifch zu behandeln weiß. Anders
ift's bei dem Lefer, der Belehrung, wohl gar Einführung
in diefen wichtigen Teil der Kunltgefchichte fucht. Der
ahnt nicht, wie problematifch die vorgetragenen Zufam-
menhänge, wie hypothetifch die gefchichtlichen Konftruk-
tionen find, und läuft Gefahr, auf unfichern Grund zu bauen:
denn Feftes und höchft Problematifches ftehen ungefchie-
den bei einander.

Gleich das glänzend gefchriebene Einleitungskapitel
zeigt diefen Charakter. Gut ift die kurze Schilderung des
symbolifierenden Wefens der altchriftlichen Kunft: aber
von einer ,Durchfetzung des Individualismus' als einem
wefenhaften Grundzug der chriftlichen Kunft kann doch
fchlechterdings nicht gefprochen werden. In dem by-
zantinifchen Chr'.ftus von S. Apollinare inClasse vermagich
nicht ,das individuelle Charakterbild des Menfchenfohnes'
zu erkennen. Porträts nach ägyptifcher Sitte gibt es feit
dem 4. Jahrh. vereinzelt auf den Gräbern von Leuten,
die es bezahlen können. Individuell werden feit derfelben
Zeit nur Petrus und Paulus geftaltet, keineswegs fchlechthin
,die Jünger', noch weniger .alsbald auch die Heroen
des Glaubens, Märtyrer und Kirchenväter'. Ich kenne nur
ein .Märtyrerporträt', das ift der Gipsabguß eines gewalt-
fam verftümmelten Kopfes im Mufeum zu Sousse in Tunis:
und der ift ein geradezu unerklärliches Unikum. Daß die
zwölf Apoftel, wenn fie zufammen dargeftellt werden, in
der Gefichtsbildung voneinander abweichen, ift nur die
Folge eines gefunden Variationsbedürfniffes des Künftlers,
nichts weiter; von da bis zu wirklicher Individualifierung
ift noch ein großer Schritt. S. 4 wird vom Abendmahlskult
gefagt, daß in ihm ,der antike Opfergedanke nach
dem Siege der Kirche in chriftlicher Geftalt wieder
autlebt': als ob diefes Aufleben nicht viel älter wäre!
Nach S. 5 ,läßt der asketifche Zug des fpätbyzantinifchen
Kirchentums den Kult zu leblofen Formen erftarren': wenn
die Askefe daran fchuld wäre, müßte die Erftarrung fchon
in 5. Jahrhundert eingetreten fein. Die nun folgenden
Ausführungen über den theologifchen Charakter Ägyptens,
Kleinafiens, Syriens kann man nur mit ftarkem Unbehagen

1) An der Verfpätung der Anzeige trägt der Verlag des WulfPfcben
Werkes die Schuld, der die einzelnen Lieferungen gruppenweife mit
ftarker Verfpätung lieferte und bis jetzt noch nicht die längft erfchie-
nenen Schlußlieferungen eingefandt hat. Um unterer Lefer willen bringen
wir aber jetzt diefe Anzeige wenigftens des erften Teils.