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Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

427-428

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumgartner, Walter

Titel/Untertitel:

Die Klagegedichte des Jeremia 1917

Rezensent:

Löhr, Max

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427

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr, 24/25.

428

Baumgartner, Priv.-Doz. Lic. Dr. Walter: Die Klagegedichte
des Jeremia. (32. Beiheft zur Zeitfchrift f. d.
altteftamentl. Wiffenfchaft.) (VIII, 92 S.) gr. 8°. Gießen,
A. Töpelmann 1917, M. 5 —

Der Gedankengang diefer Unterfuchung ift folgender:

Nachdem B. eine Überficht gegeben hat über die Beurteilung, die gc-
wifle pfalmenartige Stücke im Buche Jeremias' bisher erfahren haben,
geht er an die eigene Arbeit und behandelt zunächft die Gattung der
individuellen Klagelieder im Platter. Dann unterwirft er folgende Ab-
fchnitte des Prophetenbuches c II, 18—20. 21—23. 15,15—21. 17, 12

—18. 18, 18—23. 20> 10—r3 (I2' 1—°- >S> IO— ,2- 2°< 7—9- 20'
14—18) einer gleichen Prüfung und (teilt endlich das Verhältnis diefer
Klagegedichte Jeremias' zur Gattung der Klagelieder feft. Dabei find
ihm zwei Gelichtspunkte mattgebend, I. die Echtheit der Klagegedichte
des Jeremias und 2. die Abhängigkeit der Klagegedichte des Propheten
von der Gattung der Klagelieder. —

Der Arbeit B.'s liegt das Beftreben zugrunde, ein
Problem aus der literarkritifchen in die literaturgefchicht-
liche Sphäre überzuleiten und dadurch zu löfen. Für
diefes Prinzip habe ich volles Verltändnis, kann aber
doch gewiffe Bedenken gegen feine vorliegende Handhabung
nicht unterdrücken. B. geht von der Gattung
der individuellen Klagelieder im Pfalter aus. Nach feiner
Meinung gehören dazu etwa ein Drittel aller Pfalmen.
Sehen wir uns die von ihm angeführten Beifpiele etwas
näher an, fo find darunter Lieder von allerverfchieden-
ftem Charakter, wie tp 42/43 neben 119,51 neben 61,22
neben 123. Schon hier zeigt fich, wie die religiöfen Individualitäten
, die in den betreffenden Pfalmen zu uns
reden, verwifcht werden1. Das tritt aber noch weiter
hervor in der Art, wie fich B., immer ftreng nach Gun-
kel, die ganze Pfalmengaltung entftanden denkt. Der
Ausgangspunkt liegt felbftverftärdlich in Babylon, in den
keilfehriftlichen Krankheitsbefchwörungsliedern. Von daher
flammen letztlich die Formeln bzw. Motive. Daher
wird auch von B. immer aufs neue betont, daß die Not,
von der folch ein Klagepfalm handelt, „unzweideutig"
Krankheit ift, vgl. S. 8. 16 A. 1. 80. 83 u. ö. Ans diefer
Vorlage Hoffen zunächft „kultifche Klageliederff die wir
aber nicht befitzen; dann kamen die individuelren. S. 27
heißt es: „Das Dichten von Pfalmen war unter folchen
Umftänden keine fehr fchwierige Sache . . . ., es beftand
überhaupt nur in befonderer Behandlung und Geftaltung
der überkommenen Stoffmaffen und Formen . . . ." Die
Pfalmiften brauchten alfo nur mit den „Motiven" zujong-
glieren; und fie haben das garnicht einmal meifterlich verpfänden
. Daher S. 25 die logifche „Unordnung", das
.unruhige Hin- und Herflackern der Gedanken". Ich
leugne nicht, daß das Ganze eine geiflreiche Hypothefe
ift, und vielleicht kommt es manchem darauf in elfter
Linie an. Aber fo wenig ich den recht konventionellen
Inhalt einzelner Pfalmen beftreite, habe ich doch von dem
Gedankengang vieler einen wefentlich andern Eindruck,
und ich nicht allein. Gar keine Rückficht wird genommen
auf die Tatfache, daß manche „Pfalmen" doch Zufam-
menftellungen zu liturgifchen Zwecken find; daß man alfo
erftmals verflachen muß, hinter die Entflehung jedes einzelnen
Pfalmentextes zu kommen. B. legt mit Gunkel
den kanonifchtn Text unbefehen als fo aus der Hand
des Dichters hervorgegangen feiner Unterfuchung zugrunde
. — Sicher ift die kultifche Hymnendichtung in
Ifrael fo alt wie der Kultus, letzterer hat fich nicht ftumm
vollzogen. Fraglich ift noch immer, wann die individuelle
religiöfe Lyrik einfetzt; höchftwahrfcheinlich vor dem
Exil. Sicher ift dann auch die Gattung der Klagepfal-
men vorexilifch; Jeremias wird fie nicht erfunden haben,
fondern bedient fich ihrer Form. Dabei find die Unter-
fchiede zwifchen feinen und den Pfalmenklagegedichten
recht bedeutend. Das „Formelhafte" der Pfalmen zeugt
für lange Entwicklung der Gattung; dabei aber ift zu
bedenken, daß uns heute, weil wir die lebendige Situa-

') Ich weiß, daß fich B. S. 90 gegen dielen auch von andrer Seite
erhobenen Vorwurf mit ungenügenden Gründen verteidigt.

tion, aus der ein Pfalm flammt, nicht kennen, manches
verblaßt und formelhaft erfcheint, was es bei feiner Entflehung
garnicht war. S. 13 heißt es: wo von Waffer-
fluten u. ä. die Rede ift, handelt es fich um eine „alt-
mythologifche Vorftellung", „um die Unterweltsfahrt eines
Helden oder Gottes". Es läßt fich doch fragen, ob es
nicht natürlicher ift, daß den meift aus recht einfachen
Kreifen flammenden Pfalmiften hier und da das Bild vom
lebensgefährlichen, Waffer und Schlamm führenden, winterlichen
Sturzbache eines judäifchen Wädi vorgefchwebt
habe.

Königsberg i. Pr. M. Lohr.

Schlatter, Prof. D. A.: Die hebräifchen Namen bei lofephus.

(Beiträge zur Förderung chriftl. Theologie. 17. Jahrg.
Heft 3/4.) (132 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann. M. 3.60

Schlatter's Studie ift ein willkommener Beitrag 1) für
die Textentwicklung in den Schriften des Fl. Jofephus;
2) die paläftinifche Perfon- und Ortsnamenkunde; 3) die
Textgefchichte des AT; 4) die hiftorifche hebräifche
Grammatik.

Der Verf. behandelt S. 8—115 (ohne Überfchrift) in
alphabetifcher Ordnung die hebräifchen Perfon- und
Ortsnamen nach der griechifchen Schreibung. Leider
find die für fpracbgefchichtliche Fragen wichtigeren Per-
fonnamen (S. 6 Anm. 1) nicht von den Ortsnamen getrennt
. Es folgen S. 115—121 hebräifche Worte, für die
nur griechifche Schreibung vorliegt, und S. 121/22 nur
als griechifch anzufehende Namen.

In der .Archäologie' will Jofephus die Gefchichte
feines Volkes unmittelbar nach den hebräifchen Schriften
darfteilen und deshalb gibt er auch die Namen nicht
nach der LXX, fondern nach dem hebräifchen Text. Freilich
hat er die einheimifchen Namen fremd gemacht, indem
er fie mit einer griechifchen Endung verfah. Bedauerlicher
Weife find die Namen nachträglich aber vielfach
der Ausfprache in der LXX angepaßt worden. Wo
Doppelfchreibungen vorliegen, gehören die hebräifchen
Formen dem Jofephus an und find die mit der LXX
übereinftimmenden zu ftreichen (S. 7). Die Schreibung
der biblifchen Namen läßt bei Schlatter zuweilen an
Genauigkeit zu wünfehen, z. B. nri2EriK ft. n»3HöX oder
S. 13 NnttriN ft. — a —. Schlatter ift in der biblifchen
und talmudifchen Literatur belefen. Selten fcheinen gröbere
Verfehen wie das bei mima, wo Schlatter, wie Klein
in der Monatsfchrift für Gefchichte und Wiffenfchaft des
Judentums 1915, iöof. zeigt, aus rvrn "im ,laut Gefetz
der Tora' einen Ortsnamen BuQd-vpa fchafft. Zu CDiE"1«
macht Klein a. a. O. S. 157 k plaufibel, daß das Wort nicht
= 'Ofiovoia, fondern Fehler für 'Jfif/aovc, 'Ef/paovq —
Mriian fei, den bekannten judäifchen Ort der zugleich Badeort
war.

Im Ganzen hat Jofephus fchon den fixierten masorethi-
fchen Konfonantentext vor fich. Nur die Vokalifation
fchwankt noch. P'ür Segolata wie nrnWchreibt Jof. noch
'la>Xaßad-rj, "lW">bK 'EXtaCaQ-oq, Tfi '/aQad-?]q. Merkwürdig
ift, daß Jof. die unterschiedenen Setitennamen
Gen. 5,16 TP und Kainitennamen -i-py Gen. 4,18 nicht
kennt; beide Mal fagt er 'jaQaö-t)q. Ebenfo nblDirna Gen.
5,21 ff. und biCIBm» Gen. 4,18, beide Mal Matiovocda-q. Für
irr» im Anfang von Perfonnamen gibt Jof. immer V*;
ebenfo hat er nur nicht DrrüN.

Für die Grammatik ift die Verfchleifung der Gutturale
zu beobachten. fiW 'Ovia-q; ftSTbK 'EXda-q. Eine genauere
Zufammenftellung der Data für die hebräifche
Grammatik wäre erwünfeht gewefen.

Heidelberg. G. Beer.