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Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

416-417

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Manz, Gustav

Titel/Untertitel:

Martin Luther im deutschen Wort und Lied 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 22/23.

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Kirche hat, wenn ich recht fehe, fchon fo etwas wie eine
,Philofophie der Orthodoxie. Eine Apologetik des Glaubens
der morgenländifchen Kirche' an den Werken
Solovjev.s. Aus folchen ,Philofophien' könnte ein gar
trefflicher geiftiger Wettftreit in der Wiffenfchaft fich
entwickeln, ,der' Philofophie und ,dem' Glauben zu echtem
Dienfte.

Kaftans Buch ift erft Ende September im Druck
fertig geworden und ich habe es in Aushängebogen ge-
lefen. Ich vermag nicht fo fchnell, wie es die Bedingungen,
unter denen vorliegende Nummer der Theol. Litztg.1 zu
drucken war, verlangten, eine Vollanzeige deffelben zu
fchreiben. Es verdient genau bis ins einzelne erwogen,
mitdurchdacht zu werden, ehe man ihm eine Kritik zuwendet
. Ich darf eine folche fpäter liefern. Für heute
foll es fich nur um eine Voranzeige und erfte allge-
meinfte Charakteriftik handeln. Kaftan will nicht nur für
.Iffichleute' gefchrieben haben. Er fügt vorfichtig hinzu,
ob das Buch wirklich geeignet fei, einem ,weiteren Kreife'
zu dienen, das flehe dahin. Seine ,Abficht' fei es gewefen,
,für alle zu fchreiben, die philofophifch intereffiert find und
über wiffenfchaftliche Schulung des Denkens verfügen'.
Ich will mich fo ausdrücken: Leuten der näher gekennzeichneten
Art wird das Buch keine leichte Lektüre fein,
aber fie werden nicht bereuen, es ruhig und in ftetiger
Mitarbeitzu lefen, richtiger: zu ftudieren. Kaftan nimmt
ein bißchen viel mit. Ich meine nicht, daß er das Thema
im allgemeinen zu groß und weit faffe. Was Kaftan an
Gruncigefichtspunkten heranzieht, gehört alles zur Frage,
fo fehr, daß davon keiner zu entbehren wäre. Aber im
einzelnen belaflet fich Kaftan mit manchen Fragen, die
doch nicht nötig wären. Er hat überall fein Ziel fefl und
fcharf im Auge und macht den Lefer auch ausdrücklich
darauf aufmerkfam. Aber er fichert fich faft zu fehr gegen
mögliche ,Mißverftändnifie' feiner Aufgabe oder wiffen-
fchaftlichen Abficht. Immer wieder zeigt er einem mit
Wendungen wie ,nicht fo', ,nicht als ob' Wege, die man
nicht betreten folle, und er führt einen vorfichtshalber
meift eine Strecke lang auf diefen Weg, um einem zu zeigen,
daß er im Geftrüpp ende, daß man fich alfo hüten müffe,
darauf weiterzugehen. Auch allerhand kleine Zwifchen-
erörterungen zeichnender, fchildernder Art, wo K. etwa
zeigen will, daß er den Mann oder die Sache ,vollftändig'
vor Augen habe, wenn er auch eigentlich nur beftimmte
Momente für feine Erörterung .nötig' habe, halten zuweilen
auf. Das Buch hat eine literarifche Eigentümlichkeit
, die einem nicht fofort, aber je länger je mehr, zuletzt
faft einigermaßen peinlich, zur Empfindung kommt: es
hat keine einzige Anmerkung! Vieles von dem, was
ich foeben von der Umftändlichkeit der Erörterung fagte,
wäre zu vermeiden gewefen, wenn K. fich Anmerkungen
gegönnt hätte. Wir andern entlaften den Zufammenhang
unterer eigenen Gedankenführung durch folche. In Anmerkungen
kann man dann auch, wo loviel hiftorifches Material
doch den Hintergrund bildet, wie bei K., überhaupt konkreter
werden. Nun, es ift alles fo klug und auch lehrreich
bei K., daß man auch bei den .Umftändlichkeiten'
nicht unwillig, ja auch kaum ungeduldig wird. Indeffen es
wäre dem Buche und feiner Wirkung förderlich gewefen,
wenn K. mehr fchlicht und geradeaus auf fein Ziel angegangen
wäre (oder eben Anmerkungen nicht gefcheut
hätte). Aber es hängt mit der literarifcben Art, bzw. der
ja wahrlich nicht verächtlichen Gründlichkeit K.'s zu-
fammen, daß man auch zu einem bloßen Referat über
den Inhalt feines Buchs in der Eile fich nicht ftark machen
darf. Das Buch ift feinem Inhalte nach zu reich, feinem I
Gefamthabitus nach auch zu bedeutend, als daß auch nur
das Referat übers Knie zu brechen wäre. Ich behalte mir I
alfo eine eigentliche Inhaltsangabe, eine Ausführung defien,
was es in concreto über den .Proteftantismus' und zu deffen

1) Gedacht war urfprünglich an die Oktobermimmer.

rechter .philofophifcher' Beleuchtung fagt, für die fpätere
Gelegenheit vor.

Hier nur noch eine Überficht über die Kapitel üb er-
fchri ften. Die Einleitung gilt der .doppelten Überfchrift'
des Buchs, alfo dem Thema überhaupt, das K. fich gefleht,
zumal was es mit der, Apologetik des evangelifchen Glaubens'
auf fich habe. Dann folgen acht Kapitel: 1. Philofophie
als Wiffenfchaft (Grundthema: der maßgebende Begriff
der Wahrheit); 2. Philofophie als Erkenntnistheorie (Grundthema
: wie die Anknüpfung an Kant gemeint fei); 3. Philofophie
als Selbftbefinnung (das Wefen des Geiftes; zwei
mögliche Weltanfchauungen); 4. Moral; 5. Wiffen und
Wiffenfchaft (Einfluß von Moral und Religion auf Wiffen
und Wiffenfchaft); 6. Religion (zwei mögliche Typen
geiftiger Religion); 7. Die Einheit des Geiftes (ohne Religion
keine Einheit des Geiftes. Zwei mögliche Typen
idealiftifcher Philofophie); 8. Die Einheit des Erkennens
(fubjektive Einheit, objektive Einheit. ,Die Entwicklung
der Natur als Vorgefchichte des Geiftes'). Zum .Schluß'
erläutert K. nochmal eigens .Zwei Grundgedanken der Unter -
fuchung', um fich dann noch fpeziell mit Wundt und dem
kritifchen Idealismus .auseinanderzufetzen'. Zuletzt vergleicht
er thematifch bzw. kurz zufairimenfaffend Prote-
itantismus und Katholizismus.

Es gehört zur Eigenart des ganzen Buchs, die hier
im letzten .Abfchnitt' noch mal befonders deutlich wird,
daß es wenig mit .Anfchauungen', fondern eigentlich nur
mit .Begriffen' arbeitet. K. ift nicht Hiftoriker, fondern
wirklich Philofoph, fyftematifcher Theolog. Doch denke
man nicht, daß er fich den Proteftantismus (oder Katholizismus
) .konftruiere', lieber möchte ich fagen, er ,fkiz-
ziere' bloß, und das macht feine Darftellung durchweg,
bei großer Beweglichkeit der Rede, trocken. Das Buch
ift lebhaft, aber nicht lebendig. Denn alles hiftorifche
Material in ihm tritt in Federzeichnung auf.

Daß das Buch nicht für das Jubiläumsjahr der Reformation
gefchrieben ift, merkt man ihm auf Schritt
und Tritt an. Mit Namen ift von Luther darin nicht
viel die Rede. Aber es ift ficher eine der wertvollften Er-
fcheinungen diefes Jubiläumsjahres, als prinzipielle (neben
v. Harnacks hiftorifcher, in der Internat. Wochenfchrift)
gewiß die wertvollfte wiffenfchaftliche Gefamtwürdigung
des Proteftantismus, die diefes Jahr gebracht hat.

Halle. F. Kattenbufch.

Manz, Guftav: Martin Luther im deutfchen Wort und Lied.

Gedanken u. Gedichte deutlicher Männer aus vier Jahrh.
Eine Feftgabe zum 400jähr. Gedenktag der Reformation
. Zufammengeftellt u. eingeleitet v. M. (198 S. m.
1 färb. Bildnis.) 8°. Berlin, Verlag des Ev. Bundes
1917. M. 2—; geb. M. 2.50; in Leinw. M. 3 —

Das Buch ,will nicht gelehrt zu Gelehrten reden, fondern
allgemeinverftändlich zu gebildeten Volksgenoffen.
Es erhebt keinerlei wiffenfchaftliche Anfprüche, ja es bekennt
offen, nichts fein zu wollen, als ein aus der Zeit
herausgeborenes Sammelwerk, wie deren bereits mehrere,
von mir zum Teil mit Dank benutzte, in früheren Jahren
erfchienen find. Was es allerdings von diefen — voneinander
ftellenweile recht abhängigen — Vorgängern
unterfcheidet, ift die reichlichere Nutzbarmachung des
feit der großen Lutherfeier des Jahres 1883, alfo immerhin
feit einem Menfchenalter, neu angehäuften Stoffes,
fowie die Gliederung nach äußeren und inneren Gefichts-
punkten, die den älteren Verbuchen durchaus ferne lag'.

Dieäußere Gliederung unterlcheidet: das Zeitalter der
Reformation(S. 19—48),das I7.und i8.Jahrhundert(S.49—72),
das viertejahrhundert (S. 75—198). In diefem letzten Zeitraum
lautet diei n n e r e Gliederung: Die P uhrer des Volkes (die drei
Kaifer,Moltke,Bismarck), prot. Theologen, gerechte Gegner,
diePhilofophen, die Gefchichtsfchreiber, Sprachforfcher und
Literarhiftoriker, die Künftler; der Widerhall der Dich-