Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

413-416

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Julius

Titel/Untertitel:

Philosophie des Protestantismus. Eine Apologetik des evangelischen Glaubens 1917

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

413

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 22/23.

414

. denn ich die leer Chrifti nit Ich will darum nicht, daß mich man ins Auge faI3t, zu überwinden, ihn erkennbar zu ma-

vom Luter gelernt hab, funder auß die Päpftler lutherifch heißen, weil
dem felbs wort gottes. ich die Lehre Chrifti nicht von

Luther gelernt habe. Ich habe fie

aus dem gleichen Wort Gottes

wieer(i). vollends dazu mit zu verhellen, daß er an die Spitze

chen als einen vielleicht großen, aber doch einenMann,deffen
Einfluß auf die Menfchheit fleh einmal erfchöpfen wird, weil
muß. Es kann auch dabei enden, dem gedachten Führer

Videmus hic aperte, ijuod dei est Wir lernen aus Rom. 1,19, daß
ea, quam nos naturae nescio cui feri- alles Gottes Wirkung ilt, was wir
raus aeeeptam, de deo notitia. nicht auf natürliche Weife erklären

können, aber weil wir alles von ihm
empfangen, fo können wir es ihm
zufchreiben. Und daß heißen wir:
Golteserkenntnis.

Hominem eognoscere tarn est labo- Wer den Mcnfchen fludieren und
riosum, quam sepiam capere . .. Quod erkennen will der unternimmt ein
non modo Momus ille mordax questus fo fchwieriges Weik wie einer, wel-
est sud divinus ille evangelii praeco eher Tinte anfaffen möchte, ohne
Paulus. fich zu befchmutzen.

Was aber der fcharffinu ig-

komme. Kaftan lebt der Überzeugung und glaubt fie bewähren
zu können, daß Luther zu den Führern der Menfchheit
auf dem Gebiete der Religion gehöre, die bleibende
Bedeutung haben. Es gibt ja auch andere folche. Luther
hat Vorläufer und wird nicht der letzte fein, den die
Gefchichte uns fchenkt. Denn Luther als ,hiftorifche' Perfon
hat natürlich ihre beftimmten, zurzeit fchon fehr deutlich
erkennbaren Schranken des Wefens und Könnens. Er hat
längft nicht felbft alles gemacht, was fich aus dem machen
läßt, kraft deffen er .Reformator' wurde. Aber Luther wird
nur in der Linie feiner ,Art' überboten werden. Er ift
KÄÄS ! §> ein wirklicher Bahnbrecher der Wahrheit' gewefen.
liehe Prediger des Evangeliums, j Was er im Gebiete der Religion .entdeckt hat, rult einer
Paulus, mit ganz einfachem Wort. ! Methode, und nicht nur einer folchen im formalen Sinne,
Sollten, wie geplant, noch weitere Bändchen folgen, j fondern recht eigentlich einer, die von praktifchen Intui-
fo ift dem Vf. dringend ein gründlicheres philologifches tionen von dem, was zum Menfchengeifte, zur Menfchen-
Studium anzuraten. I Vernunft gehört, beftimmtift, um dadurch ganz zu feiner

7. . , ... .,, T.... , S Klarheit und Kraft in der Menfchheit kommen zu können.

Zunch- Walther Kohler. Luthers .Glaube' ruft der Philofophie Kants. Auch Kant ift

für Kaftan nicht bloß die konkrete, hiftorifch umfehriebene,
Kaftan, D. Julius: Philofophie des Proteftantismus. Eine I individuelle, .befchränkte' Denkerperfönlichkeit, fondern
Apologetik des evangelifchen Glaubens. (VI, 412 S.) I ein Typus (wie vor ihm im höchften Sinne Plato, daneben
80 TühiWn T C R Mohr im7 M 8 • i auch Ariftoteles oder Leibniz). Aber Luther und Kant

8 . 1 ubingen, j. L. B. Mohr 1917. M. 8—, 1 gehören jn der Gefchichte zueinander, find wie zwei Säulen

geb. M. 9.40 | für das gieiche Dach, der ältere angewiefen für die Dauer
,Zur Säkularfeier der Reformation erfcheint das Buch I feiner Wirkungen auf die Ergänzung durch den jüngeren,
und darf unter das Zeichen diefer Freier geftellt werden, diefer .bedingt'durch jenen, und doch nicht einfach .Schüler',
Beabfichtigt war das urfprünglich nicht. Es follte Ende i Epigone. In diefer Weife meine ich es in der Kürze an-
1914 erfcheinen, war druckfertig und zu einem guten Drittel | geben zu können, was Kaftan unter dem Titel .Philofophie
gedruckt, als der Krieg ausbrach. In der Erwartung, daß | des Proteftantismus' verlieht und wiefern ihm diefe Philofo-
diefer unmöglich lange dauern könne, unterbrach ich den ! phie zu einer .Apologetik des evangelifchen Glaubens'
Druck. Ende 1916 definitiv eines andern belehrt, nahm ! wird. Es ift kein kleinliches Räfonnieren zugunften diefes
ich ihn wieder auf . . . Nun es fich aber mit den Zeiten ' Glaubens, kein polemifches Rechtfertigen deffelben wider
fo gefügt hat, kann ich mein Buch getroft unter die Schrif- j den .katholifchen'. Glauben Katholiken es fich fchuldig
ten einreihen, die zur Feier der Reformation erfcheinen. 1 zu fein, auch auf Kant achtzuhaben, fo werden fie "fich
Sachlich lieht es ganz in diefem Zufammenhang.' So durch Kaftan vielleicht zeigen laffen, wiefern fie es fich
Kaftan in der Vorrede. wohl auch fchuldig fein möchten, auf Luther achtzuhaben.

Es ift ganz richtig, daß das Buch .getroft' fich unter Alfo es handelt fich in Kaftans Buch nicht um eine kon-
die Jubiläumsfchriften Hellen kann, denn es behandelt feffionelle Tendenzfchrift. Und K. weiß andrerfeits fehr gut,
ein Thema, das füglich anläßlich deffen, was wir am 31. hebt es felbft ausdrücklich hervor, daß er fo wenig als
Oktober feiern, ins Auge gefaßt werden kann. Ja mehr j irgendwer, als auch der.freiefte'.klarfte, bewußtefte.kritifche-
als ,kann', vielmehr eigentlich muß. Denn die Wiffen- | fte Denker, nicht über feinen eigenen Schatten fpringen
fchaft kann nicht umhin, fich auch die Frage zu fiel- j kann. Alfo natürlich: man hört den Proteftanten, den
len und fie von den oberften Gefichtspunkten aus zu er- J .Lutheraner'von perfönlicher Überzeugung, in dem Buche,
örtern, was der Proteftantismus als gefchichtliche Frucht i aber nicht den .rechthaberifchen', ängftlichen proteftanti-
der durch Luthers Thefen wider das Ablaßwefen als den 1 fchen Theologen — den .Theologen' nur fo, als ein folcher
Ausgangspunkt hervorgerufenen Bewegung zu bedeuten ! vor andern fich als Sachkundigen in Fragen der Reli-
hat, zu bedeuten nicht nur nach den Maßftäben des Pli- j gion, des .Glaubens', der evangelifche fpeziell in Sachen
ftorikers, alfo relativen, fondern nach den abfoluten, wie t des evangelifchen Glaubens denken darf. Möge doch

fie der Philofoph bezeichnen und handhaben zu können
meint. Kaftan ift der Anficht, daß er nicht aufhört Theolog
zu fein, wenn er fich ftark macht, als .Philofoph des
Proteftantismus' aufzutreten. In der Tat darf, ja muß die
Theologie fich zuletzt an das Problem auch felbft heranmachen
, ob und wiefern das, was Luther oder was der tieffte
Grund und das letzte geiftige Ziel feines Unternehmens
war, einen Eortfchritt, ob nicht vielleicht den entfeheidenden
Schritt zur Feftftellung der .Wahrheit' für den
menfehlichen Geift bedeute. Man kann eine folche Frage
nicht an jeden großen Mann der Gefchichte anknüpfen,
nicht einmal an jeden großen Denker (den Mathematiker,
den Äfthetiker u. a. nicht), fondern nur an die weithin
maßgebend gewordenen Führer auf dem Gebiete der Philofophie
, der ,Metaphyfik', und der Religion, letzterer fo-
fern es fich um eine der Geiftes- (nicht bloßen Kult-)
Religionen handelt. Das Durchdenken der bezeichneten,
fo philofophifchen als (für die Religionen) theologifchen
höchften Frage kann darauf hinauskommen, den .Führer', den

ein denktüchtiger, hiftorifch umfichtiger, mit voller perfönlicher
Überzeugung in feiner Kirche, deren Glauben
flehender, ja ein (darauf käme es geradezu an) bis ins
Mark von dem was Auguftin und Thomas .wollen' durchdrungener
Katholik als Gegenftück zu Kaftans Werk die
.Philofophie des Katholizismus. Eine Apologie des römifch-
katholifchen Glaubens' der Wiffenlchaft fchenken. Er hätte
den Vorzug, an Thomas von Aquino den unter feinen
Glaubens-(Geiftes-)Genoffen anerkannten Philofophen
und Theologen in Einem als Typus für die Gedanken oder
Erkenntniffe (auch Empfindungen kommen in Betracht),
die er zu entwickeln habe, von denen er fich zum voraus
innerlich beftimmt, gerade darum aber auch zur Selbft-
kritik angetrieben wiffe, vor fich zu fehen. Über Kant ift
unter .Proteftanten' viel mehr Streit, als über Thomas
unter Katholiken. Und auch Luther ift noch nicht für
den Hiftoriker (deffen Arbeit ein Mann wie Kaftan zum
Teil erft mit verfehen muß, vorab mit verfehen haben
muß) eine fo eindeutige Größe wie Thomas. Die örtliche