Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 2

Spalte:

386-387

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fuchs, Emil

Titel/Untertitel:

Luthers deutsche Sendung 1917

Rezensent:

Köhler, Walther

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

385 Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 20/21. 386

des Klofterwefens S. 37 ff. ift überflüffig. Unbefriedigend
ift die Abhandlung Flades. S. 77 redet er von Leipziger
Vifitation ftatt Disputation, von Gottes Mahl hören! S. 83
von Ablaßpredigern wie Eck. Die brandenburgifche Kirchenordnung
hat nicht lateinifche Gottesdienfte, fondern
lateinilche Stücke dabei. S. 87 zählt er Brenz neben
Zwingli, Ökolampad und Calvin zu den Predigern der
ffpätern reformierten Kirche'. In den Anm. S. 156 kennt
er ,Markgrafenlieder z. B. Cafimirs von Brandenburg, der
Königin Maria' ufw., zitiert eine unbekannte Schrift Luthers
(Encomion musices' und nimmt die fpäte läppifche Anekdote
von Zwingiis Gefang vor dem Rat noch für bare
Münze (Stähelin, Zwingli 2,59).

Stuttgart. G- Boffert.

Sapper, Karl: Der Werdegang des Proteltantismus in vier
Jahrhunderten. (VII, 393 S.) 8». München, C.H. Beck
1917. Geb. M. 5 —

Das Werk gehört zu den intereflanteften Beiträgen
der Reformationsliteratur, die wir dem Jubiläumsjahre verdanken
. Es beruht auf einer felbftändig gewonnenen Einficht
in die großen Zufammenhänge und vermittelt deren
Kenntnis dem Lefer in überfichtlicher, angenehmer Form.

Die Frage, was der .Neuproteftantismus' ift, den wir
als das Ergebnis einer vierhundertjährigen Entwicklung
vor bezw. um uns haben, ift ja neuerdings viel erörtert
worden, auch von dem Verf. felbft in gefonderter Dar-
ftellung. Hier wird nun im einzelnen der Weg gezeichnet
, auf dem es zu der Bildung diefes .Neuproteftantis-
mus' gekommen fei, und zwar gelangen hier beide Faktoren
, fowohl die bisher vorzugsweife unterfuchte theo-
retifche Seite der Auffaffung des Chriftentums wie die
praktifche, feine religiös-fittlichen Lebensäußerungen um-
faffende, zu ihrem Rechte — leider bleibt die Bedeutung
der kirchlichen Gemeinfchaft ganz außer Anfatz.

Der Weg zum Ziel war gegeben: das Luthertum,
der Humanismus, die Ausprägung des Reformationsgedankens
im reformierten Kirchentum, endlich Täufertum,
Spiritualismus und Independentismus waren in ihrem
Verhältniffe zueinander zu werten. So ergibt fich ein
Dreifaches als charakteriftifch für die Entftehung des
neueren Gefamtproteftantismus: eine rationaliftifche Strömung
(im Deismus und in der Aufklärung), eine myftifch-
intuitive Richtung (im Pietismus und Methodismus), zu
welcher Sapper auch die Schleiermacherfche Religions-
auffaffung zählt, und eine konfervative in möglich!! genauem
Anfchluß an die alten Lehrformen. Die Übergangsform
des Modern-Pofitiven wird zwar auch am
Schluffe geftreift, aber das Wefen des .Neuproteftantis-
mus' findet der Verf. doch eigentlich abgegrenzt nur in
den beiden erften der drei Richtungen. Diefer ift nun
offen für Auseinanderfetzungen und Beziehungen zu all
den geiftigen Strömungen der neueren Zeit, und die beiden
wichtigften und umfaffendften Kapitel der Schrift
(VIII und IX) zeigen eben, wie diefe Strömungen, getragen
von Decartes und Spinoza, von Leibniz, Ch. Wolff,
Leffing und Kant, von Hegel und Schleiermacher und bis
auf die Neueften, die theologifche Entwicklung geftaltet
haben.

In dem letzten Kapitel gelangt dann die praktifche
Seite zu ihrem Recht: die Leiftungen der freien Vereinstätigkeit
auf den verfchiedenften Gebieten kirchlichen
Handelns. Ehe der Verf. dazu übergeht, zeichnet er —
darin wird ihm fchweriich jedermann zuftimmen — als
.Vertreter der neuproteftantifchen Frömmigkeit' den von der
kirchlichen Gemeinfchaft völlig abgewendeten Johannes
Müller. Das obige Manco macht fich hier befonders
fühlbar.

Königsberg. Benrath.

Fuchs, Pfr. Dr. Emil: Luthers deutlche Sendung. (Religions-
gefch. Volksbücher, IV. Reihe, 25. Heft.) (IV, 56 S.) 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1917. M. — 50; geb. M. — 80

Reformationsfchriften der Allg. Ev.-Lulh. Konferenz, hrsg. v.
R. H. Grützmacher, Pleft 1—5.

Bub, Guft.: Der Fähnrich Gottes. Ein deutfches Luther-
fpiel in zwei Stücken. (86 S.) 8°. Ansbach, C. Brügel
& Sohn (1917). M. 1.20

Das religionsgefchichtliche Volksbuch von Emil
Fuchs könnte, wenn man es auf die wiffenfchaftliche
Formel bringen will, am beften bezeichnet werden als ein
Löfungsverfuch des uns durch Troeltfch befonders wichtig
gewordenen Problems: die Bedeutung Luthers für die
Entftehung der modernen Welt. Da diefe auf dem Idealismus
fußt, fo gilt es den Zufammenhang zwifchen Idealismus
und Luther, und da wiederum der Idealismus eine
deutfche Bewegung ift, begreift fich der Titel: Luthers
deutfche Sendung. Damit ift ein warmer, patriotifcher
Ton von felbft gegeben und es hätte der Uluftrierung am
Gegenpole England gar nicht bedurft, ja, ganz offen ge-
ftanden, ich finde diefe gegenfätzliche Veranfchaulichung
unmittelbar ftörend. Gerade aus Patriotismus. An Fuchs'
wiffenfchaftlicher Qualifikation zu einem Urteil über England
ift nicht zu zweifeln, er kennt es beffer als mancher,
der nur ein paar Wochen drüben war. Was Fuchs fagt,
kann die Probe beliehen, aber in der gegenwärtigen Hoch-
fpannung der Gemüter wirkt die fcharfe Kritik wie ein
Ausfall, der ,nun einmal dazu gehört', und der fich um
die Vollwirkung bringt, weil er wie die bekannte ,gemerkte
Abficht' empfunden wird. Das follten wir vermeiden,
gerade im Intereffe der Hochachtung vor unferer deut-
fchen ehrlichen Art. Zumal in einem Volksbuche, deffen
kurze Faffung eine eingehende Begründung folcher fchwer-
wiegender Sätze unmöglich macht, wie es etwa diefer ift:
.England blieb ein Staat ohne fittliche Maßftäbe, der
fein eigenes Volk und fremde Völker zertrat' (S. 8). Ift
es nicht ein Unrecht gegen den Begründer der Quäker,
wenn es heißt: .fchließlich ift die ganze Lebensreform, die
George Fox erftrebte, eine äfthetifche Reform' (S. 19)?
Vergegenwärtige ich mir das feine Urleil Wernles über
Fox (in der Einführung zu der von Marg. Stähelin überfetzten
Selbftbiographie), fo wird man den fatalen Eindruck
nicht los: am Engländer darf eben nichts Gutes
und Tiefes fein. Doch diefe Ausftellungen treffen den
Kern des Buches nicht, der ift vortrefflich gelungen.
F. hebt an mit Worms. Unter dem Kennworte: ,ich bin
gebunden im Gewiffenl' wird das deutfche Pflichtgefühl
von da aus entwickelt, deffen Abfchattung fogar den
.deutfchen Katholizismus im großen Unterfchied von allem
weifchen' trifft. ,Die heilige Würde wird lebendig, die
unabhängig von allem Erfolg, allem Schickfal, allem äußern
Ergehen im Menfchen ruht, weil er feinem eigenen Ge-
wiffen folgen kann'. Das geht auch durch .Abgründe'
hindurch, wie ein feines Kapitel, für mein Gefühl das belle
des ganzen Buches, in einer Auslegung des bekannten
Wortes EA 51, 57: Tu, was du willft! Sündige immerhin!
ausführt, die belle Apologie für den Einmarfch in
Belgien. .Sorge, daß dein Gewiffen geleitet wird von
Glaube und Liebe, dann ift alles gut.' Nur zu treffend
ift, was F. S. 13 in gerechter Erbitterung über die Neutralen
fagt. In drei Kapiteln wird dann die königliche
Freiheit eines Chriftenmenfchen, d. h. das Wefen des
Glaubens gewürdigt, packend und mitreißend. ,Es ift
die unbedingte Luft und Freude, all dies, was ihn bewegt
, nun in voller Wahrhaftigkeit unter die Menfchen
zu werfen'. Befonders freue ich mich der Übereinftim-
mung mit F im Urteile über die Doppelehe des heffifchen
Landgrafen, bei der F. gleich mir ,die große, königliche
Freiheit des Mannes' heraushebt. Deutfche Sprache,
deutfche Kunft, Gottesanfchauung (hier S. 36h prächtige
Worte über das .Gemienfchaftsempfinden mit der Natur')