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Ausgabe:

1917 Nr. 1

Spalte:

345-346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kerler, Dietr. Heinr.

Titel/Untertitel:

Henri Bergson und das Problem des Verhältnisses zwischen Leib und Seele 1917

Rezensent:

Jordan, Bruno

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345

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 16/17.

340

Ott, Ffr. Dr. Emil: Henri Bergfon, der Fhilofoph moderner
Religion. (Aus Natur und Geifteswelt, 480. Bdchn.)
(III. 131 S.) kl. 8« Leipzig, B. G. Teubner 1914.

M. 1—; geb. M. 1.25

Brockdorff, Baron Cay v.: Die Wahrheit über Bergfon.

(55 S.) gr. 8(l. Berlin, K. Curtius 1916. M. 1 —

Kerler, Dr. Dietr. Heinr.: Henri Bergfon und das Problem
des Verhältniffes zwifchen Leib und Seele. Kritifche
Anmerkgn. zu Bergfon's Buch „Materie und Gedächtnis
". (S.-A. aus Vierteljahrsfchrift f. wiff. Philofophie,
40. Jahrg.) (18 S.) 8°. Ulm, H. Kerler 1917. M. —80
Wie tief die eigentümliche Philofophie Bergsoi* die
Gedanken weiterer Kreife beherrfcht hat, erhellt äußerlich
daraus, daß er der meiftgelefene Philofoph an fran-
zöfifchen Gymnafien ift, daß er das lebhafte Intereffe des
großen Publikums allerorten erregt hat, daß feine Ideen
in die Kreife der Philofophen, Gelehrten, Theologen und
Künftler faft in gleicher Weife Eingang gefunden haben.
Merkwürdiger noch ift das innere Schickfal diefer Lehre,
die nicht nur einen Windelband und andere in ihren
Zauberbann fchlug, fondern die fogar unter den Vertretern
der Religionsphilofophie und Religion Propheten, ja
beinahe begeifterte Jünger gefunden hat.

Nach Ott hat Bergfon einen Ausgleich gefchaffen
zwifchen Monismus und Theismus und damit der modernen
Religion den größten Dienft erwiefen. Nach ihm hat
Bergfon das Feuer und die'dichterifche Kraft eines Propheten
, um einer ganzen Zeit Führer und Wegweifer zu
fein. Worauf gründet Ott diefes begeifterte Lob? Er
rühmt Bergfon nach ein wahres Blendfeuer von Geiftes-
helle und Sprachfchönheit; er anerkennt das Meiden trok-
kener Gelehrfamkeit, er leiert fprachliche Glätte und bilderreichen
Ausdruck. Dabei betont er fogar felbft, daß
Bergfon und feine Philofophie noch unfertig feien, und
nennt ihn doch einen genialen Kopf. Ja, in feiner Verblendung
wagt er (vor dem Kriege!) folgenden Satz: vielleicht
mußte er deshalb (als Führer und Wegweifer) ....
ein Franzofe fein. Haben wir fchon deshalb große Bedenken
in formaler Hinficht gegen diefe hymnenreiche
Apologie, fo wachfen fte ins Ungemeffene, wenn wir den
Grundgedanken der Schrift und feine Durchführung im
einzelnen betrachten. Trotz eigener Bedenken, trotz der
Einficht in das Gewaltfame und Unhiftorifche feines Verfahrens
rückt Ott die Lehre Bergfons unter den religiöfen
Gefichtspunkt. Das wäre als gelegentliche Betrachtungsweife
zuläffig, wenn auch unter manchen Einfchränkungen,
aber eine Monographie über Bergfon darf nie und nimmer
fo geftaltet fein. Ott findet in Bergfons ,Religion'
entweder den Inhalt oder doch die Vorbedingung feiner
eigenen wieder; wo Bergfon abweicht, lehnt er ihn ab.
Eine folche Würdigung vom eigenen Ich aus kann doch
unmöglich der wirklichen Bedeutung einer Lehre im
Geiftesleben der Gegenwart gerecht werden. Manches
wird dabei an Bergfon anerkannt, was keineswegs ihm
eigentümlich ift, noch von ihm in befonders glücklicher
Form dargeftellt wird, wie z. B. die Bekämpfung der
mechaniftifchen Weltanfchauung, fein Realidealismus u. a.
Anderes wie feine Intuitionsphilofophie wird ganz einfei-
tig im religiöfen Sinne gedeutet und dabei das Wefen
der ,sich ins Herz der Dinge verfetzenden Intuition' durchaus
verkannt. Die religiöfe Intuition ift ein .Werterlebnis'
und fteht vor und außerhalb der Erkenntnis; Bergfons
Intuition foll eine oder vielmehr die eigentliche Erkenntnis
fein. Ott ahnt die Schwäche diefer Intuition; denn
er vermißt bei Bergfon eine Unterfuchung der Geiftesge-
fchichte, von der allein der Religion der Zukunft Gewinn
erwachfen könnte. Damit hat er tatfächlich Bergfons Intuition
zurückgewiefen. Deutlicher wird von ihm das
Unbrauchbare der Bergfonfchen Philofophie des Werdens

für die Gottesvorftellung erkannt und ausgefprochen. Hier
äußert er felbft die fchwerften Bedenken. Von fünf Punkten
bleibt fo fchließlich einer beliehen als vermeintliches
Verdienft Bergfons, die Stellung zu Monismus und Theismus
. Hier foll er durch Vereinigung diefer beiden Grund-
anfchauungen der heutigen Religion den größten Dienft
erwiefen haben. Nun muß Ott freilich ,in die Form bewußter
Überlegung und Schlußfolgerung bringen, was Bergfon
unauffälligerweife und durch feine Bilderfprache etwas
verdeckt, in die Schilderung der innerweltlichen Gottesentwicklung
mit verwebt', er muß überdies Bergfon, ,der
die Religion immer nur als Hintergrund und Untergrund
behandelt', vor dem Verdacht des Pantheismus fchützen.
Die Vereinigung beider Prinzipien aber befteht letzten
Endes darin, daß Bergfon den Theismus behauptet und
den Monismus nicht leugnet oder umgekehrt; freilich das
Wichtigere ift, daß er den Theismus behauptet. Ich
glaube, es entfpricht nicht der Würde der Religion, in
diefer gewaltfamen Weife Kronzeugen für die eigene the-
iftifche religiöfe Grundüberzeugung zu fuchen. Viel mehr
als der Verfuch zu zeigen, daß felbft die .modernfte Moderne
' vom Chriftentum aus betrachtet hoffähig, ja vielleicht
bündniskräftig fei, fleckt nach alledem kaum in der
Schrift Otts, und darum kann ich mich mit ihren Ergeb-
niffen und ihrer Methode nicht befreunden.

Bönke hat in einer bekannten Brofchüre Bergfon als
Plagiator zu erweifen gefucht. Brockdorff will in feiner
Tendenzfchrift darüber hinaus zeigen, daß Bergfon den
Kern feiner Lehre aus Schopenhauer ,entlehnt' hat. Diefe
.Entlehnung' fei noch dazu letzten Endes nichts als eine
fchlechte Benutzung vorgefundenen Gedankenguts. Auch
im einzelnen gibt Brockdorff intereffante Hinweife über
die Geneüs der Ideen Bergfons. Seine eigene Kritik des
Intuitionsbegriffs weift befonders auf den begrifflichen
Charakter der Intuition hin. Wertvoll ift diefe Kritik vor
allem durch den Hinweis auf die verfchiedenen Arten
des Intuitionsbegrifls und die ihnen zugrunde liegenden
begrifflichen Vorausfetzungen. Der Ton der kleinen
Studie ift reichlich frifch und perfönlich, die tumultua-
rifche Beweisführung geht feiten in die Tiefe. Aber die
Schrift ift ein bedeutiämes Sympton, wie ftark fleh der
Widerftand gegen Bergfon zu regen beginnt.

Bergfons Anhänger haben als ein befonderes Verdienft
feiner Lehre die glückliche Löfung des pfycho-
phyflfchen Problems gepriefen. Demgegenüber übt Kerl er
in dem vorliegenden Auffatz fcharfe Kritik an feiner
Wahrnehmungs- und befonders Bildertheorie und unter-
fucht in diefem Rahmen feine Lehre vom Gedächtnis und
vor allem feine Auffaffung des Verhältniffes von Materie
und Geift. In formaler Beziehung weift er das Wider -
fpruchsvolle, Unklare und Unbeftimmte feiner Terminologie
überzeugend nach, fachlich zeigt er die Verwechslung
von ,real' und .irreal' und die dadurch bedingten
abfurden Konfequenzen. In der Tat ift für Bergfons Lehre
zweierlei charakteriftifch: die fprunghafte Begriffsverfchie-
bung (z. B. ,mein Körper' bald irreal, bald real; Materie
bald phänomena!=Inbegriff der Bilder, bald als Empfindung
real ufw.) und die wiederholte Münchhauflade (Das
,Handeln' des Körpers ,fchneidet' eben diefes Handeln,
alfo fleh felbft ,aus'; die realen Gefühle (die eine Irrea-
lität= ,mein Körper' in fleh faßt) werden erkannt durch
fleh felbft, freilich als Gefühle des Subjekts ufw.!). Im
einzelnen hat Kerler fcharffinnig das Widerfpruchsvolle
und Haltlofe der Dichtungen Bergfons aufgewiefen und
dargelegt; aber darüber hinaus hat feine Studie auch als
Kritik des Konscientialismus überhaupt großen Wert, als
deffen heute einflußreichfte Spielart neben Bergfons Pan-
vitalismus und Intuitionismus auch der Pragmatismus
zu gelten hat, der gleichfalls durch Kerlers Ausführungen
getroffen wird.

Bremen. Bruno Jordan.