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1917 Nr. 16

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343

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Kurze Übersicht über die Geschichte und die gegenwärtige Lage der Mariawiten in Polen 1917

Rezensent:

Wotschke, Theodor

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343

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 16 17.

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Augsburger und der Helvetifchen Konfeffion, die der
Verfafler im Sinne hat? Als Appofition ift dies Wort
unmittelbar hinter Anhänger der Genfer Konfeffion doch
gar nicht zu faffen. Und nun vollends Sozinianer, Unitarier
? Weiß der Doktor der Theologie und Breslauer
Privatdozent nicht, daß feit 1660 es in Polen keine Sozinianer
, Unitarier mehr gab, daß der polnifche verfolgungs-
füchtige katholifche Klerus fie fchon hundert Jahre vor
der erften Teilung Polens mit Stumpf und Stiel hatte
ausrotten laffen? Jede Kirchengefchichte hätte ihn hier
belehren können. Auf der folgenden Seite lefen wir:
,Die Diffidenten fchloffen fich zur Konföderation von Ra-
dom zufammen'. Wieder hätte jede Kirchengefchichte den
Verfaffer aufklären können, daß die Diffidenten zur
Wahrung ihrer niedergetretenen Rechte die Konföderationen
von Thorn und Sluzk gebildet haben. Die
Konföderation von Radom war eine katholifche. Katholiken
hatten fie gebildet, Katholiken fetzten fie zufammen,
erft nachträglich fchloß fich die Thorner mit ihr zufammen
. Diefe Proben mögen genügen. Weitere gefchicht-
liche Verftöße anzuführen wäre Raumverfchwendung.

Pratau. Th. Wotfchke.

Kurze ÜberNcht über die Gefchichte und die gegenwärtige
Lage der Mariawiten in Polen. (23 S.) 8°. Bonn, Verl.
d. altkath. Preß- u. Schriftenver. 1917. M. — 50

Abgefehen von gelegentlichen kurzen Nachrichten
in den Tagesblättern hören wir nur wenig von den Mariawiten
, diefer eigenartigen jungen romfreien katholifchen
Kirche in Polen, die vor dem Kriege etwa eine drittel
Million Seelen zählte. Gerade daß die chriftliche Welt
1910 in Nr. 24, 25 und 27 der mariawitifchen Bewegung
einen Artikel gewidmet und ihren geiftigfittlichen Hintergrund
gezeichnet, daß Pfarrer Rhode in Schildberg
(Polen) 1911 bei Runge in Lichterfelde einen feffelnden
Reifebericht ,Bei den Mariawiten' veröffentlicht hat. Es
ift deshalb dankenswert, daß der Verlag des altkatholi-
fchen Preß- und Schriftenvereins in Bonn in der vorliegenden
Flugfchrift die Mariawiten behandelt. Auf acht
Seiten bietet er eine kurze, aber gut unterrichtende Gelchichte
ihrer Entftehung und Entwicklung mit befonde-
rer Hervorhebung der in ihnen waltenden religiöfen
Kräfte, auf zwölf weiteren Seiten teilt er fechs Briefe
aus Lodz und einen kurzen Bericht des mariawitifchen
Bifchofs Golembiowski mit über die gegenwärtige Lage
der Mariawiten und die Kriegsleiden ihrer Gemeinden.
Es ift richtig, daß religiöfe Innerlichkeit und aufrichtiges
fittliches Streben diefe polnifche Kirchengemeinfchaft
kennzeichnet, infonderheit ift der Geift Franz' von Affifi
in ihr lebendig. Auf feine Regel werden ihre Geiftlichen
verpflichtet. Der Krieg hat ihre Gemeinden im Ganzen
nur wenig gefchädigt; welches wird aber ihr Los im
neuen Königreich Polen fein, in dem natürlich die römi-
fche Kirche einen beftimmenden Einfluß haben wird?
Im Okkupationsgebiet, das der öfterreichifchen Verwaltung
unterfteht, find die Kirchen und Schulen der Mariawiten
bereits gefchloffen worden.

Pratau. Th. Wotfchke.

Simmel, Georg: Das Problem der hiftorifchen Zeit. (Philo-
fophifche Vorträge veröff. v. der Kantgefellfchaft, Nr.
12.) (31 S.) 8°. Berlin, Reuther & Reichard 1916.

M. —80

Die kleine Abhandlung ift wieder ein echter Simmel,
fcharffinnig und tiefbohrend und ohne viel Rückficht auf
den Lefer, der Tragweite und Einreihung in den philo-
fophifchen Problemftand gerne recht deutlich erkennen
möchte. S. kritifiert und ergänzt die — auch von
mir im Wefentlichen geteilte — Gefchichtslogik Windelbands
, indem er den Satz auffteilt, daß die Individualität
des Hiftorifchen erft durch Zuteilung an einen beftimm-
ten unwiederholbaren und unvertaufchbaren Zeitpunkt
der hiftorifcher Reihe zu Stande kommt. Das ift richtig,
ift aber wohl auch bei der individualbegrifflichen Theorie
ftets fo gemeint gewefen. Die Hauptfache ift daher gar
nicht diefe Korrektur felbft, fondern der Hinweis auf die
weiteren in diefer Hereinziehung des Zeitbegriffes für den Begriff
der hiftorifchen Individualität liegenden Konfequenzen.
Die Individualifation durch zeitliche Feftlegung und die
Individualifation durch verftehende Erfaffung der inneren
Kontinuitäts- und Sinneinheit erweifen fich nämlich als zwei
ganz verfchiedenartige Individualifationsprinzipien, aus
deren Gegenfatz wichtige weitere Folgen für Gefchichts-
wiffenfchaf t und Gefchichtsphilofophie hervorgehen. Die zu

| Ende geführte reftlofe Fixierung in der chronologifchen Zeit

[ zerteilt und atomifiert die Gefchichte bis zur Unmöglichkeit
jedes Verftändniffes. Die bei der Geftaltung der kon-

| tinuierlichen Sinneinheit angewandte Idee der Zeit ift
die einer mit realen Unterfchieden erfüllten Dauer, keine
chronometrifche, fondern die hiftorifche Zeit. Gefchichts-
wiffenfchaft entflieht nur durch gemeinfame und gleichzeitige
Anwendung beider Zeitbegriffe, aber in diefer ge-
meinfamen Anwendung liegt erft das eigentlichfte und

■ tieffte Problem, die Verteilung einer finnvoll individuellen
Einheit auf die erft wahrhaft individualifierenden chrono-
metrifchen Zeitpunkte. In der älteren Sprache könnte
man fagen: das Verhältnis der hiftorifchen Dialektik zur
konkreten Zeit und Wirklichkeit oder der Entwicke-
lung zu ihrer tatfächlichen Realifation. Es find zwei Zeitbegriffe
in allem hiftorifchen Wiffen vereinigt, ein ato-
mifierender und naturalifierender Begriff der chronometri-
fchen und ein vereinigender, verfchmelzender, den Zufam-
menhang und die Bewegung ausdrückender Begriff der
hiftorifchen Zeit. Dies erinnert natürlich an die bekannten
Beobachtungen Bergfons und ift in letzter Linie ein meta-
phyfifches Problem. Als erkenntnistheoretifches hält es
S. dementfprechend in der Tat für unauflöslich; die
Windelband-Rickertfche Gefchichtslogik würde alfo damit
als eine erkenntnistheoretifche Antinomie in fleh
tragend erfcheinen. Eine metaphyfifche Entfcheidung letzter
Inftanz hält S. dagegen für möglich, ohne fie natürlich
in dem Schriftchen zu geben. Er bleibt vielmehr
bei der gefchichts-logifchen Iriageftellung und hebt hier
nur hervor, daß die Gefchichtswiffenfchaft in beiden Rück-
fichten gegenüber dem realen Gefchehen eine Umbildung
und keine Abbildung oder Nachbildung ift. Den Zufam-
menhang diefer umbildenden und infofern fubjektiv-anthro-
pologifchen Logik mit dem objektiven Leben felbft deutet
eramSchlufle nur durch den Satz an, daß diefe Umbildung
dem hiftorifchen Leben felbft entfpringe, alfo der Aus-

j druck der fleh felbft als Einheit immanenten und individuell
erfaffenden Lebensbewegung des Gefchehens und zugleich
der hiftorifchen Reflexion auf es fei. Damit würde man
fleh, wenn ich die Sache recht verftehe, wieder einer der

j hegelfchen ähnlichen Auffaffung von der Gefchichte nähern
: das Selbftverftändnis jeder Epoche wird aus der
Reflexion auf die genau fixierten Tatfachen und durch
ihre innere Vereinheitlichung in einer auf den Moment
gerichteten Entwicklungstendenz geboren. Darin liegt
die letzte allein erreichbare Objektivität oder der, Realismus
' der Gefchichtswiffenfchaft, der dann aber freilich
nur ein fehr bedingter ift. Von Hegel unterfchiede fich
diefes Denken nur durch den allerdings fehr wichtigen

i Punkt, daß die ,Dauer' oder ,dialectifche Zeit' keine
fpinoziftifche Zeitlofigkeit und fubftantiale Identität des
Wefens in der Bewegung ift, d. h. durch die Preisgebung
des fpinoziftifch-eleatifchen Rationalismus.

Ich habe gegen all das nichts einzuwenden, aber fehr
viel weitere Fragen dazu zu ftellen, die hier nicht verfolgt
werden können.

Berlin, Troeltfch.