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Ausgabe:

1917 Nr. 1

Spalte:

336-337

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goodrick, A. T. S.

Titel/Untertitel:

The Book of Wisdom 1917

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 16/17.

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nungen',unter dem Zwang einer pfychifchen Gefetzmäßig- : Ziel der Religion, zu dem fie fich freilich nicht als Volks-
keit, der die Gebilde der mythologischen Phantafie eben- : religion, fondern nur in philofophifcher Läuterung er-
fo unterworfen find wie die einfachen Sinneswahrnehmun- ; heben kann, ift das .Gefühl der Zugehörigkeit des Menfchen
gen und Affekte, erworben hat (IV 320). Von der allge- i und der ihn umgebenden Welt zu einer überfinnlichen
meinen Phantafietätigkeit unterfcheidet fich die mythen- j Welt, in der er fich die Ideale verwirklicht denkt, die
bildende nur ebenfo graduell, wie jene von Sinneswahr- ! ihm als höchftes Ziel menfchlichen Strebens erfcheinen'
nehmung und Erinnerung. Mythologifche Apperzeption : (VI 522). An Stelle jedes Mythus tritt hier ,die Erkennt-
kommt erft da zuftande, wo ein Reiz ftarke Affekte aus- | nis Gottes als der über allem Vergänglichen fchwebenden
löft, die felbft ftarke affektive Gegenwirkungen hervor- ' unperfönlichen Macht des Seins (Elem. 501); letztes übrigbringen
(IV 67). Mythifche Gestaltungen find daher, nach , bleibendes Zeichen ift das Gefühl, das die hinter ihm
ihren letzen Motiven betrachtet, nichts als den Umftänden j flehende religiöfe Idee im Bewußtfein vertritt (VI 524).
nach differenzierte .Affektentladungen' (V 20). Die Affekte j Dies religiöfe Gefühl felbft ift kein einfaches, fondern eine

werden hier durch ihnen entfprechende, im affekterregen-
den Gegenstand objektivierte gehoben. Durch die Personifikation
des mythologischen Gegenstandes wird diefer
über den Moment der Aftekterregung hinaus zum Träger
bleibender Eigenfchaften objektiviert. AffimilationundAffo-
ziationen des fonftigen Bewußtseinsinhalts Schließen Sich
an. Das ganze Gebilde erfcheint, eben um feines Affekt-
wertes willen, als objektive Wirklichkeit und gewinnt
nicht feiten diefelbe Intenfität wie Sinneswahrnehmungen.
Natürlich kann der Affekt, der den Mythus gebildet hat,
Sich abfchw^chen, und dann verwifchen Sich die Grenzen
von Mythus und Dichtung. Dagegen bewegen wir uns
Sicher auf dem Gebiet des Mythus, wenn der Affekt Stark
genug ift, um in Ausdrucksbewegung d. h. in Handlung
überzugehen. Darum ift der Kultus ein Sichres Kriterium
des echten d. h. für wahr gehaltenen Mythus; doch fallen
die Grenzen beider nicht zufammen. Denn der Mythus
befitzt allgemeinere Geltung: Sein Wefen liegt in der Verknüpfung
der Erlebniffe der Wirklichkeit mit einer .unsichtbaren
' Welt, die eben dem eigenen Gemüt entstammt
(vgl. .Elemente'75). Seine Ausgangspunkte liegen in der

Refultante der Gefühle, die der Idee des Überfinnlichen
und der Zugehörigkeit des Einzelnen zu feiner Gemeinschaft
entstammen (536). Die Aufgabe, Solchen in Einheit
mit dem Glauben und Wiffen, in Freiheit des reli-
giöfen Gewiffens von äußerem Zwang voll zu entwickeln,
weift Wundt dem Proteftantismus zu.

Daß in diefen Sätzen nicht mehr die Völkerpsychologie
, fondern eine ganz bestimmte Religionsphilofophie
zu Worte kommt, bedarf keiner Erörterung; eben deshalb
aber ift auch Wundts Definition der Religion, weil
auf dem gleichen Wege gewonnen, mißlich und paßt nicht
zu den fonft wefentlich empirifch gehaltenen Ausführungen
der ganzen Untersuchung. Sehr merkwürdig ift auch der
Hiatus zwifchen der Gefamtdarftellung und ihrem letzten
Ziel. Was find denn fchließlich Wundts metaphyfifche
Sätze anders als eine letzte Abstraktion des .Mythus'?
Werden Sie wirklich vermögen, aus fich religiöfes Gefühl
von gleicher Starke zu erzeugen, wie .Mythus' und .Kultus
'? Nach Wundts reizvoller Analyle der .Kultlegende'
des Lebens Jefu, die, fo manchen Widerfpruch Sie herausfordert
, doch die religiöfe Kraft derfelben in hohem

durch fefte Affoziationen geficherten Bildung der Vor- j Maße würdigt (V457ff. 472fr. VI 250ff. 494s), und nach

ftellungen von der .Körperfeele' und der unfinnlicheren 1 der beachtenswerten Vergleichung mit der buddhiftifchen

Pfyche (Hauch-, Schatten-ufw. Seele). Wie die ekftatifche ; Kultlegende (499«". Elem. 491fr.) zu Schließen, wird er

Vifion die .Seele' in ein allumfaffendes Reich der .Geifter' felbft Anftand nehmen, diefe Frage zu bejahen. Jeden-

erhebt, fo erzeugt der Angfttraum zuerft die Vorfteilun- : faus wjrd man aus dem gefamten Tatfachenmaterial,

gen bedrängender Wefen, die dem Menfchen Krankheit : welches Wundt vorlegt, den Schluß ziehen dürfen, daß

und anderes Ungemach bereiten. Doch kann der Dämon [ 0iine Mythus' und Kultus eine gefchichtliche Religion nicht

neben den Affekten des Grauens und der Furcht, die j beftehn kann, weil nur hier Anregungsmittel vorhanden

ihn erfchufen, auch Hoffnung erregen und fo zum Schutz- pind von e;ner Kraft) d;e ausreicht, um die religiöfen Ge-

dämon werden und damit zum erften dauernden Kultus- fühle nicht verpuffen zu laffen, fondern zu gefchichtebil

objekt. Diefen Übergang läßt Wundt fich im Totem, der
im Tier inkarnierten Ahnenfeele vollziehen. Während
der ebenfalls vom Seelenglauben, namentlich von der
Körperfeele abzweigende Zauber mit feinem Kult, dem
Fetifchismus, in den Niederungen primitiven Lebens ver

dender Wirkung zu vereinen. Nicht auf Verneinung des
.Mythus', fagen wir richtiger, der Glaubensausfagen, kann
es ankommen, fondern auf ihre Deutung im Sinne eines
fymbolifchen Realismus, der dem Wiffen gibt, was ihm angehört
, dem Glauben aber uneingefchränkt das läßt, was

bleibt, gehen aus dem Totem Ahnen und Heroen hervor; | er anejn erfaffen kann. Aber wenn ich fo Wundts letz-
daneben treten die Vegetations- und Kulturdämonen auf. , ter Tendenz in religiöfen Fragen Starken Widerfpruch
Verbindet fich das dämonifche Wefen, die Beziehung '■ entgegenfetzen muß, wenn ich zudem auch in vielen und
auf den Menfchen und fein Schickfal, mit perfonhcher 1 wichtigen Einzelproblemen, die hier zu erörtern nicht
Eigenart, wie Sie der Held befitzt, fo entsteht der Gott. ! der p)atz ift; fe;ne Anficht nicht teilen kann, fo möchte
Götter im eigentlichen, diefen Begriff von dem der Gei- 1 icll darum den Dank für fein großes und wertvolles Werk
fter und Dämonen unterfcheidenden Sinn des Wortes i mcht verkürzen. Auf dem Weg zur Erfaffung unferer gei-
kann es nicht geben, Solange es keine das Maß norma er ftigen Kulturwerte, insbefondere auch der religiöfen be-
menfchlicher Fähigkeiten weit überfchreitende Helden | zeichnet es einen wichtigen Schritt,
gibt. Dem gegenüber tritt die Bedeutung der Himmelsmy- .
thologie und der Kosmogonie Stark(m.E.allzuftark) zurück, | Böttingen. Titius.
(vgl.namentlich IV 556ST. VI 19.30.50.Elemente' 366.380!!".).

Religiöfe Bedeutung gewinnt freilich nach W. die
Vorstellung auch der Gottheit erft dann, wenn und
infofern fie einen idealen, überfinnlichen Wert befitzt
und wenn fie das Subjektive Bedürfnis des Menfchen nach
einem idealen Zweck feines Dafeins befriedigt (Elem.411 f.)
Auch der Kult wird religiös erft in dem Maße, als er an
eine Gemeinfchaft gebunden ift, auf die allgemeinsten, von
der beginnenden Kultur getragenen Lebensbedürfniffe
abzielt, fich nach Motiv und Gegenstand auf eine über-

Goodrick, A. T. S., M. A.: The Book of Wisdom. With
Introduction and Notes edited. (The Oxford Church
Bible Commentary.) (XII, 437 S.) 8°. London, Ri-
vingtons. s. 7. 6

Das Buch der .Weisheit Salomos' bereitet dem For-
fcher, was Kompofition und Einzelexegefe anbetrifft, noch
immer größte Schwierigkeiten. Goodrick greift nach bei-
finnliche Welt bezieht (VI 404fr.). Er wird fo fchließlich I den Richtungen hin kräftig in die Unterfuchung ein. Er
zum Erlöfungskult, der den Inhalt des Heldenzeitalters j liefert einen gründlichen, gelehrten und gefchmackvollen
negiert; es zeigt fich darin die Einwirkung der Seelen- j Kommentar, gefpickt mit Zitaten und Parallelen,
und Jenfeitigkeitsvorftellungen und der Ekftafe. Letztes | Aus der 84 Seiten zählenden Einleitung möchte ich