Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 1

Spalte:

4-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grosch, Herm.

Titel/Untertitel:

Der Umfang des vom Apostel Matthäus verfaßten Evangeliums oder des aramäischen Matthäus 1917

Rezensent:

Bauer, Walter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

3

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. l.

4

mittelalterlichen Kirche, die z. B. noch in Ludwig Dieftels
fonft fchätzenswertem Werke ,Gefchichte des AT. in der
chriftlichen Kirche'zum Ausdruck gekommen find, wurden
neuerdings hauptfächlich von Sam. Berger in feiner Arbeit
,Quam notitiam linguae Hebraicae habuerint Christiani
medii aevi temporibus in Gallia' (1893) erweitert, und die
Ergebniffe feiner Forfchung find auch im gefchichtlichen
Teile meiner jetzt kürzlich erfchienenen Hermeneutik des
AT. verwertet worden. Aber nun find diefe Forfchungen
auch auf die mittelalterliche Kirche Deutfchlands ausgedehnt
worden. Da werden wir ausführlich mit folgenden
Freunden der hebräifchen Sprache bekannt gemacht:
Hnr. Heynbuch bei Langenftein in Heffen (bis 1382 Prof.
zu Paris, dann zu Wien); Stephan Bodeker, Bifchof von
Brandenburg (+1459); Sifrid Piscatorius, Weihbifchof von
Mainz (f 1473); Petrus Nigri, Mitglied des Dominikanerordens
(f ca. 1483); Konrad Summenhart, Prof. zu Tübingen
(f 1502); Stephan Septemius, Benediktinerprior zu Ebersberg
(j nach 1512). Kürzer wird dann noch über einige Be-
fitzer geringerer hebräifchen Kenntniffe, wie den Tegernfeer
Benediktinermönch Joh. Keck u. a., gelprochen, und ein
Kapitel über die Förderer des flebräifchen unter den
erften deutfchen Humaniften, wie z. B. Weffel Gansfort
von Groningen (11489) und Konrad Celtis (f 1508), fchließt
die Einzelunterfuchungen des Buches ab, denen nur noch
ein fchließender Rückblick folgt.

Fragt man nun zunächft nach den Beweggründen,
die zu diefer Erneuerung des Studiums der hbr. Sprache
getrieben haben, fo war der Wunfeh, die Originalfprache
des AT. kennen zu lernen, allerdings nicht ganz erftorben,
aber viel ftärker wirkte das Streben, Miffion unter den
Juden zu treiben. Aus ihm wurde ja fchon der Befchluß
des Konzils von Vienne (1311) geboren, daß am Sitze
der römifchen Kurie und an den Univerfitäten Paris,
Oxford, Bologna und Salamanka je zwei Lehrer für He-
bräifch, Arabifch und Chaldäifch anzuflehen feien, und obgleich
auch bei der Wiederholung diefes Befchlufles durch
das Konzil zu Bafel am 7. April 1434 abermals keine
deutfehe Univerfität mit genannt wurde, ift er doch in
Deutfchland auf fruchtbaren Boden gefallen und bot auch
den erwähnten Männern eine Anregung, fich auf dem
Gebiete des Plebräifchen Kenntniffe zu erwerben. Als
Hilfsmittel zu deren Erlangung hat ihnen dabei, foweit
man fehen kann, nur die Anleitung von mehr oder weniger
ungelehrten Juden gedient. Denn nicht nur erwähnen
fie keinen der bekannten jüdifchen Grammatiker des
Mittelalters, wie etwa David Qimchi (f ca. 1230), deffen
Mikhlol ja eine klaffifche Darftellung der hbr. Formenlehre
bildet, fondern auch das Maß ihrer grammatifchen
Kenntniffe führt auf diefes Urteil hin. Denn die Darlegung
der erwähnten chriftlichen Hebraiften befchränkt
fich auf die Befprechung der Schrift und der Ausfprache
des Hebräifchen.

In bezug auf die Bezeichnung der Vokale, wie z. B.
den Gebrauch des Namens Melophum, und den Übergang
der deutfeh- nordfranzöfifchen Ausfprachetradition in die
fpanifch-füdfranzöfiche gibt das Buch viele Aulklärung.
Im übrigen aber kann von einer Förderung der jetzigen
Erforfchung des hbr. Sprachbaues durch die Darftellung
Jpner Anfänge des chriftlichen Studiums der altteftament-
hchen Originalfprachen nicht die Rede fein. Indes ift
es auch fchon an fich felbft wichtig, das gefchichtliche
Portfchreiten der hbr. Studien bei den Chriften wieder
auf einem Gebiete kennen gelernt zu haben. Die gefchichtliche
Betrachtung diefer Anfänge übt ja nicht nur den
Reiz aus, mit dem die Erforfchung jeder neuen Lebensregung
verbunden ift, fondern verfcheucht auch wieder
an ihrem Teile die Vorftellung von der völligen Dunkelheit
der mittelalterlichen Zeit. Deshalb hat der Verf. fich
mit feiner mühfeligen Durchftöberung beftaubter Biblio-
theksfehätze den Dank aller Freunde diefer Studien
verdient.

Bonn- Ed. König.

Grofch, Lic. Dr. Herrn.: Der Umfang des vom Apoftel
Matthäus verfaßten Evangeliums oder des aramäifchen
Matthäus. Nebft Erklärgn. wicht. Erzählgn. u. Aus-
fprüche des Evangeliums. (VIII, 126 S.) gr.8°. Leipzig,
A. Deichert Nachf. 1914. M. 2.80

Gr. fucht in feiner Schrift den Nachweis zu führen,
daß es bei der Entftehung des Matthäusevangeliums folgendermaßen
zugegangen fei: Der Apoftel Matth, hat
zwei Evangelienfchriften ausgehen laffen, beide in aramä-
ifcher Sprache. Die ältere, aus der Zeit von a. 41—46,
begann mit Johannes dem Täufer und fchloß mit der
Salbung. Sie bildete die Grundlage für die andere, die
in die Jahre 61—67 gehört und etwa elf Zwölftel unferes
Matthäusevangeliums umfaßt. Diefes entftand dadurch,
daß a. 80—90 die fpätere Apoftelfchrift ins Griechifche
übertragen und dabei zugleich mit allerlei Zutaten ver-
fehen wurde. Der Überfetzer entlehnte gewiffe Stücke
dem Mkevangelium. Er ift aber auch für fonft noch
alles Mögliche verantwortlich, was Gr. nicht gern aul
einen der Zwölfe zurückführen möchte. Von diefer Anficht
vom Werden des erften Evangeliums ausgehend
fucht Verf. den Umfang der eigentlichen Apoftelfchrift
feftzuftellen.

Das Buch gäbe zu Beanftandungen im Einzelnen
reichlich Veranlaffung; fo ift die Exegele, mit deren Hille
aus Eufeb., H. e. 3,24^ ein Zeugnis für die Doppelgeftalt der
aramäifchen Matthäusfchrift gewonnen wird, einfach
ungeheuerlich (S. 29. 30). Aber der Haupteindruck, mit
dem man die Lektüre befchließt, ift doch von dem Ganzen
beftimmt und der einer grenzenlofen Verblüffung darüber,
mit welch primitiven Mitteln Gr. die fchwierigften literarhifto-
rifchen und religionsgefchichtlichen Probleme löfen und
fichere Refultate erzielen zu können glaubt. Er fcheint
die wirklichen Schwierigkeiten feiner Aufgabe noch nicht
einmal zu ahnen. Diefer Redner über den .aramäifchen
Matthäus' verfügt entweder über keinerlei Kenntnis des
Aramäifchen, oder hält es nicht für geboten, fie bei
diefer Gelegenheit zu verwerten. Das, was jahrzehntelange
Arbeit zum Erweis der durchgängigen Abhängigkeit
des erften Evangeliums vom zweiten zufammen-
gebracht hat, wird kaum an der Oberfläche geftreift. Und
ich vermag auch nicht anzuerkennen, daß die pofitiven
Darlegungen feine Erledigung bedeuteten. Dazu wäre
denn doch etwas anderes nötig als Gedankengänge, die
oftmals direkt kindlich anmuten.

Ich fehe von der Behandlung der Wunder ab, die z. B. die lirot-
vermehrung mitHilfe desTelephons illuftriert (S. 49h und zu Matth. 17,24—27
bemerkt: ,daß im Leibe' — denn das otü/xa 17,27 war urfprüuglieh ein
Owtia — ,von Fifchen Geldmünzen gefunden werden, haben viele Tatfachen
erwiefen' (S. 110). Jedoch ein Urteil wie diefes: ,eiu ehrlicher
Bearbeiter würde fich gehütet haben, die Vorftellungen feiner Zeit Jefu
felbft in den Mund zu legen' (S. 63), ift jeglicher Kenntnis der wirklichen
Verhältniffe bar. Und als weitere, gewiß genügende, l'robe des hier beliebten
Beweisverfahrens, mag der Schluß des Buches dienen: ,das Ev.
Matth, ift von Vertretern aller theologifcheu Richtungen als ein an herrlichen
Wahrheiten reiches gerühmt worden (auch von Joh. Weiß,
Jülicher, Feine). Diefe Tatfache nötigt uns anzuerkennen, daß alle die
bedeutungsvollen, das Innerfte der Wahrheit erfaffenden Ausfprüche und
Lehren, welche das I. Evangelium darbietet, dem Geilte des Erlöfers
felbft entflammen, und daß fie von einem feiner unmittelbaren Jünger,
dem Apoftel Matth., treu und wahrheitsgemäß aufgezeichnet find'.

Nun, der Lefer, dem mit folchen Schlürfen gedient ift, mag fie dem
Verf. abnehmen. Aber darüber wird wohl auch er fich befchweren, daß
Gr. in der Mitteilung des Tatfächlichen keineswegs genau ift. S. 5 heißt
es: ,In feinem fünf bändigen Werke xüjv loyltov xvQiaxmv e&iyiiotq hat
er (Papias), wie Eufebius 3,40 berichtet, eine Gefchichte von einer Ehebrecherin
berichtet, in welcher zwei bedeutfame Ausfprüche Jefu den Kern
und den Zielpunkt bilden'. Gemeint ift offenbar Eufebius, H. e. 3,39w.
Aber danach hat Papias von einer Frau erzählt, die um vieler Sünden
willen vor Jefus angeklagt war. Von Worten Jefu bei diefer Gelegenheit
hören wir nichts. Gr. trägt kurzerhand feine Meinung, es handele
fich hier um die Perikope von der Ehebrecherin wefentlich in der Ge-
ftalt, die wir heute noch als Einbehaltung im 4. Evangelium kennen, in
das Referat über Papias ein. Direkt falfch ift die Behauptung, Paulus
hätte II Kor 13,13 dem Ttarpöc; ein xov D-eov hinzugefügt (S. 112).

Gut fügt fich dem gewonnenen Charakterbild feiner
Schrift die Art ein, in der Verf. die moderne Literatur