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Ausgabe:

1917 Nr. 15

Spalte:

313-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hergenröther, Joseph

Titel/Untertitel:

Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte. 3. u. 4. Bd. 5., verb. Aufl. Neu bearb. v. Johann Peter Kirsch 1917

Rezensent:

Krüger, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 15.

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Wiclifs De Mandatis Divinis ift in der Reihenfolge
der 12 Bücher feiner Summa Theologiae das erfte und
außer dem kleineren De Statu Innocentiae das einzige,
das bisher noch nicht durch den Druck veröffentlicht ift.
Es erfreute fich in den Kreifen des englifchen und böhmi-
fchen Wiclifismus ganz befonderer Schätzung. Um fo inter-
effanter ift, daß es überaus ftark von der Summa Virtu-
tum ac Vitiorum des Peraldus abhängt, ja zum Teil lediglich
ihr folgt. Nicht nur in jenem Buche folgt W. diefem
Führer, fondern wie L. zeigt, auch fonft vielfach. Daß man
das nicht früher erkannt hat, erklärt fich daraus, daß W.
eben den Peraldus oft gar nicht, oder nur unbeftimmt mit
.Parisiensis' zitiert, während er fonft feine Autoritäten genau
bezeichnet. L. erklärt diefe Nachläffigkeit W.s daraus,
daß die Summa des Peraldus ,das vornehmfte Lehrbuch
der Sittenlehre im fpäteren Mittelalter' war, und daß W.
annehmen durfte, jeder Lefer wiffe, wer fein ,Parisiensis' fei
oder erkenne auch ohne Namennennung die Benutzung des
Peraldus. In 81 Kapiteln, deren Überfchriften L. auf S. 11/12
mitteilt, behandelt letzterer feinen Stoff. W. hat in De
Mandatis 30 Kapitel von fehr ungleicher Länge gebildet,
er benutzt die Summa durchweg, entnimmt ihr ganz be-
fonders gern die Definitionen. L. wundert fich nicht,
daß W. den Peraldus fo fchätzte; denn er kann zeigen,
daß diefer auch in der Gerinnung, befonders in dem
Eifern gegen den Reichtum der Kirche, ein Vorgänger
des W. war. Nicht nur die Summa benutzt W. (fie nur
bei weitem am meiften), fondern auch die andern Werke
des Peraldus.

Zum Schluffe bietet L. zwei .Exkurse', 1. über Johann
von Wiclif und Bifchof Wilhelm von Paris' (der
.BifchoP ift der Arvernus). W. fei durch Groffetefte —
deffen große Bedeutung für W. genau darzulegen L. fich
für eine befondere Arbeit vorbehält — für diefen Parisiensis
auch intereffiert worden. Aber er kenne ihn doch
meift, foweit man aus feinen Zitaten fchließen könne,
durch Vermittlung des Peraldus, der feinerfeits eben auch
bei dem Arvernus zu Lehen gegangen ift. Letzteren Um-
ftand beleuchtet L. in 2. ,die Benutzung der Werke Wilhelms
von Paris durch Wilhelm Peraldus'. — Es ift zu
wünfchen, daß fortab, wie L. hier tut, der Name .Wilhelm
von Paris' für Wilhelm vonAuvergne allein angewendet
wird und Wilhelm von Perault einfach als ,Peraldus' bezeichnet
wird. Diefe beiden Männer aber find ganz offenbar
viel wichtiger und einflußreicher gewefen, als nicht nur
die evangelifchen, fondern auch die katholifchen Theologen
unferer Zeit bisher gewußt haben.

Halle. F. Kattenbufch.

Hergenröthers, Jofeph Kardinal, Handbuch der allgemeinen
Kirchengelchichte. Neu bearb. v. Prof. Dr. Johann
Peter Kirfch. 5. verbefferte Aufl. 3. u. 4. Bd. gr. 8°.
Freiburg i. B., Herder.

3. Bd. Der Verfall der kirchlichen Machtftellung, die abendlän-
difche Glaubensfpaltvmg u. die innerkirchliche Reform. Mit i färb.
Karte: Die Konfeffionen in Europa um das Jahr 1600. (XIII,
S63 S.) 1915. M. 13.60; geb. M. 15.40

4. (Schluß-)Bd.: Die Kirche gegenüber der (laatlichen Übermacht
u. der Revolution; ihr Kampf gegen die ungläub. Weltrichtg. (X,
798 S.) 1917. M. 14 — ; geb. M. 16 —

Die 4. Auflage diefes Handbuches erfchien in drei
Bänden von 1902—1909. Schon 1911 enfchien der erfte
Band in neuer Auflage, rafch reihten fich die andern an,
und mit dem vierten ift das Werk wieder vollftändig geworden
. Für die Beurteilung des rafchen Abfatzes fällt
ins Gewicht, daß es fich um ein Werk im Gefamtumfang
von rund 200 Bogen und mit einem Preis von rund 60
Mark für das gebundene Exemplar handelt. Der Kaufluft
und Kautkraft der katholifchen Kreife, für die das Buch
doch in erfter Linie beftimmt ift, ftellt diefer Abfatz ein
glänzendes Zeugnis aus. Man wird dabei freilich nicht
vergefien dürfen, daß die vierte Auflage eine völlige Neubearbeitung
war und deshalb zum Ankauf befonders
reizen mochte. Auch kann nicht genug auf die fehr
niedrige Preisanfetzung hingewiefen werden, die felbft im
dritten Jahre des Weltkrieges für den vierten Band keine
wefentliche Erhöhung erfahren hat. Übrigens fcheint
auch die Ausftattung unter den fchwierigen Verhältniffen
kaum gelitten zu haben. Aber das hängt ja alles wieder
damit zufammen, daß der Verleger feiner Käufer ficher
ift. Könnte man doch einmal Ähnliches von unferen
Arbeiten fagen. Ein derartig umfangreiches und trotz
allem für die Anfchaffung koftfpieliges Handbuch möchte
man unferen Verlegernkaum zumuten.

Die wefentlichfte Änderung gegenüber der früheren
Auflage bedeutet die Einteilung des Werkes in vier —
ftatt drei — Bände. Bei der Befprechung des zweiten
Bandes in diefer Zeitung 1916 Sp. 325 f. hat G. Ficker
bereits darauf hingewiefen, daß die Zeit vom Anfang des
14. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts, alfo das foge-
nannte fpätere Mittelalter, aus dem zweiten Bande herausgenommen
und dem dritten zugewiefen worden ift.
Diefer führt nunmehr bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts
und trägt den Titel: Der Verfall der kirchlichen Machtftellung
, die abendländifche Glaubensfpaltung und die
innerkirchliche Reform, während das Thema des vierten
Bandes lautet: Die Kirche gegenüber der ftaatlichen
Übermacht und der Revolution; ihr Kampf gegen die
ungläubige Weltrichtung. Es läßt fich nicht leugnen,
daß gerade vom katholifchen Standpunkt — Ficker fchien
das, wenn ich ihn recht verftanden habe, nicht zugeben
zu wollen — der Parallelismus diefer Themata eine gute
Wirkung in fich fchließt: beide Male fetzt die Betrachtung
mit Verfall oder Bedrückung ein und führt durch
fchwere Krifen zu Höhepunkten. Die Verbindung des
fog. fpäteren Mittelalters mit der beginnenden Neuzeit
hat aber außerdem den pädagogifchen Vorteil, daß fich
die für die Herausarbeitung der neueren Zeit wefentlichen
Faktoren im Zufammenhang mit den durch fie bewirkten
Krifen und ihren Löningen darftellen laffen. Mir fchwebte
ähnliches vor, als ich Hermelink veranlaßte, für mein
Handbuch wenigftens die Zeit von der Mitte des 15. Jahrhunderts
ab als erften Abfchnitt in den dritten Teil hinüberzunehmen
. Vielleicht war das Verfahren nicht radikal
genug. Sicher ift, daß die neuen Anfätze um 1300
herum fich fchon deutlich bemerkbar machen. Die Zerlegung
des Stoffes in vier möglichft gleiche Teile, die
Ficker als den einzigen Vorzug der neuen Einteilung
rühmen zu follen glaubte, möchte auch ich nicht gering
einfchätzen, gerade auch für die Geftaltung der akademi-
fchen Vorlefung. Den Plaupteinfchnitt um die Mitte des
17. Jahrhunderts habe ich übrigens gegenüber der vornehmlich
durch Loofs beliebt gewordenen Abtrennung
der Teile um 1688/89 in der Vorlefung beibehalten, trotzdem
ich mich im Handbuch dem Wunfche meiner Mitarbeiter
fügte. Es fpricht zuviel dafür, und der ,neue'
Einfchnitt ift wenigftens für mein Auge nicht fichtbar
genug.

Von jener einfchneidenden Änderung abgefehen
unterfcheidet fich die neue Auflage von der alten durch
die Berückfichtigung der jüngften Forlchung, freilich
mehr in der Bibliographie als im Text, und durch die
Fortführung des Textes bis in die Gegenwart, d. h. bis
zur Wahl Papft Benedikts XV. im September 1914.
An dem Charakter der Darftellung ift natürlich nichts
geändert worden. Nach wie vor bleibt die Würdigung
der Renaiffance, der Reformation und der ungläubigen
Autklärung' unzulänglich, wenn auch ein gewiffes Streben
nach Objektivität nicht verkannt werden Poll. Aber man
wird ja auch nicht zu Hergenröther-Kirfch greifen,
wenn man fich über diefe Erfcheinungen unterrichten
will, und tut man es auf eigene Gefahr, fo findet man
wenigftens allerhand Material, auch folches, das an anderen
Stellen nicht fo bequem bereit liegt. Was Ficker
I zur Beurteilung des zweiten Bandes ausgeführt hat, trifft