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Ausgabe:

1917 Nr. 15

Spalte:

310-312

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mulert, Hermann

Titel/Untertitel:

Christentum und Kirche in Rußland und dem Orient 1917

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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3°9

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 15.

310

harmonifchen Gedankenbaues, fondern vereinzelte, über Dioskuren als Befchützer der Schiffahrt wie gefchaffen
viele Jahrhunderte verftreute Stimmungsworte und im ' (S. 281). Erwähnen wir noch, daß Tiberius in Antiochien
Grunde dem Wefen des Rabbinismus völlig fremd feien. | (nach Malala) Dioskurenfäulen aufrichten ließ (408), end-
Beim Achtzehngebete, deffen wefentliche Verfchiedenheit lieh daß nach Eufebius H. E. 7, 18 in Paneas fich ein
vom Vaterunfer im einzelnen nachgewiefen wird, hätte j Denkmal befand, das das ,blutflüffige Weib' in dankbarer
betont werden können, daß deffen 17. .Bitte' bereits die I Erinnerung an den Herrn hatte aufrichten laffen, das

Tempelzerftörung (70 n. Chr.) kennt; allo kann es nicht
.Quelle' für das Vaterunfer fein. Bei der Erörterung der
Gleichnisreden fehlt der Hinweis darauf, daß alle rabbi-
nifchen Gleichniffe fpäter als die Jefu find. Behandelt
wird dann noch kurz der Unterfchied zwifchen der Volks-
fprache Jefu und der rabbinifchen Gelehrtenfprache fowie
zwifchen Rabbi und Wundertäter. Das Schlußergebnis
ift: Jefus und die Rabbinen — die Geftalten decken fich
nicht'. Um fo fonderbarer wirkt die zuletzt ausgefpro-
chene Vermutung des Verfaffers, vielleicht in den Geftalten
der im Thalmud vorkommenden Zauberer, Propheten
, Schwärmer, Asketen und Heiligen ,der Zeit Jefu'
Beziehungen zur .Perfon Jefu' finden zu können. Uber
die Zeit Jefu gerade ift der Thalmud ungemein fchweig-
fam; und jene Geftalten fagen uns zur Verdeutlichung der
Perfon Jefu gar nichts. Auch die im Schlußfatze ge-
ftreiften jüdifchen Meffiasboffnungen geben uns nur durch
den Gegenfatz eine Folie zu Jefu ureigenem Meffias-
bewußtfein, das mit jenen nur einige Ähnlichkeiten des
fprachlichen Ausdruckes gemein hat, den Jefus anwenden
mußte, um feinen Zeitgenoffen verftändlich zu fein. —• Im
übrigen ift die flott gefchriebene Arbeit zur erften und
rafchen Orientierung über die durch den Titel gekennzeichneten
Probleme gut zu brauchen.

Leipzig. Erich Bifchoff.

Harris, Rendel: Boanerges. (XXIV, 424 S.) 8°. Cambridge
, University Press. s. 15 —

Harris hatte 1903 eine Schrift über ,Die Dioskuren in
der chriftlichen Legende' veröffentlicht, die trotz fchwer-
v. legender Bedenken gegen feine Methode viel Anerkennung
fand (vgl. Dobfchütz in ThLz 1903, 547—49). Er
hat feitdem unabläffig in der gleichen Richtung fortgearbeitet
und bietet in der vorliegenden Schrift eine
Zufammenfaffung feiner folkloriftifchen Studien über den
Zwiilingsglauben, die in allem Wefentlichen wohl das bisher
vorhandene umfaffende Material zu erfchöpfender
D rftellung bringt. In diefer Beziehung verdient feine
Leiftung uneingefchränktes Lob. Kritifcher wird man
dem Beftreben gegenüberftehn, dem .Dioskurismus' einen
breiten Einfluß auf die Ausbildung der Mythologie und
Religion zu vindizieren.

Bei der Fülle des dargebotenen Materials muß ich
mich auf die Einwirkung auf das biblifche Gebiet be-
fchränken. Die Boanerges (Mark. 3, 17, auch Juftin Dial.
106) meint H. im Sinne intereffanter lolkloriftifcher Parallelen
als .Dioskuren' auffaffen zu müffen, ganz wie die
fog. Donnerkeile mehrfach als Zebedäusfteine bezeichnet
werden in f.). Sein Beftreben geht dahin, zu zeigen, daß
eine folche Einwirkung des Mythus auf biblifchem Boden
keineswegs unerhört ift. Dioskurismus findet er deutlich
in Gen. 18, fodann in der Jakob-Efau-Sage (vgl. auch den
Bericht Merkers über die Mafai S. 114 ff.), vielleicht auch
in der Baraq-Deborah-Sage (330), mit großer Sicherheit
wieder in 2. Makk. 3, 21 ff., 5, 29 ff. (S. 281 ff). Der fyrifche
GottHadad ift Donnergott (8), und Kultftätten der Donnerföhne
glaubt H. mehrfach in Paläftina nachweifen zu können,
fo in Ibn Abraq bei Jaffa, wozu er Jofua 19, 45 vergleicht
(S. 4f.), in der Ruine Ibn Baraq nördlich von Jerufalem
(269), namentlich aber in Beth-Saida, was er mit Sidon
und dem von Sanchoniathon bezeugten Kult des Halieus
und Agrieus d. i. der Dioskuren zusammenbringt, und in
Chorazin (D: Chorazain) (S. 269 f.), vielleicht auch im
Oftjordanlande zu Diblathaim und Kiriathaim (410). Selbft
Galiläa möchte er von galele (Wogen) ableiten. Der See
Genezaret fei befonders gefährlich und für Kultorte der

aber doch wohl richtiger auf Jafon und Medea zu deuten
fei (368). Damit träfen wir auf Spuren eines Jafonis-
mus', der aber felbft nur eine fekundäre und untergeordnete
Form des Dioskurismus (362) fei, vermutlich eine
femitifche Form. Der Name fei vielleicht nabatäifch, äquivalent
mit Jofua, Jefus (365).

Ermutigt durch fo viele Spuren des Dioskurismus in
Paläftina — abgefehn fei hier von der durch die edeffe-
nifchen Thomasakten bezeugten Gleichfetzung der Dioskuren
mit dem Zwillingspaar Jefus-Thomas — will H. es
wagen, nicht nur die mythifche Deutung der Boanerges
feftzuhalten, fondern auch fonftige Einwirkungen auf das
Neue Teftament zu erwägen. Dahin möchte er vor allem
die Stillung des Sturmes auf dem See rechnen, wozu
Theokrit (XXII, 1.17—21) eine vortreffliche Parallele bietet
(285 vgl. 411 f.). Auch für das Wandeln auf dem See
Dringt er lehrreiche Parallelen, die allerdings nicht ,dios-
kurifch' find (285 f.). Dioskurifch erfcheint ihm, wenn
auch nicht ohne Referve, das Auftreten Jefu auf einer
Hochzeit (386), .iafonifierend' die Salbung Jefu durch ein
Weib (371 ff). Erwähnt fei endlich der Vcrfuch, die ,ara-
bifchen' Namen der edeffenifchen Dioskuren Aziz und
Monim (d. h. der Wohlwollenden) auf ein Zwillingspaar
von oiaQaxlrjtoL zu beziehn, die dann von Johannes auf
Jefus und den hl. Geift gedeutet feien (258 f. 409).

H. legt Wert darauf, nicht mit folchen verwechfelt
zu werden, die das Leben Jefu in Mythologie aufzulöfen
bemüht find. In der Tat find es nur einige Außenpofi-
tionen, an denen er Dioskurismus glaubt konftatieren zu
können. Ohne weiteres ift zuzugeftehn, daß gegen den
Verbuch prinzipiell nichts einzuwenden ift. Auch befitzen
einige feiner Identifikationen fo viel Evidenz, daß fich
eine genaue Nachprüfung derfelben verlohnt. Aber an
zwei entfeheidenden Punkten gleicht feine Methode ganz
der der dezidierten Mythologen: in einer Sucht der Kombination
, die alles aus allem zu machen imftande ift, und
in der Verkennung der innern Homogenität jeder höhern
Religion, die notwendig dem Austaufch mit andern Religionen
beftimmte Grenzen zieht. Ohne Selbftzucht und
Selbftbefinnung wird auch ein fo emfiger Sammlerfleiß,
wie ihn H. aufwendet, nur in fpärlichem Ausmaß zu bleibenden
Leiftungen zu gelangen vermögen.

Göttingen. Titius.

Mulert, Priv.-Doz. Lic. Herrn.: Chriftentum und Kirche in
Rußland und dem Orient. (Religionsgefchichtl. Volksbücher
, IV. Reihe. 22)23. Heft.) (79 S.) 8°. Tübingen
, J. C. B. Mohr 1916. M. 1—. geb. 1.30

Der Titel ift nicht ganz zutreffend. Man erwartet
danach eine befondere Berückfichtigung der Kirche in
Rußland, die doch in Wirklichkeit nicht zu Tage tritt.
Es handelt fich vielmehr um eine Gefamtdarftellung des
Kirchentums, das fich hiftorifch als Fortfetzung der Kirche
des oftrömifchen, byzantinifchen Reichs darftellt, wobei
nur nicht verkannt, fondern eigens betont wird, daß zur
Zeit und fchon feit Jahrhunderten Rußland den räumlich
größten und praktifch wichtigften Teil diefes Kirchentums
bedeutet. Was Rußland Eigentümliches hat — es fehlt
nicht etwa an folchem und es ift fehr intereffant, dem
nachzugehen! — wird wenig gezeigt. Ich würde das nicht
vermerken, wenn nicht eben der Titel die Vermutung
erweckte, man folle über Rußland im befondern belehrt
werden. Hat man fich von diefer Vermutung oder Hoffnung
erft gelöft, fo kann man diefes ,Volksbuch' nur
anerkennen als ein gutes, lehrreiches. Es ift ein recht

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