Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 1

Spalte:

308-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Gerhard

Titel/Untertitel:

Jesus und die Rabbinen 1917

Rezensent:

Bischoff, Erich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

307

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 15.

und namentlich des ethifchen, zureichend erklärt. Ferner
, wie er üch das Verhältnis der religiöfen ,Anlage'
zu den fie weckenden Reizen denkt. Und wie er in
beiden Beziehungen den Gedanken der gefchichtlichen
Offenbarung näher beftimmen würde. Doch hängen diefe
Fragen mit dem oben abfichtlich zurückgeftellten Begriff
des religiöfen ,apriori' zufammen. Am bedeutfamften er-
fcheint dem Berichterftatter das Bedenken, ob die Bedeutung
des Willens für den religiöfen Vorgang von O.
ftark genug betont fei. Wichtig ift ihm die Anerkennung
des Gefühls des Numinofen im Sinn der Gewißheit der
religiöfen Erkenntnis und ihrer Giltigkeit. Aber die Hingabe
im Gehorfam erfcheint mehr nur als Folge, wenn
das Numinofe ethifche Züge in fich aufgenommen hat,
während doch wohl jene Anerkennung felbft ein Akt
des Willens ilt. Vielleicht würde dann auch der von
O. hervorgehobene Unterfchied des religiöfen Erlebens
vom äfthetifchen noch ftärker und überzeugender hervortreten
.

Aber folche und andere Fragezeichen kommen kaum
in Betracht gegenüber dem lebendigen Dank, daß uns
hier eine religionspfychologifche Unterfuchung gefchenkt
ift, die nicht auf Mitteilung religionsarmer Reifender über
die jPrimitiven' oder auf groben religiöfen Fragebogen
für daz.u ungefchickte Beantworter beruht, fondern mit
ficherer Methode die klaffifchen Zeugniffe der großen
Religionen in nachempfindendem Verftändnis zu Grunde
legt. Und, was noch wichtiger, diefe Unterfuchung bemüht
fich um eine fo oft vernachläffigte, freilich auch be-
fonders ichwere Seite des innerften Wefens der Frömmigkeit
. Die Rede ift ja nachgerade weitverbreitet, daß in
der Religion ,das Irrationale von größter Bedeutung fei';
aber die Erkenntnis, was diefes Irrationale eigentlich fei und
welche Bedeutung es habe, wird durch myftifche Äußerungen
über ,Myftik' wenig gefördert. Otto gibt uns eine
wirkliche Unterfuchung diefer großen Frage. Und er
ergänzt fie durch die zu Anfang erwähnte andere, wie
man durch ,Divination' diefes irrationale', das ,Heilige'
in feiner Erfcheinung erfaffen und erleben könne. Der
Höhepunkt diefer Ausführung ift der Nachweis, was das
gerade im Verhältnis zu Jefus heiße (S. 160 ff.). Wenn
uns mitten im Krieg das durch den Krieg vertiefte reli-
giöfe Erleben fo, wie in diefem Buch gefchieht, in das
Licht religiöfer Erkenntnis gerückt wird, fo dürfen wir
hoffen, es werde auch nach dem Krieg reiche Früchte
tragen.

Tübingen. Th. Haering.

Rahlfs, Alfiv. Verzeichnis der griechifchen Handfchriften des
Alten Teitaments, f. das Septuaginta-Unternehmen auf-
geftellt. (Mitteilungen des Septuaginta-Unternehmens
der königl. Gefellfchaft der Wiff. zu Göttingen. 2. Bd.)
(XXVI, 444 S.) Lex.-8°. Berlin, Weidmann 1914.

M. 15-

Mit der peinlichen Sorgfalt und meifterhaften Genauigkeit
, die alle Veröffentlichungen des großen Septuaginta
-Unternehmens der Göttinger Akademie auszeichnet,
legt Rahlfs in einem ftarken Band ein Verzeichnis der
für die LXX-Überlieferung in Betracht kommenden Handfchriften
vor. Es ift ein vorläufiges Inventar, denn es
ftützt fich in der Hauptfache auf die gedruckten Kataloge
der Bibliotheken und auf die fonftigen im Druck
vorliegenden Befchreibungen und Hinweife, ausnahms-
weife auch auf handfchriftliche Notizen. Eine planmäßige
Durchforfchung der Bibliotheken wird die Lifte noch
vermehren. Ehe fie vorgenommen werden kann — und
wer dürfte heute eine Vermutung äußern, wann das wieder
der Fall fein könnte —, wird man mit größtem Dank
diefe nach einem wohl erwogenen Plan einheitlich und
ungemein praktifch angelegte Zufammenftellung benutzen.
Eine knappe Einleitung erläutert die Gefichtspunkte, nach

denen die Hff verzeichnet und figniert find. R. hat mit
vollem Recht von allen künftlichen Bezifferungen, wie fie
im N. T. eine unendliche Verwirrung hervorgerufen haben,
abgefehen und fich nur die Frage vorgelegt, welche Form
im Gebrauch am praktifchften ift. Er hat daher für die
bekannteften Hff, deren Bezeichnung durch die großen
lateinifchen Buchftaben fich eingebürgert hat und darum
als Bild im Gedächtnis haftet, die üblichen Bezeichnungen
AB CD beibehalten. Alle anderen Hff. find ohne Rückficht
auf die Eigentümlichkeit der Schrift, das Alter oder
den Inhalt mit arabifchen Ziffern bezeichnet. Dies Verfahren
ift von einer vorbildlichen Einfachheit und fichert
daher, foweit das überhaupt möglich ift, vor Mißver-
ftändniffen und Irrtümern. Die im N. T. üblichen Sigel
wollen, wie das von v. Soden, zuviel zum Ausdruck bringen
und find daher zu kompliziert, oder fie haften zu ängftlich
am Hergebrachten, wie das von Gregory, und bleiben daher
Stückwerk. Es wäre wohl kein allzukühnes Wagnis,
auch für das N. T. durchzuführen, was R. für das A. T.
durchgeführt hat.

Das Verzeichnis enthält in einer ftreng alphabetifchen
Anordnung nach den Standorten die aus der Literatur
zu erhebenden Hff. in einer nach einem fehr einfachen
Mufter angelegten kurzen Befchreibung, die Katalognummer
, Alter, Stoff, Umfang und Größe, frühere Be-
fitzer, Inhalt, gegebenenfalls Nachbildungen und Kollationen
, Literatur und endlich das von R. gewählte Sigel
enthält. Über die Zuverläffigkeit kann man nur auf Grund
einer an Hand der Handfchriften felbft vorgenommenen
Prüfung urteilen. So oft ich aber bisher Gelegenheit
hatte, Stichproben zu machen, wie fie gerade der Zufall
ergab, fand ich knappe aber zuverläffige Auskunft.

Den Schluß des Bandes bildet ein Anhang über ver-
fchollene Hff, denen die wichtigen Liften der früheren
Bezeichnungen und der Rahlffchen Siglen, fowie eine
nach den Büchern des A. T. geordnete, in fich nach dem
Alter der Handfchriften angelegte Überficht über das hier
verzeichnete Material folgen. Den Befchluß bildet ein
Verzeichnis der Lektionare. Alles im allem ift dies Werk
mühe- und entfagungsvollfter Vorbereitungsarbeit, deffen
Verdienfte nur der voll zu würdigen weiß, der felbft fich
an ähnlichen Aufgaben verfucht hat, eines der feltenen
Bücher, deren Anlage und Ausführung dem Benutzer keinen
Wunfeh übrig laffen.

Hirfchhorn a. N. E. Preufchen.

Kittel, Priv.-Doz.Lic. Gerh.: Jefus und die Rabbinen. (Bibli-
fche Zeit- und Streitfragen, IX, 7). (32 S.) 8°. Berlin-
Lichterfelde, E. Runge 1914. M. — 50

Der Weltkrieg trägt die Schuld, daß ich erft heute
obige Arbeit befpreche. Der Titel meines 1905 bei J. C.
Hinrichs erfchienenen Buches Jefus und die Rabbinen',
in dem ich vornehmlich für die Bergpredigt urkundlich
nachwies, daß alle angeblichen rabbinifchen ,Ouellen' von
Worten Jefu fpäter als Jefus find, hat es nicht nur dem
Verf., fondern auch Herrn Rabbiner Dr. Rofenthal angetan
, der (wie er in feinem Jüdifchen Literaturblatt',
1915, S. 7 berichtet) eine Entgegnung auf meine Schrift
unter derfelben Flagge 1905 veröffentlicht, mir aber nie
mitgeteilt hat. Trotzdem behauptet er a. a. O., wo er
gegen Kittel und mich mit haltlofer Rabuliftik pole-
mifiert, damals bei mir .einen Vollerfolg gehabt' zu haben.
! Ich kann ihm nur verfichern, daß ich auch heute noch
vor niemand, am wenigften vor ihm, ein Wort meiner
damaligen Ausführungen zurückzunehmen habe. — Im
erften Teile feiner Arbeit kommt K. im wefentlichen auf
Grund faft desfelben Stoffes zum felben Ergebnis wie ich:
,Von irgendeiner ficheren Abhängigkeit Jefu von den
Rabbinen darf in keinem einzigen Falle geredet werden'.
Darüber hinaus weift er fehr gut darauf hin, daß die rabbinifchen
Parallelen nicht, wie bei Jefus, Glieder eines