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Ausgabe:

1917 Nr. 14

Spalte:

298-299

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wartensleben, Gabriele Gräfin

Titel/Untertitel:

Die christliche Persönlichkeit im Idealbild 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 14.

29S

unauflösbar empfindet. Dadurch ift ihm fein Buch, wie
der Untertitel befagt, geradezu zu einer Studie über das
Verhältnis von Chriftentum und Kultur ausgewachfen. Hier
kommt er denn auch zu feiner eigentlichen Haupthefe:
die Idee einer einheitlichen, vom Chriftentum geleiteten
Kultur ift unmöglich; es wird überhaupt nie eine einheitliche
Kultur geben, und insbefondere die chriftliche Idee ift
ihrem Wefen nach nicht befähigt und nicht berufen, eine
aus ihr heraus organifierte Kultur zu fchaffen. Das ift
fein wefentlicher Gegenfatz gegen Schleiermachers Ethik und
überhaupt gegen den deutfchen Idealismus. Er fieht hier
ewig Spannung und Gegenfatz, der aus der Doppelftellung
des Menfchen in der Welt folgt, freilich auch einen notwendigen
und fruchtbaren Gegenfatz, der die Möglichkeit
einer gegenfeitigen Befruchtung nicht ausfchließt. Es
gibt nur eine möglichfte und indirekt vermittelte
Chriftlichkeit der Kultur. Diefe Mittellinie des Möglichen
als das für den gegenwärtigen hiftorifchen Moment
Mögliche auszumitteln, ift die Methode und das Ziel, das
er o-eo-enüber den fozialen Gebilden verfolgt. Der Kampf
zwifchen Welt- und Gottesreich gehört zum Wefen des
Lebens und kommt auf Erden nicht zu Ende, weil er
auf immer neuen Linien fich notwendig entzünden muß.
Das find nun freilich ernfte und folgenreiche Sätze, bei
denen man fich nicht wundern darf, wenn fie die leiden-
fchaftliche Abneigung aller helleniftifch-humaniftifchen,
äfthetifchen, machtpolitifchen, utilitarifchen, Marxiftifchen,
chriftlich-chiliaftifchen ufw. Moniften erwecken. Zugleich
ift die Linie des Möglichen, ein von chriftlicher Le-
benszuverficht und Gottvertrauen, perfönlicher
Innerlichkeit und humaner Liebesbereitfchaft be-
f e elter und einge fchränkter Realismus derLeben s-
führung, den radikal-pietiftifchen Chriften nicht minder
verhaßt als Konzeffion an die Welt und Abweichung von
der afketifch-überweltlichen Grundidee. Gleichwohl halte
ich diefe Linie meinerfeits für richtig. Sie entfpricht dem
Sachverhalt, wenn man unfer wirkliches Leben überhaupt
nur einigermaßen als chriftlich gelten laffen will, und fie
ift das Geforderte, wenn man nicht mit den radikalen Chriften
fich aus der Welt zurückziehen oder mit den Un-
und Antichriften ein anderes Zentrum der Lebensgeftal-
tung aufftellen will. Freilich liegt darin eine ftärkere
Abweichung von der perfönlichen Lebenshaltung und Stimmung
Jefu, als der Verfaffer zugeben will. Aber religiöfe
Propheten und Märtyrer und Apokalyptiker find einzigartige
Bahnbrecher von höchfter und großartigfter Ein-
feitigkeit, aber darum nicht Vorbilder und Gefetz. Es
fleht ja auch mit Luther nicht viel anders. Ihr Geift muß
mit Freiheit und im Zufammenhang der jeweiligen Ge-
famtlagen angeeignet und fortgelebt werden.

Diefe Dinge find auch von mir und Naumann, denen
W. in der Hauptfache folgt, fo nachdrücklich ausgefprochen
worden, daß ich hier nicht weiter darauf einzugehen
brauche. Auch die Ausgeftaltung diefer Stellungnahme
im Einzelnen kann hier nicht wiedergegeben werden. Ich
ftimme im Ganzen bereitwillig zu, und glaube, daß gerade
die Einfachheit und Leichtverftändlichkeit der Dar-
ftellung dem Buche Lefer erwerben wird. Nur einige
kritifche Bemerkungen feien gemacht. Die Syftematik
des Buches ift mangelhaft. W. unterfcheidet nicht zwifchen
dem fehr viel weiteren Begriffe der Sozialethik überhaupt
und der Lehre betreffs der heute fog. fozialen
Bildungen im engeren Sinne. Nur das letztere ift Gegen-
ftand des Buches. Aber indem es von da aus in die
allgemeine Frage nach der chriftlichen Kultur hinübergleitet
, behandelt es auch Kunft und Wiffenfchaft —
in übrigens fehr wenig originellen, mageren Kapiteln —,
die mit der Sozialethik weder im weiteren noch im engeren
Sinn etwas zu tun haben. Es ift kein klares Thema
des Buches entwickelt und ift aus diefem Thema kein
Aufbau der Darfteilung hergeleitet. Alles ift übergangslos
nebeneinander gefetzt. Ferner fehlt dem Verf. die
foziologifche Schulung, nicht die Kenntniffe, aber der

dadurch zu gewinnende Blick; trotz befter Abficht und
fleißiger Lektüre ift die Sache nicht eigentlich foziologifch-
realiftifch gefehen. Schließlich fehlt die Hervorhebung der
befonderen hiftorifchen Situation, an der die heutigen
Soziallehren des Chriftentums fich zu orientieren haben
und die von den früheren Situationen, wie diefe ihrerfeits
untereinander, fich fcharf unterfcheidet. Die Lage ift gerade
heute im Zeitalter nationaliftifcher Machtpolitik und
hochkapitaliftifcher Wirtfchaftsform, fozialer Aufgeregtheit
und Gefpanntheit für die chriftlichen Soziallehren fo fchwie-
rig wie niemals bisher. Der Verf. weiß das und fagt es
auch; aber er hat nicht die ganze Einficht in die mit jeder
großen Periode umfpringende Problemftellung. Ihm fcheint
doch immer wieder die gegenwärtige deutfche Lage und
eine gemäßigt preußifche Staats- und Gefellfchaftsauf-
faffung als das Normale und Selbftverftändliche, was es
doch höchftens in Deutfchland ift. Die chriftlichen Soziallehren
der Gegenwart find nicht nur gegenüber den früheren
Hauptformationen, fondern auch heute nach Kultur-
kreifen unter fich verfchieden. Das würde dann von einer
anderen Seite her wieder auf die Abhängigkeit der Idealbildung
von den realen foziologifchen Gefamtverhältniffen
führen. Damit würde dann auch die den Verf. fo fehr be-
fchäftigende demokratifche Kulturpolemik gegen Preußen-
Deutfchland in ein anderes Licht treten und insbefondere
das Slaatskirchentum als ein befonderes Problem der
.chriftlichen' Sozialethik erfcheinen, als welches es von
dem Verf. fcheinbar gar nicht empfunden wird. Doch
ich breche ab und begnüge mich, das Buch Studierenden
und Pfarrern lebhaft zu empfehlen.

Berlin. Troeltfch.

Wartensleben, Dr. Gabriele Gräfin: Die chriftliche Per-
lönlichkeit im Idealbild. Eine Befchreibg. sub specie
psychoiogica. (VII, 71 S.) gr. 8°. Kempten, J. Köfel
1914. M. 2—

Eine merkwürdige und bemerkenswerte Schrift. Die
Verfafferin, ftudierte Philologin, die am Frankfurter Goethe-
gymnafium ihr Probejahr erledigt hat und nachher mit
Erfolg wiffenfchaftliche Ausbildungskurfe leitete, in denen
fie Seminarabiturientinnen für die Univerfität vorbereitete
, in der Lebens- und Leidensfchule gereift, macht
hier den Verfuch, die Hauptzüge des Idealbildes einer
chriftlichkatholifchen Perfönlichkeit mit den termini (und
den Methoden) moderner Pfychologie zu befchreiben.
Der Speyrer Bifchof v. Faulhaber, der in einem beigelegten
Schreiben die Arbeit analyfiert und empfiehlt, fagt
mit Recht, daß der Untertitel beffer als der Obertitel angibt
, was die Arbeit will, nämlich eine Pfychologie der
chriftlichen Perfönlichkeit im Grundriß. Er be-
fchreibt den Inhalt folgendermaßen: ,Es handelt fich nicht
um eine religionspfychologifche Erörterung des gefamten
Lehrinhaltes des Glaubens, fondern nur um charakteriftifche
Einzelzüge der chriftlichen Lebensgeftaltung, Zentrierung
des gefamten Tugendlebens um die Gottesliebe, Wertung
des inneren Friedens im perfönlichen Erleben, zufriedenes
Sichabfinden mit Leiden und Sterben, Glaube und Gebet,
Anfchluß an die Kirche, Stellung zur irdifchen Kulturarbeit
, Verföhnung zwifchen Lebensideal und Lebensführung
. Es werden alfo gerade jene Momente der chriftlichen
Lebenskunde ausgewählt, die einerfeits für eine
pfychologifche Analyfe ergiebiger find, andererfeits für
den modernen Glaubensjünger lauter tief perfönliche
Probleme, für den Außenftehenden allerdings zum Teil
Gefpenfter darfteilen'.

Die Verfafferin beweift eine überrafchende, für einen
Laien ftaunenswerte Kenntnis der katholifchen Kirchenlehre
aus der Patiftrik und aus fpäteren kirchlichen Schrift -
ftellern. Sie empfindet und denkt ftreng katholifch, gebraucht
trotz eigener Beherrfchung der griechifchen
Sprache für ihre Bibelzitate ftets die Vulgata. Daß katho-