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Ausgabe:

1917 Nr. 14

Spalte:

295-298

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wendland, Johannes

Titel/Untertitel:

Handbuch der Sozialethik. Die Kulturprobleme des Christentums 1917

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 14.

296

S. 2 gegen Ritfehl erhobenen Widerfpruches). Denn fo
weit auch L. von der engen Sünden- und Bußreligion
der Konventike! abrückt, foviel näher fteht er doch dem
freudig-kindlichen und wunderhaften Chriftusglauben Zin-
zendorfs. Zugleich aber fteht er in nächfter Verwandt-
fchaft mit der Geniereligion der Herder, Hamann: das
will Jan.s Titel ,Sturm und Drang' (d. h. nach S. 249:
Jenes energifche Lebensgefühl, das Bewußtfein menfeh-
licher Größe und Unendlichkeit, die Ahnung des Göttlichen
im Genie') ausdrücken. Das Zufammenwirken
beider Elemente bringt L. dann zu feiner wunderlichften
Eigenart, dem Glauben an die ,Magie', den Jan. zum
erften Male in voller Würdigung feiner Bedeutung für L.
darzuftellen ftrebt und der die Religion einem fpirituali-
ftifch-finnlichen Verkehr mit dem Jenfeits gleichfetzt. Jan.
geht den Verfchlingungen und Widerfprüchen nach, die
hier durch das Eindringen von Myftik und Magnetismus
bei L. entfliehen, und gibt zu Schluß feiner Arbeit
eine fehr gründliche Überficht über L.s. Stellung zu den
geiftigen Mächten feiner Zeit, zu Kant und den kriti-
fchen Philofophen, zu Schleiermacher, mit deffen Religionsgefühl
der Vf. L. in nächfte Nachbarfchaft ftellt, zu Novalis'
eng verwandtem magifchen Idealismus. Wenn wir auch
ein Schlagwort wie S. 352: ,in allen Schriften fteckt der
religiöfe Epikuräer' als fchief abweifen, haben wir doch
von Jan. die gründlichfte Darfteilung L.s empfangen, auch 1
der Beurteilung des reichen Materials wird im wefeht-
lichen zuzuftimmen fein.

Kiel. E. Kohlmeyer.

Wendland, Prof. D. Johs.: Handbuch der Sozialethik. Die

Kulturprobleme des Chriftentums. (XI, 355 S.) gr. 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1916. M. 5—; geb. M. 6.40

Ein Handbuch der chriftlichen Sozialethik (oder ge-
flauer getagt: eine Theorie über die Stellungnahme des 1
Chriftentums zu den großen Hauptgebilden des fozialen
Lebens d. h. der Familie, der Wirtfchaft, dem Staate) |
ift längft ein dringendes Bedürfnis. Ein folches Hand- j
buch muß die tatfächliche Geftalt, Lage, Bedingtheit und i
Entwicklungstendenz diefer Gebilde in der modernen Ge- J
famtlage der Gefellfchaft vor allem realiftifch und eindringend
zur Anfchauug bringen und kann erft von da
aus zu einer kritifchen und normierenden Stellungnahme j
gegenüber diefen Lebensmächten fchreiten. Es ift der I
Fehler der gangbaren Ethiken, daß fiediefe Dinge entweder j
ganz oberflächlich ohne jede eindringende Kenntnis aus 1
der Erfahrung aufnehmen und dann ihre Normen ziemlich !
ungeftört durch praktifche Kenntnis und Rückfichtnahme
homiletifch ausführen oder daß fie gar alle diefe Dinge ]
aus einer vorausgefetzten chriftlichen Idee oder Einheit von
Schöpfungs- und Erlöfungsordnung oder fonftwie gleich j
in ihrer normativen Geftalt konftruieren und damit natürlich
gänzlich in die Luft treffen. Ein großer Teil der |
Lehrbücher ignoriert fie faft ganz und peroriert ganz im all-
gemeinen über die chriftliche Liebe als die Löfung aller |
fozialethifchen Schwierigkeiten. In diefer Hinficht find die i
katholifche Ethik und Praxis den Proteftanten weit vor- |
aus; ein Teil ihrer Theologen betreibt fachmäßige Studien
in diefen Dingen und verwertet fie dann in der fozialen ;
Arbeit der Kirche. Freilich hat der Katholizismus hier mehr
Freiheit, Meinung und Handeln unabhängig von den ftaat-
lichen Machthabern zu entwickeln, und im eigenen Haufe
weniger Ablenkung durch dogmatifchen Streit.

Das Handbuch von Wendland verfteht die Aufgabe
in dem hier angedeuteten Sinne und verfügt über eine
recht achtbare Kenntnis der einfehlägigen Literatur, auch
über ein gewiffes Maß von praktilchem Sinn. Es ift
daher für Studenten und Pfarrer recht brauchbar und
leitet zu der Literatur hin, aus der man fich weiter belehren
kann. Aus pädagogifchen Gründen wäre freilich
eine gewiffe Auswahl, Unterftreichung und Charakterifie-
rung der wichtigeren Literatur zu wünfehen gewefen,

wie denn überhaupt das bloße Zufammenftellen von Büchertiteln
gerade für den, dem es nützen müßte, nicht erfreulich
ift. Die Darftellung könnte noch etwas realiftifcher
fein, doch ift fie populär und gediegen. Nur die Behandlung
der Familie ift leider fehr dürftig. Hier wird
nur von der monogamifchen Familie gehandelt; die
allgemeinen Probleme des Sexuallebens, Proftitution,
freie Liebe, Bevölkerungsdichtigkeit und Bevölkerungs-
fpannung, Pflege unehelicher Kinder, Regulierung der
Kinderzeugung, überhaupt der Abhängigkeiten desSexual-
und Familienlebens von allgemeinen Erwerbsverhältniffen
und Gefundheitsbefchaffenheiten fehlen völlig, damit natürlich
auch alle wirklichen Probleme. Bei der Wirtfchaft
fehlt merkwürdiger Weife das ganze Gebiet der Armen-
gefetzgebung, der Armenpflege, des Verhältniffes von
Rarität und Sozialreform. Beim Staate ift das eigentlich
rechtliche Moment fehr zurückgedrängt und auch feine
Abhängigkeit von allgemeinen geographifchen, populati-
oniftifchen ufw. Elementen nicht anfehaulich gemacht. An
Stelle deffen nimmt die Auseinanderfetzung mit den Schweizer
Religiös-Sozialen und der wefteuropäifchen Kulturpolemik
gegen Deutfchland einen größeren Raum ein,
als für uns in Deutfchland intereffant und als über den
Moment hinaus für die jungen Theologen wichtig ift.
Das wäre ein Thema für fleh gewefen und belaftet ein
Handbuch der Sozialethik mit allerhand Zitaten verworrener
Phantaften oder grundfätzlicher Deutfchenfeinde,
denen man fchließlich ihre Abneigung und ihre Konftruk-
tionen nicht vorwerfen kann. Sie mögen uns eben nicht
und fallen in der allgemeinen Aufregung den deutfehen
Sozialreformern lieber in den Rücken, als daß fie deren
fchwierige, zum Teil in der Weltlage begründete Pofltion
verftehen möchten.

Die ganze Anlage bringt es naturgemäß mit fleh,
daß zwifchen der Schilderung der realen Sachlage und
der Gewinnung ethifcher Normen aus der Heranbringung
der chriftlichen Ideenwelt an fie fcharf unterfchieden wird.
Das ift aber natürlich nicht bloß eine Eigentümlichkeit
des formellen Verfahrens, fondern enthält eine wichtige
und grundlegende fachliche Vorausfetzung, gerade die
Vorausfetzung, die die Hauptthefe des "Buches bildet.
Das Verfahren befagt nämlich, daß das foziale Leben
zunächft eigenen Gefetzen und den Notwendigkeiten
allgemeiner Lagen folgt, alfo niemals einfach und reft-
los aus der chriftlichen Idee beftimmt werden kann. Der
Verfaffer fpricht gern von einer ,Naturgrundlage', die
nie völlig in den Geift aufgelöft werden könne, vielmehr
gerade durch ihre Spannung gegen den Geift die
Raftlofigkeit des fittlichen Lebens und des Kampfes bedeute
. Aber das erfchöpft die Sachlage nicht, wie aus
feinen eigenen Äußerungen felbft hervorgeht und überdies
aus der Sache heraus fleh leicht klar machen läßt.
Was der chriftlichen Ethik gegenüberfteht, ift nicht bloß
Natur und Naturgrundlage, fondern mit diefer zugleich
ein eigenes Ethos diefer Gebiete für fleh. Es gibt ein
eigenes und unabhängiges Ethos des Sexuallebens, der
wirtfehaftlichen Naturbeherrfchung und des Staates im
Zufammenhange der europäifchen Kultur. Die chriftliche
Ethik trifft hier nicht bloß auf Natur, fondern auch auf
ethifche Kräfte. Darin liegt ja das eigentliche Problem,
feine wirkliche Komplikation. Darum betont ja auch der
Verfaffer gefliffentlich, daß die justitia civilis d. h. vor-
und außerchriftliche ethifche Mächte die Vorausfetzung
und Ergänzung für die chriftliche Ethik bilden müffe. Auf
der anderen Seite ift dann aber gerade nach feiner eigenen
Einficht auch das chriftliche Ethos nicht einfach der
,Geift' überhaupt mit feiner Pflicht der möglichften Naturbeherrfchung
, fondern ein ganz befonderer Geift, der
religiös-überweltliche Geift des Chriftentums mit feiner
afketifch-utopifchen Haltung gegenüber aller bloßen Welt
und allen innerweltlich-relativen Gütern. Daraus entfpringt
zu allertiefft der immer neue Konflikt, den der Verf.
felbft gelegentlich als tragifch und feinem Wefen nach