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Ausgabe:

1917 Nr. 13

Spalte:

274-275

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sanda, A.

Titel/Untertitel:

Synopsis theologiae dogmaticae specialis. Vol. I 1917

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 13.

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wenigen Jahren mindeftens 300 Schriften und Auffätze in
faft allen Kulturländern verfaßt find, den ein Windelband,
einer der größten Kritiker der Philofophie, in die deutfche
Philofophie eingeführt hat, ift weder durch Ignorieren
noch durch Pamphlete abzutun. Sein Verhalten während
des Kriegs geht die Philofophie nichts an. Anders freilich
fteht es um den Vorwurf, das nationale Element
fei fchon vor dem Kriege von gefährlicher Einwirkung
auf feine Lehre gewefen, franzöfifche Rhetorik und Eitelkeit
beeinfluffe Stil und Gedankengang, englifche Art Begründung
und Beweisführung feiner Lehre. Schlimmer
noch wirkt die Anklage, er fei in Wort und Idee ein Plagiator
größten Stiles. Eine andere Frage liegt befonders uns
Deutfchen näher, die wir ftets gern nach der Genefis
auch unangenehmer Dinge forfchen; wie erklärt fich die
Popularität diefes Philofopben auch bei uns? Kam fein
Intuitionsbegriff wirklich einer gleichfam ,fehnenden Erwartung
' entgegen, war er die Löfung einer lange ftill gehegten
Frage, entprach er dem Verlangen nach größerer
Reife und nach Kernhaftigkeit des Geifteslebens?1 Selbft
wenn feine Antwort philofophifch unzulänglich, ja vielleicht
Blendwerk ift, fo muß doch irgendetwas die gewaltige
Wirkung diefes ,geiftvollen Plauderers' erklären und begreiflich
machen. War es wirklich nur eine Schwäche
des deutfchen Geiftes, der gern jeder Modetorheit nachlief
, befonders wenn fie aus dem Auslande flammte?
Mich dünkt, hier hat vieles zufammengewirkt, um aus
Bergfon in den Augen vieler ,den' Philofophen zumachen.
Sein größter Nebenbuhler in der Popularität der Gegenwart
, William James, nennt den Geift feiner Bücher ,reine
Luft des Morgens und Vogelgefang'. In der Tat pflegen
Erfcheinungen wie die Bergfons befonders wirkfam zu
werden in der Morgenröte einer neuen Zeit, die, unklar
über fleh felbft, mit dem Alten nicht völlig gebrochen
hat, das Neue aber nur von ferne ahnt. Wer kennt nicht
die Lage der Philofophie und der Kultur der Gegenwart!
Der Apparat, den Meckauer aufgewandt hat, eine fcharfe
Kritik Bergfons zu liefern, dünkt mich zu ungeheuer.
Bald fcheint er an eine eigene Monographie gedacht zu
haben, denn er gibt eine ausführliche Bibliographie der
Schriften Bergfons und anderer über ihn, bald wieder
hat ihm vielleicht eine eingehende Kritik des Intuitionsbegriffes
überhaupt vorgefchwebt, dann wieder verrät er
Anfätze zu einer hiftorilchen Überficht über die Genefis
und Entwicklung des Begriffs. Was fchließlich herauskam
, ift eine Kritik des Intuitionismus vom Standpunkt
des Kritizismus Riehls aus. So unglücklich die unausgeglichene
Gefamtkompofltion ift, fo wertvoll und beachtenswert
find die einzelnen Punkte der Kritik. Die Darfteilung
des Intuitionsbegriffs ift verhältnismäßig kurz; fie leidet
nach meiner Anficht hauptfächlich an folgenden Mängeln.
Es fehlt eine breite hiftorifche Fundierung des Begriffs;
es mengt fich dauernd Kritifches in die Ableitung ein.
Der Intuitionsbegriff hätte viel mehr aus dem Ganzen
der Philofophie Bergfons heraus entwickelt werden müffen.
Es hätte zunächft Bergfons Polemik gegen die ,alte' Art
des Zeit- und Seinsbegriffes, fein .Problem' dargeftellt und
dann erft fein .neuer' Begriff der Intuition entfaltet werden
follen. Die kritifchen Einwürfe gegen Bergfons Begriff
haben dagegen durchaus Gültigkeit gegenüber jedem Verflach
, .Erkenntnis' auf Intuition zu begründen. Es ift ein
doppelter logilcher Irrtum, die beiden Seiten der Objekt-
Subjcktkorrelation durch Trennung der beiden zu ver-
abfolutieren und dann obendrein beide in einander aufgehen
zu laffen. Das aber tut in der Intuition das fich
felber aus den Angeln hebende Bewußtfein. Die begriffliche
Regel gilt auch für die Intuition. Es gibt keine
.begriffslofe' Erkenntnis. Die Intuition ift letzten Endes
nichts als .Anfchauung*. Anfchauung ohne Begriffe aber
ift bekanntlich blind. Der Intuition fehlt das Kriterium
der .Wahrheit', die intuitive Erkenntnis ift relativiftifch,

') vgl. z. B. Keller, eine Philofophie des Lebens S. 31,38.

fie hebt fich felbft auf. Sie foll alogifch fein, eben deshalb
aber ift fie gerade keine Erkenntnis. Kurz, das
Alogifche der Intuition wird zum Überlogifchen und damit
zu einer neuen Erkenntnis hypoftafiert. Seine Sehnfucht
zum Individuellen veranlaßt Bergfon ftatt, wie richtig,
Begriffe auch vom Befondern zu fordern, eine begriffslofe,
Erkenntnis zu poftulieren; das Anfchauliche foll eine
prinzipiell anders geartete Vorftellungsart, das Nichtlo-,
gifche, das Gefühlsmäßige foll eine prinzipiell anders geartete
Erkenntnisweise fein.

Bergfons eigene Lehre fetzt Logik, diskurfives Denken,
Erkenntnis, Wiffenfchaft voraus. Denn ohne dies könnte
er feinSyftem nicht begründen und ableiten. Die Intuition
ift ohne Geltung nicht wohl denkbar, Geltung aber kann
nicht alogifch d. h. myftifch fein; eine metaphyfifche
Geltung kann keine wiffenfehaftliche Erkenntnis (transzendentaler
Gefetzeszufammenhang!) konftituieren; die Setzung
einer duree ufw. als Inhalt oder Gegenftand der
Intuition ift dogmatifch und fteht unter logifcher Gefetz-
lichkeit. Synthefis ift keineswegs ein Gegenfatz zur Erkenntnis
. Denn die Erkenntnis ift fowohl analytifch wie fyn-
thetifch. Ja, umgekehrt erfcheint die Intuition eher als eine
Art Analyfis, die das Abfohlte zerlegt, aber nicht es fetzt.

In einem letzten Kapitel verflicht Meckauer das Pofi-
tive des Intuitionsbegriffs in feiner Beziehung zur Sprachkritik
, Denkpfychologie, Phänomenologie und insbefondere
zur Äfthetik, vorüber eine befonriere Abhandlung folgen
foll, und als intuitive Methode nachzuweifen. Ein Index
enthält einen Überblick über die Elemente und Probleme
des Intuitionismus. Außer der erwähnten Bibliographie
fehlt nicht ein befonderes Namenregifter. Die Arbeit;
enthält alfo eine Kritik des Intuitionsbegriffes überhaupt,
wenngleich fie ftets von der eigentümlichen Formulierung
bei Bergfon ausgeht; und obfehon fie diefe Kritik im we-
fentlichen von der unangreifbaren .logifchen' Pofition.
des Kritizismus aus übt, trifft fie mit ihr doch kaum
den eigentlichen Kern diefes Begriffs. Die Darftellung ift
einmal zu weit gefpannt, indem fie fich gegen die Intuition
überhaupt richtet, dann aber wieder zu eng, weil fie eine
befchränkte Kritik verflicht. Gerade vom letzten Kapitel
aus ließe fich ftatt ,der Anregungen' umgekehrt eine viel
breitere Kritik der Intuition liefern, die vor allem auch,
das Widerfpruchsvolle und Unzulängliche des Bergfonfchen
Begriffes dartun würde. Denn nicht das ift der Haupteinwand
gegen Bergfons Lehre, daß fich ihre Pofition gegen-,
über Logik und Erkenntnistheorie nicht halten läßt, da-r,
rauf könnte Bergfon antworten, er beftreite ja überhaupt
das Logifche als Kriterium, — fondern daß fie das gar-
nicht leiftet, was fie zu leiften vorgibt. Auch die Intuition
ift letzten Endes eine .Wiederholung' des Anfich, in das
fie fich ,verfetzt'; fie ift immer etwas außer oder neben
dem Sein, auch wenn fie feinen Kern zu ergreifen behauptet
. Intuition als Vorgang, Intuition als Ergebnis,
Intuition als Inhalt oder Gegenftand der Intuition alles
das kann man fchließlich .intuitiv' zufammenfehauen; getrennt
davon bleibt aber immer das Anfich, auf das fich
die Intuition richtet; könnte ich diefes Anfich auch
als ein ,intuiertes' Etwas irgendwie ergreifen; als .Anfich
' bleibt es gleichwohl verborgen. Denn welches Kriterium
außerhalb der Intuition gibt es, die Übereinftimmung
des .Anfich' mit dem durch Intuition erreichten .Anfich'
darzutun? Überdies wäre diefe Wiederholung in der
Intuition zweck- und finnlos; man müßte denn das Anfich
völlig in Intuition auflöfen und verwandeln; dann
gäbe es nichts als Intuition, nichts als intuitiv ergriffenes
Anfich. Dann brauchten wir aber eine neue Intuition,
um zu diefem .Anfich' vorzudringen, und das Spiel begänne
von neuem.

Bremen. Bruno Jordan.

Sanda,Prof.Dr. A.: Synopsis theologiaedogmaticaespecialis.

Vol. I. De Deo uno, de Deo trino, de Deo creante, de