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Ausgabe:

1917 Nr. 12

Spalte:

239-240

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baehrens, W. A.

Titel/Untertitel:

Überlieferung und Textgeschichte der lateinisch erhaltenen Origeneshomilien zum Alten Testament 1917

Rezensent:

Koetschau, Paul

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239

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 12.

240

Was die .Studien' in Kap. 3—5 bieten, erweckt den
lebhaften Wunfeh, den verheißenen Kommentar recht
bald zu erhalten.

Marburg. Heitmüller.

Baehrens, W. A : Überlieferung und Textgelchichte der la-
teinifch erhaltenen Origeneshomilien zum Alten Teltament.

(Texte u. Unterfuchungen 42,1.) (VIII, 257 S.) gr. 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1916. M. 9.50

Von der großen Maffe der Origeneshomilien zum
A. T. find bekanntlich nur einige Bruchftücke griechilch
erhalten. Um fo größern Wert haben deshalb die von
Rufinus und Hieronymus angefertigten lateinifchen Über-
fetzungen der Origeneshomilien. Da aber die editio prin-
ceps a. 1503, von der die fpätern Ausgaben abhängen,
nur auf einer Hfi s. XII beruhte und Delarue außerdem
nur wenige Hff. für feine Ausgabe herangezogen hatte,
fo konnten die lateinifchen Texte (Lommatzfch tom. VIII
bis XI. XIV. XV) nur mit großer Vorficht, auch für den
Bibeltext des Origenes (Vorwort S. VI), benutzt werden.
Daß die Zahl der vorhandenen Hff. fehr groß fei, wußte
jeder, der Bibliotheks-Kataloge nach Origenes-Hff. durch-
gefehen hatte. Um fo aufrichtigeren Dank müffen wir
daher dem holländifchen Gelehrten zollen, der die etwa
250 lateinifchen Hff. in zwei Jahren durchgearbeitet hat.
Seine Ergebniffe find in dem vorliegenden Buche veröffentlicht
, fie bilden zugleich die Prolegomena zu der
künftigen erften kritifchen Ausgabe. Wenn auch der
Verf. vorher noch eine Anzahl franzöfifcher und englifcher
Hff, die ihm infolge des Weltkrieges feither unzugänglich
waren, vergleichen muß (f. z. B. S. 153), fo ift doch
die fichere hf. Grundlage für die neue Ausgabe bereits
gelegt.

Die von Rufin überfetzten Homilien zu Genefis,
Exodus, Leviticus (Kap. I) find ganz oder teilweife in
13 Hffi-Klaffen, bezw. unabhängigen Hff, erhalten. Der
gemeinfame Archetypus s. VI., der durch diefelben Fehler
und Interpolationen in den einzelnen Hff.-Klaffen richtig
nachgewiefen ift, fteht dem Original fehr nahe und kann
aus Hff des VI./VII. und VII./VIII. Jhrhs. ziemlich ficher
wiederhergeftellt werden. Die indirekte Überlieferung
nützt, abgefehen von einer unedierten Homilie des Cae-
farius von Arles, für die Textherftellung diefer Homilien
fafit nichts. Daß der Verf. Hff.-Klaffen, welche einen
fchlechten Text oder eine freie Bearbeitung des Textes j
bieten, nicht berückfichtigt, ift zu billigen. Die fechs Hff- 1
Klaffen der von Rufin a. 408 — 10 bei Syrakus überfetzten
Numeri-Homilien (Kap. II), deren Archetypi dem VI.—
X. Jhrh. angehören, laffen fich auf eine Urhandfchi ift des
V. Jhrhs., wohl eine Abfchrift des Originals, zurückführen.
Wichtig ift der Nachweis, daß das Exemplar des Caefa-
rius, der die Numerihomilien benutzte, aus derfelben
Quelle wie unfere fechs Hff.-Klaffen flammt. Überhaupt ift
hier die indirekte Überlieferung bei Caefarius und Hraba-
nu.s von Wert, da beide den Rufintext wörtlich ausge-
fchrieben haben. Ferner kann die Güte des Textes der in
acht Hffi-Klaffen überlieferten Jofua- und Judices-Homi-
lien (Kap. III; die zum Deuteronomium hat Rufin nicht
überfetzt) an dem durch die Philokalia erhaltenen Bruchftücke
der 20. Jofuahomilie nachgewiefen werden. Die
indirekte Überlieferung kommt hier nur wenig inbetracht;
da aber die acht Hff.-Klaffen durch verhältnismäßig alte
und gute Hff. vertreten werden, die fämtlich auf einen
Archetypus s. V. zurückgehen, fo läßt fich ein recht guter
Text gewinnen. Der Verf. hat dann (Kap. IV) die Textüberlieferung
des von Rufin überfetzten Origenes-Kom-
mentars zum Hohenlied unterfucht und vier Hff.-Klaffen,
die einem Archetypus entflammen, nachgewiefen. Der
Text ift in der erften Klaffe, deren Archetypus (s. IX) wohl
dem Klofter Bobbio angehörte, am bellen erhalten. Die
zwei von Hieronymus überfetzten Origenes-Homiüen zum
Plohenlied (Kap. V) find, wie der Verf. richtig annimmt,

wegen des ihnen vorausgehenden Briefes an Damafus zu-
fammen mit Hieronymus-Briefen überliefert (S. 180). Die
acht Hff.-Klaffen, die durch gute Hff des VII.—XII. Jhrhs.
vertreten werden, gehen auf einen ftark interpolierten
Archetypus zurück, der Randbemerkungen des Hieronymus
enthalten zu haben fcheint(S. 184f.); vielleicht war diefer
Kodex das an den Papft Damafus gefandte Exemplar
felbft (S. 185). Der Verfaffer behandelt darauf zufammen-
faffend (Kap. VI) die Textgefchichte der lateinifch überfetzten
Origenes-Homilien zum Oktateuch und der Homilien
und des Kommentars zum Hohenlied und gewinnt
durch fcharffinnige Kombinationen folgende ziemlich fichere
Ergebniffe: Rufin hat die Homilien zu Genefis,
Exodus, Leviticus, dann die zu Numeri, endlich die zu Jofua
und Judices zu verfchiedenen Zeiten überfetzt und in je
einem Kodex herausgegeben. Die drei Hff. find dann von
Campanien aus (vgl. Orig. De pn'nc, We.ke V Einl.
S. LVIIIff.), zufammen mit den zwei Hff. der Homilien
und des Kommentars zum Hohenliede in die Bibliothek
Caffiodors nach Vivarium gebracht und dort durchgearbeitet
worden. Da Caffiodor mit Eugippius befreundet
war, konnte er leicht von ihm Hff. beziehen. Nach
Caffiodors Tod (um 575) kamen Teile feiner Hff. nach
Bobbio und Lyon, Abfchriften auch nach Monte Caffino;
fo erklärt fich die große Zahl der Hff.-Klaffen und Hff.
Gegenüber diefen fünf Hauptzweigen der hf. Überlieferung
hat die Reges-Homilie mit zehn auf einen Archetypus
zurückgehenden Hff.-Klaffen (Kap. VII) eine Sonderüberlieferung
, die fich daraus erklärt, daß der Überfetzer weder
Rufin noch Hieronymus, fondern ein Unbekannter
ift. Bei Pf-Eucherius, deffen Exemplar auf unfern Archetypus
zurückgeht, findet fich eine indirekte Überlieferung.
Auch d e von Hieronymus überfetzten Homilien zujefaia,
Jeremia und Ezechiel (Kap. VIII) find für fich überliefert
. Hier laffen fich zwei Hff.-Klaffen unterfcheiden,
von denen A nur die beiden erften Ezechiel-Homilien,
aber einen befferen Text, B zwar die Homilien vollftän-
dig, aber einen fchlechteren Text bietet, fodaß da, wo die
A-Klaffe und das griechifche Original fehlen, viel kritifche
Arbeit nötig ift. Während A und B auf eine fehlerhafte
gemeinfame Vorlage zurückgehen, fteht Hrabanus in feinem
Jeremia-Kommentar dem griechifchen Text näher; auch
Hieronymus, der Stellen aus den Jefaia-Homilien zitiert,
bietet Hilfe. Da bei Hieronymus und in der einzigen
griechifchen Hf. des Escorial s. XI./XII. gleiche Textfehler
vorkommen, fo vermutet der Verf. mit Recht Ver-
wandtfehaft zwifchen dem von Hieronymus in Konftanti-
nopel a. 381 benutzten Exemplar und demArchetypus
der fpanifchen Hf.

Im Anhang hätte außer der vom Verf. entdeckten
Melchifedek-PIomilie eines Unbekannten, die mit Origenes
nichts zu tun hat, auch das S. 6f. flehende, vom Verf.
gefundene Katenenfragment, das ficher der Melchifedek-
Homilie des Origenes angehört, in verbeffertem Text abgedruckt
werden follen.

Ich bermerke hierzu folgendes. S. 6 Z. 2 >XQthx(av< aus Hebr, 7,7
■—• Z. 3 6 yÜQ zvnog yv 6 vixiöv = denn der durch Melch. vorgebildete
Chriftus (vgl. Hebr. 7,3) war der Überlegene, 6 vixwv = xqiLztwv f.
<+— Z. 5/6 y..<pvoig $)zxy&y (ft. (tyze) — Z. 7 Hebr. 7,3 — Z. 8
6 wattig Xoyixy xal itQuvpyug = Engel, vgl. De princ. Regifter s. v.
öira/tig u. virtus — S. 7 Z. 3 Hebr. 7,2—Z. 6 Gal. 2,17—Z. 7 iayy-
xaftev — Z. 7,8 Rom. 5,1. 2. — Z. of. Gen. 14,181°. — Z. 12Ü Hebr.
11,33-r-I Kor. 2,6 — Z. 14 öeäeyfttvoi (x mit y verwechfelt).

Erheblichere Druckverfehen find: S. 65 Z. 14 v. u. 1. Marc. 607,
S. 68 Z. 5 v. u. 1. 206,15 s- '33 Anm- z- 5 v- °- Pct sapientiam,
S. 249 Z. 106 regressus est. Die Unterfuchung hätte an Überfichtlich-
keit gewonnen, wenn am Rand die wiehtigflen HIT. hervorgehoben und
öfters Hff.-Stemmata wie S. 143 beigegeben worden wären.

Ift auch die Arbeit noch nicht ganz vollendet und
bleibt auch das und jenes noch zu wünfehen übrig, fo
fällt dies gegenüber einer fo ergebnisreichen und bedeutenden
Gefamtleiftung nicht ins Gewicht. Möge dem
Verf. die baldige Vollendung feiner Ausgabe nach Wiederkehr
des Friedens vergönnt fein!

Weimar. paul Koetfchau.