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Ausgabe:

1917

Spalte:

221-222

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leibniz, Gottfried Wilhelm

Titel/Untertitel:

Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. In 3. Aufl. neu übers., eingel. u. erläut. v. Ernst Cassirer 1917

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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Theologilche Literaturzeitung 1917 Nr. H.

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achtungen, auch zuweilen bemerkenswerte Urteile (z. B.
ein fehr fcharfes über Döllinger, S. 25. 163). Aber es
hilft uns nicht, nacherlebend die geiftige Entwicklung zu
durchleuchten. Hoffentlich füllt der 2. Teil, der nicht fo
ftark durch äußere Ereigniffe belaßtet fein wird, diefe
Lücke aus.

Marburg a. d. L. H. Stephan.

Leibniz, G. W.: Neue Abhandlungen über den menfchlichen !
Verftand. In 3 Aufl. m. Benutzg. der Schaarfchmidt'-
fchen Übertragg. neu überf., eingeleitet u. erläutert v.
ErnftCaffirer. (PhilofophifcheWerke 3. Bd.) (XXVIII,
647 S.) 8°. Leipzig, F. Meiner 1915. M. 7.50; geb. M. 8.50

Diefes Werk ift ein fchöner Beweis dafür, wie un-
verdroffen der Verleger der Philofophifchen Bibliothek
mit dem Stab feiner Mitarbeiter für die Verbefferung
feiner Ausgaben tätig ift. Die. zweite, 1904 erfchienene
Ausgabe der .Nouveaux essays' war von Schaarfchmidt
beforgt worden. Mit den Erläuterungen zufammen-
genommen, die Schaarfchmidt 1908 in einem eigenen
Bändchen veröffentlichte, bedeutete diefes Werk eine
fehr brauchbare Handreichung zum gründlichen Eindringen
in Leibnizens Ideenwelt. Schaarfchmidt ift 1910
verdorben; für die neue Ausgabe wurde in Ernft Caffirer
ein Bearbeiter gewonnen, der das Schaarfchmidt'fche j
Werk nicht nur forgfältig revidiert, fondern durch eine
Art von Neufchöpfung erfetzt hat. Einleitung, Überfetzung j
und Anmerkungen find nicht nur unter dem Gefichts-
punkt der Verbefferung, fondern unter dem eines neuen
Erkenntnisideals umgeftaltet worden; und es ift zweifellos
, daß die neue Ausgabe die ältere überbietet und
einen neuen Zugang zu Leibniz gefchaffen hat.

Die Einleitung ift darauf angelegt, den prinzipiellen
Gegenfatz Leibnizens zu Locke, der bei Leibnizens bekannter
Vermittlungstendenz in gewiffem Sinne erft er-
fchloffen werden muß, möglichft eindrücklich zu erleuchten.
Es ift der Gegenfatz eines Idealismus, der von den Denk-
beftimmungen zum Wirklichkeitsproblem vorrückt, und
eines Realismus, der umgekehrt von der Wirklichkeitsvor-
ausfetzung zum Bewußtfeinsproblem hinftrebt. Der ideali-
ftifche Standpunkt Leibnizens wird im Sinne der Marburger
Schule, aber frei von Konftruktionen, als moderner
Piatonismus gedeutet. Die Allgemeinheit der Denkbe-
ftimmungen und die durchgängige Individualität des Wirklichen
werden in einer faft dramatifchen Gedankenführung
auf eine Verwicklungsftufe gebracht, die die fyftematifche
Funktion der präftabilierten Harmonie in einem über-
rafchend hellen und bedeutungsvollen Lichte erfcheinen
läßt. Diefes Licht wird auch den erleuchten, der die
Leibnizifche Metaphyfik lieber zunächft in ihrer ontolo-
gifchen Breite, als in ihrer erkenntnistheoretifchen Verkürzung
ausgelegt zu fehen wünfcht.

Die Überfetzung ift mehr als eine bloße Überarbeitung
; fie beruht auf einer neuen Durcharbeitung des
Textes. Folgendes Probeftück (aus 11 § 5) mag zur Ver-
anfchaulichung dienen:

Leibniz: L'esprit n'est pas seulcmeut capable de les connaitre
(sc. les verites necessaires), mais eucore de les trouver en soi, et, s'il
n'avait que la simple eapacite de recevoir les connaissances eu la puissance
passive pour cela, aussi indeterminee que celle qu'a la cire de recevoir
des iigures et la table rase de recevoir des lettres, il ne serait pas la
source des verites necessaires: car il est incontestable que les sens ne
suffisent pas pour en faire voir la necessite et qu'ainsi l'esprit a une
disposition (faul active que passive) pour les tirer lui-meme de son fonds;
quoique les sens soient necessaires pour lui donner de l'occasion et de
l'attention pour cela, pour le porter plutöt aux unes qu'aux autres.

Schaarfchmidt: Der Geift ift nicht allein fähig, fie (die notwendigen
Wahrheiten) zu erkennen, fondern auch, fie in fich aufzufinden;
und hätte er nur die bloße Fähigkeit, die Erkenntniffe in fich aufzunehmen,
oder die leidende Möglichkeit dazu, die fo unbeftimmt wäre als die des
Wachfes, Formen anzunehmen, und die der leeren Tafel, Buchftaben aufzunehmen
, fo würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten fein.
Denn es ift unbeftreitbar, daß die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit
einzufehen, und daß alfo der Geift eine J'envohl tätige als

leidende Anlage hat, fie aus feinem eigenen Inneren felbft zu fchöpfen, wenn
auch die Siune notwendig fein mögen, um ihm Gelegenheit dazu und
Aufmcrkfamkeit dafür zu geben und ihn auf die einen eher als auf die
anderen zu lenken.

C affirer: Der Geift ift nicht allein fähig, die notwendigen Wahrheiten
zu erkennen, fondern auch, fie in fich felbft zu entdecken. Hätte
er bloß die Fähigkeit oder das rein pafßve Vermögen, die fclrkenntnis
in fich aufzunehmen, die1 fo unbeftimmt wäre, als2 die Fähigkeit des
Wachfe-, Formen, und die der leeren Tafel, liuchftaben aufzunehmen,
fo würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten fein; denn es
ift unbeftreitbar, daß die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit
einzufehen, und daß alfo der Geift eine nicht nur pa/five, /andern
aetive Anlage hat, fie aus feinem eigenen Inneren felbft zu fchöpfen,
wenn auch die Sinne notwendig find, um ihm die Gelegenheit und Auf-
merkfamkeit hierfür zu geben3, und um ihn zu veranlaffen, fich eher den
einen als den anderen zuzuwenden.

Aus den kritifchen Anmerkungen, die ich mir unter
dem Texte erlaubt habe, fleht man zwar, daß auch die
Caffirer'fche Übertragung noch nicht reftlos befriedigt; wie
viel mehr fie aber trotzdem vom Original „überfetzt", ift
innerhalb diefes Probeftückes vielleicht am beften an der
Behandlung der Kunftausdrücke zu erkennen.

Die Anmerkungen, die, zum Gewinn für den Lefer,
diesmal unter den Text gefetzt find, reproduzieren, wo
es nötig ift, das reiche geiftesgefchichtliche Material, das
Schaarfchmidt zufammengetragen hat. Vor allem aber
fuchen fie die Leibnizifchen Pofitionen, die infolge der
engen Anlehnung an den Aufbau des Lockefchen Werkes
vielfach unter ihrer Bedeutung erfcheinen, durch Heranziehung
des Syftems und zahlreiche Verweifungen auf
erläuternde Stücke aus Leibniz felbft in ihre wahre Bedeutung
einzufetzen. Die in diefen Anmerkungen niedergelegte
Arbeit ift unter den Vorzügen der neuen Ausgabe
ganz befonders hervorzuheben.

Leider konnte, aus Rückficht auf den durch fchöneren
Druck und die Aufnahme der Anmerkungen beträchtlich
angefchwollenen Umfang des Werkes, das fo nötige Sach-
regifter nicht mehr mit aufgenommen werden. Doch foll
dafür bei der in naher Zukunft zu erwartenden Erneuerung
des vierteil, die Theodicee enthaltenden Bandes diefer
Leibniz-Ausgabe ein Gefamtregifter über alle vier Bände
Erfatz bieten.

Zum Schluß noch ein Wort über die Wiedergabe
des Titels. Caffirer überfetzt ihn mit Schaarfchmidt
durch „Neue Abhandlungen über den menfehlifchen
Verftand'. Mir fcheint, wir" fprechen im Deutfchen beffer
von neuen B e t ra c h tu n g e n über den menfchlichenVerftand.

Berlin. Heinrich Scholz.

Mausbach, Prof. Dr. Jofeph: Grundzüge der katholifchen
Apologetik. Zum Gebrauch beim akadem. Studium.
(VIII, 158 S.) 8". Münfter i. W, Afchendorff 1916.

M. 2.50: geb. M. 3.20

Um dem Buch M's. gerecht zu fein, muß man ftets
eingedenk bleiben, daß der in knappfter Form gebotene
Inhalt der weiteren Ausführung und eingehenderen Begründung
durch den mündlichen Vortrag bedarf; die ,zum
Gebrauch beim akademifchen Studium' beftimmte Schrift
zieht die Summe deffen, was den durchfehnittlichen Stand
der katholifchen Apologetik in der Gegenwart darfteilt;
eine wefentliche Förderung der Wiffenfchaft felbft ift von

') Diefes ,die' ift nicht gut, da es nach der Regel des deutfchen
Satzbaucs auf die Erkenntnis bezogen werden muß, während es fich auf
die Fähigkeit und das Vermögen beziehen foll. Ich fchlage vor, zu Uberfetzen
: Hätte der Geift bloß die Fähigkeit oder das rein paffive Vermögen,
die Erkenntnis in fich aufzunehmen, und zwar in der Unbeftimmtheit,
wie das Wachs die Fähigkeit, Formen, und die leere Tafel die Fähigkeit
, Buchftaben aufzunehmen, fo würde er nicht die Quelle der notwendigen
Wahrheiten fein.

2) Diefes von Schaarfchmidt übernommene ,als' ift fehr häßlich.
Es heißt im Deutfcheu nicht: fo unbeftimmt als, fonderu: fo unbeftimmt wie.

3) Beffer: um ihm die Gelegenheit hierzu zu geben und feine Auf-
merkfamkeit auf fie richten ufw. Es wird kaum nötig fein, daran zu erinnern
, daß eine gute überfetzung in vielen Fällen gewiffe Interpolationen
zu Hilfe rufen muß.