Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1917 Nr. 11

Spalte:

211-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft. IX - XI 1917

Rezensent:

Strack, Hermann L.

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

211

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 11.

212

der Sapientia führt endlich auf ,das intereffante Schau-
fpiel des allmählichen Ineinanderfließens althebräifcher Vor-
ftellungen von nefes' und mach und griechifch-philofo-
phifcher Seelentheorie, aus der eine fonft nicht erklärbare
Unücherheit oder Unentfchiedenheit des h. Verfaffers
hervorgeht' (S. 93). Schade, daß S. feine Unterfuchung
nicht auch über die Pfeudepigraphen ausgedehnt hat.

Störend ift, daß die Gefamtkommentare ohne Rücklicht auf den
Kommentator des einzelnen Buches zitiert find: fo fteht z. B. für Duhm
bald Nowack (z. B. S. 5 A i) bald Marti (z. B. S. 4 A 5); übrigens ift
S. 3 ftatt H. Duhm: B. D. zu lefen; S. 66 A: Zimmern ftatt Simmern;
S. 61 Tel Abib ftatt Til Abub; S. 56: Prov 20, 27 ftatt 20, 22.

Göttingen. A. Bertholet.

Jahrbuch der Jüdifch-Literarifchen Gefellfchaft. (Sitz: Frank-
furt a. M.) IX—XI. 1911. 1912. 1916. (III, 505 u. 88 S.;
III, 396 u. 60 S.; u. III, 372 u. XVI S.) gr. 8°. Frankfurt
a. M., J. Kauffmann 1912. '13. '16.

Je M. 12—; geb. M. 13 —

Über frühere Bände des Jahrbuchs der Jüdifch-Literarifchen
Gefellfchaft, die auf ftreng traditionsgläubigem
Standpunkte fteht, vgl. Jahrg. I910, Nr. 18; 1911, Nr. 6
und 1912, Nr. 13. Hier eine Überficht über das Wich-
tigfte in den drei feitdem erfchienenen Bänden. L. Fifchers
gründliche Abhandlung über ,die Urkunden im Talmud'
(Bd. 9) ift leider über die Einleitung und die eherechtlichen
Urkunden nicht hinausgekommen. S. Funk, Zur Geographie
des Landes Babel (dafelbft). H. Heinemann, Das Königtum
nach biblifch-talmudifcher Auffaffung. H. Ehrentreu,
Sprachliches und Sachliches aus dem Talmud (Bd. 9.10).
Diefe recht beachtenswerten Bemerkungen follten durch
ein genaues Inhaltsverzeichnis bequem benutzbar gemacht
werden. Sam. Halevy, Ift der Name Jüdifcher Hellenismus
berechtigt? (Bd. Ii) fucht zu beweifen, ,daß abgefehen
von dem verhältnismäßig kleinen Kreis der Tobianer,
welche felbftfüchtige Zwecke verfolgten, die gefamte
jüdifche Bevölkerung Paläftinas mit der vollen Glut ihrer
Überzeugungskraft der althergebrachten, in Thora und
jüdifcher Tradition wurzelnden, echt jüdifchen Lebensweife
huldigte'. Ob das Zahlungsverfprechen Jafons 2 Makk.
4,9 an Antiochus Epiphanes dafür wirklicher Beweis, ift
mir zweifelhaft (S. 453 f. lies ,Aristeas' ftatt ,Aristäus'). —
I. N. Epftein gibt (Bd. 9.10) eine fehr mühfame Ver-
gleichung der D. Caffel'fchen Ausgabe der Rechtsgutachten
der Geonim (1848) mit den I landfchriften Berlin
und Michael; ein neuer Abdruck des ganzen Textes
wäre den Meiften willkommener gewefen. J. Wellesz
veröffentlicht (Bd. 9) Entfcheidungen des bald nach 1277
geftorbenen Ifaak aus Corbeil, Verfaffers des Sepher
mifwöth kätön. — M. L. Bamberger druckt den früher
irrig dem David Kimchi zugefchriebenen Jeremiakommentar
des Jofeph Nachmias Das wichtige Judenprivileg des
Kaifers Karl V vom 3. April 1544 druckt Sal. Stein nach
einer in Schweinfurt befindlichen Abfchrift (Bd. 9). L. Lewin-
Kempen handelt von den jüdifchen Ärzten in Groß-Polen,
feit Anfang des 16. Jahrhunderts (Bd. 9, vgl. J. Landsberger
in Bd. 10); der Lemberger Hiftoriker M. Balaban
von der Krakauer Judengemeinde-Ordnung des J. 1595
(Bd. 10. 11; fie ift in jüdifcher Sprache abgefaßt). Lewin
bringt in Bd. 11 (vgl Bd. 2 u. 3) neue Materialien zur
Gefchichte der Großpolen, Kleinpolen, Podolien und
Wolhynien umfaffenden Vierländerfynode, deren Urfprung
wahrfcheinlich bis 1540 zurückreicht. L. Löwenftein hat
eine Gefchichte der hebr. Druckereien in Fürth famt
Verzeichnis der Druckwerke beigefteuert (Bd. 10).
S. H. Lieben fchildert (Bd. 10) das Leben des 1754 geborenen
Prager Rabbiners Eleafar Fleckeies.

Endlich feien erwähnt die fchon in Bd. 6 begonnenen,
in Bd. 7 und 8 fortgefetzten Mitteilungen aus dem älteften
Protokollbuch der portugiefifch-jüdifchen Gemeinde in
Hamburg, die mit dem Herbft 1652 anheben und jetzt
bis zum Sommer 1668 reichen. Hier findet man eine

Fülle beachtenswerter Einzelangaben über Handel, Sitten,
Gemeindezucht (z. B. Geldbußen, Bann, Flausarreft, Ver-
weifung aus der Stadt), Schiedsgericht ufw., fo daß nach
Vollendung des Abdrucks der aus dem Portugiefifchen
gemachten Überfetzung man ein anfchauliches Bild des
inneren Lebens diefer großen Gemeinde wird entwerfen
können. Hier will ich nur auf die auch in Hamburg
durch den falfchen Meffias Sabbathai ßebi und feinen
Propheten Nathan Aschkenazi hervorgerufene Erregung
hinweifen (Bd. 10,292 f.; Bd. 11,6. 10. 12. 25/29): man
jieß fogar (zur Purimzeit) in der Synagoge Freudentänze
0ufführen.

et

Berlin-Lichterfelde Weft. Hermann L. Strack.

Loofs, Friedrich: Wer war Jefus Chriftus? Für Theologen
und den weiteren Kreis gebildeter Chriften. Deutfche
Bearbeitg. des Buches: What is the truth about Jefus
Chrift? Problems of Chriftology discussed in six Haskeil
Lectures at Oberlin, Ohio, 1913. (XII, 255 S.) gr. 8«.
Halle a. S., M. Niemeyer 1916. Kart. M. 4.40

Das vorliegende Buch von L. ift eine ftark veränderte
Neubearbeitung der Haskell-Vorlefungen, die der Verf.
1911 in Amerika hielt, und die er 1913 in New-York unter
dem Titel What is the Truth about Jefus Chrift? veröffentlichte
. Den Anftoß, aber nicht die Veranlaffung zur
I deutfehen Umarbeitung gab Wernles Jefus, mit dem fich
! L. auseinderfetzen wollte. Unter rückhaltlofer Ge'.tend-
j machung des eigenen Standpunktes foll, wie in der Vorrede
der Zweck des Buches beftimmt wird, den Lehern eine
I Vorftellung von der Eigenart und dem Stande der Pro-
! bleme verfchafft werden, damit fie einfeitigen Bearbei-
| tungen des Stoffes ein kritifches Verftändnis entgegen
bringen könnten. Was bei diefem Bemühen herausgekommen
ift, ift eine fehr fchöne, wertvolle und fcharf-
finnige Darftelhing gewiffer kritifcher und quellenkritifcher
Fragen der Leben-Jefu-l'Arfchung die fich alle unter das
I große Hauptproblem des Buches: Gefchichtlicher Jefus oder
Jefus des Glaubens? unterordnen. Große Gerechtigkeit
I und Vornehmheit zeichnet die ganze Darftelhing aus.

Hinter den logifch und dialektifch fcharfen, oft forenfifch
| anmutenden Ausführungen fteckt tiefe innere Ergriffenheit,
die vieles im Buche zum Bekenntnis macht. Das Ganze
ift eine große Arbeitsleiftung auf einem Gebiete, das für
1 L. doch nur eines von den mehreren ift, die er beherrfcht.

In der Hauptfache ift es eine Streitfchrift gegen die
| liberale Leben-Jefu-Forfchung, d. h. die hiftorifch-kritifche
| Forfchung, wie ich fie lieber nennen möchte. Sie wird
nach L. dem Sachverhalt und der Überlieferung nicht
j gerecht. Jefus ift nicht in die Gefchichte einzuftellen,
j feinem wahren Wefen kann nur das Glaubensbild gerecht
werden. Dabei nimmt L. aber eine fehr weitgehende
Kritik und Abgrenzung gegenüber dem chriftologifchen
Dogma der Kirche vor, das er glatt verwirft.

Auf eine genauere Inhaltsangabe des Buches verzichte ich, um
; Raum zu fparen. Das Buch foll jeder vornehmen, der mit dem Fach
zu tun hat, wennfehon es auch für Laien gefchrieben ift, von denen in. E.
es aber nur wenige ganz verliehen können. Einen Überblick Uber den Inhalt
des Buches rafch zu gewinnen, hat L. dem Leier fehr leicht gemacht,
indem er eine genaue Angabe des Gedankenganges auf mehr als vier
Seiten vorangestellt hat.

Im erflen Abfchnitt wird die Verflüchtigung des Menfchen Jefus,
wie fie W. B. Smith vorgenommen hat, kurz und fchlagend widerlegt,
die drei folgenden wenden fich gegen die liberale Leben-Jefu-Forfchung.
der fünfte gegen die orthodoxe Chriftologie, im letzten zeichnet L. in
: großen Linien und auch nur fehr andeutend feine eigene Anfchauung.
1 die Glaubens-Auffaffung von Jefus.

Die Kritik der liberalen Leben-Jefu-Forfchung, die L.
: vornimmt, ift einfehneidend, aber an vielen Stellen ohne
| Frage berechtigt. ,Er weift ftark auf die Widerfprüche
i in den einzelnen Auffaffungen hin, auf die fehr ausein-
' andergehende Deutung und Wertung der Überlieferungen,
; auf die entfchloffene Verwerfung der Tradition und dann