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Ausgabe:

1917 Nr. 10

Spalte:

199-200

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaeder, Erich

Titel/Untertitel:

Streiflichter zum Entwurf einer theozentrischen Theologie 1917

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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i99

Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. lo.

200

ften' zu halten geneigt fein möchten, werden in diefer
Abhandlung gründlich eines befferen belehrt (f. z. B.
S. 32 und 34). Ausgezeichnet ift auch Caffirers Darlegung
der Berkeleyfchen ,Zeichentheorie' (f. S. 105 ff.). Die Natur
wird der fpäteren fyftematifchen Anficht Berkeleys gemäß
aus einem Aggregat von Perzeptionen zu einerZeichen-
fprache, in welcher die einzelnen Empfindungen durch
die Bedeutung charakterifiert find, welche ermittelt und
erlernt werden muß. Das Nacheinander der Perzeptionen
ftellt fomit eine rationelle Sprache dar. Sinneswahrnehmung
und Verftand werden auf diefer Stufe wie Materie
und Form gefchieden, und es offenbart fich ganz allgemein
der idealiftifche Gefichtspunkt, daß in aller objektiven
Erkenntnis ein Urteil und Schluß latent ift. Die Begriffe
wie Sein, Schönheit, Güte, Ähnlichkeit, Gleichheit find im
Geifte latent, bis fie durch Veranlaffung der Sinne zur
Tätigkeit erweckt werden. Hier ift alfo der Grenzftrich
gegen Lockes Philofophie mit aller Klarheit gezogen (f.
S. 157—159). Caffirers fcharffinnige und forgfältige Arbeit
bildet einen fehr wertvollen Beitrag zur Gefchichte
der Philofophie fowie zur Syftematik der Probleme des
modernen Jdealismus.

Berlin. Artur Buchenau.

Schaeder, Prof. D. Erich: Theozentrilche Theologie. Eine
Unterfuchg. zur dogmat. Prinzipienlehre. 1., gefchichtl.
Tl. 2., umgearb. u. verm. Aufl. (VII, 211 S.) gr. 8°.
Leipzig, A. Deichert 1916. M. 4—; geb. M. 5 —

— Streiflichter zum Entwurf einer theozentrilchen Theologie.

(Beiträge z. Förderg. chriftl. Theol. 20. Jahrg., 1. Heft.)
(65 S.) 8°. Gütersloh, C.Bertelsmann 1915. M. 1.50

1. Mit berechtigter Genugtuung kann Schaeder auf die
in der neueften Theologie wahrnehmbaren Spuren feiner
theologifchen Arbeit blicken. Die beiden Bände feiner
theozentrifchen Theologie find, wie dies zu erwarten war,
nicht totgefchwiegen worden; aus den verfchiedenften
Lagern der Dogmatik hat man zu feiner Methode und
zum Inhalte feiner neuen Verfuche Stellung genommen.
Es war daher für den Verfaffer eine fehr lohnende Aufgabe,
fich mit den zahlreichen Beurteilern feiner Bücher auseinander
zu fetzen. Er hat diefer Aufgabe in zweifacher
Form zu genügen gefucht, einmal, indem er fein Buch in 1
neuer Geftalt veröffentlicht, hierauf, indem er zum fyfte- I
matifchen Teil feines Werks einen erklärenden und wei- |
ter begründenden Beitrag liefert. Diefer letzteren Schrift i
wird fich felbftverftändlich das Hauptintereffe zuwenden.
Ift doch der hiftorifche Teil, den der Verfaffer aufs neue
herausgibt, wefentlich dem urfprünglichen Texte gleich
geblieben; eine dankenswerte Bereicherung bringen in-
Öeffen die Schlußbetrachtungen über Dilthey und Heim.
Die Beftrebungen des erften, der einer Umgeftaltung der
europäifchen Frömmigkeit das Wort redet, wie fie bereits
Giordano Bruno angebahnt und Schleiermacher am
wirkfamften gefördert hat, zeigen ,wie durchdringend die
Gefahr des Anthropozentrifchen in untrer geiftig-religiöfen
Gefamtlage verankert ift' (197). Was Heim betrifft, fo
ftimmt Schaeder feiner fcharfen Verurteilung des durchdringenden
Subjektivismus in der Stellung der neuen
Theologie zur Gottesfrage bei; dagegen verhält fich Schaeder
ablehnend zu den theofophifch-dichterifchen Gebilden
des originellen Dogmatikers, fowie zu feiner durchaus
anthropozentrifchen Auffaffung des Chriftentums famt der
Motivierung des Glaubens vom Gefichtspunkt der Aufhebung
untrer tiefften Not aus.

2. In feiner zweiten Schrift verläuft Schaeder's Ausein-
anderfetzung mit den maßgebenden Befprechungen, die
fein Werk gefunden hat, in acht Kapiteln. Das Fundamentale
an Gottes offenbarer Wirklichkeit ift die perfön-
liche Machtftellung oder Herrenftellung Gottes; die geift-
gewirkte Überführung von ihr bildet das immer maßgebende
Intereffe des persönlichen Glaubenslebens. Damit

ift der Willensimpuls gegeben, für diefen Herrn der Welt
und des eigenen Lebens da zu fein oder ihm zu dienen.
An diefe Ausführungen fchließt fich dann, S. 38 fg. die
Forderung einer Philofophie des Glaubens, welche nicht
bloß, wie die religionsgefchichtliche Schule, den Spuren
Hegels folgend, durch die Rückficht auf die gefchichtliche
Kulturbewegung beherrfcht fein dürfte, fondern auch, an
Sendling wieder anknüpfend, nach einer religiöfen Durchleuchtung
der Natur ftreben würde: nur auf diefem Wege
wird es möglich fein, vom normalen Gottesglauben aus
ein einheitliches, in großen Zügen verlaufendes Weltver-
ftändnis zu erreichen. — Den Schluß der Schrift bildet
eine beachtenswerte Prüfung der chriftozentrifchen Methode
, die eine charakteriftifche und unhaltbare Einengung
der dogmatifchen Arbeit zur Folge hatte. Im Gegenfatz
zu diefem kraftvollen und gefchloffenen, aber einfeitigen
Standpunkt, vertritt Schaeder die Theorie, daß es ein
fundamentales Gotteserlebnis auch abgefehen von Chriftus
gibt, daß diefe Majeftätsgewißheit von Gott dann an der
Beobachtung der weltbeherrfchenden Stellung des ge-
fchichtlichen Chriftus ihre Stütze findet, daß wir aber
durch Chriftus zugleich ein weiteres eigenartiges Nahekommen
Gottes erleben, nämlich eben das, in welchem
feine heilige reftlofe Liebe erlöfend oder verlohnend auf
uns wirkt. — indem Ref. fich verfagen muß, auf diefe
Erörterungen näher einzugehen, fpricht er die zuverficht-
liche Erwartung aus, daß diefe .Streiflichter' aufklärend
wirken und weitere fruchtbare Diskuffionen herbeiführen
werden.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Foerfter, Erich: Die chriltliche Religion im Urteil ihrer Gegner.

Die krit. Bewegg. gegen das Chriftentum in neuerer
Zeit, dargeftellt u. beurteilt. (VIII, 272 S.) (Lebensfrage
27.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1916.

M. 5 —; geb. M. 6 —

Diefes, A. v. Harnack gewidmete, Buch ift aus Vor-
lefungen entftanden, die der Verfaffer zwei Mal an der
ehemaligen Akademie für Handels- und Sozialwiffenfchaf-
ten, jetzigen Univerfität zu Frankfurt am Main gehalten
hat (Er war Privatdozent an der Akademie, ift Honorar-
profeffor an der Univerfität). Die urfprünglich rein objektive
hiftorifche Schilderung der Gegner des Chriftentums
ift auf Wunfeh der Zuhörer durch eine kritifche Beurteilung
ihrer Behauptungen ergänzt. Damit möchte F.
denen dienen, die durch jene kritifchen Angriffe auf das
Chriftentum in Zweifel geraten find, und zugleich denjenigen
eine Rüftung geben, die berufen find, für die Wahrheit
des Chriftentums einzutreten. Denn die Theologen haben
die Pflicht, die Gedankengänge der Gegner genau zu kennen
und fich ernfthaft mit ihnen auseinanderzufetzen (Vgl.
Foerfters tiefernften Auffatz in Wurfters Monatsfchrift
für Paftoraltheologie Okt. und Nov. 1916 über den .Inhalt
des evangelifchen Pfarramtes', den F. nicht in der
peripherifchen Vielgefchäftigkeit des Vereinswefens, fondern
in der Sammlung auf gediegene Wortbezeugung
fleht). Diefe immer noch nicht genügend gewürdigte apolo-
getifche Arbeit bedarf der Durchdringung mit gefchicht-
lichem Stoff, wenngleich F. diefe unter das Licht eines
Wortes ftellt, das er einft als Student von Harnack hörte:
Wir treiben Gefchichte, um die Vergangenheit los zu
werden und um die Gegenwart zu verftehen.

Diefe Aufgaben kann das Buch m. E. vortrefflich

j erfüllen, da es die Gegner objektiv und gerecht, z. T.

j warmherzig würdigt, fie öfter ausführlich zu Worte kommen
läßt (daß die Darftellung vom 2. Kapitel an .durchweg
auf die Quellen felbft begründet' ift, merkt man beim
Lefen auf Schritt und Tritt) und fie von ficherem Standort
aus weitherzig und fcharffinnig beurteilt. Die Kapitel
find. 1. Der Urfprung der neuzeitlichen Bewegung wider
das Chriftentum (vom Mittelalter bis Hegel). 2. Die Ent-