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Ausgabe:

1916 Nr. 5

Spalte:

111-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Die christliche Ethik 1916

Rezensent:

Stephan, Horst

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III

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 5.

112

fondern die unentbehrliche Vorausfetzung des Heilsglaubens
' (6b). Die früher von Luthardt vollzogene Erneuerung
des in notitia, assensus et fiducia fich zerlegenden
Glaubensvorgangs begegnet uns bei Stange in einer
für feine Ausführungen verhängnisvollen Geftalt. ,Zum
Heilsglauben wird der Glaube erft dann, wenn aus der
objektiven Erkenntnis ein perfönliches Verhältnis wird,
wenn wir nicht bloß den gefchichtlichen Tatbeftand verliehen
lernen, fondern auch mit unfrem Willen zu diefem
gefchichtlichen Tatbeftand Stellung nehmen' (65). Der
Rückfall in die fcholaftifche Prinzipienlehre zeigt fich auch
in der Behandlung der Einzelprobleme. Man vergleiche
z. B. das Kapitel über den Tod Jefu: dasfelbe ift keineswegs
an den klaffifchen Zeugniffen der neuteftamentlichen
Urkunden orientiert, fondern befteht aus einer Kette von
%. T. geiftvollen und intereffanten Deduktionen, die aber
nicht aus der durch das Evangelium beftimmten Heilserfahrung
erwachfen find.

Allerdings darf die hier gemachte Ausftellung nicht
in dem Sinne verftanden werden, als ob Stanges dogma-
tifche Pofition eine einfache Repriftination der Überlieferung
wäre. Es ift bekannt, daß er eigene Wege geht,
und es wäre ein Leichtes, ihn im weiteften Umfang der
Heterodoxie zu zeihen. Die Bedeutung, die er dem Prädikat
der Gottheit Chrifti beilegt, ift von der kirchlichen
fehr verfchieden (62); die übernatürliche Geburt Chrifti
gehört für ihn nicht zu den den Glauben begründenden
Heilstatfachen (63); das Opfer Jefu hat nicht die Bedeutung
, daß es Gott umftimmt (72). Auch fonft finden fich
in feinem Buch zahlreiche Ausfagen, die dem Intellektualismus
der fcholaftifchen Tradition zuwiderlaufen und die
oben angedeuteten Grundfätze feiner eigenen Theorie des
reUgiöfen Erkennens durchkreuzen. Endlich ift fein Buch
reich an Gefichtspunkten und Bemerkungen, welche geeignet
find, auch manche Vorurteile der kritifchen Richtung
zu erfchüttern und die Vertreter derfelben zu ver-
anlaffen, ihre Ausfprüche zu revidieren: es fei z. B. auf
eine Eeihe treffender Äußerungen über die Behandlung
der Auferftehungsgefchichte oder über die Religionswiffen-
fchaft hingewiefen (S. 114: «Es ift einer der größten Mängel
der modernen Wiffenfchaft der Religion, daß fie der Ge-
heimniffe der Frömmigkeit habhaft zu werden meint, ohne
des Lebens in der eigenen Seele zu achten>). — Der Vortrag
über ,die Eigenart des chriftlichen Gottesglaubens'
wird vielleicht bei Manchen Erwartungen wecken, die
unerfüllt bleiben, und hält nicht, was er zu verfprechen
fcheint; auch gehört die Art und Weife, wie der Verf. mit
dem Begriff des ,Heidentums' operiert, einer Zeit und Auf-
faffung an, die vor dem Forum einer rein gefchichtlichen
Forfchung nicht beliehen kann.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

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Sc'h latter, Prof. Dr. A.: Die chriftliche Ethik. (386 S.) gr. 8».
' Calw, Vereinsbuchhandlung 1914. M. 6 —; geb. M. 8 —

So j wenig wie S.s Dogmatik halt feine Ethik fich im
Rahmen, jeiner Schule oder auch nur eines beftimmten
Typus, Schon die ganze Anlage ift durchaus felbftändig.
Die kurze Grundlegung (S, 13—56) Hellt außer den Verbindungslinien
zu andern Arten der Ethik und zur Dogmatik
vor allem den Gefichtspunkt heraus, der tatfächlich
das ganze Buch beherrfcht. Es ift der Gedanke ,unferes
Berufs', d. h. nicht des irdifchen Berufs, der unfer Lebenswerk
im' der Welt einheitlich zufammenfaßt und dem
Ganzen einordnet, fondern des himmlifchen Berufs, zu
dem' Gott uns durch Jefus beruft; er befteht darin, ,daß
wir' Gott Untertan, mit Chriftus im Glauben verbunden
und mit den Brüdern durch der Geilt einträchtig find'
(S. 27). Indem S. diefen Gedanken voranftellt, begründet
er für feine ganze Ethik zwanglos zweierlei: einerfeits
eine gewiffe Selbftverftändlichkeit der Weltüberlegenheit
und Kulturkritik, andrerfeits eine rege Aktivität, eine
kräftige Fernhaltung alles Intellektualismus und aller Ge-

fühlsfeligkeit, wie fie fo leicht gerade auch aus weltüberlegener
Frömmigkeit entfpringen. Wer S.s Art und im
befondern feine Dogmatik kennt, erwartet von vornherein
diefe Haltung und findet nun dankbar feine Erwartung
erfüllt. Nicht erfüllt wird, um das gleich hier zu fagen,
eine andere Erwartung: die einer Harken Heranziehung
des Neuen Teftaments. Da S. die neuteftamentliche Ethik
noch zu wenig durchforfcht findet, begnügt er fich, den
,Schriftbeweis'ingelegentlichenAnmerkungen beizubringen.

Die Darfteilung gliedert fich in vier Abfchnitte: die
Gerechtigkeit S. 57—208, die Wahrheit 209—72, die Seligkeit
273—317, die Kraft 317—76. Die Raumverteilung beweift
, daß der Hauptton auf dem erften Abfchnitt liegt.
Er zeigt die zentrale Aufgabe: die ,gefetzmäßige Bewegung
unfres Willens', und die erfte Bedingung dafür, die
Gemeinfchaft des Rechts und der göttlichen Liebe, in der
wir die göttlichen Normen und die Einigung mit ihnen
finden. In den anderen Abfchnitten folgen die weiteren
Bedingungen: die rechte Erkenntnis Gottes, die wir in der
Gemeinfchaft der Erkenntnis empfangen; die rechte Regelung
unfers Gefühls, wieder in einer beftimmten Gemein-
famkeit; endlich als natürliche Vorausfetzung die Kraft,
d. h. die Gemeinfchaft des Lebens und der Lebensmittel.
Innerhalb der vier Abfchnitte herrfcht ungefähr derfelbe
Aufbau. Erft wird die Funktion felbft behandelt (der
gerechte Wille, die Ordnung unfrer Gedanken, die Ordnung
unfrer Gefühle, die inwendige Kräftigung), dann ihre
Betätigung, die ftets in einer beftimmten Gemeinfchaft
gefchieht.

Zweifellos bietet diefe Anlage Vorteile. Sie ermöglicht
es S., die mechanifche Trennung der Individual- von
der Sozialethik zu vermeiden. Ferner bietet fie das Mittel,
von einer offnen Würdigung der natürlichen Bedingungen
unfers Dafeins aufzufteigen zur Zeichnung des kraft der
göttlichen Berufung erftrebten Ideals. Darin ift es begründet
, daß S.s Ethik trotz ihrer weltüberlegenen Haltung
doch einen überaus offenen Blick bewährt für den
natürlich-gefchichtlichen Charakter des Menfchenlebens;
das Recht der Sinne, die Bedeutung der natürlichen Güter
und Arbeitsmittel, die tief in das religiöfe Gebiet hineinragende
Verfchiedenheit der Menfchen und der darin
liegende Reichtum kommen gut zur Geltung. Überhaupt
wird niemand diefe Ethik lefen ohne Bewunderung für
die Spannweite des Ganzen, zugleich aber für die Viel-
feitigkeit und leuchtende Kraft der religiöfen Durchftrah-
lung.

Wird man nach diefen Seiten hin dankbar von S
lernen, fo fcheint mir doch die ganze Anlage, rein fyfte-
matifch betrachtet, unzureichend. Zunächft fehlt, was
freilich S. felbft für einen Vorzug halten dürfte, in hohem
Maße die grundfätzliche Erörterung über das Sittliche.
Je offener S.s Blick für die Naturfeite des Menfchenda-
feins ift, defto weniger würdigt er die Funktionen, durch
die der Menfch fich auch abgefehen von der Religion
über feine Naturbedingtheit zu erheben trachtet, vor allem
die fittliche Funktion. Die religiöfe Durchftrahlung nimmt
nach der Betrachtung des Natürlichen fo rafch Befitz von
dem ganzen Gebiete, daß die Tatfachen des fittlichen
Lebens als folche und die in ihnen begründeten Fragen
zu kurz kommen. Bedenken weckt ferner die Anlehnung
der 3 erften Abfchnitte an die pfychologifche Unter-
fcheidung von Wollen, Erkennen, Fühlen; muß fie nicht,
da ja diefe Unterfcheidung eine bloße Äbftraktion bedeutet
, die zufammenhängende Erörterung wichtiger Gebiete
zerreißen? Und endlich: die nachfolgende Sonder-
ftellung der ,Kraft' führt zu unlösbaren Schwierigkeiten.
Oder darf, um nur einzelnes zu nennen, wirklich das Verhältnis
von Glaube und Werk (S. 322 ff.) erft im letzten
Abfchnitt einer Ethik flehen? Und darf die ,Herftellung
der natürlichen Bedingungen des Lebens', die das Haupt-
ftück des 4. Abfchnitts füllt (Ehe, Familie, Arbeit, Eigentum
1) getrennt, und zwar fo weit getrennt werden von
den Erörterungen des I. Abfchnitts über das .Recht der