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Ausgabe:

1916 Nr. 5

Spalte:

104-106

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Richard

Titel/Untertitel:

Konigsrecht, Kirchenrecht und Stadtrecht beim Aufbau des Inquisitionsprozesses 1916

Rezensent:

Lerche, Otto

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103 Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 5. 104

fucht hat. Er befpricht hier Punkt für Punkt die inhaltlichen
Bedenken, die gegen den Beftand der einzelnen
Lieder zumErweis ihrer Überarbeitung vorgebracht worden
find, und zwar nach den methodifchen Gefichtspunkten:
Nachweis der völligen Übereinftimmung der angeblich
interpolierten Stellen mit der fonftigen Haltung der Lieder
in der religiöfen Terminologie, im Stil und in der Gedankenwelt
; und Nachweis des lückenlofen inhaltlichen Zufammen-
hanges zwifchen den angefochtenen Stellen einer Ode und
ihrem übrigen Beftande. Wie fchon gefagt, ift es K. m. E.
gelungen, die für Interpolationen vorgebrachten Gründe in
allen Punkten zu widerlegen und dadurch den einheitlich-
chriftlichen Urfprung der Oden ficher zu ftellen. Die weitere
Forfchung wird auf Grund feiner fcharffinnigen Ausführungen
von der Theorie des jüdifch-chriftlichen Mifch-
charakters der Dichtungen völlig abfehen und ihre Auf-
merkfamkeit anderen ungleich wichtigeren, befonders
religionsgefchichtlichen Fragen zuwenden können.

Natürlich bleiben auch bei K. ungelöfte Probleme, und hier und da
wird man zu feiner Beweisführung Fragezeichen fetzen muffen. Die
knappe Darftellung des erften Teils bedarf weiterer Ausführung. Es ift
von Wichtigkeit, die ftiliftifche Unterfuchung durch die des Gattungscharakters
der einzelnen Oden zu ergänzen und die leicht erkennbaren
Gattungstypen Hymnus. Gebet. Mahnrede, Befchreibungslied und vor allem
den diefer religiöfen Myftik eigentümlichen Typus des Jubelliedes, den
ich nach Luc. 10,21 ff. Agalliafis nennen möchte, herauszuftellen und
literaturgefchichtlich zu würdigen. Anfätze dazu find fchon gemacht
worden, ich verweife nur auf Norden's wertvolle Bemerkungen über
diefe Gattung und ihren Stil, Agnoftos Theos paffim. An anderer Stelle
gedenke ich darüber demnächft ausführlich zu fprechen. — Die auffällige
Tatfache der Vermifchung heterogener Stilformen in einer Dichtung
möchte ich einfacher erklären als K. es S. 36 fr. verfucht hat, nämlich in
der Hauptfache doch rein ftilgefchichtlich. Die feften Formen, die ur-
iprünglich mit den lyrifchen Gattungen des Hymnus und Gebets verbunden
waren, find in diefen fpäteften Erzeugniffen religiöfer Lyrik altteftament-
licheu Grundtons in völliger Auflöfuug. Diefer Prozeß beginnt nachweislich
fchon in der älteren ifraelitifch-jüdifchen Poefie und tritt mit der
weiteren literarifchen Entwicklung der Gattungen immer deutlicher hervor
. So zeigt z. B. Pf. 36, das altteftamentliche Vorbild der Gattung der
Agalliafis, bereits alle für diefe Hymnenart cbarakteriftifchen Stilformen:
die allgemein gehaltene, faft lehrhafte Schilderung des Gottlofen
in unmittelbarem Wechfel mit der ganz perfönlichen Zwiefprache der
frommen Seele mit ihrem Gott (im Ichftil) und mit dem Ausdruck ge-
meinfamer religiöfer Erfahrungen (im Wirftil); die Verherrlichung von
Eigenfchaften Gottes zufammen mit dem jubelnden Bekenntnis
tiefften Erlebens Gottes, ja myftifcher Gemeinfchaft mit ihm und mit
Gebetsmotiven allgemeiner und perfönlicher Haltung. Ich erinnere
weiter an Pf. 63 73 und befonders 13g, wo aus der Durchdringung des
Hymnenftils mit Formen und Motiven des Lehrgedichts und Bittgebets
eine ganz neue, auch im Hiob vertretene Gattung hervorgegangen ift, die
der religiöfen Meditation im Stil der Zwiefprache der Seele mit ihrem
Gott. Vgl. aber fchon das Lied an Thot, den fußen Brunnen, bei Ermaii,
Aeg. Rel.2 S. 99. Weiter fei nur noch auf Dichtungen wie Sap. Sal. 9, Luc. I,
46 fr., 68 ff. und die Pfalmeu Salomos verwiefen, vgl. z. B. das Bittgebet um
Abwendung der Dürre Nr. 5 (Lobpreis, Gebet, Schilderung, Makarismus,
Doxologie), das Befchreibungslied Nr. 8 (gefchichtliche Schilderung, Lobpreis
, Gebet, Doxologie) u. a. Die Oden Salomos flehen ftilgefchichtlich
am Ende einer Entwicklung, die von den feften Formen des Hymnus
uro Gebets individuellen oder kirchlichen Charakters fchließlich hinführt
zu den Mifchgattungen myftifcher Seelenlieder, die den Reichtum und die
unerfchöpfliche Tiefe des ganz perfönlichen religiöfen Erlebniffes (der
Erlöfung von der Nichtigkeit diefer Scheinwelt zur Seligkeit der Gottes-
gemeinfehaft) in allen überkommenen poetifchen Formen ausftrömen.
Diefe wahllofe Verwendung von Stilformeu wird hier allerdings gefördert
durch die den Sänger beherrfchende Vorftellung von der univerfal-kos-
mifchen Bedeutung des göttlichen Erlöfuugswerkes. Es durchwaltet den
ganzen Kosmos, nicht bloß die Herzen der Gläubigen. Daher z. B. der
häufige plötzliche Wechfel von Schilderungen aus dem religiöfen Eigenleben
der Erlöften mit folchen aus der Welt der von Chriftus bezwungenen
dämonifchen Mächte und die Marke Durchfetzung ganz individueller Lieder
mit mythifch-kosmifchen Motiven; oder das unvermittelte Umfpringen aus
dem Ichftil der Rede des Sängers in den Ich- oder Erftil der Schilderung
der Erlöfungstat Chrifti in ein und derfelben Dichtung, vgl. Nr. 17 und
28, 23 und 24. K. hat mit Recht auf diefen religiöfen Grundzug der
Oden aufmerkfam gemacht, der den Sänger fo oft veranlaßt, das eigne
Erlebnis gleichfam in eine höhere Lage zu transponieren durch Aufrollung
der ewigen Zufammenhäuge (S. 38), aber der Hauptgrund für das auffällig
ftarke Schwanken in den Stilformen fcheint mir doch formaler Art zu
fein. — K.s Exegefe der Ode 33, die zu den fchwierigften der ganzen
Sammlung gehört, ift zwar fehr fcharffinnig, läßt aber m. E. einen Anftoß
des überlieferten Textes beliehen. K. bringt ja ohne Zweifel in die Des-
cenfus-Schi'derung des erften Teils v. I—4 Licht, indem er mit Frankenberg
und Grimme den unverftändlichen Subjektswechfel in V. 1 und 2 ff.
aus falfcher Auflöfuug des latenten Subjekts der Verba xartßij, Sieqy-

ufw. durch den fyrifchen Cberfetzer erklärt. Subjekt ift urfprüng-

lich durchweg r/ %tt.Ql<z (wie Barnes richtig gefehen hat =• Aptpröe).
Diefe poetifche Perfouifikation Chrifti wird nun nach K.s Meinung durch
die Figur der ,reinen Jungfrau' v. 5 fr. abgelöft. Dagegen fpricht aber
wohl der ftarke Gegenfatz, der zwifchen v. I—4 und 5 ff. durch die ad-
verfative Anknüpfung XmiaJ xrtirainap xhl< feftgelegt wird. Es muß
auffallen, daß hier nicht einfach pl wie fonft überall in den Oden für
griech. Se gefetzt ift. Ich fchließe daraus, daß die Geftalt der Jungfrau,
die nach Art der Frau Weisheit in der didaktifchen Dichtung predigend
auftritt, nicht mit der ^ixqlq von V. iff. in eins gefetzt werden darf. Zur
Heil verkündenden Jfttprj = XgiOTÖi paffen m. E. auch nur die Worte
v. 9—11. Dann bleibt aber die ftiliftifche Schwierigkeit, daß erft der
Chriftus nach feinem kosmifchen Erlöfungswirken Heil verkündend auftritt
und dann unmittelbar darauf die Jungfrau' zu demfelben Zwecke ihre
Stimme erfchallen läßt. Das dürfte kaum der urfpriinglichen Anlage der
Ode entfprechen. Oder darf man zum Vergleich einen Typus religiöfer
Rede wie Or. Syb. I, 129 ff. heranziehen, vgl. Norden, a. a, O.
S. 199f.? — K. hat die von Frankenberg zu 28, 13 vorgefchlagene
Textänderung -piaia nAin TTIX X"na p"1 X3X aufgenommen. Das ift
ganz unnötig, wie das von Greßmann erfchloffeue Verftändnis der Ausfage
zeigt: XNQ ift richtiger Text und bedeutet das Lebens waffer, vgl.ThLZtg.
1915, 23. V. 13 ift nicht unterbrechende Rede des Sängers, fondern der
notwendige Abfchluß der erften Strophe der Chriftusrede v. 8 ff. Auch
darin irrt K. wohl, wenn er behauptet, in Ode 28 liefen die beiden Hauptteile
v. I ff. und 8 ff. nicht parallel, fondern v. I ff. fei nur die Einführung
zu der infpirierten Rede v. 8 ff. Das Verhältnis der Teile ift hier m. M. n.
dasfelbe wie in Ode 17.

S. 113 Anm. 5 L II. Kor. 10,4L, S. 149, Nr. 101 1. Kniefchke.

Jena. W. Staerk.

Fries, Carl: Die Attribute der chriftlichen Heiligen. Mit e.

Anh.: Zur Offenbarg. Johannis. (Mythologifche Bibliothek
VIII, 2.) (66 S.) Lex.-8°. Leipzig, J. C. Hinrichs
1915. M. 3 —

Wenn der Titel lautete: Mondattribute bei chriftlichen
Heiligen, fo wüßte man, woran man ift. Nach einer in
kühnem Schritt über Ufener und Soltau zu Siecke vordringenden
Einleitung werden an der Hand von Pfleiderer
und Detzel 45 als Attribute bei chriftlichen Heiligen vorkommende
Gegenftände befprochen, oder vielmehr es wird
alles mögliche Material aus der Ikonographie der Heiligen
zufammengetragen, untermifcht mit Parallelen aus der
griechifchen, indifchen, mexikanifchen Mythologie, ungerichtet
, wenig geordnet, und jedesmal auf die Beziehungen
zum Mondkult geprüft, genauer gefagt: es wird immer auf
die Möglichkeit folcher Beziehungen hingewiefen. ,Ein
mythologifch ftark verdächtiges Tier ift die Kuh' S. 40;
,Das mutet auch einigermaßen lunar an' S.25; ,St. Benedikt
führt einen zerfprungenen Becher oder Kelch, aus dem
eine Schlange kriecht, wie bei Johannes. Das Motiv könnte
älter fein, die Schlange ift auch mondverdächtig' S. 20.
Die Glatze, und ihre Kunftform, die Tonfur, werden allen
Ernftes zu Mondfymbolen. Auch Rad, Ring, Lampe,
Kugel, Korb ufw. follen immer auf den Mond weifen. Die
köftliche Legende von dem Traum der Mutter des h.
Dominikus ift lunar; denn der Hund gehört ebenfo zum
Monde wie Hafe, Hirfch, Wolf; und nun gar ein fchwarz-
weißerl Die Ordenstracht, das echt mittelalterliche Wort-
fpiel domini-canes kommen garnicht zur Sprache. Am
Schluß werden neuefte hagiographifche Publikationen,
Lietzmann's Symeon Stylites und Anrieh's heiliger Nikolaus
, anhangsweife auch die Johannes-Offenbarung auf
Mondmythologie durchforfcht. Ein Beweis ift nirgends
erbracht. Solche methodelofe Dilettantenarbeit, der man
früher in England viel begegnete, ift jedenfalls nicht dazu
geeignet, das Anfehen unferer deutfehen Wiffenfchaft zu
Fördern.

Halle a/S. von Dobfchütz.

Schmidt, Richard: Königsrecht, Kirchenrecht und Stadtrecht
beim Aufbau des Inquilitionsprozeiles. Aus der Feftgabe
der Leipziger Juriftenfakultät f. Rudolph Sohm. (73 S.)
gr. 8°. München, Duncker & Humblot 1915. M. 2 —

Diefer Auffatz ift völlig Kampffchrift. Aber trotzdem
er pro domo gefchrieben ift, bietet er außerordentlich