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Ausgabe:

1916 Nr. 3

Spalte:

51-53

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwöbel, Valentin

Titel/Untertitel:

Die Landesnatur Palästinas 1916

Rezensent:

Guthe, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 3.

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ihm nur die Überzeugung beizubringen, irgendein Tun fei fchlecht,
unvernünftig oder unrecht, und fofort wird es dasfelbe felbft verurteilen
. Es kennt alfo fchon die Grundfätze, daß man nichts Böfes
oder Unrechtes tun, daß man fich vernünftig benehmen folle, wenn es
auch im einzelnen noch nicht weiß, was gut und bös ift'.

Das foll der Beweis fein für ,die theiftifche Lehre,
Gott habe alle Menfchen das natürliche Sittengefetz eingepflanzt
'! (1,14) Handgreiflichere Unlogik ift kaum
denkbar. Denn, wenn ein Menfch einem Kinde ,die
Überzeugung beigebracht hat', daß .irgend ein Tun
fchlecht ufw. ift'.und wenn das Kind, auf Grund der von
einem Menfchen ihm .beigebrachten' Überzeugung,
das ,Tun' .verurteilt', fo kann für dies Urteil, doch nicht
,die Einpflanzung des natürlichen Sittengefetzes durch
Gott' geltend gemacht werden. Zu beweifen ift, daß
ohne .Beibringung der Überzeugung' das Kind über
Gutheit oder Schlechtheit des ,Tuns' urteilt. Auch ift
die .Überzeugung', etwas fei gut oder fchlecht, fchon ein
Urteil. Die Behauptung, ein .Urteil' folge, zeitlich oder
auch begrifflich, der gewonnenen Überzeugung, beruht
auf einem groben Denkfehler. Zur Unwiffenfchaftlichkeit
gehört auch, daß der moralifierende Prediger häufig zum
Vorfchein kommt. Ein Beifpiel:

Nachdem der Verfaffer, auf Grund des Zeugniffes deutfchcr Kapuziner
, gefchildert hat, daß die Ureinwohner der Karolinen, trotzdem ,das
Fortleben der Seele nach dem Tode ihnen ausgemachte Tatfache ift',
dennoch blind in den Tag hineinleben, fetzt er moralifierend hinzu: ,Das
kann man leider auch in den zivilifiejrten und chriftlichen
Ländern finden' (3,461). —

Sehr mangelhaft ift das ,Sachregifter', es fehlen bedeutfame Stichworte
. So, um nur eins zu erwähnen: Polygamie, Vielweiberei, obwohl
die Verfaffer an fehr vielen Stellen gerade aus der Vielweiberei (teilweife
ganz unberechtigte) Schlüffe auf allgemeine Sittenverderbnis zieht. Auch
hierbei tritt widerfpruchsvolle Oberflächlichkeit hervor.

Denn obwohl der Verfaffer Vielweiberei für ein
Zeichen fittlicher Tiefe erklärt, führt er doch zahlreiche
Zeugniffe an, die polygamifche Völker als fittlich hoch-
ftehend fchildern. Diefe und ähnliche Widerfprüche und
Oberflächlichkeiten find unvermeidliche Folge der Kritik-
lofigkeit, mit welcher der Verfaffer eine Unzahl von Zeug-
niffen Anderer nebeneinander ftellt. Allerdings mußte
folches Aneinanderreihen kritiklos gefchehen, da dem Verfaffer
Haupterforderniffe ethnographifcher Vorbildung
(ausgebreitete Sprachkenntniffe, eigenes Beobachten durch
Reifen ufw.) zu fehlen fcheinen.

Die Kritiklofigkeit wird zur unfreiwilligen Komik,
indem das Stellen-Mofaik des Verfaffers auch folche Stellen
aus fremden Berichten aufweift, welche die auffallende
Ähnlichkeit, ja Gleichheit zwifchen religiöfen Gebräuchen
und Einrichtungen der römifchen Kirche und denen von
wilden Völkerfchaften fcharf betonen: Heiligenbilder (Fe-
tifche) und fonftige fromme Dinge, die der Priefter weihen
muß (1,587. 603. 623); Mönche, Nonnen (1,149); Taufe
und Beichte (1,169. 29°- 662; 3,434. 445); Gottesurteile
(2,328); Litaneien (1,637); Reliquienverehrung (1,623). Für
den Religionsphilofophen find übrigens folche Stellen fehr
lehrreich.

Hat das Werk gar keinen Wert? Das möchte ich
nicht behaupten. Die Unmenge der aus Hunderten von
Schriften gefammelten Stellen über das religiöfe, fittliche
und kulturelle Leben von 673 Völkern und Stämmen (fo
viele nennt das Regifter), ift eben wegen ihrer Fülle und
trotz Unwiffenfchaftlichkeit und Kritiklofigkeit des Verfaffers
wertvoll. Denn der Ethnograph, der, wie der
Verfaffer behauptet, voll ift von .vorgefaßten' Meinungen,
wird kaum irgendwo anders fo viele Berichte von .Miffio-
nären', die, trotz ihrer .vorgefaßten' Meinungen ethno-
graphifche Beachtung verdienen, auf verhältnismäßig
engem Räume zu wiffenfchaftlicher Nachprüfung und
Bearbeitung zufammengeftellt finden.

Berlin. Graf Hoensbroech.

Schwobei, Pfr. Dr. Valentin: Die Landesnatur Palältinas.

2 Tie. (Das Land der Bibel. Gemeinverftändliche

Hefte zur Paläftinakunde. Im Auftrage des Deut-
fchen Vereins zur Erforlchg. Paläftinas hrsg. v. Prof.
Lic. Dr. G. Hölfcher. Bd. I, Heft 1 u. 3.) (56 u. 52 S.)
8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1914. je M. —60

! Prockfch, Prof. D. Otto: Die Völker Altpalältinas. (Das
Land der Bibel. Bd. I, Heft 2.) (41 S.) 8». Leipzig,
J. C. Hinrichs 1914. M. — 60

Der Deutfche Verein zur Erforfchung Paläftinas gibt
feit 1913/14 außer feiner Zeitfchrift unter dem Sammeltitel
,das Land der Bibel' noch einzelne Hefte heraus, die in
| einer für weitere Kreife verftändlichen und lesbaren Form,
I jedoch auf wiffenfchaftlicher Grundlage wichtigere Fragen
aus der Natur und Gefchichte Paläftinas behandeln follen.
Sie werden von Zeit zu Zeit in Bände zufammengefaßt,
jährlich erfcheinen zwei Hefte. Um die Herausgabe hat
i fich Profeffor Dr. G. Hölfcher in Halle verdient gemacht.
Heft 1 und 3 bilden zufammen ein Ganzes und behandeln
,die Landesnatur Paläftinas' in der Weife, daß
fie die Oberflächenformen und die Gliederung des Landes
(1,1—45; 46—52) aus dem geologifchen Aufbau (2,9—22)
und aus der allmählichen Umbildung durch Waffer, Sonne
und Wind (1,22—37; 38—56) erklären, nicht nur befchreiben
wollen. Der Verf. hat fich diefer Aufgabe vermöge feiner
I geographifchen Studien, die er erft als Pfarrer betrieben
i hat, und feines wiederholten Aufenthalts in Paläftina in
vollem Maße gewachfen gezeigt; er beweift das fowohl
durch die umfaffende Kenntnis deffen, was von Fraas
bis auf Blanckenhorn, von Lartet bis auf Huntington zur
j Sache gefagt worden ift, als auch durch die forgfältig
I überlegte und klar durchgeführte Anordnung des Stoffs.
Die beiden Hefte bieten gegenwärtig in Kürze das Befte,
was über den Gegenftand veröffentlicht worden ift; fie emp-
I fehlen fich durch ihre Reichhaltigkeit, durch eigene For-
I fchung und felbftändiges Urteil auch dem geographifchen
I Fachmann. — Einige Bemerkungen mögen hier geftattet
| fein. Das Bergwerk im Oftjordanlande 1,21 hätte als
altes Eifenbergwerk bezeichnet werden follen. Wenn der
Verf. 3,46—52 Pal. in mehr als 40 natürliche Landfchaften
gliedert, fo halte ich dies Ergebnis für etwas zu freigebig,
aber es beleuchtet fcharf die Befchaffenheit des Landes,
I die für feine Gefchichte bedeutfam geworden ift. Mit
Recht zögert Schw., die herkömmliche, an die griechifch-
römifche Zeit anknüpfende Dreiteilung Pal'.s in feine
Darfteilung aufzunehmen (S. 46f.); aus den gleichen Bedenken
habe ich in ,A Standard Bible Dictionary' (New
! York u. London 1909), Artikel Paleftine § 5 und § 7 den
füdlichen Teil des Landes von Beerfeba an bis Sichern
als gleichartig zufammengefaßt und nicht zerteilt.

In Heft 2 führt O. Prockfch ,die Völker Altpaläftinas'
! dem Lefer vor die Augen. Nach einer kurzen Einleitung
; handelt er unter 1. die Urzeit S. 6—16 von der Steinzeit
(6 — 10) und von den Kanaanäern (10—16), unter 2. die
I ägyptifche Herrfchaft S. 16—28 von dem Neuen Reich
16—19, dem hethitifchen Kreis 19—25 und amoritifchen
! Kreis 25—28, unter 3. die Hebräer S. 28—41 von den
j Anfängen 28—31, von den Ifraeliten 31—36 und den
I Nachbarftämmen 36—41. Ohne Zweifel hat Pr. diefe
: fchwierigen und noch immer ftrittigen Fragen mit Ge-
fchick und in gefälliger Form behandelt, und es wäre
j bei der knappen Form des Gebotenen unbillig, feine
Darfteilung hier im Einzelnen durch Widerfpruch oder
Zuftimmung zu bewerten. Wohl aber möchte ich dem
i Wunfche Ausdruck geben, daß der Verf. dem Standpunkte
t der wißbegierigen Lefer ohne Fachbildung, denen diefe
Hefte dienen follen, in höherem Grade entgegengekommen
| wäre. Es ift auch ihnen gegenüber unrichtig, die Unter-
fchiede und Widerfprüche in den vorliegenden Nachrichten
irgendwie zu verdecken und die Lücken der
1 Überlieferung durch ein logifches ,Muß' zu erfetzen. Sie
wollen vielmehr durch den Fachmann unterrichtet werden
über das, was man weiß, und über das, was man nicht