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Ausgabe:

1916

Spalte:

38-39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sträter, August

Titel/Untertitel:

Die Vertreibung der Jesuiten aus Deutschland im Jahre 1872 1916

Rezensent:

Hoensbroech, Paul

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wir nur einen einzelnen Kopf; aber diefen fo klar und
fcharf umriffen, daß fich das Zeitalter in ihm fpiegelt.

Wendland hat befonders diejenigen Züge, die man das j
Goethifche in Schleiermacher nennen kann, fchön und
verftändnisvoll hervorgehoben: fein im Geifte des Zeitalters
empfundenes Bedürfnis, Natur und Geift, Welt und !
Gott, Sein und Denken, Sinnlichkeit und Idealität, als j
Korrelate anzufchauen, und den Kantifchen Dualismus
zur Duplizität herabzuftimmen, in der wir die höhere Ein- j
heit ahnen und als die Wahrheit des Lebens empfinden.
Es verfteht fich bei diefer Haltung von felbft, daß nicht
Elend, Not und Leid, fondern die Stunden der Lebensfülle
und eines gewiffen beglückten Dafeins die eigent- !
liehen Hebel des religiöfen Bewußtfeins fein müffen. So
ift es tatfächlich bei Schleiermacher gewefen. Wendland j
weift das im einzelnen nach; fehr lehrreich für den, der
fich gewöhnt hat, Schleiermachers Ideen aus der Struktur
feines Lebens heraus zu verliehen.

Das feftefte Element in Schleiermachers geiftiger |
Entwicklung ift fein pantheiftifches Lebensgefühl. ,Er |
hatte nicht die Stimmung Ritfchls und Herrmanns, daß j
die Religion uns vor allem dazu helfen folle, uns über
die Zufammenhänge mit der Natur zu erheben, von ihrem
Druck zu befreien. Die Natur war ihm nicht das rätfei- !
hafte Ungeheuer, nicht die Macht, die uns nur predigt:
Du mußt Herben! Sondern Schleiermacher fah in der
Natur die große Ordnung Gottes, in die wir hineingebettet
find, die uns mit Ergebung, Andacht und Ruhe ;
erfüllt. Er fah in ihr den Mutterboden des höheren Lebens,
fah, wie reiche Antriebe uns aus ihr zufließen. Daher
gipfelte fein Religionsbegriff darin, daß wir uns mit j
allen endlichen Wefen zufammenfchließen, in der gemein- j
famen Abhängigkeit von Gott. Diefe Abhängigkeit er- !
füllt uns nicht mit einem dumpfen Gefühl von Ohnmacht '■
und Schwäche, fondern fie wirkt Ehrfurcht und Anbetung ]
vor der erhabenen Weltordnung, der auch wir unter- '
worfen find' (S. 115).

Diefe Erkenntniffe find ja nicht neu; aber fie find fo :
hübfeh gefagt und fo" gefchickt aus der perfönlichen
Entwicklung Schleiermachers abgeleitet, daß fie alles
Abftrakte verlieren und in konkreter Beftimmtheit da-
ltehen. Das ganze Buch ift in diefem Stile gefchrieben
und wird fich dadurch ganz befonders zur Einführung in !
das Studium Schleiermachers eignen.

Der entwicklungsgefchichtliche Stoff ift auf acht Ka-
pitel verteilt, in denen die chronologifchen Gefichtspunkte
mit den fyftematifchen nach Möglichkeit verbunden find.
Die beiden erften Kapitel fchildern die religiöfe Entwicklung
bis zu den ,Reden', die übrigen den Standpunkt der
Reife und Vollendung, auf den Gebieten der Weltanfchau-
ung (Kap. 3), des vaterländifchen Empfindens (Kap. 4)
und der Erfaffung des Chriftentums (Kap. 5—8). Diefe
unter den befonderen Gefichtspunkten der Erlöfungstheorie
(Kap, 5), der Auseinanderfetzung mit der Spekulation
(Kap. 6), des Jenfeitigkeitsprob'ems (Kap. 7) und der
Parteienfrage (Kap. 8).

Die religiöfe Entwicklung Schleiermachers felbft er-
fcheint als ein allmähliches, aber ficheres Fortrücken vom
Standpunkt eines mehr allgemein religiöfen Empfindens
zum pofitiven Chriftentum. In dem Nebeneinander beider
Empfindungsweifen in den zwei Hauptteilen der
Glaubenslehre fieht der Verfaffer mit richtigem Blick den
Reflex eines urfprünglichen Nacheinanders in Schleiermachers
perfönlichem Leben. Eines Nacheinanders, das
nicht etwa einen Standpunktswechfel, fondern lediglich
einen Zuwachs an Leben und Erkenntnis bedeutet; denn
Schleiermacher gehört zu den glücklichen, in der Theologie
fo feltenen Menfchen, die um der Tiefe der religiöfen
Gefinnung willen nichts vom Leben geopfert haben.
Der Übergang von der früheren zur fpäteren Stufe, befonders
bemerkbar an der Chriftologie (deren erftes Dokument
die ,Reden' und nicht die gleichzeitigen Predigten
lind! S. 98 und 149; vgl. S. 151), hat fich denn auch

nichts weniger als ftoßweife, fondern ganz allmählich, erkennbar
feit 1806 (zweite Auflage der ,Reden' und /Weihnachtsfeier
'), perfekt feit 1812 (Predigten der dritten
Sammlung), vollzogen (S. 153ff., mit glücklichen Vermutungen
über die Motive: der Einfluß der Romantik,
die Befuche in der Brüdergemeine 1802 und 1805, der
dezidierte Heilandsglaube feiner Frau).

Die einzige empfindliche Lücke diefer Arbeit liegt in
der völligen Übergehung der Romantik (bis auf die feine
Bemerkung S. 154 oben: ,die Einwirkungen der Romantik
wurden von Schleiermacher fo verarbeitet, daß fie ihn
in die Richtung der Brüdergemeine wiefen'). Von der
Art und dem Umfange, in welchem die Romantik auf
Schleiermacher gewirkt hat, erfahren wir nichts. Ich
glaube beftimmt, daß zu diefen romantifchen Einflüffen
auch die von Wendland (S. 11 ff.) auf Zinzendorf zurückgeführte
Kombination von Religion und Gefchlechtsliebe
zurückzuführen ift (vgl. A. Schier, die Liebe in der Frühromantik
; Beitr. zur Deutfchen Literaturwiffenfchaft, hrsg.
von E. Elfter Nr. 20, Marburg 1913, S. 98fr.).

Auch empfinde ich das Frauenhafte bei Schleiermacher
nicht ftärker als bei Goethe. Ihm deshalb eine
weibliche Frömmigkeit zuzufchreiben, fei es auch nur im
typifchen Sinne (S. 15 ff), ift irreführend. Mehr Stahl als
in Schleiermachers patriotifchen Predigten kann in keiner
Geftaltung des Chriftentums fein.

Aber diefe kleinen Fehler ändern nichts an der Vortrefflichkeit
des Ganzen. Wir haben hier ein Buch bekommen
, das uns Schleiermacher befchreibt, wie er geworden
ift, nicht wie er hätte werden follen. Ein außerordentlich
nützliches Buch, das dem Anfänger ungewöhnlich
viel und felbft dem Kenner nicht wenig bietet. Einer
zu erhoffenden zweiten Auflage könnte eine möglichft
genaue Chronologie des Schleiermacherfchen Lebens beigegeben
werden.

Berlin. Heinrich Scholz.

Sträter, Auguft, S. ].: Die Vertreibung der lehnten aus
Deutichland im Jahre 1872. (116. Ergänzungsheft zu den
.Stimmen aus Maria-Laach'.) (III, 93 S.) gr. 8°. Freiburg
i. B., Herder 1914. M. 1.60

Wenn man den von den Jefuiten felbft immer wieder
erhobenen Anfpruch, die echteften Jünger Jefu zu fein,
bei Lefung der Schrift fich vor Augen hält, fo wirkt
fie in ihrer lächerlichen Wichtigtuerei und felbftge-
fälligen Ruhmrednerei erleuchtend: da ift nichts vom
Geifte Jefu. Einer der ausgewiefenen Jefuiten, Graf Hermann
Fugger-Glött, beruft fich gegen den Ausweifungs-
befehl fogar auf,feine ftandesherrlichen Rechte'! (S. 71 u.
| 73) Weiter kann man in der .Nachfolge Chrifti' wohl nicht
j gehen. Bemerkenswert ift, daß zur Zeit der Ausweifung
der deutfchen Jefuiten die Jefuitenobern von drei Jefuiten-
niederlaffungen (Münfter, Koblenz, Gorheim) Nicht-Deut-
i fche waren. Einer diefer Oberen, A. Minoux, ein franzö-
| fifcher Schweizer, fprach nur gebrochen Deutfch. Aber
| diefe nicht-deutfehen Jefuiten .proteftierten' gegen die Ausweifung
aus dem ,deutfchen Vaterlande' ebenfo wie die
Übrigen, von denen übrigens auch ein ftarker Prozentfatz
Nicht-Deutfche waren, wie auch gegenwärtig noch die
.deutfehe' Ordensprovinz fehr viele Nicht-Deutfche als
Mitglieder zählt. Selbft der Obere der ganzen .deutfchen'
Ordensprovinz war bei Ausbruch des Krieges 1870 71
ein Nicht-Deutfcher, der franzöfilch-fprechende Elfäffer
K. Faller. Auch das der Schrift eingefügte Gedicht:
.Abfchied von Maria-Laach' (Hauptniederlaffung der
Jefuiten), worin die .Heimat' und .Deutfchlands Volk'
gefeiert werden, ift von einem ausländifchen .deutfchen'
j Jefuiten. Die Urheber des Jefuitengefetzes und die aus-
! weifenden Behörden werden in dem Gedicht, in echt je-
fuitifcher Befcheidenheit, die den Jefuitenorden gleichfetzt
mit Gott, Religion und Chriftus, als Gottes-, Religions-,