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Ausgabe:

1916 Nr. 23

Spalte:

483-484

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fries, Carl

Titel/Untertitel:

Jatakam-Studien 1916

Rezensent:

Oldenberg, Hermann

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483

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 23.

484

ift das Wefentliche. Aus folcher Orientiertheit ift fchon
im chinefifchen Altertume das feltfame und in feiner Bedeutung
für die chinefifcbe Religiofität noch nie recht
gewürdigte Buch Yi king hervorgegangen. Und immer
ift dies der Nerv der chinefifchen Religiofität geblieben.
Darum hat fich hier der Gottesbegriff gar nicht lebendig
entwickeln wollen. Man hat fich vielmehr, foweit persönliche
Träger des Übersinnlichen in Frage kamen, mit
fchattenhaften Gebilden, Seelen, Gefpenftern, Dämonen,
begnügt, woran felbft der Mahäyäna-Buddhismus nicht
viel mehr ändern konnte. In diefer chinefifchen Eigenart
hat auch, was Söderblom den moraliftifchen Zug der
chinefifchen Frömmigkeit nennt (S. 242), aber ganz anders
ableitet, feinen Urfprung gehabt.

Eine fchöne Bestätigung des Gefagten bietet fich in
dem chinefifchen Schang-ti. Diefe Gottesgeftalt verwendet
S. ja in Kap. 6 als Beifpiel eines ,Urhebergottes'.
Sein Nachweis hat manches Bestechende; zwingend läßt
er fich aber nicht geftalten. Dem steht fchon die textliche
Unficherheit der Belegstellen aus der altchinefifchen
Literatur im Wege, mit denen man freilich gewöhnlich
operiert, als ob der Text bei Legge oder in irgendeiner
chinefifchen Ausgabe von heute völlig zuverläffig fei.
Das ist ein Optimismus, den Ref. nicht teilt, und ihm
bleibt darum der Bau, der auf solchem Fundamente ruht,
bedenklich. Dazu kommt noch ein anderes: die fo eigentümliche
Vagheit und Unklarheit der chinefifchen Vorstellungen
vom Schang-ti oder T'ien. Das Wefen diefer
Gottheit liegt von Anfang bis zu Ende im Dunkeln. Alle
Ausfagen, die die Vorstellung der Chinefen von ihr näher
präzifieren sollten, find unficher, von schwankender Auslegung
. Wohl ift Schang-ti, wie es scheint, .immer der-
felbe geblieben trotz desWechfels der Dynastien' (S. 227),
aber eben immer derfelbe ungreifbare Schatten. Das
aber gerade ift bezeichnend für den Boden, auf
dem wir uns befinden. Hier fehlte von jeher die
plaftifche, konzentrierende Kraft und Fähigkeit, die dazu
gehört, um echte Götter zu fchaffen. Der chinefifche
Schang-ti und T'ien ist niemals ein echter Gott geworden,
obwohl er höchste .Gottheit' war. Er blieb immer dem
Begriffe des Schickfals (dem chinef ming) verwandter
als einem lebensvollen Gotte. Die Linien der religiöfen
Entwicklung verliefen unter mongolifcher Veranlagung
eben anders; aber der hier zutage tretende Defekt, wenn
man das Wort gebrauchen darf, weift auf ein Moment
in der Bildung des Gottesglaubens hin, das von konstitutiver
Bedeutung gewefen ist und nicht überfehen werden
darf. —

Eine kleine Liste von Druckfehlern und stilistischen
Unebenheiten, mit der diefe Befprechung nicht belastet
werden foll, stellt Ref., wenn gewünscht, gern zur Verfügung
.

Amsterdam. H. Hackmann.

Fries, Carl: Jätakam-Studien. (Mythologifche Bibliothek,
8 Bd., Heft 3.) (43 S.) Lex. 8°. Leipzig, J. C. Hin-
richs 1916. M. 2.20

Geleitet von Gefichtspunkten der Aftralmythologie,
insonderheit der Mondmythologie, durchwandert der Vf.
,mit der mythologifchen Wünschelrute' das Korpus des
Jätaka, der 547 Erzählungen von den früheren Geburten
des Buddha. Man möchte ihm die Mahnung zurufen,
um den Dichter zu verstehen, vor allem in des Dichters
Land zu gehen. Denn man empfängt nicht den Eindruck
, daß er der Kenntnis des alten Indien, auch nicht
der einschlagenden indologifchen Literatur, irgend nahe
fteht. Der Text des Jätaka fcheint ihm nicht zugänglich
(von Überfetzungen wird nur die Dutoits, nicht die
Cambridger bez. deren Indexband herangezogen); die in
neuester Zeit geführten eingehenden Unterfuchungen
über das Verhältnis der Profapartien des Jätaka zu den
Verfen, welch letztere allein vollberechtigter kanonischer

Text find, find nicht berückfichtigt. Gegenüber dem
.Sanskritland' (S. 32) und manchem andern wäre dem Vf.
Vorficht zu empfehlen. Wenn er die buddhiftifche Seelen-
wanderungslehre kurzweg auf aftralmythifche Grundlage
hindeuten läßt (S. 2), die indische Metrik auf Gestirnzahlen
zurückführt, ,fo daß die Silbenmeffung und der Rhythmus
als viel fpätere Zutaten erscheinen' (S. 40), fo meine
ich, daß er allzu eilig, der intimeren Kenntnis der betreffenden
Gebilde und der Umgebung, in der fie flehen,
entbehrend jene von außen herangebrachte .mythologische
Wünschelrute' arbeiten läßt. Ähnliche Bedenken
, zu denen vieles in der kleinen Schrift herausfordert
, muß ich mir verfagen, weiter darzulegen.

Göttingen. H. Oldenberg.

Mowinckel, Sigmund: Statholderen Nehemia. Studier til
den jodiske menighets hiftorie og litteratur. Forste
famling. (XIV, 217 S.) Lex. 8°. Kriftiania, O. Norli
1916.

Diefe Schrift des jungen norwegischen Theologen,
von dem u. a. eine Abhandlung: Zur Kompofition des
Buches Jeremia (Schriften der norwegischen Gefellfch. d.
Wiff. 1913) vorliegt, erfcheint als erfter Teil einer Sammlung
Studien zur Geschichte und Literatur der jüdifchen
Gemeinde, von denen der folgende Band fich mit Esra
befchäftigen wird. Der vorliegende befteht aus drei Kapiteln
: 1. Jofephus und das chroniftifche Nehemiabuch,

2. die Denkfchrift Nehemias und 3. die geschichtliche
Bedeutung Nehemias. Im erften Abschnitt fucht er im
Anfchluß an Howorth nachzuweifen, daß das fogenannte

3. Esrabuch einen Teil der echten LXX zu Esra-Nehemia
enthalte, und führt außerdem das von Marquart formulierte
Programm aus, daß es mit Plilfe des Jofephus möglich
ift, einen genaueren Einblick in jene echte alexan-
drinifche Übertragung des Nehemiabuches zu gewinnen.
Nach diefen Prinzipien rekonftriert er die ganze Textfolge
der LXX, durch welche wir dann das echte chroniftifche
Esra-Nehemiabuch kennen lernen, das im maf-
foretifchen Text in vielfach entstellter und durch fpätere
Stücke erweiterter Form vorliegt. Die Unterfuchung ift
mit methodischer Umficht und nicht geringem Scharffinn
ausgeführt und darf bei keiner künftigen Behandlung
des fchwierigen Esra-Nehemiaproblems unberückfichtigt
bleiben; denn wenn man fich auch an mehreren Punkten
eine eingehende Prüfung vorbehalten muß, fo ift es we-
nigftens klar, daß die Textgrundlage, die man auf diefe
Weife gewinnt, den vielen auf dem Mafforatexte ruhenden
Hypothefen gegenüber eine größere Objektivität voraus
hat. Was den Gang der Unterfuchung betrifft, legt
M. Gewicht darauf, daß er erft Jofephus verglichen hat,
nachdem er die mafforetifche Textgeftalt einer eingehenden
Kritik unterworfen hatte, und dann die von ihm angenommenen
Lücken oder Umstellungen bestätigt fand.

Auf die zahllofen Einzelheiten, woraus die Unterfuchung befteht,
kann hier des Raumes wegen nicht eingegangen werden, fo daß ich mich
begnügen muß, einen einzelnen wichtigeren Punkt zu erwähnen. Sehr
I gut weift M. durch die Art der Übertragung nach, daß Neh. 7, 72 (nach
der Verszählung in Kittels Textausgabe) erft nachträglich als Korrektur
nach MT in das 3. Esrabuch eingefchoben worden ift, fo daß der darauf
gegründete Beweis, daß der Überfetzer Neh. c. 8 als Fortfetzung von
c. 7 vorgefunden habe, hinfällig wird. Um fo ficherer darf man Neh.
c. 8 mit Esra c. 10 verbinden (feinen jetzigen Platz Verdanke Neh. c. 8
einem Späteren, der fich nach Esra 2,70, 3,1 richtete, wo der Chronift
Neh. 8,1 als Mutter für Esra 3,1 benutzt hatte). Aber dabei geht M.
einen Schritt weiter, indem er fowohl Neh. c. 9 als c 10 als fekundäre
Stücke ausfcheidet, auch hier fich auf Jofephus berufend, bei dem die
Mauerweihe (Neh. 12, 30 f., 37—40) unmittelbar auf 7,1 folgt. In betreff
der Entftehung des chrouiftifchen Esra-Nehemiabuches führen feine
Vorausfetzungen ihn zu dem, von der gewöhnlichen Aunahme abweichenden
, Refultat, daß erft der Chronift felbft die Esraquelle mit der Nehe-
miaquelle verbunden hat.

Das zweite Kapitel bringt zunächft eine Überfetzung
der nun ftark entlasteten Denkfchrift Nehemias, die fich
aus folgenden Stücken, die an mehreren Stellen durch
Jofephus ergänzt werden müffen, zufammenfetzt: Neh. c. i