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Ausgabe:

1916 Nr. 22

Spalte:

471-475

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geyser, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Seele. Ihr Verhältnis zum Bewußtsein und zum Leibe 1916

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 22.

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Zentrum aller Geltungen flehenden Gedankens vom Ab- ; aller Entfchiedenheit die naturaliflifchen Rückftände, die
folut-Realen und Abfolut-Guten erwiefen werden; die j er im pfychophyfifchen Parallelismus zu erblicken glaubt,
konkrete Ausfüllung diefes Gedankens im Leben ift von j und feine naturaliflifchen Konfequenzen. Paulfens Ander
Wiffenfchaft her überhaupt nur indirekt zu beein- ! nähme, daß alles Pfychifche auch im mundus sensibilis
fluffen, indem das von ihr zu entwerfende Weltbild auch fich darfteilen müffe, ftellt er die Tatfache der transzen-
von der religiöfen Ideenbildung refpektiert werden muß, dentalen Apperzeption entgegen, die fich phyfifch nicht
jedenfalls nicht geleugnet werden darf. Auch in diefem repräfentieren, als Summationsphänomen nicht begreiflich
Gedanken liegen nur Andeutungen und Umriffe. Ich machen laffe. Die Automatentheorie, deren ftärkftes
habe ihn meinerfeits aufgegriffen, als ich, von der zunächft i Mittel die Affoziationslehre ift, fcheitere an der Urfprüng-
rein hiftorifch-pfychologifchen, lediglich vom Subjekt aus- j lichkeit und Freiheit des geiftigen Lebens. Demgemäß

gehenden Analyfe des religiöfen Gedankens herkommend,
mir die Frage nach der Objektivität der Gottesidee aufwerfen
mußte und fie als mit Hilfe einer von außer-
religiöfen Daten her gebildeten Metaphyfik nicht beantwortbar
erklären mußte. Damit wuchs ich dann immer

lehnt B. die Gefchloffenheit der Naturkaufalität und die
abfolute Geltung des Konftanzprinzips der phyfifchen
Energie ab und konftruiert im Anfchluß an die Monadenlehre
eine Wechfelwirkung der ,Dingmonaden' mit den
höheren geiftigen Wefen. Undeutlich bleibt freilich feine

mehr in die allgemeinen Vorausfetzungen einer folchen ! Stellung zum Kritizismus, über den er abfchätzig urteilt,
Geltungsphilofophie hinein und trat auch perfönlich dem | unbegründet das Prinzip einer Geiftiges und Leibliches verausgezeichneten
, im Grunde vor allem durch eine unge- J bindenden Gefetzmäßigkeit; auf die Bedürfniffe des naturmein
feine und fcharfe Intellektualität bei großem Wirk- j wiffenfchaftlichen Erkennens fowie auf feine Ergebniffe
lichkeitsfinn charakterifierten Manne näher. Ich lernte I hinfichtlich der Pfychophyfik ift B. nicht eingeftellt.
damit freilich auch den Reftbeftand metaphyfifcher Pro- In diefen Beziehungen bieten Dürr's Ausführungen

bleme genau kennen, der lösbar oder unlösbar in einer j einen wichtigen Fortfehritt. Er fcheidet fcharf das Pfy-
folchen Geltungsphilofophie übrig bleibt, und bewunderte j chifche als Bewußtfeinsgefchehen (Natorps ,Bewußtheit')
den feinen und vornehmen Kopf, der nicht mehr gab, als j von den .beharrenden Teilbedingungen pfychifchen Ge-
er wußte und hatte, und zwifchen den Engen eines felbft- fchehens', den Dispofitionen, deren Gefamtheit die Seele
gewiffen Rationalismus und den Vulkanismen einer inte- j jft; und von den Bewußtfeinsinhalten, die er im Sinne von
lektuell nicht gebändigten Lebensunmittelbarkeit den j Meinong u. a. als die idealen Gegenftände bezeichnet,
fchmalen und heiteren Weg des Philofophen bahnte, j denen dann teilweife auch etwas vom Erkennen Unab-
Er kannte die Epigonenhaftigkeit der heutigen und j hängiges, Wirkliches zu Grunde liegt. Der wirkliche Leib
feiner eigenen Philofophie, empfand ein Grauen vor der 1 (nicht das .Sehding') hat keine finnlichen Qualitäten, letzt-
demokratifch-naturaliftifch-rationahftifchen Zukunft und j ijch befteht er auch nicht aus Bewegungen, die ja als
hoffte auf den neuen Genius, der aus den von ihm wohl j Relationen ein Subftrat vorausfetzen, an dem fie haften,
beachteten irrationaliftifchen Reaktionen der Gegenwart 1 fondern aus einer .Fülle innerer Dauerzuftände'. Das
erftehen werde. Sich felbft hat er nicht dafür gehalten, | Subftrat der Materie und die Seele find zwar nicht als
aber den Weg zu einer folchen Zukunft wollte er ener- identifch (das würde den abzulehnenden Panpfychismus
gifch, fcharffinnig und im vollen Befitz der Gefchichte der ; ergeben), wohl aber als .wefensgleich' und am beften als
philofophifchen Begriffe frei halten und der Gegenwart j (partiell identifch' zu faffen. (Wenn man alles, was der
klare Orientierung bieten. Dafür haben ihm viele gedankt | Naturforfcher als Beftandteil der fubftantiellen Natur-
und werden ihm noch viele danken, vermutlich auch viele j Wirklichkeit in der Bearbeitung der Naturerfcheinungen
Theologen, die hoffentlich nicht auf die Dauer nur mit j zu erkennen fucht, Materie nennt, fo gehört zu diefer
den modernften Paradoxien eine fcholaftifche Uber- j dem Naturforfcher erfcheinenden Subftanz eben auch
lieferung ausftaffieren werden. j die Seele' (507). Die Konfequenz würde verlangen, das

Berlin. Troeltfch. | Verhältnis des pfychifchen und phyfifchen Gefchehens

unter dem Gefichtspunkte des .identitätstheoretifchen

Bufle, f Prof Ludwig: Geilt und Körper, Seele und Leib. Funktionsrealismus' zu betrachten, d. h. beide als zwei
2. Aufl. Mit e. ergänz, u. die neuere Literatur zu- : Betrachtungsweifen eines und desfelben Gefchehens an-
r <-/y-ai_ t> r -c n. Tv- iv ^ c zulehen, aber bei der totalen Inkongruenz räumlicher

fammenfaff. Anh. v. Irof. Ernft Durr. (X, 566 S.) j Ordnung und innerer Zuftände ift das nicht durchführ-
gr.8°. Leipzig, F. Meiner 1913. M. 11.75; geb. M. 12.50 j bar; es bleibt nur übrig, zwei Reihen wirklicher Gefcheh-
Driefch, Hans: Leib und Seele. Eine Prüfg. des pfycho- i fiffe anzunehmen und zwar im Sinne einfeitiger Ab-
phyf. Grundproblems. (VI, 109 S.) gr. 8«. Leipzig, | hän|^kh^

£. 7 . . . ,, ' 6 at o 1 -Bs bleibt die Abrechnung diefer .Funktions - mit

E. Reinicke 1916. M. 1.80 Buffes ,Kaufaltheorie' zu vollziehen. Daß die .Seele' mit

ihrer Umgebung in Wechfelwirkung fleht, ift zuzugeben,
nicht aber die Bedingtheit phyfifcher Prozeffe durch

Geyfer, Prof. Dr. Jof.: Die Seele. Ihr Verhältnis zum Bewußtfein
u. zum Leibe. (Wiffen u. Forfchen. 6. Bd.)

fVT 117 81 RO T einziV F Meiner IQ1J. i pfychifche. Denn das Pfychifche ift .losgelöft von dem

(VI, 117 b.) 8. Eeipzig, V. memeyc^.^ ^ phyfifch vermittelten Wirkungszufammenhang das Kraft-

i. Der vorliegende Band bietet einen Neudruck von

Buffes 1903 erfchienenem bekannten Werk (vgl. Otto
Ritfchls Anzeige in diefer Zeitung 1903, Sp. 663—667),
fo unverändert, daß felbft die Nachträge nicht an ihrem
Platze eingeordnet find; beigegeben ift außer einem faft
500 Nummern umfaffenden Verzeichnis der feither er-
fchienenen einfchlägigenLiteraturein,Anhang'(S.49l—548)
von dem leider auch fchon verftorbenen Ernft Dürr, dem
Herausgeber der Ebbinghausfchen .Grundzüge der Pfycho-
logie' (3. Aufl. 1911/13, vgl. in diefer Zeitung 1914, Sp. 151 f.
E. W. Mayer), der den Grundriß einer neuen Auffaffung
des Verhältniffes zwifchen Leib und Seele entwirft und
eingehende, z. T. fehr fcharfe Auseinanderfetzung mit
Buffe enthält. B.s Frontftellung ift eine dezidiert anti

lofefte und Ohnmächtigfte, das man fich denken kann'
(520); ja es ift .machtlos auch gegenüber dem Pfychifchen,
wo es folches aus eigner Kraft erzeugen foll'(528). Freilich
ift es nicht, wie der epiphänomenaliftifche Materialismus
meint, etwas Wertlofes, fondern conditio sine qua
non aller Werte und Zweck alles Naturgefchehens, aber
alles geiftige Leben baut fich auf phyfiologifch bedingter
affoziativer Grundlage auf und ift von den Reproduktions-
gefetzen beherrfcht. Der Hinweis auf die Automatentheorie
verliert für den feine Schrecken, der mit Kant
den determiniftifchen Standpunkt — mag man auch für
die Glaubensbedürfniffe den Freiheitsftandpunkt reklamieren
— als den einzig wiffenfchaftlichen erkannt hat.
Daß auch die Funktionstheorie ihre Schwierigkeiten hat,
gibt D. felbft zu. Die größte erblickt er felbft im Be-

naturaliftifche; er bekämpft außer dem Materialismus mit 1 griff des (wirklichen) phyfifchen Gefchehens, das er ge