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Ausgabe:

1916 Nr. 2

Spalte:

447-448

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stern, William

Titel/Untertitel:

Vorgedanken zur Weltanschauung 1916

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 20/21.

448

der Demokratismus und Kosmopolitismus kennzeichnen
die wefteuropäifche Zivilifation. Ihr Freiheitsbegriff hat
etwas Abftraktes, betont die Rechte ftatt der Pflichten.
Der Einfluß diefer wefteuropäifchen Idee auf unfere deutfche
Entwicklung ift groß, aber oft überfchätzt. Mit Leibniz
beginnt die Gegenwirkung, ihre Hauptträger find ferner

S^effing), Herder, Goethe, (Schiller), Kant, Fichte, Stein,
egel, Ranke. Sie arbeiten das Perfönlichkeitsideal der
eigentümlichen feelifchen Innerlichkeit, den vertieften fitt-
lichen Freiheitsbegriff, die Idee der felbftändigen inneren
Entfaltung des nationalen Geiftes, die fittliche Beziehung
des Einzelnen zur Gemeinfchaft heraus und eine lebendigere
und reichere Auffaffung der Gefchichte als eines Ineinander
von Allgemeinem und Behenderem, als einer Neues fchaf-
fenden Kraft. Dort eine Bourgoifie, die in charakteriftifcher
Materialifierung ihrer Freiheit vor allem von dem Genuß
ihrer Rechte lebt; hier ein Bürgertum, das aus feinem eigenen
fittlichen und geiftigen Wefen heraus den Aufgaben ftaat-
licher Gemeinfchaft fich widmet.

Diefe vergleichende Umfchau wird beftätigt und ergänzt
durch eine Rückfchau auf die beiden Hauptfaktoren
unferer modernen Kultur, Antike und Chriftentum. Unfer
Verhältnis zur Antike ift oft falfch gefaßt. So groß ihre
Einwirkung ift, zwei charakteriftifche Unterfchiede find
nicht zu überfehen. Die Antike ift trotz allem Patriotismus
nicht zur Entwicklung der nationalen Idee gelangt, fo wie
Ranke fie formuliert: „Die Idee der Menfchheit, Gott gab
ihr Ausdruck in den verfchiedenen Völkern". Und an
Stelle des gefchichtlichen Fortfehrittes bietet ihr tieffter
Geift ,Plato' nur die ruhende Ideenwelt und den Gedanken
vom ewigen Kreislauf der Dinge. Unter dem Druck diefer
Anfchauung ift die antike Menfchheit einer immer zunehmenden
Ermattung verfallen. Beide Fehler find nicht in
der wefteuropäifchen Aufklärung, fondern im deutfehen
Idealismus überwunden. Auch hat der deutfche Geift, in
Luther und im Idealismus, die beiden Hauptideen des
Chriftentums am tiefften erfaßt: Irrationalismus des reli-
giöfen Erlebens, das ,Dennoch' des 73. Pfalms, im Gegenfatz
zur antiken Überfchätzung des,Logos', und das geiftig
fittliche Verhältnis der Seele zu Gott im Gegenfatz zur
naturhaften Vergotungtsmyftik der ausgehenden Antike.

Dem verfchiedenen Kulturbegriff entfpricht dann auch
eine verfchiedene Auffaffung von Nation und Staat. In
Wefteuropa der abftrakte nivellierende Kosmopolitismus,
der in praxi doch die eigene Zivilifation für die allgemeine
hält und fie deshalb aller Welt aufzwingen möchte.
In Deutfchland die Idee ,einer Nation, die in der eigentümlichen
Ausprägung ihres befonderen Lebens diereichfte
und lebendigfte Erfüllung ihres allgemein menfehlichen
Berufes fieht; fie kann gar nicht darauf ausgehen wollen,
ihren Charakter als allgemeine Regel der Welt aufzuerlegen
.' Daß diefe deutfche Idee noch nicht fertig geftaltet
ift, überfieht der Verf. nicht. Er entläßt uns mit dem
Gefühl einer großen Aufgabe.

Hannover. H. Schuft er.

Stern,W.: Vorgedanken zurWeltanfchauung. (Niedergefchrie-
ben imj. 1901.) (VI, 74 S.) gr. 8°. Leipzig, J. A. Barth
1915. M. 1.20

.Vierzehn Jahre hat diefe Handfchrift im Schreibtifch
gelegen — das Erzeugnis einer Sturm- und Drangperiode
in der philofophifchen Entwicklung des Verfaffers. Zu
einer Zeit, da ich im Ringen mit den großen Fragen der
Weltanfchauung in der Ferne die Umriffe eines philofophifchen
Syftems zu fehen glaubte, fchrieb ich mir zu-
nächft die vorbereitenden Gedanken von der Seele . ..'
Diefe Programmfchrift veröffentlichte Stern zunächft noch
nicht, fondern zog es vor, allmählich fein Syftem, ,das
Syftem des kritifchen Perfonalismus' herauszuarbeiten, und
1906 konnte feine Ableitung und Grundlegung als erfter
Band des Werkes ,Perfon und Sache' erfcheinen. Die
weiteren Veröffentlichungen Sterns galten der empirifchen

i Pfychologie. Doch diefe Arbeiten lenkten ihn von der
! Ausgeftaltung des perfonaliftifchen Syftems nicht ab, viel-
j mehr ftellt St. das Erfcheinen des zweiten Bandes von
,Perfon und Sache' in Ausficht, welcher .Perfönlichkeit
I und Bewußtfein des Menfchen' behandelt; eine kleinere
j Gleichnisfchrift ,Der Einzelne und die Gefamtheit' foll zu
der Anwendung des Perfonalismus auf die praktifche Philo-
! fophie überleiten. Hatte der Verf. nun keinen perfön-
lichen Grund mehr mit der Herausgabe feiner ,Vor-
gedanken' zuruclvZ uhalten, fo lag in der Tatfache lies
Weltkriegs ein fachlicher Grund, der ihn zu diefer Veröffentlichung
nötigte: ftand er doch ,vor einem inneren
Erleben von folcher Urgewalt und vor Rätfein von folcher
Wucht, daß das Verlangen nach einem einheitlichen Welt-
und Lebensbilde zur Einordnung alles Alten und Neuen
unbezwinglich wurde' (S. III—IV).

Die Schrift zerfällt in zwei Teile: der erfte befchreibt
das Wefen der Weltanfchauung (1—43), der zweite behandelt
unfre Zeit und die Weltanfchauung (45—74). Nach
einigen Worten über die nichtphilofophifchen Weltanfchau-
ungen, die des Primitiven, des Gebildeten und des Ein-
feitigen, wendet fich St. der Befprechung der philofophifchen
Weltanfchauung zu. Diefelbe bietet eine objektive
und eine fubjektive Seite dar. In erfter Beziehung behandelt
der Verf. die Welttheorie, die Weltwertung und
1 fchließlich deren Verknüpfung. Während die Welttheorie,
als höchfte Synthefe aller Einzelwiffenfchaften, nach Bewußtheit
, Univerfalität und Kritizismus strebt, bemüht fich
die Weltbewertung um die Bedeutung alles Exiftieren-
den im Ganzen und leitet den Beurteiler zur richtigen
Stellungnahme der Hierarchie der Werte an; aber auch
die philofophifche Weltbewertung befitzt diefelben Merkmale
, die für die philofophifche Welttheorie bezeichnend
find. Zwifchen Weltbild und Weltfyftem befteht eine
Wechfehvirkung; nicht nur ift die Erkenntnis der fpen-
dende, das Wertungsgebiet der empfangende Teil im
Verhältnis beider, fondern auch das Umgekehrte findet
ftatt. Doch jeder Weltanfchauung haftet auch unver-
weigerlich eine subjektive Seite an; die beiden Faktoren,
welche die wichtigften fubjektiven Bedingungen für die
Weltanfchauung bilden, das Einzelindividuum *und die
Kultur, unterwirft St. einer fcharffinnigen Erörterung. —
Die Betrachtung der zweiten Frage: ,Wie fteht die Gegenwartskultur
zur Weltanfchauung?' geftaltet fich zunächft
zu einer Kritik der letzten Kulturperiode, deren Kennzeichen
die Weltanfchauungslofigkeit war. In der nun
anhebenden Periode dagegen glaubt der Verf. Anfätze
zu entdecken, die einen neu belebten Willen zur Weltanfchauung
wahrnehmen laffen. Zur Bildung derfelben
hat bisher am wenigften das kirchlich-religiöfe Schaffen
beigetragen; dagegen will die Kunft als die freifte und
; beweglichfte der Kulturfphären ihre Zeit zugleich ab-
! bilden und künftlerifch durchdringen und geftalten; auch
die Philofophie beginnt wieder fich der Aufgabe bewußt
zu werden, Schöpferin und Trägerin der Weltanfchauungs-
; idee zu fein. Mit den Schlußbemerkungen über die Aufgabe
, die der Verf. unfrei- Zeit ftellt, wendet fich derfelbe
feinem perfönlichen Syftem wieder zu: ,Es gilt das Un-
perfönliche, rein Sächlich-Mechanifche in der Wiffenfchaft
j ebenfo wie im Leben durch eine neue Faffung des Per-
j fönlichen und Überperfönlichen, des Idealen und Teleolo-
| gifchen zu bewältigen und zu überwinden'. .Perfon und
Sache', ihr Gegenfatz und ihre Verföhnung, das ift das
Grundproblem, das wir der Weltanfchauung ftellen müffen'.
(S.74) — Daß der lehrreichen und anregenden Schrift ein
I einfeitig formaler Charakter anhaftet, ift in dem vom Verf.
•■ behandelten Thema begründet, und kann ihm ohne Un-
. billigkeit nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Straßburg i. E. p. Lobftein.

Günther, Dr. W.: Die Grundlagen der Religionsphilofophie
tfeh'. (Abhandlungen zur Philofophie u.