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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dausch, Petrus

Titel/Untertitel:

Die Zweiquellentheorie und die Glaubwürdigkeit der drei älteren Evangelien. 1. u. 2. Aufl 1916

Rezensent:

Dibelius, Martin

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387

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 16/17.

388

wenn auch das Mitklingen von Elementen der andern
Stufe jeweils nicht völlig ausgefchloffen fein foll. Diefe
Sonderung der Einwirkung auf die einzelnen Seelenvermögen
der Hörer nach abgegrenzten Stufen ift das per-
fönliche Neue, das C. bringt, während er in der Betonung
der Beeinfluffung der Hörer überhaupt in der Bahn der
Gefamtentwicklung der neueren homiletifchen Beftre-
bungen katholifcher und evangelifcher Obfervanz geht,
während die Beftimmung der Aufgabe der Rede aufs
docere, delectare und flectere fo alt ift wie Cicero und
die Anwendung diefer Beftimmung auf die Predigt fo alt
wie Auguftin. Ich glaube aber, daß gerade das perfön-
lich Neue an C.s Methode, die fchematifche Zerteilung
der drei Arten von Seelenbeeinfluffung auf verfchiedene
Predigtftufen, nicht empfehlenswert ift: fie widerfpricht
der von C. felbft fo ftark betonten Einheit der Seele
durchaus. Der Schematismus der pfychologifchen Formal-
ftufen kann in Pädagogik und Katechetik ertragen werden
, obgleich man neuerdings auch hier mit Recht wieder
von ihm loszukommen fucht: auf die Predigt angewandt
, würde er an die Stelle des vom Vf. fo ftark und
mit Recht bekämpften Formalismus der ,alten' homiletifchen
Schule einen neuen fetzen, der fchwerlich viel
beffer wäre. — Was mich die kleine Schrift, obfchon fie
vielfach nicht fehr klar und reich an anfechtbaren Auf-
ftellungen ift, mit Intereffe hat lefen laffen, ift die ungemeine
Unbefangenheit, mit der C. Anregungen und Er-
kenntniffe überallher aufnimmt, von wo fie ihm auch
zufließen. Die konfeffionellen Unterfchiede find ihm in
bezug auf homiletifche Grundfätze keine Schranken, fo
gut römifch-katholifch er in der Gefamthaltung feines
Denkens und Empfindens ift; ,die ethifch zuläffigen Mittel
und Wege, um den religiös-fittlichen Charakter der Gläubigen
zu bilden, find weder rituelle noch dogmatifche
Angelegenheiten'. So ftehen denn unter feinen Autoritäten
katholifche Theologen wie v. Keppler, Stingeder,
Fuchs mit evangelifchen wie Seeberg, Steinmeyer, Achelis,
Warneck, Uckeley, Niebergall, A. Scheller und mit Philo-
fophen wie Kant und Külpe friedlich zufammen. Aber
diefe Offenheit C.s für die verfchiedenften Eindrücke und
Anregungen ift zugleich die große Schwäche der Schrift:
die Fülle der Eindrücke ift nicht verarbeitet, oft genug
find die Zitierten falfch verftanden. Daß O. Baumgarten
unter die katholifchen Homiletiker geraten ift, verdankt
er ja lediglich feinem Namen; aber es geht doch auch fonft
zu weit, wenn Stöcker und Kutter in einem Atem als
Vertreter ,fozialer Predigten' angeführt werden, wenn
Dryander der Vorwurf einfeitig ,ethifcheP Predigtweife
gemacht wird. Wenn C. überhaupt einen Überblick über
den gegenwärtigen Stand des Predigtproblems geben und
wenn er gelegentlich feiner methodifchen Vorfchläge Gewährsmänner
zitieren wollte, dann mußte vielmehr differenziert
und im einzelnen forgfältiger gearbeitet werden.
Ein Kuriofum zum Beleg dafür, wie vorfichtig man mit
Verwertung von Stimmungsurteilen zur Charakteriftik bestimmter
Zeiterfcheinungen fein muß. S. 2 wird Seeberg
(Die Kirche Deutfchlands an der Schwelle des 20. Jahrhunderts
) zitiert: ,Vergleichen wir die Durchfchnittspredigt
von heute mit der vor einem Menfchenalter, fo muß man
bekennen, daß wir zurückgegangen find'. Unmittelbar darauf
folgt ein Zitat aus Steinmeyer: ,Solange die Kirche
fteht, lag das Predigtreden nie fo tief darnieder wie jetzt'.
Der Satz Steinmeyers ist jedenfalls, wenn feine Homiletik
auch erft posthum 1901 herausgegeben worden ift, fo
ziemlich genau ein Menfchenalter vor Seebergs Äußerung
formuliert worden. Die Durchfchnittspredigt hat vermutlich
nie befonders viel getaugt; aber daß wir uns damit
in abfteigender Linie bewegten, ift mir aus äußeren und
inneren Gründen nicht fonderlich wahrfcheinlich.

Halle a. S. K. Eger.

Referate.

KlaatTch, Prof. Hermann: Die Anfänge von Kunft und Religion in
der Urmenrchheit. (63 S. m. 30 Abbildgn.) gr. 8°. Leipzig,
Verlag Unesma 1913. M. 2 —

Reinaoh, Salomon: Repertoire de l'art quaternaire. (XXXVIII
u. 205 S.) kl. 8". Paris, Leroux 1913. Fr. 5.

Der als Anthropologe und Ethnologe gefchätzte Hermann
Klaatfch verrucht in diefer Studie, die durch gute Abbildungen
(30) unterftützt ift, das Rätfei der prähiftorifchen Kunft des
Aurignac-Menfchen und feiner Nachkommen (die Cro-Magnon-
Raffe betrachtet er als Mifchung von Aurignac und Neandertal-
Typus) durch Vergleich mit den Primitiven namentlich Nord-Oft-
Auftraliens, die er felbft befucht hat, zu löfen. Hat die nicht
neue und wenig geftützte Hypothefe, daß die ältefte Betätigung
des Kunfttriebes der Erotik entflamme, etwas Verlockendes für
ihn (10f.), fo führen doch die eigentümlichen Schwierigkeiten
der Bemalung finfterer Höhlen mit Tierbildern wie feine Kenntnis
primitiven Seelenlebens dazu, fie befonders auf religiöfe Motive
zurückzuführen (wie Abbe Breuil). Die Anfertigung der Tierbilder
diene dem Zwecke, über fie Gewalt zu gewinnen; gleiches
galt von den Liebesidolen (48 f.). Darin dürfte die richtige Löfung
erreicht fein. Weniger faßlich ift die angebliche Entftehung der
,Idee eines persönlichen Gottes' aus der Verknüpfung zwifchen
Naturereigniffen und der Verletzung von Hordenfitten'; K.
fcheint dabei an die Verehrung des toten Hordenbeherrfchers',
alfo an den Seelenkult zu denken, der aber doch nur eine Wurzel
des Gottesglaubens repräfentiert. Überhaupt macht fich bei K.
auf dem religionsgefchichlichen Gebiet ein ftarkes Verfagen
pofitiver Kenntnis (auch für Auffraßen) geltend.

Reinach bietet eine Reproduktion der prähiftorifchen Skulptur
- und Bildwerke befonders aus franzöfifchen Mufeen; die Zeichnungen
find von Breuil und anderen Autoritäten nachgeprüft worden
; die einzelnen Stücke find nach Fundorten und bei diefen nach
gleicher fachlicher Folge geordnet; bei jedem ift der mutmaßliche
Gegenftand, fowie der Ort der Originalpublikation verzeichnet.
Eine Tafel der wichtigften Daten für Erforschung der quaternären
Kunft geht voran, ein Index folgt. Das dankenswerte Werk wird
jedem, der in das intereffante neue Forfchungsgebiet Einficht
nehmen will, unentbehrlich fein.
Göttingen. Titius.

Daufch, Lyz.-Prof. Dr. P.: Die Zweiquellentheorie und die Glaubwürdigkeit
der drei älteren Evangelien. 1. u. 2. Aufl. (Biblifche
Zeitfragen, 7. Folge, Heft 9.) (40 S.) 8». Münfter i. W.
Afchendorff 1915. M. —.50

D. fetzt den Kampf gegen die Zweiquellentheorie, den ich
in diefer Zeitfchrift (1915, Sp. 556f.) bereits charakterifiert habe,
im vorliegenden Hefte fort. Befonders will er allen, denen die
Zweiquellentheorie für apologetifche Zwecke geeignet erfcheint,
jede Hoffnung auf das Gelingen ihres Vorhabens nehmen; denn
,die verengerte Plattform der Zweiquellentheorie bietet keinen
wirkfamen Damm, die modernen Angriffe zurückzuweisen' (die
Bildworte find von mir gefperrt). Was Daufch dann felbft vom ,tra-
ditionsfreundlichen Standpunkt' aus für die Glaubwürdigkeit
der Synoptiker geltend macht, das find zunächft allerhand ganz
fympathifche Erwägungen über die ftiliftifche Art der in den Evangelien
gefammelten Tradition. Hätte er nur mehr Betrachtungen
zu diefem Thema angeführt, ftatt feine Lefer auf andere Volksbücher
wie das von Heinrici über die Bodenftändigkeit der fynop-
tifchen Überlieferung zu verweifen! Die fonft befehdeten Gegner
werden dabei gern zitiert: ,moderner Scharffinn' wird an Joh.
Weiß gelobt und Fiebig als Kampfgenoffe gegen Jülicher angerufen
. Was der Verf. an eigenem herzubringt, ift nicht gerade
befonders beweiskräftig. So tröftet er fich angefichts des langen
Zeitraums, der zwifchen dem Erlebnis der Augenzeugen und der
Fixierung der Traditon lag, mit dem Gedanken, daß ,der in Jefu
Gemeinschaft erftarkte Wahrheitsfinn' feine Jünger ,vor Trübung
des gewaltigen Eindrucks' gefchützt hätte. Im allgemeinen pflegen
die Wirkungen Selchen gewaltigen Eindrucks' fich in anderer
Richtung geltend zu machen.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Schwabe, Ernft: Das GelehrtenTchulweren Kurrachrens von feinen
Anfängen bis zur Schulordnung von 1580. Kurze Überficht
über die Hauptzüge der Entwicklung. (Aus Sachfens Vergangenheit
, Heft 2.) (VI, 160 S.) 8". Leipzig, B. G. Teubner
1914. M. 3.20

Das Buch gibt eine zuverläffige, auf gründlichen Forschungen

ruhende Überficht über die Entwicklung des auch für die allge-