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Ausgabe:

1916 Nr. 15

Spalte:

347-349

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Soden, Hans Freiherr von

Titel/Untertitel:

Bismarcks Glaube 1916

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 15.

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pädagogifche Grundfätze, Tiroler Unkirchlichkeit ufw. erfahren
, ift beachtenswert.

Aus Lokalpatriotismus führt der Verf. alle gelehrten
und tüchtigen Luxemburger auf, vergißt aber den Backnanger
Propft Peter Jakobi von Arlun (vgl. Studien der
württembergifchen Geiftlichkeit 3,180ff.) und verbreitet fich
über Matthias Held, der noch nach 30 Jahren das Erbe
Jakobis beanfprucht, und Joh. Naves, ohne klare Beziehungen
Mamerans zu beiden nachzuweifen. Störender
find Digreffionen mit ftarken Anleihen (z. B. Pfalzgrafenwürde
) und wortreiche Breite. Untrüglich ift die fchlechte
Korrektur und die Mißhandlung von Namen (Janfen,
Jannfen, Welze ftatt Weeze auch im Regifter, Hurter).
Aber noch ftärker ift die mangelhafte Kenntnis der Ge-
fchichte. Karls Bruder heißt Ferdinand II. auch im Regifter,
Herzog Albrecht von Bayern wiederholt Pfalzgraf, ja Kur-
fürft, der Hoch- und Deutlchmeifter Großmeifter, Kardinal
Otto von Augsburg trotz Roths Nachweis Augsb. Ref. G.
4, 247, 283, fromm, Matthias Held von Held. Harte Urteile
Mamerans eignet fich D. ftillfchweigend an, fo die
ungerechte Klage über Luthers Bibelüberfetzung, weil er
fich nicht an die Vulgata bindet, fondern auf den Grundtext
zurückgeht. Hiob Gaft ift ,ein Fälfcher erfter Güte',
weil er die Schrift von Pafchafius Radbertus De corpore
et sanguine Christi ,in einem durch Parteiintereffe ver-
ftümmelten und veränderten Zuftand 1525' (nein 1528)
habe drucken laffen. D. kennt Gaft und meine Abhandlung
W. Vierteljahrshefte 1885, 200—210 nicht, fragt auch
nicht, ob die Handfchrift, welche Gaft bei Setzer vorfand,
oder die Kölner Klofterhandfchrift zuverläffiger fei. Das
nur einige Beifpiele.

Der Lebensgang Mamerans bietet noch reichlich viele
Rätfei. Es ift in hohem Grad unwahrfcheinlich, daß ein
um iSOoGeborner noch 1525 auf der Emmericher Stifts-
fchule weilte und dort die hebräifche Sprache gelehrt wurde.
Das zeigt Bullingers Diarium Quellen der Schweizerifchen
Ref.G. II, 2ff. Dem Schulprogramm M.s bringt D. felbft
Mißtrauen entgegen. Die Beweife für feine hebräifchen
Kenntniffe überzeugen nicht. Seine Weisheit über die
Ausfprache des Jefusnamens borgt er bei Ofiander. Die
angeblich hebräifchen Infchriften konnte er nicht entziffern.
Klarheit über feine Stellung in des Kaifers Kanzlei und
Heer vermißt man noch.

Kurz die Leiftung Didiers befriedigt nicht.

Stuttgart. G. Boffert.

Baumgarten, Prof. Dr. Otto: Bismarcks Glaube. (324 S.)

8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1915. M. 2.80; geb. M. 4 —
Schiffers, Otto: Bismarck als Chrilt. 4. Aufl. (172 S.) 8°.

Elberfeld, Ev. Gefellfch. 1915. M. 1.80; geb. M. 2.40
Seeberg, Reinhold: Das Chriftentum Bismarcks. (Biblifche

Zeit-U.Streitfragen,X.Serie, 6.Heft.) (38S.) Berlin-L.,

E. Runge 1915. M. —60

Soden, Hans v.: Bismarcks Glaube. (Der deutfche Krieg.

Politifche Flugfchriften. Hrsg. v. E. Jäckh. 40. Heft.)

(35 S.) gr.8°. Stuttgart, Deut. Verl.-Anft. 1915. M. — 50

Der 100jährige Geburtstag Bismarcks hat unter den
zahlreichen Veröffentlichungen auch mehrere gebracht, die
fich mit feiner Stellung zu Chriftentum und Kirche be-
fchäftigen. Die Darftellung Baumgarten's, in der diefer
fein Schriftchen über Bismarcks Stellung zu Religion und
Kirche (Tübingen 1900) zu einer der Fülle der inzwifchen
neu erfchloffenen Quellen entfprechenden großen Monographie
ausgebaut hat, wird durch ihre umfaffende, ja zu-
meift erfchöpfende Heranziehung des Materials, durch die
Weite des Gefichtskreifes und die Feinheit der pfycho-
logifchen Analyfe fich als die abfchließende wiffenfchaft-
liche Publikation behaupten. Sinngemäß befpricht er
B.s religiöfe und kirchliche Entwicklung, feine Religiofität,
feine Stellung zur evangelifchen und feinen Kampf mit

der Papftkirche. Populär gehalten und durch fchlichte
Linienführung, leichte Lesbarkeit und einen gewiffen kon-
fervativen Einfchlag zu weitefter Verbreitung geeignet, ift
Schiffers' treffliches Buch. Die Gliederung ift hier eine
chronologifche, fo daß die ftaatsmännifche Wirkfamkeit
B.s, nicht gerade fehr gefchickt, als Einteilungsprinzip
verwendet wird. Seeberg und von Soden verfuchen in
ftraffer Konzentration das Charakterbild B.s herauszuarbeiten
, wobei es fich für Soden unmittelbar um Kraftübertragung
aus B.s Geift für die Nöte der Gegenwart
handelt und daher der Stil der Heldenverehrung die Darftellung
beherrfcht, während Seeberg, ohne das Heroifche
zu verkennen, ein bis in's Einzelne fein nüanziertes Ge-
fchichtsbild liefert.

Im Einzelnen gehen naturgemäß die Auffaffungen
auseinander; indes aufs Ganze gefehn ift die Übereinftim-
mung in der Beurteilung eine fehr weitgehende. Baumgarten
fchreibt: ,Es ift für mich nach erneuter Durchprüfung
des gefamten Quellenmaterials kein Zweifel daran
möglich, daß der größte ftaatsmännifche Genius unfers
Volkes, der als eine gewaltige Wirklichkeit am Webftuhl
der Zeit faß, Gott erlebte als eine Wirklichkeit, vor der
er fich felbft klein erfchien. Charakteriftifch für feine
religiöfe Anlage und zugleich eine originale Offenbarung
einer heroifchen Religion ift der ebenfo nüchterne wie ge-
mütsftarke Wirklichkeitslinn (Realismus), der nicht Kämpfe
um die Weltanfchauung, fondern Kämpfe um die Lebens-
geftaltung führte und keine intellektuelle, fondern lediglich
praktifche Befriedigung in der Religion fuchte und fand'.
Die gleiche Auffaffung beherrfcht auch die anderen Darftellungen
. Z. B. läßt Seeberg (S. 9) Bs. Bekehrung darin
gipfeln, daß er ,wieder beten konnte, weil er des lebendigen
Gottes inne ward'. Wenn indes v. Soden die Bedeutung
des pommerfchen Pietiftenkreifes fich für B. in der
,Darftellung wirklich religiöfen Lebens' ,erfchöpfen' läßt (17),
fo ift das zu weit gegangen, vielmehr raffte fich B. unter
dem Eindruck jenes Lebens zu energifcher Abwehr aller
Skepfis und Kritik auf: ,in Hinficht auf die großen Hauptpunkte
der Lehre ftand er durchweg auf altgläubiger
Seite' (Baumg. S. 74). Wenn Baumgarten die vielum-
ftrittene fpätere Entwicklung der Friedensjahre auf eine
,Verkapfelung' des religiöfen Lebens zurückführen will, fo
fteckt unverkennbar darin etwas Richtiges. Indes dürften
doch manche Äußerungen darauf fchließen laffen, daß die
Kämpfe mit den Legitimiften und mit den Kirchen in
mancher Beziehung die unbefangene Auffaffung, ja die
Indifferenz und den Zynismus der Jugendzeit in ihm
wieder aufleben ließen.

Neben dem Problem von Bs religiöfer Entwicklung
ift von befonderem Intereffe die Art feiner Frömmigkeit.
Daß diefe im wefentlichen ,religiös beftimmtes Pflicht- und
Verantwortungsbewußtfein' war, daß aber auch die Töne
eines lebendigen Sünden- und Gnadenbewußtfeins und der
Blick auf die Ewigkeit nicht fehlen, haben Baumgarten
und Schiffers einleuchtend dargetan. Der Gegenfatz, ja
Widerfpruch, in den die Betrachtung sub specie aeterni
mehrfach zu dem Glauben an die göttliche Beftimmung
des preußifchen Staates und Königtums gerät, hätte noch
fchärfer herausgeftellt werden können; bei dem letzteren
handelt es fich um Gedankengänge, deren Genefis im
wefentlichen auf den großen Kurfürften zurückführt und
die bei Fichte fich zum Glauben an die göttliche Beftimmung
des Deutfchtums umgebildet haben. Ohne diefe
Atmofphäre ift Bismarcks Glaube in feiner Eigenart nicht
voll verftändlich zu machen.

In der komplizierten Frage nach Bs. Kirchenpolitik
und ihrer Motivierung analyfiert Baumgarten mit großer
Feinheit die verfchiedenen Tendenzen, die dabei in Wirkfamkeit
treten und kommt zu dem Ergebnis: B. vertritt ,eine
ftreng proteftantifche Auffaffung von der Kirche als der
Gemeinde des Heils und der Dienerin des innern Lebens
der Individuen und vom Staate als fittlichem Selbftzweck,
als Zufammenfaffung aller Kräfte des äußern Volkslebens'.