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Ausgabe:

1916 Nr. 15

Spalte:

339-340

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

König, Eduard

Titel/Untertitel:

Hebräische Rhythmik. Gesetze des alttestamentlichen Vers- und Strophenbaues 1916

Rezensent:

Volz, Paul

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339

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 15.

340

3) das Feuer, 4) den Rauch, 5) die Opfergerfte, 6) das
Salz, 7) das Haar, 8) das Blut, 9) den Opferritus als reli-
gionsgefchichtliche Quelle. Nachträge und ein forgfältiges
Regifter befchließen das Werk. Jedesmal von der Opferhandlung
ausgehend, facht E. durch weitgehende Heranziehung
von Parallelen nicht nur der Italiker und anderer
verwandter Völker, fondern auch der Semiten und von
Naturvölkern die Bedeutung des Opfervorganges verftänd-
lich zu machen. Er ftützt feine Erklärungen durch Heranziehung
der alten Bräuche bei Totenopfern, Eidesopfern
und Gaben an die chthonifchen Gottheiten, von denen
die befonders bedeutungsvollen Totenopfer in den Vordergrund
geftellt werden. Er facht aber auch aus dem
Gebiete der griechifchen Magie, des Aberglaubens, der
abergläubifchen Medizin und des Myfterienwefens, das
Urfprunglicb.es vielfach überaus konfervativ erhalten hat,
Ähnlichkeiten heraus, um mit ihrer Hilfe zum urfprüng-
lichen Sinn der Opferzeremonien zu gelangen. Und das
ift ihm vielfach in überrafchender Weife gelungen, fo z. B.
die Deutung des Steinwurfes. Ein befonderes Intereffe
erweckt das letzte Kapitel, in dem der Verfuch gemacht
wird, die Entftehung der Riten als gefchichtliches Problem
zu betrachten. Kommen diefe Ausführungen auch zu-
nächft über Andeutungen nicht hinaus, fo bieten fie doch
bedeutungsvolle Ausblicke auf ganz neue Probleme in
den Unterfuchungen zur antiken Religion.

Königsberg i/Pr. K. Cybulla.

König, Geh. Rat Prof. D. Dr. Eduard: Hebräilche Rhythmik.

Die Gefetze des altteftamentl. Vers- u. Strophenbaues.
Kritifch dargeftellt. (VIII, 76 S.) 8°. Halle a. S.,
Buchh. d. Waifenhaufes 1914. M. 2 —

Mit der ihm eigenen Gründlichkeit, trefflichen Methode
und praktifchen Darfteilung facht Vf. in der fchwierigen
Frage der hebräifchen Rhythmik einiges Feftftehende zu
erreichen. Ausgangspunkt ift das Sichere, das Lied; es
zeigt fich, daß der Reim kein Kennzeichen der hebräifchen
Poefie ift und daß auch der Parallelismus membrorum
als Charakteriftikum nicht übertrieben werden darf. Durchweg
herrfcht die akzentuierende Form, nirgends etwa
vermifcht mit der der Silbenquantität, fo daß nicht von
hebräifcher Metrik, fondern von Rhythmik gefprochen
werden follte. Hauptergebnis der Unterfuchung ift die
Freiheit der hebräifchen Dichtung; wenn auch die alt-
hebräifche Poefie nicht fo ungebunden war wie die heutige
paläftinifche Volksdichtung, deren einziges Maß nach
Dalman die Willkür ift, fo war fe doch weit freier, als
die Gelehrten meift erkennen wollen. Die Freiheit zeigt
fich vor allem in der beliebigen Zahl der Hebungen
der Verszeilen (felbft bei der ,Kina') und in der beliebigen
Zahl der Senkungen zwifchen den Hebungen
(1—5 Senkungen). Die Freiheit ift aber nicht immer
Willkür oder Nachläfligkeit; die Mannigfaltigkeit entfpricht
vielmehr oft dem Gewicht der Gedanken und der Laute.
Diefe Erkenntnis der Freiheit ift fehr wichtig, fie führt
zugleich zu einer gefunden Stellung dem gegebenen Text
gegenüber; unnötige Eingriffe in den Text werden vermieden
und felbft die maforetifche Vokalifation und Punktation
erweifen fich als nicht zu verachtendes Hilfsmittel;
die alten Maforeten hatten nach K. noch Verftändnis für
die hebräifche Poefie.

Vf. ftellt nun feine Anficht über die Frage, was ift
Hebung, was Senkung, zur Diskuffion; feine Vorfchläge
find in ihrer Natürlichkeit fehr beachtenswert; ich ver-
miffe nur einen Entfeheid über die vielfilbigen, von den
Maforeten mit Nebenton verfehenen Wörter.

Im ftrophifchen Bau zeigt fich gleichfalls Freiheit;
ftrengftrophifche Gedichte, fogar folche, bei denen Strophe
und Sinnabfchnitt fich decken, fehlen nicht; häufiger ift
die Abteilung in Sinnabfchnitte. Aus allem geht hervor,
daß die hebräifchen Dichter mehr Wert auf den Inhalt

als auf die Form legten. Gedichte, die eine peinliche
äußere Form zeigen, wie die akroftichifchen, verraten den
kleineren Geift. Immerhin möchte ich fagen, daß die bedeutenden
hebräifchen Dichter (Jeremia oder die hervor-
ragendften Pfalmdichter) auch die Form liebten und be-
herrfchten, daß aber eben z. B. im Pfalmbuch wenige
bedeutende Dichter (im äfthetifchen Sinn) fich ausfprechen,
fo wenig wie in unferen Gefangbüchern. Den Maforeten
traut K. doch zu viel Verftändnis zu; mehr Sprachgefühl
als wir Heutigen hatten fie wohl, aber fehr feiten vereinigt
fich dichterifches Gefühl mit dem Gelehrtentum.
In Gen 4, 24 z. B. wollte der Dichter gewiß anders als der
Maforet; der kräftige Sänger fcheute den Zufammenftoß
der Hebungen nicht, den der Maforet auf Koften der
dichterifchen Form und Wucht auflöfte; der Anprall der
Hebungen mit dem doppelten a-Laut tönt wie Waffenklang
.

Tübingen. Volz.

Biblifche Zeitfchrift. In Verbindung m. der Redaktion der
,Bibl. Studien' hrsg. v. Joh. Göttsberger u. Jof. Sickenberger
. 13.Jahrg. 1915. (VIII, 384S.) gr.8». Freiburgi.B.
Herder. M. 12 —

Durch Ausführlichkeit und Gründlichkeit ragt diesmal
ein Artikel von Bifchof Bludau hervor über ,das Comma
Johanneum bei den Griechen'(26—50. 130—162.222—243).
Die Arbeit ift darum lehrreich, weil fie nicht nur die
Handfchriften und Kirchenväterzitate eingehend kritifiert,
die man zur Begründung der Echtheit von 1 Joh. 5,7
herangezogen hat, fondern auch einen Blick in die über-
rafchend umfangreiche Literatur früherer Jahrhunderte
tun läßt.

Von weiteren Beiträgen zum N. T. feien noch folgende
genannt:

J. Schäfers (S. 24h) bemerkt zu der Notiz .Ariston
erigu' hinter Mk. 16, 8 in dem armenifchen Manufkript vom
J. 986, daß deren Schriftzüge Jahrhunderte jünger feien
als die Handfchrift; darnach bemißt fich ihr hiftorifcher
Wert. A. Wikenhaufer bringt fprachliche Belege zu lva>-
xiog, noQ(pvQÖxmliq und jcoraf/ogiOQTjrog (S. 221), J.
Schufter (Arzt) zwei neue Parallelftellen zum .Großen
Fieber' Lk. 4, 38 (Alex. Aprodif. de febr. lib. 18 und 30,
Aul. Cornel. Celfus IV 14).

H. J. Vogels gibt an der Hand einer ausführlichen
textkritifchen Erörterung von Mk. 1,6 methodifche Winke
zur Behandlung der lateinifchen Evangelienüberfetzung
(322—333).

K. Kaftner endlich will das ,Noli me tangere' Joh.
20,17 mit der Annahme erklären, daß der Herr der Maria in
leichterer Umhüllung, eigentlich ohne jedes Gewand (ab-
gefehen von einer Art Lendenfchurz) erfchien (S. 344—353).

Von altteftamentlichen Arbeiten nenne ich vor allem
zwei neue Proben der von Göttsberger gewünfehten
katholifchen Handbibel: Dn. 3 und Tob. 1 mit textkri-
tifchem Apparat (S. 1 — 22), hebräifch und lateinifch; fo-
dann ein Referat von N. Peters über von Gall's famari-
tanifchen Pentateuch (S. 97—105), eine Konjektur des
Löwener Gelehrten L. Delporte zu Ex. 17. 15f. (S. 117
—120), eine femafiologifche Unterfuchung A. Greiffs betr.
Zakhar (S. 200—214), weiter den Verfuch N. Helle-
bronths, im Text des Pfalters, insbefondere in Pf. 2; 40;
65; 14; 86; 28; 72; 32; 104; 39; 56 uralte textkritifche
Noten nachzuweifen (S. 296—308), endlich exegetifche
Bemerkungen PI. Grimmes zu Pf. 19 (S. 309—311).

Ausgezeichnet find wieder die hauptfächlich von
Göttsberger und Sickenberger zufammengetragenen
bibliographifchen Notizen die den leider eingegangenen
theologifchen Jahresbericht, demBibelforfcher einigermaßen
erfetzen.

Leiden. Hans Windifch.