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Ausgabe:

1916 Nr. 12

Spalte:

273-274

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gerson, Lewi ben

Titel/Untertitel:

Die Kämpfe Gottes. 1. Teil 1916

Rezensent:

Bloch, Philipp

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273

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 12.

274

ins Auge. Die Auswahl der Ergänzungen bekommt etwas
Subjektives und das Ganze verliert etwas von der Einheitlichkeit
der monographifchen Behandlung. Darin liegt
aber auch eine Stärke. Denn nur fo konnten wir den
Reichtum deffen, was H. felbft neu erarbeitet, bekommen.
Er felbft wünfcht es nicht anders, als daß die weitere
Forfchung ihm helfe, diefen Anfang zu einer vollftändigen
Gefchichte der Lebensäußerungen der alten Kirche zu
vollenden. Uns bleibt nur der Wunfeh, daß es dem Ver-
faffer vergönnt fein möge, daran noch viele Jahre des
Friedens mitzuarbeiten.

Greifswald. Ed. von der Goltz.

Lewi ben Gerfon: Die Kämpfe Gottes. Überfetzung u.
Erklärg. des handfehriftlich revidierten Textes v. Benzion
Kellermann. 1. Tl. (Schriften der Lehranft. f.
die Wiff. des Judentums. III. Bd., 1. u. 2. Heft.)
(XVI, 309 S.) Lex. 8°. Berlin, Mayer & Müller 1914.

M. 8 —

Der feinerzeit als Phyfiker, Aftronom und Talmudift
hochangefehene Levi ben Gerfon, gen. Gerfonides oder
Leon de Bannolis, zählt zugleich zu den bedeutendften
Religionsphilofophen des jüdifchen Mittelalters, welche
die religiöfen Anfchauungen des Judentums zu einem
philofophifchen Lehrfyftem auszubilden bemüht waren.
Das Hauptwerk, in dem er feine Lehren niedergelegt
hat, betitelt fich ,Die Gotteskämpfe' und ift 1329 abge-
fchloffen worden, nachdem er viele Jahre darüber gearbeitet
hatte. Alle Probleme der hohen Metaphyfik
werden darin behandelt, fämtliche gegnerifchen Anfchauungen
und Argumente, welche dafür und dagegen
fprechen, werden dabei zufammengeftellt. Überdies war
Gerfonides trotz der Oppofition, welche er in logifchen
und metaphyfifchen Fragen dem Averroes gegenüber
nicht fcheute, einer der entfehiedenften Vertreter des
Averroismus auf jüdifchem Boden. Aus allen diefen
Gründen ift es immerhin wünfehenswert, die .Gotteskämpfe
' weiteren Kreifen durch eine Überfetzung zu er-
fchließen. Diefer Aufgabe, die alles eher als leicht ift,
hat fich das obengenannte Buch ,Die Kämpfe Gottes,
Erfter Teil', unterzogen. Der Verfaffer gibt eine Überfetzung
der Vorrede und des erften Traktates ,Von der
Unfterblichfteit der Seele', und fügt zum Schluß drei
Noten hinzu: ,A. Zur Theorie der Emanation, B. Das
Univerfalienproblem, C. Des Averroes Anficht über die
fpekulative Kraft'.

Mit großem Bedauern muß erklärt werden, daß der
Verfaffer, der fonft eines guten Rufes als tüchtiger Gelehrter
fich erfreut, in feiner Überfetzung leider verfagt.
Er befitzt gute philofophifchc Kenntniffe, ift des Ara-
bifchen kundig, aber er ift mit der Begriffs- und Gedankenwelt
des philofophifchen Mittelalters nicht hinlänglich
vertraut, er hat fich in die religionsphilofophifche
Literatur des Rabbinismus nicht genügend eingelefen.
Daher faft auf allen Seiten Unklarheiten oder Irrtümer;
der philofophifchen Terminologie fteht er meift ratlos
gegenüber.

Er ftolpert gleich an der Schwelle, in der Vorrede, welche nur
wenig Schwierigkeiten bietet. Im Text (Ausgabe, Jellinek, Leipzig 1866

S. 2) heißt es: nuv3 nsxffiri rtoa -ivo:n ttbw tsbsi tthm iisn

'33 -rattn 39X3 D3359 D^onp EOS-^sa. Dies wird S. 3 überfetzt: ,Es
darf uns jedoch nicht verborgen bleiben, daß uns in diefem Problem kein
Beweis über das Vorweltliche zur Verfügung fteht, wie etwa die ,,Erfte
Urfache", denn unfer Wiffen von der Subftanz diefer fogenannten „Erften
Urfache" ift fehr fchwach ufw. Vielmehr gehören diefe Beweife, die in
diefer Unterfuchung möglich find, zur Gattung der Argumente der Beweife
der niXI d. h. fie find aus den Konfequenzen diefes Beweifes gewonnen
, (hypothetifcher Beweis) wenn es Uberhaupt wahr ift, daß die
Welt entftanden ift'. Das ift falfch. Es handelt fich um die Frage, ob
die Welt ewig oder geworden ift; da erklärt nun Gerfonides: ,Es kann
uns nicht entgehen, daß es in diefer Frage keinen (progreffiven) Beweis
gibt aus den Dingen, die vor der Welt waren, wie z. B. aus der erften
Urfache ufw. Die Beweife jedoch, die in diefer Frage möglich find,
gehören notwendigerweife zur Gattung der regreffiven Beweife, d. h.

fie werden aus den Dingen gefchöpft, die fpäter find, als der zu beweifende
(Gegenftand), vorausgefetzt, daß diefe Welt geworden ift*. Der
progeffive Beweis (a prineipiis ad prineipiata) hat eben eine fo zwingende
Beweiskraft, wie fie in folchem Grade der regreffive Beweis (a prineipiatis

ad prineipia) Mittl nB33 nicht bietet.....ttl nifT Ott ift der Terminus

für ,vorausgefetzt, daß*. — S. 5 wird Jatn rVHia überfetzt: ,momentane
Befchäftigung', während es heißen muß: ,die Unbilden der Zeit'; Gerfonides
deutet auf die graufame Verfolgung der Juden in Frankreich hin,
von der er felbft, da er in Avignon unter päpftlicher Herrfchaft lebte,
zwar nicht unmittelbar, aber doch mittelbar getroffen war (vgl. Joel,
Lewi ben Gerfon S. 8). — S. 6 wird DiiTBEXH D^aiBn D^JiSsn übertragen
: ,fublunarifche Einzelheiten', zum mindeften fchief; es heißt .mögliche
Einzelheiten', d. h. folche, die fein können und auch nicht fein
können, fo daß der Prophet an ihnen feine vorherfagende Kraft bewährt.
Ich kann natürlich nicht alle Verfehlungen richtig ftellen, die fchon in
der Wiedergabe der Vorrede fich finden. Zumal ich auf einen unbegreiflichen
Fehlgriff hinweifen muß, der auf den Lefer verwirrend wirkt,
fo daß man zu einer Benutzung diefer Überfetzung nicht raten kann. Der
Verfaffer gibt nämlich faft ftets den philofophifchen Terminus 333391 mit
,Entelechie' wieder. 91339! bedeutet aber .Anlage, Potentialität, dvvafti^
(Vgl. Thefaurus totius hebraitatis, von Ben Jehuda f. v.l, zu der die
Entelechie, Aktualität, tvi-Qytia den geraden Gegeufatz bildet. Wie ift
er nur darauf gekommen f Wir erhalten darüber in den .Berichtigungen'
S. 305 folgenden Auffchluß: ,91339! wurde ftets mit Entelechie überfetzt
, die Überfetzung flammt von Steinfchneider; korrekter wäre wohl
„Anlage". Wo und bei welcher Gelegenheit hat Steinfehneider 91339!
mit Entelechie überfetzt? Warum gibt der Verfaffer nichts näheres an?
Es kann da nur ein Mißverftändnis obwalten 1 Aber felbft vorausgefetzt,
daß Steinfehneider fo überfetzt hätte — was ich durchaus damit nicht
zugebe — warum hat der Verfaffer in folch klarer und elementarer Sache
nicht feinem eigenen Urteil vertraut? .Anlage' ift nicht bloß .korrekter',
fondern das einzig richtige. Durch die verfehlte Überfetzung von 9133:9;
mit ,Entelechie' hat der Verfaffer feinen Lefern den Weg zum Verftändnis
der Gerfonidifchen Pfychologie verlegt, die ja davon ausgeht, daß die
anima intellectiva eine dem Menfchen angeborene Anlage, Dispofition ift

Die beiden Endnoten, A: Zur Theorie der Emanation
, B: das Univerfalienproblem, entwickeln große Gelehrsamkeit
und eine gewandte Darftellung; doch kann
ich den Standpunkt des Verfaffers in feiner Emanationstheorie
nicht teilen. Die Endnote C. enthält den Abdruck
der Tibbonidifchen Überfetzung eines Kompendiums
von Averroes zum Buche der Seele nach der
Handfchrift Parma R. 208.

Pofen. Philipp Bloch.

Lang, Aug.: Zwingli und Calvin. Mit 161 Abbildgn., darunter
2 mehrfarb. Einfchaltbildern. (Monographien zur Welt-
gefchichte, 31.) (VIII, 152 S.) Lex. 8°. Bielefeld, Vel-
hagen & Klafing 1913. Geb. M. 4—;

Gefchenkausg. M. 5—; Luxusausg., geb. in Ldr. M. 20—

Diefe wunderfchön ausgeftattete, mit 156 Abbildungen
verfehene Schrift (darunter 9 Porträts von Zwingli, 18 von
Calvin, 22 Anflehten, zahlreiche Fakfimiles) bildet das
31. Heft der von Ed. Heyck herausgegebenen Monographien
zur Weltgefchichte. ,Die beiden Väter der reformierten
Kirche, Zwingli und Calvin, in ihrem Lebensgang
und ihrer Eigenart als religiöfe Charaktere zu fchildern,
wird ftets ein lohnendes Kapitel der Weltgefchichte bilden
' (VII). Diefes Kapitel hat der durch feine bisherigen
Forfchungen rühmlich bekannte und ausgezeichnet vorbereitete
Verfaffer in muftergiltiger Weife behandelt. Die
vier Abfchnitte, in welche feine Darftellung zerfällt (1—34
Zwingli und die Reformation in Zürich, 34—79 Zwingli
als Begründer des reformierten Proteftantismus, 79—112
der werdende Calvin, 112—145 das Lebenswerk Calvins),
ftellen das Leben und Wirken beider Reformatoren in
den Rahmen der politifchen und kirchlichen Ereigniffe,
an welchen fie beteiligt waren oder mit denen fie in Berührung
kamen, fo daß in erfter Linie die Schweizer Kantone
, aber auch Straßburg (82—87), einzelne andere Teile
Deutfchlands (68—73, 140—2), Frankreich (91— 92) und
die von Calvin beeinflußten Länder (138, 143—144) in
gebührender Weife berückfichtigt werden. Doch ftehen
felbftverftändlich die Perfönlichkeiten Zwingli's und Calvins
im Mittelpunkt: ihr Entwicklungsgang und ihre re-
formatorifche Tätigkeit, ihr Charakterbild und ihre religiöfe
und theologifche Eigentümlichkeit weiß der überall

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