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Ausgabe:

1916 Nr. 11

Spalte:

255-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindner, Theodor

Titel/Untertitel:

Weltgeschichte seit der Völkerwanderung. 8. Bd 1916

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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255

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 11.

25.6

zweck. Der Fürft ift ein unabhängiger Herr, der niemand j
dient und nur gebietet. Da ift der Sonnenkönig ein Ideal;
Friedrich der Große, ja Jefus und fein Evangelium, Luther
mit feiner Freiheit eines Chriftenmenfchen bleiben ihm
fremd. Wie kann H. Priefterftaaten preifen, da er die
Zeit der geiftlichen Kurfürften noch erlebte und durch I
Italien bis Neapel reifte, alfo auch Rom und den Kirchen- I
ftaat kennen lernte? Und vollends feine Wandelbarkeit! j
Einft war er von revolutionären Ideen auch angefteckt |
(S. 22), fein Lebenswerk aber ift der fchärffte Kampf |
dagegen. 1800 find ihm die Franzofen die Verkörperung j
von Unehrlichkeit, Hinterlift und Tücke, fpäter fleht er
Jahre lang im Dienft Frankreichs. Seine ftärkfte Wandelung
ift feine Konverfion. ,In ftreng kalvinifchen Grund-
fätzen erzogen' (S. 17), urteilt er nachher hart über die [
Väter der Reformation, ohne den Kern derfelben, die
Rechtfertigung durch den Glauben, recht verftanden und
die Reformatoren genauer kennen gelernt zu haben, jedenfalls
Luther nicht. Geradezu abflößend ift, daß H. am
17. Oktober 1820 feinen Übertritt vollzog, aber nach dem
Rat des Bifchofs diefen Schritt verheimlichte und noch
an Weihnachten in der reformierten Kirche das Abendmahl
empfing. Daß man einen Mann von fo wenig Auf- J
richtigkeit, Selbftändigkeit und Mannesmut nicht mehr im j
Berner Rat duldete, ift leicht zu verliehen. Wohltuend
berührt die Anerkennung, daß fein Schritt ihm keine Anfeindungen
durch Verwandte und Pfarrer zuzog. Unwillkürlich
fragen wir: Wie geht es bei Übertritten zur evan-
gelifchen Kirche?

Stuttgart. G. Boffert.

Lindner, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Thdr.: Weltgelchichte feit
der Völkerwanderung. 8. Bd. Das europ. Geiftesleben zu
Anfang des 19. Jahrh. Europa bis zur Julirevolution
1830. Europa von der Julirevolution bis zur Februarrevolution
. Revolution u. Reaktion. Der Übergang zu
unfererZeit 1848—1859. (XII, 461 S.) gr. 8°. Stuttgart,
J. G. Cotta Nachf. 1914. M. 5.50; geb. M. 7—; I

in Halbfrz. M. 7.50

Der vorliegende Band fchildert die Zuftände und Vorgänge
in Europa vom Wiener Kongreß bis zum italie-
nifchen Krieg (1815—1859) in drei Büchern: die Zeit bis
zur Julirevolution (2. Buch), die Zeit von der Julirevolution
bis zur Februarrevolution (3. Buch), und die Zeit von
1848—1859 unter der Überfchrift: Revolution und Reaktion,
der Übergang zu unferer Zeit (4. Buch). Innerhalb der
Bücher werden die Gefchicke der Staaten in der Regel
einzeln für fich vorgeführt; doch wo die Staaten zu ge-
meinfamer Handlung und gemeinfamemErleben zufammen-
gefchloffen find, wird die Dispofition nicht nach den einzelnen
Staaten, fondern nach den Vorgängen gewählt (fo
im 4. Buche). In dem einleitenden erften Buche wird
nicht nur gezeigt, wie fich die europäifchen Verhältniffe
bis 1815 entwickelt hatten, fondern es wird auch ein Bild
der geiftigen Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts
gegeben. Diefes Bild ift von dem größten Intereffe und
der größten Bedeutung. Klaffizismus und Romantik,
Philofophie, Staatslehre und Gefchichte, die Religion, Natur-
wiffenfchaften und Technik, die wirtfchaftlichen Lehren,
die Anfänge des Sozialismus werden in eingehender Weife
berückfichtigt.

Eine Weltgefchichte, die in fo erkennbarer Weife es
darauf abgefehen hat, uns die Gegenwart verliehen zu
lehren, die nicht nur die politifchen Vorgänge darfteilt,
fondern auch foweit nötig Kenntnis gibt ,von allen den
menfchlichen Tätigkeiten, die, ineinandergreifend und fich
gegenfeitig bedingend und ergänzend, mit den politifchen
Dingen zufammenwirken und diefe mit beftimmen, wie fie
felbft von ihnen beeinflußt werden', ift in der Zeit des
Weltkriegs von dem höchften Werte und es ift auf das
Lebhaftefte zu wünfchen, daß der Herr Verfaffer uns bald

den noch ausftehenden Schlußband, der bis zur Gegenwart
reichen foll, liefern möge, damit wir von ihm einen
ficheren Führer für zukünftige Geftaltungen in Europa
erhalten. Wie fchon die Gefchichte Europas in der erften
Hälfte des 19. Jahrhunderts uns reichen Auffchluß geben
kann über die Wege, die zu dem gegenwärtigen Kriege
geführt haben, und über den Verlauf, den er bisher
genommen hat, andererfeits aber der Krieg uns mancherlei
Vorgänge der vergangnen Zeit erft klar erkennen läßt, fo
wird die Gefchichte Europas und der außereuropäifchen
Staaten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart
uns noch viel mehr aufklären, wenn fie gefchrieben
wird von einem Hiftoriker, der neben einer ausgebreiteten
Sachkenntnis über den ficheren Blick für das Wichtige,
Bleibende und Vorwärtsdrängende und über die Ruhe
und umfichtige Weisheit verfügt, ohne die es nicht möglich
ift, fich in der Aufregung der Gegenwart zurechtzufinden
. Es ift mir nicht zweifelhaft, daß der Herr Verfaffer
uns Deutfchen durch die Vollendung feiner Weltgefchichte
einen großen Dienft leiften und verftändigen
Männern Weifungen für die Geftaltung der Zukunft geben
wird.

Kiel. G. Ficker.

Bonus, Arthur: Religion als Wille. Grundlegendes zur neuen
Frömmigkeit. (IV, 124 S.) 8°. Jena, E. Diederichs 1915.

M. 2.50; geb. M. 3.80

In diefem Buche fpricht B. in feiner wuchtigen und
eindringlichen Art bereits früher verfochtene Gedanken
aus, und zwar in der Beleuchtung und Bekräftigung, die
fie ihm durch den Krieg erfahren haben. Der Krieg hat,
fo lefen wir, das Chriftentum, wie es unter uns bisher
gelehrt und teilweife gelebt wurde, als Glaube an den
freundlichen Vater- oder Großvater-Gott, als Religion
weichherziger Liebesmoral, zufammengeriffen und ein
neues, tieferes frommes Erleben geweckt, deffen Gott im
letzten Grunde freilich auch gut und liebreich, aber zu-
nächft einmal wild und furchtbar und dira necessitas, und
deffen Ideal zuerft und vor allen Dingen fchöpferifches
Geftalten und Werden ift, ein Sichbilden und Fortfehreiten
von Perfönlichkeit und Volk, bei dem es niemals fattes
Behagen, fondern allewege Kampf, Qual, Jubel und Größe
gibt. B. verweilt dies Mal nicht bei dem Vorftellungs-
komplex, deffen die Religion bedarf, den er fonft den
neuen Mythos nennt, und in dem, wie bemerkt zu werden
verdient, nach S. 5°ff- unfers Buches die Vorftellung der
Gottperfönlichkeit ihren Platz einnimmt. Das ift kein
Vorwurf. Aber man hätte erwarten können, daß etwas
eingehender von dem Sinn und Ziel jenes aus der Tiefe
hervorquellenden Werdens geredet worden wäre. Grade
in diefem Buche, das in leidenfehaftlicher Parteinahme
deutfehe Art und deutfehes Volkstum vertritt, erwartet
man genauer zu hören, was denn eigentlich aus dem
Völker- und Seelenringen hervorfteigen foll. Mit den allgemeinen
Gefichtspunkten ,Aufwärtsentwicklung', Welt-
und Lebensbejahung und Geftaltung, Perfönlichkeitsbildung
und Wert völkifcher Befonderheit und etwa noch der
flüchtigen Betonung deutfchen Ernftes und .Idealismus'
gibt man fich nicht zufrieden. Mir fcheint, daß B.s Auf-
merkfamkeit zu einfeitig auf die pfychologifche Seite des
religiöfen Vorgangs eingeftellt ift, und daß er in der
religiöfen Pfychologie zu fehr fall ausfchließlich die Momente
des Dramatischen und Heroifchen würdigt. Seine
Luft ift, das Raufchen und Branden jenes Stromes fchöp-
ferifchen Werdens zu belaufchen, das Steigen, Italien und
Sichüberftürzen der Wogen zu beobachten. So überfieht
er, daß, um mit Schleiermacher zu reden, Religion auch
fülle Anfchauung des Univerfums und Abhängigkeitsgefühl
ift, und hat vor allem kein Verftändnis für das Bleibende,
Normative, Ewig-Seiende und Seinfollende in aller Religion.
Sätze wie die: ,Die Welt ift noch in der Schöpfung, und
fie brandet an das Ufer der Zukunft im Menfchen. Er ift