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Ausgabe:

1916 Nr. 9

Spalte:

199-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Prümer, Dominicus M.

Titel/Untertitel:

Manuale theologiae moralis secundum principia S. Thomae Aquinatis 1916

Rezensent:

Seeberg, Reinhold

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199

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 9.

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idee, in der auf dem Gegenfatz von Unwiffenheit und
Erkenntnis, Verfinfterung und Erleuchtung aufgebauten
Anthropologie und in der von einem Ort der Seligen
fprechenden Eschatologie. Vor allem bei dem erften
Punkt überfieht L. freilich faft ganz, daß diefe Verfchmel-
zung des biblifchen Gottesbegriffs mit dem philofophifchen
fchon im jüdifchen Hellenismus (Philo; Jofephus, der auch
in Rom fchriebl) vorgenommen worden ift, fo daß die
Annahme näher liegt, daß hier ein Erbftück des jüdifchen
Hellenismus vorliegt, wenngleich damit nicht ausgefchloffen
werden foll, daß Clemens von der römifchen Philofophie
auch direkt beeinflußt ift.

Vor allem bei den Gottesnamen öeonozrjQ und SrjfliOVQyöt; hat man
neben Hebr. Ii, IO (ßrjfi.) zunächft den bekannten Sprachgebrauch von
Philo (vgl. das Zitat, das L. felbft p. 41 Anm. 2 bringt) und Jofephus
(vgl. Schlatter, Wie fprach Jofephus von Gott) heranzuziehen; hier ift
Vermittlung der helleniftifchen Synagoge viel wahrfcheinlicher als Einfluß
der Lektüre von Plato's Timaeus ufw. — Über das fehr fpezififch helleni-
ftifche Gottesattribut «zrpocdsjjf; hätte der Verf. wefentlich mehr fagen
können vgl. z. B. Norden, Agnostos Theos 13 f. Zum Lichtbegriff vgl.
jetzt Wetter Phos S. 74 f.

Eine zweite wichtige Thefe bezieht fich auf die Bedeutung
der .paulinifchen Formeln'. L. meint, daß fie
keineswegs unverftandene Formeln find, fondern Beweife
dafür, daß die paulinifche Lehre durchaus die Theologie
und Frömmigkeit beftimmt. Es ift Paulus zu danken,
daß auch in 1. Clem. Chriftus kraft feines Blutes eine
beherrfchende Stellung im religiöfen Leben einnimmt.
Nur wird die paulinifierende Gedankenrichtung durch
eine wefentlich anders gerichtete Auffaffung gekreuzt, wie
fich befonders in den drei Formen der Rechtfertigungslehre
zeigt: allein durch den Glauben, durch Glaube und
Werke, wegen bewährter Frömmigkeit.

Hier ftimmc ich dem Verf. im wefentüchen zu, nur würde ich noch
ilärker betonen, daß diefe mehr Gottesfurcht, reine Gefinnung und Werkgerechtigkeit
lehrende Anfchauung wefentlich breiter ausgeführt ift und
ganz natürlich aus der altteftamentlich-jüdifchen Überlieferung fließt. —
Die Formel ,dureh Werke gerechtfertigt und nicht durch Worte' 30, 3
leite ich jetzt unbedenklich aus Jac. 2, 14 ff. ab. — In der Zitationsformel
<pr}Olv ö ayioq Xöyog 13,3. 56,3 kann ich unmöglich den Logos finden,
noch weniger in den ,Händen Gottes' 33,4 Logos und Sophia oder
Pneuma. Das in 63, 2 deutlich zu Tage tretende Infpirationsbewußtfein
darf wegen der fonft von Clemens beliebten Betonung der Demut nicht
eingefchränkt oder in Abrede geftellt werden. Bei meiner Erklärung von
7, 4 in ,Taufe und Sünde' S. 324 habe ich den Gedanken, daß der Sühn-
tod Chrifti die Bekehrung der Welt ermöglicht habe, keineswegs aus-
fchließen wollen.

Auf das Kapitel, das den Nachweis verfucht, daß die
in Rom. 13 und Apoc. 13 ff. fich findenden entgegengefetzten
Beurteilungen der römifchen Herrfchaft keineswegs
zwei verfchiedene Richtungen bezeichnete (gegen
Weinel; vgl. 1 Petr. 2,13 ff 5,13), kann ich nur kurz hinweifen
. Im Schlußkapitel entfcheidet fich L. für heidnifche
Plerkunft von Clemens. Wie die Judenfchaft in Rom, fo
beftand auch die römifche Chriftenheit aus einzelnen
Gruppen; einheitliche Leitung war noch nicht vorhanden:
Clemens war nicht Bifchof. Auf der letzten Seite wagt
der Verf. die Hypothefe, daß Clemens ebenfo wie Claudius
Ephebus und Valerius Bito der in Phil. 4,22 genannten
Gruppe aus des Kaifers Haufe angehörten (daher
auch .unfere Oberften' 37. 61).

Für auffallende Druckfehler, befonders falfche Akzentuierung grie-
chifcher Worte, eine üble Folge der in Holland üblichen Ausfprache des
Griechifchen, hat fich der Verf. fchon felbft entfchuldigt.

Leiden. Hans Windifch.

Prümer, Prof. Dominicus M., O. Pr.: Manuale theologiae
moralis secundum principia S. Thomae Aquinatis. In usum
scholarum ed. P. 3 tomi. gr. 8°. Freiburg i.B., Herder
1915. M. 24 — ; geb. M. 28 —

I. (XL, 423 S.) M.6.60; geb. M. 7.80. — II. (X, 539 S.) M. 7.80;
geb. M. 9.20. — III. (XI, 689 S.) M. 9.60; geb. M. 11 —

Das vorliegende Werk ift als Manuale bezeichnet.
Es entfpricht auch in der Tat den meiften der Anforderungen
, die man an ein Handbuch zu ftellen berechtigt
ift. Der Verfaffer hat den von ihm ausgewählten Stoff

forgfältig und vielfeitig behandelt. Überall werden die
verfchiedenen Meinungen angeführt und die dem Verf.
als richtig erfcheinende wird eingehend aus der katho-
lifchen Moraltradition wie mit dialektifchen Argumenten
begründet. Dabei hat fich der Verf. auch die Klarheit
und die fichere Gedankenführung des Thomas zum Vorbild
genommen. Er befolgt die traditionelle katholifche
Auffaffung und verfucht ihre rationale Notwendigkeit einleuchtend
zu machen.

Aber noch eins fällt in dem Titel des Werkes auf.
Die Moral foll nach den Prinzipien des heiligen Thomas
vorgelegt werden. Die Darftellungen der katholifchen
Moral pflegen fich fonft mehr den Fragftellungen anzubequemen
, die der heil. Alfons de Liguori, den ja Pius
IX. unter die Doctores ecclesiae aufgenommen hat, eingeführt
hatte. Auch Prümer verfichert, daß er außer
Thomas in allen Fragen Liguori zu Rate gezogen habe,
cuius auctoritas in rebus moralibus perquam magna est
(I, p. VI). In der Tat find beide Quellen in den Gedanken
und Urteilen unferes Buches deutlich wahrnehmbar. Es
ift fowohl ein gewiffer deduktiver fyftematifcher Zug in
feiner Darfteilung vorhanden als die Neigung, die ethifchen
Probleme vom kafuiftifchen Standpunkt des Beichtigers
mit kluger Abwägung der Folgen des Handelns zu erörtern
. Der Verf. felbft fagt, man könne die Moral
nach fcholaftifch fpekulativer oder nach kafuiftifcher oder
nach myftifch afketifcher Methode behandeln und erklärt
feinerfeits alle drei Methoden verbinden zu wollen (I, 8f.).
Diefe Abficht hat er auch wirklich, foweit es ihm möglich
war, gegen den Strom der traditionellen Problem-
ftellungen zu fchwimmen, eingehalten, nur von af ketifchen
Gefichtspunkten kann ich in feinen fehr rational gehaltenen
Darlegungen nichts entdecken. Die autoritativen Quellen,
denen er folgt, find die Schrift und die Tradition, befonders
auch die päpftlichen Erlaffe. Zum Vernunftgebrauch wird,
gewiß mit Recht, energifch aufgefordert (I, 7 f.). Die
reichliche Heranziehung von Ausfprüchen des Thomas ift
relativ neu und ermöglicht es, die Gedanken auf ein höheres
Niveau zu erheben, als es bei den rein kafuiftifch orientierten
Darftellungen der Moral möglich war. Der Verf.
hat fich durchgängig nur an die katholifche Moralliteratur
älterer und neuerer Zeit gehalten. Eine innere Auseinander-
fetzung mit der neueren Philofophie oder der proteftan-
tifchen Ethik liegt bei ihm nicht vor. Aber, wiewohl er
das hiftorifche Material forgfältig herangezogen hat, bietet
er auf diefem Gebiet dem Kundigen doch kaum etwas
Neues. Über die ethifchen Anfchauungen der großen
Scholaftiker hat er keine durchfchlagenden und originellen
Beobachtungen gemacht.

Da es fich um ein fyftematifches Werk handelt, fo
wird der Lefer am beften durch eine Wiedergabe der
Einteilung des Werkes über dasfelbe orientiert werden.
Bekanntlich hat Thomas im erften Teil feiner Summa von
Gott und feiner Bewegung zur Kreatur hin gehandelt,
im zweiten Teil die Bewegung der Kreatur zu Gott hin
dargeftellt und im dritten Teil von Chriftus und den
Sakramenten als dem Wege zu Gott geredet. Unfer Verf.
hat fich zunächft im ganzen der Anordnung des zweiten
Teiles der Summa angefchloffen, wo die fog. Prima
secundae die allgemeine, die Secunda secundae die fipe-
zielle Moral behandelt. Er hat aber dem noch die Sakramentenlehre
unter dem ethifchen Gefichtspunkt hinzugefügt
. Theologia moralis est scientiae theologicae illa
pars, quae iudicat et dirigit actus humanos in ordine ad
finem supranaturalem (I, 2). Die Moral hat es alfo mit
der Beurteilung und Direktion der menfchlichen Handlungen
zu tun, fofern diefe das ewige Leben verdienen
(I, 3). Hieraus ergeben fich zwei Hauptteile. Der erfte
hat es mit den menfchlichen Handlungen unter dem
bezeichneten Gefichtspunkt zu tun, der zweite mit den
Mitteln zur Erlangung des Ziels oder den Sakramenten.
Im Unterfchied zu Thomas wird alfo die von diefem im
ethifchen Zufammenhang behandelte Gnadenlehre aus-