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Ausgabe:

1916 Nr. 8

Spalte:

181-182

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wirz, Hans

Titel/Untertitel:

Die Psychologie des Gebets unter der Lebensgestaltung der Gegenwart 1916

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Seite 1

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181 Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 8. 182

Wirz, Rel.-Lehr. Pfr. Hans: Die Psychologie des Gebets unter
der Lebensgeftaltung der Gegenwart. Bekroond door
Teyler's Godgeleerd Genootfchap. (V, 136 S.) gr. 8°.
Haarlem, de Erven F. Bohn 1914. (Leipzig, O. Harraffo-
witz.) M. 5 —

Die Teylerfche theologifche Gefellfchaft in Haarlem
hattediePreisaufgabegeftellt: eine empirifch-pfychologifche

»Gott« bezeichnet wird, brauchen es nicht, diejenigen, die es
gebrauchen, wiffen nicht was fie tun'.

Ob der Verfaffer, dem es an zäher eindringender
Denkenergie nicht fehlt, nicht eine Ahnung davon hat,
daß folche ,Pfychologie des Gebets unter der Lebensgeftaltung
der Gegenwart' der Untergang alles Betens
fein würde? Es ift wahrlich eine vergebliche Quälerei, eine
Religion ohne wirklichen lebendigen Gott, ein Gebet ohne

Studie über Gebet und Gebetserhörung zu fchreiben. den Glauben an eine wirklich lebendige Adreffe feftftellen
Unter den eingegangenen Arbeiten hat die des Schweizer | ™ wollen. Hier wird die Lebensgeftaltung der Gegen-
Pfarrers H. Wirz in Rorfchach-Goldach den Preis erhalten, wart', (d. h. gewiffe Axiome der modernen Weltanfchauung)
die hier unter etwas verändertem Titel vorliegt. Das Ur- zum «fernen Dogma. Dieses erlaubt nicht, die Gedanken
teil lautete dahin, daß fich die Arbeit nicht genau an die zu lagen, die oft fo nahe hegen die Konferenzen zu

geftellte Frage halte, da fie mehr eine fpekulative Betrachtung
als eine empirifche Unterfuchung gebe. Auch
ftoße die vom Verf. entwickelte Theorie auf ernftliche

ziehen, die fich aus dem tiefen Verftändnis religiöfer Vorgänge
von felbft zu ergeben fcheinen. Und nun beginnt
das Spiel fcharffinniger Dialektik, das zwar die Termino-

Bedenken. Immerhin fahen die Preisrichter in dem in- 1 l°gie der Frömmigkeit — gewiß optima fide — braucht,
terefianten Inhalt und der klaren, methodifchen Durch- aber unter dem Dogma der Moderne gefangen bleibt Erfahrung
einen hinreichenden Grund für die Preiserteilung, j fetzt man im Titel des Buchs das Wort Pfychologie durch

,legensreiche Unwirklichkeit' fo wäre der Inhalt deutlicher
gekennzeichnet.

Greifswald. Ed. von der Goltz.

Man wird dies Urteil billigen, aber auch verliehen, warum
mit ihr Bedenken verbunden waren. Der Grundfehler
freilich liegt fchon in dem geftellten Thema felbft. Wie
will man eine empirifche Studie verlangen über Dinge,
deren Wefen über das empirifch feftftellbare hinausliegt. Stange, Prof. Dr. Carl: Chriltentum und moderne Weltan-
Oder follte nur eine Befchreibung der empirifch feft- [chauunq. II.Naturgefetzu.Wunderglaube. (V, 112S) 8°

ftellbaren äußeren Phänomene des Gebetslebens gegeben
werden? Der Verfaffer tat ohne Zweifel recht daran, daß
er der Erörterung über die Pfychologie des Gebets den
Unterbau gab durch eine Analyfe des religiöfen Erleb-
niffes. Diele nimmt dann allerdings den breiteften Raum

Leipzig, A. Deichert Nachf 1914. M. 2.40; geb. M. 2.90

Stange führt die kurzen Ausführungen feiner Schrift
über das,Frömmigkeitsideal der modernen Theologie' 1907
S. 8—15, in denen er zur Wunderfrage fich geäußert hatte,

ein. Leider hat fie ein fehr unbefriedigendes Refultat. j weiter aus. Dadurch gewinnen fie allerdings erft volle
Der fefte Wille, immer innerhalb der Erfahrungen des 1 Klarheit und Beftimmtheit. Die kurzen Sätze der erften

menfchlichen Bewußtfeins zu bleiben, ein Transfzendentes
nur als Reflexerfcheinung menfchlicher Bewußtfeinsvor-
gänge anzuerkennen, führt zu dem vergeblichen dialek-
tifchen Spiel, eine Religion zu analyfieren, aber Gott als
Wirklichkeit nicht zu wollen. Dann kann natürlich auch das
Gebet nur zu einem Selbftberuhigungsvorgang des menfchlichen
Bewußtfeins werden, mag man noch fo viele fchöne
Worte dafür finden. Wirz ift zwar überzeugt, daß folch.
,Gebet' notwendig und heilfam fei, weil der Menfch anders

Schrift hatten den Schein erweckt, als vertrete Stange
reftlos den Schleiermacher'fchen Begriff von Wundern:
alles Gefchehen offenbart uns in gleicher Weife und ausnahmslos
das Walten Gottes. Aus der neueften Schrift
wird deutlicher als zuvor: Stange verbindet mit diefem
allgemeinen Wunderbegriff den fpeziellen Hofmann'fchen
Begriff der heilsgefchichtlichen Wunder. Dazu kommen
ihm ferner die Wunder der Gebetserhörung. Dadurch
gewinnt er einen doppelten Wunderbegriff, den er (mei-

nicht zur Einheit feiner felbft und der Welt, zu einer 1 nesErachtens vergeblich) zur Einheit zufammenzufchweißen

Lebensbehauptung in Freude und Kraft kommen könne.
,Nur der Menfch der betet, d. h. derjenige der die Einheit
des Lebenstriebes mit fich felber erreicht, gelangt auf
die Höhe des Lebens. Beten heißt auf der höchften Stufe
leben.' Wirz weiß zwar, daß ,das Gebet fich immer an
einen außerhalb der Menfchen liegenden Gegenftand als
Anhaltspunkt richtet'. Aber diefe Vorftellung einer ewigen
Macht der Güte ift eigentlich nur eine Projektion des
Bewußtfeins und daher ein Durchgangsftadium, um zur
völligen Ekftafe, zur Ruhe in der Einheit mit fich felbft
zurückzuführen. Ich verliehe nur eins nicht an diefem
Gedankengang. Warum quält fich der Verfaffer damit ab,
für diefe von ihm poftulierten Bewußtfeinsvorgänge die
Ausdrücke ,Gebet' und ,Gebetserhörung' feilzuhalten? Ift
doch nach ihm die Annahme, daß eine Macht in der Welt
in und über allen Dingen als Herrin walte nur eine dem
Menfchen nötige Vorftellung, nicht eine objektive Wirklichkeit
. ,Das Gebet ift zu einer Zeit entftanden, da die
Vorftellung von Gott in die fehr vermenfchlichte Form
gefpannt war.' Daher entfpricht ja nach des Verfaffers
Meinung das kultifche Gebet nicht mehr ,der gegenwärtigen
Lage der Frömmigkeit'. Warum dann aber noch all' die
Worte: ewige Macht, Macht der Güte, Treue, Heiligkeit,
und auf der menfchlichen Seite: Nichtswürdigkeit, fittliche
Verfchuldung, dann Verzeihung, Vergebung, Erlöfung. All'
diefe Worte können ja nur im uneigentlichen Sinn gemeint
fein. Der Verf. muß deshalb auch feinen Lefer
immer wieder darin erinnern, daß das Wort ,Gotf nur ein
leicht mißverftandener, leider unentbehrlicher Ausdruck für
jenes Erlebnis ift, in dem der Menfch die Einheit mit fich
felber findet: .diejenigen, die wiffen was mit dem Wort

fucht. Wunder der Schöpfung und Wunder der Vorfe-
hung bilden die eine Kategorie der Wunder. Diefe geraten
in keinen Konflikt mit dem Gedanken der Natur.
Denn fie enthalten die Überzeugung, daß das natürliche
Gefchehen und feine Ordnung den Willen Gottes zum
Ausdruck bringt. Daher ift der allgemeine Wunderbegriff
: Wunder find Taten Gottes. Sobald man aber von
diefem allgemeinen und auch für Stange grundlegenden
Begriff von Wundern den religiöfen Wunderglauben überhaupt
verliehen will, glaubt Stange zeigen zu können,
daß die biblifchen Wunder (in zweiter Linie auch die
Wunder der Gebetserhörung) eine befondere Kategorie
bilden. Er behauptet, daß die biblifchen Wunder fich
prinzipiell von allen außerbiblifchenunterfcheiden. Er glaubt
beweifen zu können, daß es fich bei ihnen um .Naturwunder'
handelt, um finguläre Ereigniffe, ,die fich ganz offenkundig
von allem übrigen Gefchehen in der Welt unterfcheiden',
die ,auch abgefehen von der religiöfen Deutung eine wefent-
lich andersartige Befchaffenheit haben als alle übrigen
Ereigniffe in der Welt' (S. 14). Dabei will Stange nicht
die Wunder als Durchbrechung der Naturgefetze definieren
. Denn nur bei einem mechaniftifch gefaßten Naturbegriff
, der die Welt als in fich gefchloflenes Syriern von
gleichartigen Urfachen faßt, ift ein folcher Wunderbegriff
möglich. Ein mechaniftifcher Naturbegriff und der Begriff
des Wunders als Durchbrechung der Gefetze fchlie-
ßen fich gegenfeitig aus. Der idealiftifche Begriff der
Natur kritifiert den mechaniftifchen Begriff. Die Wirklichkeit
, die wir als Natur bezeichnen, liegt .nicht außerhalb
des Rahmens unferes Bewußtfeins' (S. 30). ,Die Natur
ift alsdann nicht die ganze Wirklichkeit, fondern nur die