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Ausgabe:

1915 Nr. 6

Spalte:

138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wustmann, Rudolf

Titel/Untertitel:

Joh. Seb. Bachs Kantatentexte 1915

Rezensent:

Smend, Julius

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Seite 1

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137 Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 6. 138

nur zu verderben und läßt darum dem Aberglauben zu ihm außer Acht laflen. R. ftimmt mit Troeltfch
eine offene Pforte. j (Die Soziallehren der chriftlichen Kirchen und Gruppen)

In summa: die katholifche Apologetik hat etwa die darm überein, das Dogma und die ganze chriftliche Idee
Luft eines Schülers, dem in der Mathematik eine Auf- auf grundlegende foziale Bedingungen zu beziehen. Im
gäbe zu löfen geftellt ift deren Refultat ihm zum voraus j Gegenfatz zu Harnack loft er das Chriftentum von dem
gefagt ift. Das Werk das ich befpreche, zeigt dem, der direkten Zufammenhang mit Jefus Chriftus. Soweit er
es noch nicht weiß daß man mit vieler Freude an folcher die Seligkeit des Einzelnen von der Zugehörigkeit zur
Aufgabe arbeiten kann. Das Gleichnis hinkt ja. Die kirch- I chriftlichen Gemeinfchaft abhangig macht, indem er fo
hchen Formeln die Sprüche der Bibel, find weitfchichtig dle Gemeinfchaft über den Einzelnen ftellt, offenbart er
und vieldeutig Im einzelnen kann da auch in Freiheit feme Verwandtfchaft mit Ritfchl. Seine Lehre über die
manches geftaltet werden. Das beweifen befonders die .Erbfünde' zeigt Spuren von Abhängigkeit vom Neuplato-
ArbeitenvonTillmannundEfferim2.Bande. Dieprak- nismus. Seine Erklärung der Verhöhnung als fozial ver-
tiTchen Themata, die der 3. Band behandelt, find auch ! mittelt ift für die foziale Ethik von hoher Bedeutung und
mit viel freier Klugheit erfaßt und dadurch intereffant. j wlrd gebraucht, um auf die foziale Seite der Verhöhnung
tt . Gewicht zu legen, woran es bei der traditionellen Aus-

mUe a- s- F- Rattenbufch. | legUng diefer Lehre fehlte. Seine Anfchauung betont

jedoch die religiofe Beziehung und Befriedigung zu wenig,
es fei denn, daß in der Tat die Gemeinfchaft zu vergöttern
ift. Er ift der Meinung, daß wir die Entftehung der
Kirche weder durch hiftorifche noch durch fozial-pfycho-
logifche Gründe erklären können — — fie muß als ein
Urdatum angenommen werden, das wenigftens gegenwärtig
fich nicht weiter erforfchen läßt. Man wird den
erften Band als weit wertvoller beurteilen als den zweiten.
Die Bedeutung des erften Bandes liegt nicht fo fehr darin,
daß er eine endgültige oder gar vollftändige Darftellung

Royce, Prof. Jofiah, D. Sc: The Problem of Christianity.

Lectures delivered at the Lowell Institute in Bofton,
and at Manchefter College, Oxford. 2 Vol. 8°. New-
York, The Macmillan Company 1913.

Vol. I. The Christian Doctrine of Life. (XLVI, 425 S.) — Vol. II.
The Real World and the Christian Ideas. (442 S.)

In diefen Vorlefungen, die er in Bofton und Oxford

hielt, teilt R. feinTliema ,n 2 Teile: die chriftliche Lehre ( des chriftentums ift, als in der Fülle der Gedanken,
vom Leben welche die chriftliche Erfahrung auslegt weIche er über beftimmte große Fragen, die die gegen-

r?£ I)( chriftliche Gemeinfchaft angehn: über Sünde,

anuf Metaphyffk gründen (Bd. II) Das Chriftentum Verformung und befonders foziale Ethik, anregt,
fchließt in fich 1) die chriftliche Gemeinfchaft, die hiftonfch b
als die chriftliche Kirche befteht, 2) den Zuftand des Chicago. Beckwith.

Verlorenfeins des natürlichen Menfchen, auf dem das Be-______________

wußtfein feiner Individualität laftet, 3) die Verföhnung, j

die durch die rettende Gnade hergeftellt wird. Inge- Wu ftm an n, Rudolf: Joh. Seb. Bachs Kantatentexte. Im Auf-
wiffem Sinne ift Chriftus in der Tat der Begründer j trage der Neuen Bachgefellfchaft hrsg. (XXXI, 298 S.)
des Chriftentums, jedoch müffen wir, da Chrifti Lehren gr. 8°. Leipzig, Breitkopf & Härtel 1913.

durch die paulinifchen Kirchen und befonders durch M ;_■ geb M 6 —

Paulus felbft ergänzt find, die Urgemeinde als die menfch- j ' "

liehe Ouelle der chriftlichen Lehre anfehn. Bezüglich Je inehr fich die Bachfchen Kirchenkantaten in der

der hiftorifchen Perfon Jefu Chrifti wird kein Urteil ge- mufikalifchen Welt und vollends im Gottesdienft evange-
wagt. Die wahre Kirche wird als unfichtbar angefehn, hfcher Gemeinden einbürgern, defto brennender wird die
foll aber fichtbar gemacht werden. Das Chriftentum ift ! Textfrage. Daher hat die Neue Bachgefellfchaft für eine
wefentlich fozial; Treue gegen die Kirche als die o-eliebte wiffenfehaftlich genaue und zugleich praktifch wegweifende
Gemeinfchaft' ift die vornehmfte Aufgabe. Jemand ift , Ausgabe der Texte Sorge getragen. In Wuftmann aber
.verloren' der nie Gemeinfchaft gefunden hat, oder der, fand fich der Mann, der nach beiden Seiten hin für ein
nachdem'er fie fand, durch eigene Untreue feine Beziehung ! Sutes Gelingen der Unternehmung Bürgfchaft leiftete.
zu ihr verlor und durch keinerlei eigene Tat fein wahres , Einer mufikgefchichthch wertvollen Einleitung folgen die
Gut wiedergewinnen kann. /Verföhnung' oder .göttliche ; Texte nach Ordnung des Kirchenjahres, abfchließend mit
Gnade' ift eine Tat eines Gliedes der Gemeinfchaft oder den Kantaten für Kirchweihen, Ratswahlen, Trauungs-
der Gemeinfchaft felbft, durch die die .Verlorenen' ver- feiern fowie mit einem Reft, der die Uberfchnft trägt:
föhnt und fo zur fozialen Treue wieder hergeftellt werden. .Verfchiedenes, Unvollftandiges, Angezweifeltes'. Zwei
Im 2 Band betritt R den Boden der Metaphyfik mit der Bogen hiftonfcher und hymnologifcher, textkritifcher und
Abficht einen Platz für feinen Begriff der Gemeinfchaft j auf die benutzten Bibelftellen bezüglicher Anmerkungen
und ihren Geift zu "-ewinnen. Diejenigen, die an ideali- I ftehen am Ende. So viel ich fehe, ift hier alles folid und
ftifchen metaphyfifchen Sätzen über Menfch, Welt und vollftändig. Wuftmanns Abänderungsvorfchläge werden
Gott Gefallen finden werden an feiner Erörterung über naturgemäß am meiften Kritik erfahren. Viele werden
die .Gemeinfchaft' die Art der Interpretation', den .Willen zu viel, andere zn wenig geändert finden oder anders
zu interpretieren'' die Welt der Interpretation' und der lefen und fingen wollen. Daraufkommt es aber nicht an.
Lehre über die Zeichen' cwoßes Intereffe nehmen. Es ift Das Verdienft der Arbeit befteht in der überfichtlichen
jedoch zweifelhaft ob Rs? Metaphyfik feinen Hauptfatz, Zufammenftellung der Kantaten-Dichtungen nach ihrer
daß die erfte Chrifteno-emeinde die wahre Begründerin Urgeftalt, die ja recht oft die Höhe Bach'fcher Tonkunft
d« Chriftentums war, beftätigt. ! " »-« von ferne erreichen, doch aber andächtig und feier-

T., ,• t* tt 1 /* j- o > rjun^r^^hip -ihrnndpn l llcn wirken und uns von des Meifters perfönheher From-

wendef ,ef!? Vv:lefun&e"' dlTR'LFhfÄ'Ä migkeit einen fehr fchätzenswerten Begriff geben. Hersendet
er das Dogma der Treue auf das ! vorgehoben fei noch das vortreffliche Satzbild, das uns
haben r1-6 rf ,r WerGn große , die Schriftwo Rezitativ Arien> Choräle in klarer
Betri^ ' Gruppierung vor Augen ftellt. Die Ausftattung ift der
.egnff desfelben oder mit dem hiftorifchen und prinu- i p^^F/ würd.

uven Chriftentum zu identifizieren. Wenn das Chriften- ö"

tum feiner Theorie gemäß entftand oder zu erklären ift, Munfter 1. W. J. Smend.

werden wir nicht mehr länger darnach zu fragen haben, '
ob es einen menfehlichen Jefus oder einen göttlichen
Chriftus gab, und können von jetzt ab alle Beziehungen